Ungebetene Gene

Jüngst durfte ich einem Erlebnis beiwohnen, das es mir einmal mehr platt und klar vor die Nase hielt. Die konzise, allumfassende Definition von „Krankenschwester-Gen“ lautet: Guck bei Nick. Dabei finde ich das bis zum heutigen Tage total uncool und in äußerstem Maße unerstrebenswert. Aber was willst du. Ein Gen lässt sich in etwa so abschütteln wie Schneckenschleim von Fingern, Schlammstollen von Schuhsohlen oder „gimme, gimme, gimme a man after midnight …“ von etwelchen Ohren. Ich habe mich also damit abgefunden und es zu meinen anderen schlechten, ebenso ungeliebten wie uncoolen
Charaktereigenschaften gefeudelt.

Es ist ein Kreuz, sag ich euch. Sobald ich ein Tier sehe (in medizinisch relevanteren Fällen passiert mir das auch bei Menschen), das an irgendeinem Aua leidet, zerfließe ich dahin, verliere jegliche Fassung und Form, kann knapp an mich halten, nicht mitleidend loszuheulen, und setze unverzüglich alle mir verfügbaren Hebel in Bewegung, um dem Leiden ein Ende zu setzen. Und zwar so, dass es weder weh tut, noch zum Tode führt … falls ihr gerade was anderes vor Augen hattet. Nichts ist diesem Instinkt entgegenzusetzen. Die widerlichst hässlichste Kröte … gibt es nicht. Kröten find ich toll. Hm … gut, ich erfinde was, weil mir auf die Schnelle tatsächlich kein Tier in den Sinn kommt, das für mein Widerlich-Beispiel relevant wäre: Das widerlichste Schlurpfölmkrieks würde mein Herz anrühren, wenn eines seiner sieben Saugtentakel (mit denen es sich an Köpfen festklebt, Knochen durchbohrt und Hirnmasse schlürft, mit Vorliebe unsere) dessen schützender Schleimschicht verlustig geworden wäre. „Ooooh, duuududuudu!“ entwiche es meinem Mund, ohne dass ich dem Einhalt gebieten könnte, „Schätzelchen, du Armes, du! Lass mich kurz mal googeln, wie wir die Schleimschicht wieder aufbauen können, ja? Ich geh dir jetzt mal etwas Hirnmasse besorgen, damit du nicht verhungerst, guck, da hab ich dir ein tolles Schwefelbädchen gerichtet, da kannst du ruhig schlafen und dann ist im Nu alles wieder gut. Wirst sehen!“

Mein jüngstes Erlebnis hatte nichts mit einem Schlurpfölmkrieks zu tun, sondern mit einem Tier, das sogar meine Lieblingsnachbarin völlig aus der Fassung zu bringen vermochte. Zum Glück wusste ich erst vorgestern davon, als sie und ich gemeinsam den jeweils heimischen Parkplatz schippten und irgendwann fanden, es müsse eine Zigarettenpause her. Glückselig waren wir am Plaudern und Pausieren, als vier Kikeriki-Salven die dörfliche Quartierstille durchdrangen. „Hihi. Das ist meiner …“, meinte ich prophylaktisch entschuldigungs-achselzuckend. Und dann entlud sich die geballte Ehrlichkeit dieser wundervollen Frau über mir, um in diesem letzten Satz zu münden: „Wobei … in den letzten Tagen habe ich gar nichts mehr von ihm gehört.“ Tja. Ich begann zu erklären, redete von blaugefärbtem Kamm – eventuell Herzproblemen, Quarantäne in der heimischen Stube, Bangen und Zittern. Das Gesicht der Lieblingsnachbarin wurde weich (erstes Symptom), sie stockte eine kurze Sekunde (zweites Symptom) und fragte zögernd (drittes Symptom): „Herzprobleme?“
Erwischt.
Auch so eine Krankenschwester.

Da sich meine Gedanken sehr oft um Tiere und Pflanzen (und in relevanteren Fälle auch um Menschen) drehen, dachte ich danach ein bisschen länger über dieses Gen nach. Wie äußert es sich in Bezug auf Pflanzen?

