Himmelndes

Er sah an mir vorbei, strich seinen Bart glatt und meinte gelassen: „Tja.“

Es gibt Wörter, die mir – auch wenn sie nur als Einleitung dienen und ihnen danach möglicherweise Erwünschtes folgen könnte – Unbehagen bereiten. Ein Handwerker, der beim Rekognoszieren mit diesem eigentümlichen Singsang meint: „O-o.“ Ein Arzt, der nach einem Klöpferchen da und einem Drückerchen dort mit starrem Blick vor sich hinmurmelt: „Eieiei.“ Ein Beamter, der durch die gewissenhaft ausgefüllten Formulare blättert und siegessicher auf eine Stelle tippt: „Ha!“

Erwünscht war das Folgende ganz und gar nicht: „Tja“, wiederholte er, „Bäume sterben manchmal einfach.“
Irritiert studierte ich die braunnadlige Cedrus deodara, setzte zu einer Frage an, drehte mich ihm zu, aber er räumte bereits sein Werkzeug zusammen und schickte sich an, zum nächsten Kunden zu fahren. Verhalten reichte ich ihm die Hand zum kühlen Abschied, setzte mich auf die von ihm runtergesägten Kirschäste und starrte zur Zeder rüber.

Wir hatten sie gemeinsam gekauft, es geschafft, sie in den VW Polo und danach mich irgendwie auf den Beifahrersitz zu bugsieren und fuhren lachend nach Hause; es kitzelte und stach bei jeder Bodenwelle und je nach Kurve musste ich kräftig nachhelfen, damit der Fahrer ein bisschen mehr als nur Nadeln sah. Feierlich pflanzten wir sie ein, setzten uns davor und bestaunten sie. Sie war unser erster eigener Baum.
Eigentlich hatten wir gar nicht vor, uns feierlich zu fühlen, denn sie sollte dem rein praktischen Zwecke dienen, dereinst mittags den Hundezwinger zu beschatten. Aber was willst du. Wer seinen ersten Baum pflanzt, kommt um ein hymnisches Gefühl nicht drumrum.

Mir war der Popo auf dem Astberg eingeschlafen. Ich stand auf, strich über die knorrigen Äste und zupfte an den verdorrten Nadeln rum.
Der Deodara konnte man beim Wachsen zusehen und das taten wir während seiner Adoleszenz gerne und kichernd: „Ui, der Mitteltrieb geht aber seltsame Wege, was sucht der da im Norden?“ Zwei Wochen später machte er wieder einen Schlenker nach links, irgendwann gabelte er sich – eine Narrenkappe in immer luftigerer Höhe. Er wurde zu meinem Streichelbaum, schlicht unmöglich, meine Hände von ihm zu lassen, wenn ich an ihm vorbeiging, und seine höhere Narrenspitze zum Lieblingsplatz von Elstern. Keckernd saß immer mal eine da oben und verteilte ihren Spott über die Ernsthaftigkeit unserer Welt.

Tja. Und dann war sie von heute auf morgen tot. Gefühlt. Jedenfalls ging es rasend schnell. Und dann steht mein Baumschneider des Vertrauens da und sagt so unverschämt flipflapsig, dass Bäume halt bisweilen zu sterben pflegen? Schubsen wir mal die Tatsache zur Seite, dass mich der Tod gerade dieses einen Baums persönlich getroffen hatte: „Wie kann jemand“, dachte es mit gehässiger Ratlosigkeit in mir, „wie kann jemand, der seit Jahrzehnten nichts anderes tut, als sich mit Bäumen zu beschäftigen, wie kann so jemand bitte nicht wissen, was der Grund ihres Ablebens war? Das ist von einer geradezu erbärmlichen Peinlichkeit, ist das. Oberpeinlich. Schämen tät ich mich. So viele Ausrufezeichen gibt’s gar nicht, wie ich jetzt bräuchte!“

Ich wusste es damals nicht besser und konnte daher auch unmöglich erkennen, dass der Bärtige ein weises Wort gelassen ausgesprochen hatte. Vielleicht ein bisschen zu nonchalant und wortkarg, aber Recht hatte er: Man kann nicht immer alles wissen. Ganz besonders, wenn es im Garten stattfindet. Diese Cedrus deodara ist halt einfach gestorben. Ob es nun ein Pilz, Virus, Bakterium, ein Nage-, Saug- oder anderes Tier oder ob es ein zufälliges Zusammentreffen besonders widriger Um- und Zustände war … das weiß niemand so genau. Und bis zum denkwürdigen Tag, an dem die Pilotfolge von „CSI Arboretum“ läuft, wird sich daran auch nicht viel ändern. (Ja, sie steht noch, die Zeder, und hilft einer Clematis, den Weg der Sonne entgegen hochzuranken. Allfällige nachträgliche Autopsien wären also noch möglich.)

