Faunisches

Bevor ich einen Garten hatte, kannte ich mein Lieblingstier noch gar nicht, hatte keinen blassen Schimmer, dass es überhaupt existiert, und war beim ersten Aufeinandertreffen dementsprechend erstaunt. Ich war beim Jäten und hatte plötzlich ein kolibrierendes Etwas vor der Nase, das – wäre es etwas größer gewesen – durchaus als Maulwurf hätte durchgehen können. Mit Flügeln. Offenen Mundes sah ich dem befellten braunen Flügelding zu, wie es mit langem Rüssel in der Luft stehend vor einer Blüte schwirrte und sich dran gütlich tat.
Lange Zeit später entdeckte ich den Namen dieses Wesens, das offenbar nur mir nicht bekannt war, fand es doch den Weg in einen kompakten Tier- und Pflanzenführer für unterwegs. Sein Name spricht Bände, sowohl auf Deutsch als auch Lateinisch: Großer Wollschweber (Bombylius major). Wie ein … gut, groß ist er nun wirklich nicht … kleines wolliges Bömbchen schwebt er mit seinem Puschelpopo vor den Blüten und erheitert mich jedesmal aufs Neue.

Vorgestern war’s wieder soweit, ich erblickte den ersten Wollschweber der Saison und seufzte wohlig auf.

Und das habe ich nur meinem Garten zu verdanken. Hätte ich vor meinem Gärtnerdasein freudig, wenn auch geistig, in die Hände geklatscht ob eines Regenwurms? Hätte ich gewusst, wie viele verschiedene, hinreißende Spinnen es gibt? Dass es Holzbienen gibt, die aussehen wie blaue Hummelkäfer, und mindestens so ungeschickt rumhelikoptern wie die grün-metallisch schimmernden Rosenkäfer oder die geometrischen Wanzen? Hätte ich gewusst, dass die bildschönen, außerirdisch anmutenden Schwalbenschwanz-Raupen bei Gefahr ein bestialisch stinkendes Parfüm absondern, das man auch mit viel Seife kaum mehr von den Händen kriegt?

Mit jeder Pflanze mehr, die ich mir in den Garten holte, kamen auf mir wundersame Weise neue Tiere. Wie zur Hölle konnten die Lilienhähnchen merken, dass ich einen Herbst vorher ganz neu Lilien gesetzt hatte? Kaum hatte ich eine Königskerze, kam der Königskerzenmönch, ich legte einen kleinen Trockenbereich mit Steinen und kleinen Thymianarten an und prompt sonnte sich zum ersten Mal eine Eidechse in unserem Garten.
Ihr habt es sicher gemerkt: Mein Augenmerk richtet sich vor allem auf Kleines, das viele Menschen zu „Äh!“- und „Igitt“-Rufen verleitet. Was das Kleine betrifft, so liegt es in der Natur der Sache; die meiste Zeit im Garten verbringe ich auf Knien, dem Popo oder gebückt – da werden auch Wollschweber plötzlich ganz groß. Der Ekelfaktor (falls überhaupt vorhanden) verschwindet spätestens in dem Moment, sobald man zum ersten Mal staunend betrachtet und -obachtet. Und weiß. Zum Beispiel um den Nutzen dieser Tiere, um ihre Aufgabe und darum, dass ihre Anwesenheit ein gutes Zeichen ist.

Mein Entzücken über diese Tiere liegt nicht zuletzt auch an ihrem faunischen Aspekt. Alle haben sie etwas verschmitzt Freches und dafür brauchen sie weder Pferdefuß noch Flöte.
Oder vielleicht doch? Beim nächsten Mal schaue ich genauer hin.

2 Kommentare

  1. Genial, dieser Vergleich zwischen Wollschweber, was so wunderschön flauschig und weich klingt, und Kolibri. So geschickt verpackt in einen veradverbten Namen. Ich liebe dieses Tier übrigens auch, wie es da von Blüte zu Blüte schwebt. Sein Stillschweben in der Luft ist so unpassend gemächlich verglichen zu anderen, krabbelnden Insekten und beruhigt mich jedesmal ungemein. Unglaublich auch wie du mit den bildlichen Vorstellungen des Lesers spielst, gekonnt Ablenkungsmanöver und Zick-Zack-Kurse einwebst. Wie du zuerst den Kolibri in Adverbform umgewandelt darstellst, dann plötzlich mit deinen Worten auf ein völlig anderes, den unterirdischen Raum entdeckendes Tier hechtest. Ein schöner Kontrast zum ebenfalls dreidimensionalen Luftraum beehrenden Kolibri. Und dann kommt das Adjektiv befellt, obwohl einem vom Adverb kolibrierendes noch Federn im Kopf herum schwirren. Ein herrliches Bild im Kopf entsteht, so unpassend zu treffend wenn die Gestalt des Schwebers bekannt ist. Und als der Leser denkt, es kann nicht mehr bunter kommen, dann kommt das beflügelte Gartenwesen plötzlich noch mit einem Rüssel daher. Durch den vorhergehenden Vergleich mit dem Maulwurf und verbunden mit dem Wort grösser muss ich dann plötzlich unwillkürlich an den Rüssel eines Elefanten denken; grau und gigantisch in seinem Ausmass. Solch aberwitziges jonglieren mit Assoziationen in den Gedanken des betrachtenden sowie forschenden Lesers muss gelernt sein. Aber auch das konzentrierte Lesen gleicht einer Karussellfahrt voller Wendungen und Drehungen. Ein Gefühl kommt auf, das geeigneten Lesern Lust auf weiteres Achterbahnlesen macht.

    1. Lieber Tobias

      Danke dir für diesen beeindruckenden Kommentar, der mich tatsächlich für einige Minuten sprachlos gemacht hat.

      Es freut mich natürlich, dass dir der Text und sein Stil so gefällt, aber da windest du Lorbeeren in einen Kranz, die ich nicht wirklich verdient habe. „Gekonnt“, „gelernt“ oder durchdacht-berechnet ist dieses Jonglieren mit Assoziationen nicht – ich schreibe einfach nieder, was mir durch den Kopf geht, und mache mir dabei ein Vergnügen daraus, mit meinem Werkzeug, der Sprache, rumzuspielen.
      Wenn ein „geeigneter“ (grins) Leser dabei Spass hat und so viel sieht und denkt, dann ist es ein Geschenk, das ich noch so gerne annehme.

      Danke für dieses Geschenk und das Wort „Achterbahnlesen“.
      Liebe Grüsse,
      Nick

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