Eher verhalten, würd ich so aus dem Handgelenk geschüttelt sagen. Ich seh mich vor einem mickrigen Staudengedöns, das den Namen nicht verdient, den es trägt, und runzle missbilligend die Stirn. Nichts von Augenbrauen, die entsetzt die bekannte „Oooooh!“-Mitleidsform annehmen, der Mund verzieht sich unästhetisch derb und lässt ein verächtliches „Es ginge deutlich besser, oder?“ fallen.

Kaum hatte ich das durchgedacht, fühlte ich mich nicht etwa tough und gut, sondern einfach nur mies. Warum haben bei mir Pflanzen nicht dieselbe Ooooh-Dududuuu-Tüddelei verdient wie die Tiere?
Ich meine, es liegt an der schieren Menge. Hätte ich 300 Velociraptoren, darunter 200 Kikieriki-Relevante, dann wäre ich vermutlich sogar froh, wenn beim einen das Herz mitten im „Kikeri…“ still stehen würde. Früher war das ganz anders. Wie etwa bei meiner Anchusa azurea „Loddon Royalist“. Sie gehörte zu den ersten überschau- und zählbaren Pflanzen in meinem Garten und war mein größter Stolz unter denselben.

An dem einen denkwürdigen Tag im Juni fuhr ich nach der Arbeit sehnend nach Hause, stieg die Stufen zum heimischen Eingang hoch und wunderte mich nur nanosekundig über die vielen Blätter unter der Wisteria. Kaum angekommen, ging ich in die Küche und schaute zur Glastür raus auf das eine Gemüsehochbeet, proppevoll mit properen gesunden Kartoffelpflanzen … da properte aber nix. Was sich gerade in meinen Händen befand, ließ ich schnöde fallen, eines davon traf einen unserer Hunde, der kurz aufjaulte, aber ich hörte nichts. Was zur Hölle … ich trat hinaus und bahnte mir den Blätterweg zu den Beeten. Mein gesamter Garten war niedergemäht. Überall lagen zerfetzte Blätter, trotzig-mickrige Stängel starrten nackt in die Höhe … es war, als hätte da ein überdimensionaler Stabmixer seine Runden gedreht. „Halt an dich, Nick, ganz ruhig. Das Leben geht weiter!“ Ich taumelte zurück ins Haus, wählte die Nummer meiner Mutter und monotonte nach ihrem „Ja?“ in den Hörer, dass ich echt stolz auf mich sei, weil ich tatsächlich keinen panikierenden Anfall hätte, echt wahr: „Mama, echt, ich glaub’s gar nicht. Bin ganz gelassen. Ich ertrag das … du, da sind überall runtergehagelte Blätter, zentimeterdick!“ und während ich das sagte, sah ich meine Anchusa. Zermust. „Mama. Jetzt ist nicht mehr gut. Gar nicht mehr gut. Die …“ „Du meinst nicht etwa die Costa Cordalis?“ fragte die Mutter, auch dem Krankenschwesterngen erlegen und darum notfallmäßig um der Tochter seelische Gesundheit besorgt, „Nö. Der Campanula geht’s gut.“ (Das war einer unser Insider. Aus Campanula pyramidalis wurde muttersch „Costa Cordalis“. Ich fand das so witz- und sinnig, dass ich jetzt beim Schreiben tatsächlich googeln musste und irgendwie nix unter „Campanula corydalis“ finden konnte.
Anmerkung: Damit war kein gestrandetes Schiff gemeint, sondern der Sänger, den wir in zig Hitparaden mit Dieter Thomas Heck gesehen und generationsübergreifend angelechzt hatten. Ich sag nur „Anita“. Da ist „Gimme, gimme …“ ein müder Ohrwurmabklatsch dagegen. Richtig geraten. Ich hab’s geyoutubet. Leider.)

Sie hat’s überlebt. Auch das viel spätere Umpflanzen, bei dem sie sich von selbst verdoppelte. Sogar das Verpflanzen in einen widrigen Lebensbereich … irgendwie passte sie halt nicht mehr ins Konzept, aber konnte ich sie einfach so kompostieren? Nach dieser gemeinsamen Leidensgeschichte?

