Fort-Pflanzung

Die generative Vermehrung finde ich klasse. So gebe ich mich mit leidenschaftlicher Regelmäßigkeit ihren Vorzügen hin, indem ich säe und vorziehe. Hingebungsvoll. Und zwar alles, was im einigermaßen vernünftigen Rahmen des Möglichen liegt, schwärme dem Nichtgärtner schlafzimmerblickig vor, was in den verschiedenen Töpfchen am Keimen ist und quittiere die verbotene, aber trotzdem jedes Mal gestellte Frage mit einem Runzler der verachtenden Art. Mittlerweile. Früher antwortete ich noch, was vorhersehbar ablief, weil immer gleich:

„Und was hast du damit vor?“
„Wie meinen?“
„Das werden doch Unmengen an Pflanzen!“
„Ja!“ (freudestrahlend)
„Hast du denn überhaupt den Platz dafür?“
„Nö.“ (Marienkäfergrins)
„Eben. Was hast du damit vor?“
„Sag mal. Was stellst du überhaupt für Fragen hier?“

So und nicht anders. Man hat ergreifend schlicht keine pragmatischen Fragen zu stellen, wenn es ums Säen geht. Das will rein lustbetont erlebt werden.
Also. Ich finde sie klasse, die generative Vermehrung. Trotzdem. An die vegetative kommt sie nicht mal ran, wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellt und die Arme danach ausstreckt.
Stecklinge! Alleine das Wort lässt mich wohlig erschauern. Man werfe noch Nodium, Mitose und Kallus in das Töpfchen, und es ist endgültig um mich geschehen.
Wie in Trance steckte ich jahrelang alles, was mir vor die Schere kam, und auf Nichtgärtners – auch da, zuverlässig auftauchende – Pfui-Frage hatte ich immerhin eine gute Antwort:
„Und warum vermehrst du die Rhapsody in Blue?“
„Weil es Spaß macht!“ (Marienkäfergrins)
„Du hast doch gar keinen Platz für all diese Rosen!“
„Nö. Aber verschenken kann ich sie.“ (Ha!)
Irgendwann tauchte die böse Frage in meinem eigenen Kopf auf und seither stecke ich zielgerichteter, aber nicht minder lustvoll.

Schon als Kind war ich der Steckerei mit allen Haut- und Haarzellen anheim gefallen, wenn auch anders als heute. Dass ein abgeschnittenes Teil einfach eben mal so wurzelt, ob im Wasserglas oder in der Erde, war eben so.
Denn ich war ein Kind und für Kinder ist alles ein Wunder. Sei es die fast alles verschluckende Toilettenspülung, die Verwandlung von Mais in Popcorn, die Kombinationsgabe von Sherlock Holmes oder dass jedes unglaubliche Mal die Autohupe ertönte, wenn Papa auf meine Nase drückte (ein Rätsel, für dessen Lösung ich beschämend lange brauchte). Stecklinge erschienen dagegen als das Normalste auf der Welt.

Zuerst musste ich erwachsen werden, das mit der generativen Vermehrung erklärt bekommen haben und ein paar sonstige Dinge lernen, bis mir aufging, dass die Steckerei in ihrer Wundersamkeit jede Toilettenspülung toppt (wenn auch nur knapp Popcorn sowie Holmes). Und so wunderte ich mich oft, während ich – inzwischen aufgeklärt erwachsen – Legionen von Buchszweigen am Zuschneiden und Entblättern war, grundsätzlich und überdies im Speziellen über die Evolution. Warum eigentlich hat sich unsere Spezies darauf beschränkt, sich nur auf dem einen, recht ineffizienten und kräfteraubenden Wege zu reproduzieren? Mit all den Nachteilen wohlgemerkt, die das Geschlechtliche so mit sich bringt?
Wer zum Beispiel sagt mir, dass meine Lieblingspaprika, die „Black Sweet Hungarian“ wirklich samenecht ist, geschweige denn, ob es sich nachteilig auswirken wird, dass ich dieses Jahr nicht verhütet hatte?

Ja, da wirbeln einem Gedanken wirr durch den Kopf. Und während man das 121. Teilstück neben die anderen steckt, stellt man sich vor, wie es wäre, wenn ebenso gelingsicher ein nodial geschnittener Zeigefinger gesteckt werden könnte (am besten der rechte. Mein linker ist ein bisschen unförmig). Und dann wüchse ein Nick daraus. Im Handstand. Man denke das mal durch – bis zum bitteren Ende. Ein Graus. Nicht mal unbedingt wegen des Handstands.