Es war dies mein erstes Mal, als ich auf eine Gärtnerfrage keine befriedigende Antwort erhielt oder finden konnte. Das letzte sollte es nicht bleiben.
In mein brandneues kleines Hochbeet mit einer Putziputzi-Fläche von 360 cm2 (man beachte die Anmerkung unten) hatte ich Gemüse gepflanzt. Vier Stück. In jede Ecke eines. (Leider weiß ich nicht mehr, was ich gesetzt hatte, außer, dass es irgendwas Problemloses war.) Alle gediehen sie, nur eines gab frühzeitig und schnöde den Löffel ab. Da ich über Sicherungskopien verfügte, pflanzte ich nach. Zweimal. Beide taten dasselbe, während die anderen drei am Prosperieren waren, wie es sich gehörte.
Makroorganismen wie Mäuse, Maulwurfsgrillen oder Hunde konnte ich ausschließen; das Hochbeet war unten wie oben gesichert. Und auch wenn nicht – so ecktreu hatte ich bislang noch keines dieser Tiere erlebt. Auch kam kein Pilz in Frage, denn die obere Hälfte der Beetsubstrats war zugekauft. Und nein, ich hatte beim Gießen diese Ecke nicht wochenlang vergessen, wäre ja bei aller Mühe gar nicht gegangen. Kurz: Auf einer in sich geschlossenen Fläche von 60 x 60 Zentimetern war und blieb der Befund ein Rätsel.

Achselzuckend taufte ich den Ort „Die Todesecke“ und fand fast Gefallen dran, alles Mögliche dort reinzusetzen und drauf zu wetten, ob es denselben missfallenden Exitus erleben würde oder nicht. Nach einem Monat war der Spuk vorbei und seitdem gedeiht auf der gesamten Fläche alles, was mein Herz begehrt. Die Todesecke aber überlebte. So alle zwei Jahre manifestiert sie sich wahllos hier und dort, in Hoch-, Tief- und Hangbeeten.

Wir haben gerade ein solches zweites Jahr und zugeschlagen hatte sie, die dunkle Zerstörerin, im Juni. Eine von drei neuen Geranium himalayense „Derrick Cook“ strich urplötzlich die Segel. Sowohl alte Triebe als auch die allerjüngsten, alle hatten den Schirm von jetzt auf gleich zugeklappt und warteten aufs Vertrocknen. Ich schrieb es den Velociraptorenklauen und –popos zu und beobachtete sie alle von da an argwöhnisch. Beruhigt stellte ich fest, dass die anderen beiden ungestört vor sich hinwachsen und –blühen konnten. Tja. Bis vorgestern. Da befand Derrick Nr. 2 seine Zeit für gekommen und klappte zu.
Hätte man mir nicht versichert, dass diese Art und Sorte für seine besondere Robustheit bekannt und beliebt ist, und hätte ich nicht in unmittelbarer Nähe noch andere drei himalayensische Storchschnäbel, die bisher nicht ansatzweise gehimmelt wurden, täte ich ja den Fehler bei mir suchen.

Vielleicht liegt’s auch einfach am Namen. Ich mein … „Derrick“. … Na.
Die anderen drei heißen übrigens „Die Sensation“. … Nu.
Da könnte man glatt eine Theorie draus basteln. Umso mehr als die Deodara eine eingedeutsche Himalaya-Zeder ist …
Oder auf widrige energetische Flüsse tippen.
Ist es mein Karma? Oder – besser – ein Fluch:
An exakt dieser Stelle wurde das geliebte Meerschweinchen der Vorgänger begraben und das mochte – aktenkundig – Geranien nicht leiden.
Unwahrscheinlich. So viele Meerschweinchen mit solch verschiedenen Abneigungen wurden hier vermutlich nicht gehalten.

Mir geliebt des Bärtigen und mein Ansatz besser: So Todesecken gibt es manchmal einfach.
Punkt. Schluss.
Alles Spekulieren ist müßig, wenn man nicht über ein Labor mit ausgeklügelten Messinstrumenten verfügt. Und vermutlich würde auch das befinden:
„Tja.“
Was uns zu meinem Gedanken führt, der mich in den letzten Tagen umtreibt.

Man könnte mit dem Kopf gegen Wände rennen, weil man ja – anscheinend als Krone der Schöpfung – alles erkennen, ergründen, benamsen und richtiger stellen kann. Das gelingt uns inzwischen auch in beeindruckend vielen Bereichen, keine Frage. Aber eben nicht in allen.
Stellt euch eine Welt vor, die euch platt erklärt zu Füßen liegt, die ihr je nach Lust und Laune formen, verändern, gestalten könnt. Das mag für ein Weilchen durchaus befriedigend sein, keine Frage. Aber sagt, könntet ihr noch stolz auf eure Beete gucken?
Unsere Freude gründet doch vor allem darin, dass wir trotz aller unerklärlichen Widrigkeiten etwas Schönes schaffen. Mitschaffen, möchte ich lieber sagen. Zusammen mit und neben den himmelnden Todesecken. Dem Unwägbaren eben. Dem „manchmal einfach“.
A propos: Es regnet …

„Ai, no!“ rief meine Cousine aus fernen Ländern aus, „eine Zeder! Ich habe Buch gelesen von das und das sagt, Zeder ist himmlischer Baum! Zeder ich mag, ist mein Favoritbaum!“
Auf dem Foto sieht man die Favorisierende, die noch lebende Deodara streichelnd, stolz in die Kamera lächelnd und einen der Hunde, die nach dem ersten beschnuppernden Tag befunden hatten, dass der Zwinger eine der blödsten Ideen überhaupt war.
Genau. Es lag an den Hunden. Hätten die den Zwinger gemocht, würde die Zeder heute noch weit oben narrenkappen.