Bei Pflanzen drückt das KS-Gen nicht durch, wohl aber das MW-Gen. Nach der verächtlichen Ansprache und einer kurzen Pause (um sicherzugehen, dass das Gesprochene auch wirklich aufgenommen wurde) folgt: „Meinetwegen. Dann mickerst du halt noch ein Weilchen vor dich hin. Ich geb dir ein halbes Jahr … ok, zwei Jahre. Aber dann machst du vorwärts, hast du gehört? Sonst ist Schluss mit lustig!“ So ergangen den nicht zuhören wollenden und ewig malvenrostbepustelten Moschusmalven: Flugs flogen sie in lautem Bogen aus dem Beet – nach ihrem vierten Standjahr.

Meinetwegen-Pflanzen müssen nicht unbedingt mickern. Es können auch solche sein, die sich trutzig an unmöglichsten Stellen erheben. „Unmöglich“ nicht im biologischen Sinne, sondern bewegungstechnisch gemeint. Wie das Eryngium planum „Blauer Zwerg“, das ums Verrecken mitten in der schmalen Treppe sich niederlassen musste, in dem Milimeterspalt zwischen Auftritt und Setzstufe, und zwar dergestalt, dass man auf Schusters Rappen unweigerlich ins Stolpern kam, entweder weil man ihm auswich oder sich – bei fehlender Sicht auf die eigenen Füße – in seinen Trieben verhedderte. Ich stolperte drei Jahre lang.

Die haben aber auch ihr Gutes, dienen sie mir doch zu einer zugegeben schwarz-weißen und noch zugegebeneren unfairen Beurteilung meiner Mitmenschen. Angefangen hatte alles mit einem Buntschopfsalbei, der – ich weiß wirklich nicht, wie’s kam – vor unserer schattig-nördlichen Hauseingangstreppe in einem Plattenspalt auferstanden war. Nicht nur ich, sogar mein Nichtgärtner und sogar – man halte sich fest – meine Hunde hoben jedesmal pflichtschuldigst die Beine, um das scheinbar zarte Wesen nicht zu verletzen. Es gedieh aufs Wunderbarste, brachte mich täglich mindestens viermal zu liebevollem Lächeln und zu einer erstarkten Oberschenkelmuskulatur. Oder so. Eines nichtsahnenden Tages kam eine Person vorbei, um ihr Anliegen vorzutragen. Worum es dabei ging, habe ich nicht etwa vergessen, ich habe es schlicht nicht gehört. Zu abgelenkt war ich von ihrem linken Fuß, der mitten auf der Salvia stand. Mitten drin, sag ich euch! Und als wär dem nicht genug gewesen, nein, sie bewegte sich, hob den meuchelnden Fuß, um gleich nochmals die bereits geknickten Triebe zu zermatschen. Ihr Mund bewegte sich unaufhörlich, ich pseudonickte, mh-mte und gebar schwarz-weiße Gedanken: „Wer auf trutzigen Selbstversamungs-Spaltenkünstlern rumlatscht, kann kein guter Mensch sein. So.“
Meinetwegen-Pflanzen im Eingangsbereich haben bei mir ein lebenslanges Nutzungsrecht. Momentan dient mir da eine Alchemilla mollis als salomonisches Vehikel. Ich weiß, arg kindisch. Aber schließlich weiß ja bloß ich davon.

(Und meine Schwester. Eines Tages erzählte ich ihr von meinem „Eingangstest“, sie erbleichte kurz und meinte dann: „Täte mir ja nie passieren, niiie!“
„Schwesterherz, tut es doch. Unter deinen Füßen quiekt Thymus serpyllum „Magic Carpet“. Grins.“
Aber, wie ich ihr unverzüglich versicherte, der gehört weder zu den „Meinetwegen“ noch zu den „Salomonischen“. Ich liebe meine Schwester also noch uneingeschränkt.
Die hat übrigens nebst dem Krankenschwestern- ein sehr ausgeprägtes „Oh, wie süüüüß, knuddel-schnucklig-winzig“-Gen. Je kleiner und zierlicher, desto schmelz.)

Hab ich nicht. Nur ein bisschen. Nur, wenn’s ums Kindchenschema geht. Beim Pikieren zum Beispiel, was in Bälde wieder ansteht.
Oder bei gerade geschlüpften Schlurpfölmkrieksen.

Gene sind zum Davonlaufen.

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