Um mich besänftigend abzulenken, dachte ich an das Naheliegendste, sprich meine Haustiere. Gesetzt den Fall, Hunde, Velociraptoren, Katzen, Meerschweinchen, Fische, Ratten und Vögel ließen sich so bequem klonen … würde ich das wollen oder gewollt haben? Noch einmal ein Yorrick, der uns zwar viel Freude und Lacher gibt, aber jede apfelige nimmt, Brennnesseljauche säuft und jeden Besucher furzend vertreibt? Noch einmal ein Krabat, der netterweise kaum kräht, sich auf unserem Schoß als Katze wähnt, aber den Mädels ellenflüglig alle Goodies unter dem Schnabel wegpickt? Und überhaupt: Wo nähme ich die Zeit, den Platz, das Futter und all die Aquarien her?

Stimmt. Man kann gottspielend auswählen. Tun wir ja auch bei den Pflanzen. Aber da wären dann noch das Milieu und die Epigenetik. All das also, was schuld daran ist, dass Klone eben nie eine perfekte Kopie des Originals sein werden. Bei einer Pflanze fällt das so schwer nicht ins Gewicht. Bei Yorricks, Krabats, Fuchurs, Ranjans, Shivas oder Buschkas kann es hingegen durchaus eine Rolle spielen. Eine mitunter äußerst unerfreuliche.
Ich steckte Nr. 197 und erinnerte mich an Stephen Kings „Pet Sematary“.

Es ist beileibe keine Science Fiction oder gewohnt überdrehte Fantasie meinerseits. Für relativ recht viel Geld kann man sich inzwischen tatsächlich seine Haustiere klonen lassen. Ein kleiner Stolper zum geklonten Menschen … welch grausliger Gedanke.

Ich steckte Nr. 218, stand auf, drückte mein Kreuz durch und besah mir die Plantage: „Im nächsten Jahr ist der geometrische, von Buchs umrandete Kräutergarten komplett.“
Und es geschah.
Und ich sah und war zufrieden.
Und es ritt zwei Jahre später Cylindrocladium buxicola herbei. Der fünfte apokalyptische Reiter.

Beim Ausstechen der ältesten, befallenen Buchse war ich beinah froh. Es war, dem stimmte ich schweißtropfend zu, eine meiner dümmsten Ideen, die kleinen Beete mit Buchs einzufassen. Hätte ich die Disziplin besessen, vorzu die raumgreifenden Wurzeln abzustechen, hätten die Buchse den Beetpflanzen nicht beinahe alles an Wasser und Nährstoffen weggefressen. Ich hätte es besser wissen müssen: Eine so geartete Disziplin ist meinem Wesen zu fremd. Wie auch immer, es tat trotzdem weh. Emotional und ästhetisch. Endlich waren die Rahmen zugewachsen, putzten die Chose ungeheuer raus und just nun musste ich fort- bzw. wegpflanzen.

Zu trösten vermochte mich, dass ich über einen Ersatz verfügte. Der Edelgamander sollte von nun an edelst die Aufgabe übernehmen. Da ich gerne experimentiere, verwendete ich zwei Sorten. Den höheren Teucrium x lucydris und den kleineren ebensolchen, genannt „Pain de sucre“. Peitsche und Zuckerbrot also. Auf meine kaufkräftige Nichtexpertenfrage: „Aber … Gamander bildet doch grausam Ausläufer?“ wurde erstaunt entgegnet: „Ausläufer? Nicht das ich wüsste!“ Ich kaufte also zwanzig von den Höheren und ebenso viele von den Kleineren. Den Rest würde ich dann stecken. (Ich hatte und habe Zeit. Der fünfte Reiter sitzt auf einem zielstrebigen, aber sehr lahmen Gaul.)

Dieses Frühjahr kriegte die Stecklingsorgie Zuwachs. Im vorhergehenden Herbst hatte ich den einen Gewürzthymian inbrünstig angehäufelt, um später bewurzelte Teilstücke ernten zu können, sie aufzupäppeln und mit den Aufgepäppelten ein Thymianmeer anzulegen.
Leute. Stecklinge war gestern. Bewurzelte Triebe sind heute! Nichts herrlich Bequemeres als das! Nicht nur vom Thymian, auch von den ausläufernden „Pain de Sucre“ konnte ich zig bewurzelte Teilstücke ernten, die allesamt lückenlos gediehen wären, wenn die Velociraptoren nicht auf die jenseitige Idee gekommen wären, die Zuckerbrot-Töpfchen als tollen Eiablageplatz und die Thymianbehälter als drittes und viertes Sandbad misszuverstehen. Einige konnte ich trotzdem noch retten.