 

Anmerkung:
Nachdem ich den Text eingestellt hatte, wurde dezent darauf hingewiesen, dass sich da ein Fehler befinde.
Stimmt. Es sind 3600 Quadratzentimeter. Das tönt aber nach viel zu viel, also machen wir 0,36 Quadratmeter draus, dann passt das Putziputzi auch wieder.
Wenn doch alles so einfach wäre wie Mathe! … hüstel.

7 Kommentare

  1. Hier gibt es auch so eine Todesecke.Als wir das Haus kauften kümmerte da eine Blutpflaume, 1 Jahr danach war sie hin, war aber
    noch vom alten Besitzer. Also eine Budleya gesetzt(angeweht). Die mochte ich damals noch nicht sonderlich, aber wegwerfen geht auch nicht ! Die verfärbte von lila nach weiss und durfte so bleiben, als sie kümmerte schnell versetzt!Noch Einiges himmelte dort, bis wir auf die Idee kamen dass besagter Arzt vielleicht dort was vergraben haben konnte, was seinen Patienten hoffentlich besser half als meinen Pflanzen.(hihi) Zuguterletzt eben 2 Hundeurnen und 1 Katzenurne dort versenkt, also wenn schon Todesecke dann aber richtig!! Was wächst dort? Amerikanische
    hermesbeeren,nicht tot zu kriegen! Ja, es gibt schon mysteriöse Fleckchen im Garten!

  2. So, und jetzt muss ich dir einen Riesenschmatz, einen kräftigen Händedruck, mein aus tiefsten Eingeweiden oder wo auch immer herkommendes Kompliment rüberbeamen! Für deinen letzten Grüntöne-Text! Habe heute wieder mal reingeschaut. Ich werde mich hüten, ihn auseinanderzunehmen. Nur so viel: So erfrischend und so wahr – auch für Nicht-Gärtner! Habe mich, die Nicht-Gärtnerin (mein klägliches Bemühen um die paar inzwischen von irgendeinem zerstörerischen Vieh angefressenen Kräuterchen auf dem Balkon – Todesecke??? – zählt nicht), irgendwie in jeder Zeile wiedergefunden.

    1. Riesenschmatzers und Händedrücke mag ich sehr, umso mehr, wenn sie aus tiefsten Eingeweiden und so überraschendem, erfreulichem Grund heraus erfolgen.

  3. Tja, diese Fragezeichen – weshalb, wieso, warum und überhaupt. Beste Voraussetzungen, Liebe, Zuwendung – alles nix genützt. So schön wie Du das beschrieben hast. Genauso ist es.
    Letztes Jahr habe ich zusammen mit meiner Tochter einen schon recht grossen Viburnum opolus roseum mühsamst ausgebuddelt. An einem „besseren Standort“ mit Liebe ein Loch gegraben, ausgefüttert mit gutem Kompost, ein Gitter gegen Mäuse reingepasst und mit vereinten Kräften den schweren Ballen quer durch den Gemüsegarten an den Hang geschleppt und liebevollst gepflanzt. Sorgfältig Erde drumrum, gewässert und die Pflanzstelle mit Mulch abgedeckt. Gute Wünsche etc. Immer wieder mal nachgeschaut und ab und zu gewässert. Im Frühling hat er sehr schön ausgeschlagen und ich war glücklich über die erfolgreiche Aktion. Ab und zu habe ich nach ihm geschaut und eines schönen Tages starb der eine Trieb ab, dann der nächste und so weiter . . . Weshalb, wieso, warum. Vieles hätte es sein können, meinen garstigen Nachbarn hatte ich sogar in Verdacht . . . Momentan steht das trockene Gerippe noch da. Das werde ich mal runterschneiden – vielleicht erholt er sich ja noch, denn bis jetzt war da keine Todesecke.
    Vielen Dank Nick

    1. Pssst: Ich glaube, Viburnum opulüssers „Roseum“ haben den seltsamen Hang, sich grundlos selber zu himmeln.
      Meiner tat es jedenfalls auch, weit entfernt von jeglicher Todesecke oder nur dem Schatten einer solchen.

  4. Übrigens Dein erster Satz in diesem Text:
    Er sah an mir vorbei, strich seinen Bart glatt und meinte gelassen: „Tja.“

    – so könnte ein Roman beginnen . . . . .

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