Amnesonia improvisa „Miraculum“

Es war knapp vor Mittag, ich war schon auf dem Weg in die Küche, als mein Blick auf die entfernten Tulpen fiel, die ich letzten Herbst neu gepflanzt hatte, und nun so richtig fett am Blühen waren. Herrlich dunkelrot leuchteten Rococos und Uncle Toms zu mir rauf, da konnte das Essen noch so laut rufen, ich musste einfach schnell runter und mir die aus der Nähe besehen (ja, habe ich gestern auch gemacht. Und vorgestern. Und auch vorher. Aber die sehen schließlich jede Minute anders aus.). Nachdem ich sie gebührend bestaunt hatte und dabei noch über andere Gewächse gestolpert war, die ihr Laub regelrecht nach mir reckten, damit auch sie mit einem seligen Lächeln auf dem Gesicht bewundert oder wenigstens studiert würden, fiel mein Blick – ihr kennt das – unweigerlich aufs Unkraut. Nach einer Viertelstunde verträumten Jätens dämmerte mir, dass ich doch eigentlich in die Küche wollte, und war gerade im Begriff zu gehen, als mein Blick auf eine stattliche Knoblauchsrauke fiel. Was sag ich – ein Horst war das. Was für ein Tag!

Dieses unkomplizierte Wildkraut, ich gebe es nur beschämt rumdrucksend zu, hatte ich zig Male im Kräutergarten anzusiedeln versucht, bis ich und es schließlich vor etwa sieben Jahren unter grummeligem Protest aufgaben. Und das wirklich Kuriose an der Geschichte: Der Horst stand just da, wo ich ihn dieses Jahr – hätte ich noch nicht aufgegeben – am liebsten gepflanzt hätte. Sagt mir jetzt bloß nix von wegen schlummernden Samen. Vor sieben Jahren gab es dieses Beet noch gar nicht, da wuchs bloß Unkrautwiese (ohne Knoblauchsrauke). Nun gut, als Wunder geht es nicht durch, dafür weiß ich über Biologie und Botanik leider zu viel, aber wundervoll ist es allemal.

So wundervoll wie der von selber aufgetauchte Spitzwegerich, den ich mir so sehr gewünscht hatte und bei dem ich schlicht zu faul gewesen war, ihn irgendwo auszugraben und nach Hause zu tragen. Der nämlich kam auch von alleine. (Und weil ich so Freude dran hatte, ließ ich ihn auch mindestens zwei Jahre lang munter versamen und umherwandern … Freude gereicht einem nicht zwingend zum Vorteil). Oder die Schwarze Königskerze, von der ich nicht wusste, dass ich sie unbedingt wollte, weil ich sie vor ihrem Auftauchen noch gar nicht kannte. Oder die Walzenwolfsmilch, von der ich erst drei Jahre später wusste, dass ich mich scheckig über sie freuen würde (und drei Jahre lang zum Glück zu faul gewesen war, sie gen Walhalla zu schicken). Ich wiederhole mich, es ist kein Wunder. Ein Wunder wäre ein Stolpern über ein selbstangesiedeltes Cotula squalida Platt’s Black, das Gedeihen (wir sind bei Wundern, also:) und Vermehren von Narcissus poeticus und Ophiopogon planiscapus Nigrescens, eine spontane Entmaterialisierung von Convolvulus arvensis, Schnecken sowie anderer Delinquenten und die Selbstbewässerung alles Neugesäten und in Töpfen Befindlichen. Nein, das lege ich ab unter „Überraschungen“ und solche Überraschungen liebe ich sehr.

So sehr, dass ich mich das ganze Jahr selber zu überraschen versuche, indem mein Unterbewusstsein gerne mal partielle Amnesien herbeiführt. So geschehen letzte Woche. Meiner Freundin klagte ich mein Leid ob der letztes Jahr erworbenen und partout nicht austreibenden Amsonia, von der ich die Art, geschweige denn Sorte vergeßen hatte (Nein, das ist kein Tippfehler. Das Rucksack-S gehört ohne Widerrede dahin. Man hat nicht so einfach mal nebenbei vergessen, nee, das war ein längerer Prozeß. Mindestens fünf Monate lang, also mit langem „eeee“) . Dabei müsste die doch langsam aufs Gas drücken, wenn sie denn im Frühsommer blühen möchte, Herrschaftszeiten! Da kommt bloß Unkraut, das ich peinlich genau rausrupfe, damit das arme Blausternchen nicht irritiert wird. Am selben Morgen ging ich zur Amsonia und beäugte auf Knien alles, was nur entfernt grün hätte sein können. Zum ersten Mal fiel dabei mein Blick auf das Pflanzschild. „Witzig. Kann mich gar nicht erinnern, dass ich bei der Amsonia eines gesteckt hatte. Wie praktisch, kann ich mir doch gleich mal den ganzen Namen merken.“ Muss ich weiter erzählen? Ich mach’s kurz. Die Amnesonia (dreißig Zentimeter weiter rechts) hatte fette knospige Triebe, während die Calamintha sylvatica Menthe etliche Irritationen meinerseits hatte erleiden müssen. Das ist so gartentrottelig, dass es bloß psychopathologischen Ursprungs sein kann. Stört mich nicht weiter. Ich freu mich über den Austrieb und bin mir sicher, dass die Calamintha – stämmige Bergziege, die sie ist – meinen Frevel wegsteckt. (Kann mich heute überhaupt etwas stören? Nach dem Knoblauchsraukenfund?)

Zu unterscheiden davon wäre die kommune Gartendemenz, der alle früher oder später erliegen. Sie kann zu wundervollen Überraschungen führen, hat aber gerne auch mal Düsteres im Schilde. Aber davon später irgendwann mehr. Vielleicht. Heute ist uns ausgesprochen nach purem Erfreulichem zumute. Erfreulich zum Beispiel sind die anderen Überraschungen im Gärtnerdasein, die weder mit Wundern noch jeglicher Pathologie zu tun haben. Die jetzige Jahreszeit ist bis zum Überlaufen gefüllt damit: Jeder neue Austrieb, jede Blütenknospe, jedes Ausbreiten, Verbreitern, Erstarken, jeder Selbst- oder eigenhändig angeregte Sämling ist gefühlsmäßig ein dreitägiges Fest wert. Prosaische Menschen „pff“en und verweisen auf die Banalität der Wahrscheinlichkeit. Sollen sie. Der Tag, an dem ich mich nicht ohnmächtig-glückselig drüber freue, dass irgendein Gewächs sich aus der Erde schält oder aus den scheinbar toten Ästen frischgrüne Knospen schiebt, kann mich mal. Und so müssen Essen oder andere, nicht so arg terminlich gebundene, Vereinbarungen erst mal warten. Und zwar von Anfang Februar bis frühestens Ende Mai.

Ein Knoblauchsraukenhorst hat mich adoptiert! Hach! Ich werde ihn wie meinen Augapfel hüten. Jedenfalls wird dieses und vermutlich nächstes Jahr nichts davon geerntet, auf dass er sich versamt, -samt und sonders …

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