Und während ich dies tat, meinte ich beiläufig zu meiner Schwester: „Vermutlich ist es nicht die allerbeste Idee, Teucriümmers als Kräutergartenbeethecke zu setzen, die so ausläufern.“ Sie sah mich mit glasigem Blick an, nickte abwesend und antwortete auf ein Whatsappzeugs.
„Ich meine“, in gewissen Dingen kann ich nervend hartnäckig sein, „wenn sie schon als Teenies ausläufern, dann werde ich ein Problem haben. Nächstens. Ein abstechendes. Vermutlich müsste ich das höhere, nicht-ausläufernde Teucrium stecken wie gewohnt. Aber das dauert!“ Meine Schwester nickte.

Recht hatte sie. Um die Buchslücken zu überbrücken, werde ich das ausufernde Zuckerbrot setzen. So lange, bis die nicht-ausläufernden Teucrium-Stecklinge soweit sind, um das Zuckerbrot zu ersetzen. Und wenn es denn ein Ende hat, habe ich ganz viele Zuckerbrote zur Verfügung, die irgendwohin wollen. Eine Fort-Pflanzerei sondergleichen.
Meine Schwester, generativer Internodialsteckling, der sie ist, guckte mich an, zögerte eine stutzende Viertelminute und grinste.

15 Kommentare

  1. Ach Nick,
    ich hoffe inständig, daß Du schon längst damit begonnen hast, die letzten Texte fuer dieses Jahr zu verfassen, damit Dein Buch rechtzeitig zu Weihnachten von uns gekauft und verschenkt werden kann?
    Ich liebe die Art und Weise wie Du mit unserer Sprache und Ihrer Zeichensetzung hantierst!!!
    Heute mußte ich das endlich loswerden und es Dir endlich schreiben – hör bloß nie auf damit!

    Liebe Grueße sendet Dir
    Moni

    1. Liebe Moni,
      Dein „Loswerden“ kommt im richtigsten Moment. Danke dir für deine Worte! Je mehr Texte ich schreibe, desto grösser wird das bange Gefühl, die Leser zu enttäuschen und irgendwann zu langweilen. Und gerade heute war es besonders bange.
      :-*

  2. Mir gefallen Deine Texte sehr, und ich sammele so gern neue Worte: „Marienkaefergrins“ kommt mit Samtschleife ins Kœrbchen.
    Vielen Dank !?

  3. Liebe Schreibkünstlerin,

    Deine Texte werden nie langweilig! Sie zaubern mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Deine Themen haben einen sehr hohen‘ Sichselbstwiedererkennenwert‘. Gerade gestern habe ich mich mit Stecklingen vergnügt…
    Schreibe bitte weiter:-)

    Liebe Grüße Rosenfee

    1. Ja, ich weiss, das Foto bei „Über Nick“ guckt recht garstig in die Welt, aber stell es dir nach dem Lesen deines Kommentars marienkäferlächelnd vor.

  4. Wunderbar und Danke 🙂
    Deine SprachSpiele begeistern mich immer wieder auf´s Neue!

    FortStecklinge sind gerade nicht so das Problem sondern eher FortSämlinge in Form von AcerSämlingen aus verschiedenen Gärten Shanghais und Umgebung 😡

  5. Als maulfauler Schrat und rhetorische Niete, sowohl quanti- als auch qualitativ fehlen mir stets die passenden Worte. Obschon ich stets und begeistert diese herrlichen Geschichten lese und selbige kaum abwarten kann. Also sparsam und einfallslos: herrlich, bleib dabei.

  6. Du kannst ganz beruhigt weiterschreiben, wir langweilen uns noch lange nicht. Garten, ein immerwährendes Thema, eine Leidenschaft, die nicht so einfach verfliegt – ebenso wie Deine Texte.
    Grüsse und Dank
    Saattermin

  7. Bei mir sinds ja weniger die Stecklinge, sondern eher die Sämlinge. Tomaten und Chilis…in Mengen. Jedes Jahr wieder und immer nehm ich mir vor, weniger ist mehr. Aber dann denk ich beim Aussäen, was ist, wenn die nicht aufkommen, wenn ich bloß zwei aussäe von einer Sorte. Bei 5 ist die Chance, wenigstens eine Pflanze zu bekommen viel größer.

    Leider kommen fast immer alle Samen auf. Man wird ja nicht schlauer.

    So kommt es jedes Jahr vor, das ich in Tomaten- und Chilipflanzen ersticke 😀 und damit das nicht passiert, werden sie ausgewildert 😉

    Nick, du hast dich wieder übertroffen :-*

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