Sitzwinkel

Meine Mutter drückte mir einen Packen entwickelter Fotos in die Hand und antwortete redeschwallig, ehe ich die Frage stellen konnte: „Das sind Bilder vom Garten kurz vor und nach eurem Einzug. Ich kenn dich doch, dir wär das nie in den Sinn gekommen. Wie dem auch sei, du wirst mir noch dankbar sein.“

So in etwa um die Zeit rum, als im Duden erstmals das Foto einem Photo vorgezogen wurde, war mir das -graphieren schon fast endgültig verleidet. Das Erste, was ich denke, wenn sich mir ein abbildungswürdiges Bild bietet, ist nie: „Wo ist die Kamera?“, sondern: „Oooh.“ Und käme mir danach tatsächlich der Gedanke ans Knipsen, ist die Würde bereits entschwunden, das Licht schlecht geworden oder ich zu faul, ins Wohnzimmer zu hechten, wo sich die Digi befindet.

Ich glaube, „Foto“ kam mit der Digitalkamera. Musste man früher fisselig, mit hervorguckender Zungenspitze im Mundwinkel einen Film einlegen, nach jedem Klick per Daumenwisch den Transporthebel betätigen und nach 24 oder 36 Bildern daran denken, das Ganze per Drehhebel aufzurollen, herausfinden, dass man es vergessen und beim Öffnen der Klappe die letzten drei oder vier Bilder zunichte gemacht hatte, … so habe ich vergessen, wie ich diesen Satz beenden wollte. Weil mir das Nächste in den Sinn kam: Keine Ahnung hatte man, wie die Bilder nun geworden sind. Erst, als man sie vom Labor abgeholt und auf dem Heimweg ungeduldig reingelinst hatte, merkte man, dass das eine wichtige Portrait verwackelt war, beim abendlichen Anlass ganz offensichtlich der Blitz gestreikt und man beim Halbmondbild den Daumenwisch vergessen hatte. Man sah genauer hin: Auf dem Profil der Freundin prangte auf der Oberlippe ein Möndchen. Photos machten aus dem Mann im Mond den Mond auf der Frau. So war das. Sozusagen kartoffphelig: Man hatte keinen blassen Dunst, was man erntete.

Aus dem Ph wurde also ein digitales F und ich rückständiges Wesen mit dessen Vorteilen heillos überfordert, weil ich Fotos noch händisch zugeschnitten mit genauso händisch gehaltenem Stift kommentiert in Alben zu kleben pflege und deswegen viel zu langsam für die immer mehr anschwellende Flut an Bildern bin (aktueller Stand: 2005). Und das, obwohl ich – wie angedeutet – nur noch welche mache, wenn ich zufälligerweise gerade die Kamera in der Hand halte oder mich dazu genötigt sehe.
So supertoll die verbesserte Automatik und die nachbearbeitenden Möglichkeiten auch sein mögen, für einen Huschrasch-Knipser wie mich sind sie ein Fluch. Wie soll man sich da noch rausreden, wenn auf dem rechteckigen Papier statt eines Beetes einfach nur ein grünes Wirrungestrüpp mit farblich verfälschten bunten Klecksen daherkommt?

Den Grund für mein Unvermögen und die Unlust, daran etwas zu ändern, sehe ich gerne in einem frühkindlichen Trauma. Beim gewickelt und baden Werden, beim Brüllen mit hochrot angelaufenem Sumoringer-Gesicht, beim windeligen durch eine Margeritenwiese Rennen oder beim ungelenken Schokoeis-Essen, permanent linste mich gläsern so ein metallenes Objektiv an. Es ist ein schweres Los, die Tochter eines Photographen zu sein. Und vor allem hilft es nicht.
„Kannst du mir eine Digi empfehlen, bei der ich nur auf den Auslöser drücken muss und dabei auch was Gescheites rauskommt?“
Er empfahl und seitdem habe ich ein Digiding, das mit einer Fülle an Klick- und Drehknöpfen inkl. einer vierzigseitigen Gebrauchsanweisung versehen ist.
„Du musst den Regler nur auf „P“ schieben, dann stellst du xxx ein, bedenkst eventuell xxx, wobei da auch xxx …“ Ich schielte zu den Tomaten in den Töpfen und fragte mich, warum bei der einen die Blätter welkten.
„… und jetzt bräuchte ich mal deinen Laptop, damit wir die eben gemachten Bilder hochladen und ich dir zeigen kann, wie man die bearbeitet. Ist ratzfatz erledigt, wirst sehen.“
Ich holte das Gewünschte.
„Tiptop. So. Du klickst hier und bist im Bearbeitungsmodus. Das Wichtigste ist die Lichtverteilung. Wenn du auf die Balken guckst, siehst du, dass da links …“ Ob die vielen grünen Früchte noch was werden würden? Himmel. Ich hatte doch genug gegossen. Oder? Na, um ehrlich zu sein, nicht wirklich. Ist aber auch mühsam, dieses ewige Gießen. Ein richtig großes Tomatenhaus wäre wirklich mal zu erwägen. Aber wohin damit? Und viel wichtiger: Wie sähe das perfekte Tomatenhaus aus?

Meine Mutter hatte zweifach Recht. Es wäre mir nie und nimmer in den Sinn gekommen, und ja, ich war ihr dankbar. Heute noch. Sie war mir leuchtendes Beispiel und in den ersten Jahren hatte ich tatsächlich fleißig fotografisch dokumentiert. Das Ganze wurde in ein spezielles Album geklebt, das ich heute noch gerne hervornehme, dem Nichtgärtner zuzwinkere und lockend gurre: „Wollen wir nicht mal wieder?“
Ächzend legt er sein Buch beiseite und erwidert mit leidend-genervtem Blick: „Wenn’s denn sein muss.“ Und jedes Mal entdecken wir was Neues, lachen über etwas anderes, sind verwundert und vorhersehbar enttäuscht, wenn das letzte Bild das letzte ist.
(Gute Idee, das Album haben wir schon ewig nicht mehr angeschaut, hol ich morgen gleich nach. Und diese Woche wähle ich die Bilder der letzten zehn Jahre aus und lasse sie ausdrucken. Ja!)
(Oder nächste Woche.)

Schauen wir also gemeinsam ins Gartenalbum. Die meisten Fotos stammen von mir bis auf wenigste Ausnahmen. Eine ganze Serie stammt von Nichtgärtner – ein noch größerer Fotomuffel als ich –, der auf Aufforderung hin knipste und mir damit eine völlig neue Perspektive eröffnete. Erst als ich seine Bilder eingeklebt hatte, fiel mir auf, dass da etwas anders war als auf meinen. Ohne mir dessen bewusst zu sein, hatte ich über die Jahre hinweg die Beete stets aus demselben Blickwinkel abgelichtet.
Unmerklich eingeschlichene Perspektiven sind etwa so wie Abkürzungen, die über den Rasen führen: Du wirst ihrer erst gewahr, wenn daraus ein festgetretener Trampelpfad geworden ist.
Es brauchte so einen dahergelaufenen Nichtgärtner, der mir den blickenden Weg wies und mir den trampligen Pfad ebenso schweigend wie bildhaft aufzeigte.

Seine Bilder waren es, die mich auf die Idee brachten, in meiner Stunde mal nicht auf der Waschbetontreppe zu sitzen, sondern mitten auf der Wiese unterm Kirschbaum, direkt neben dem ersten Kompostmieterich, auf der Schwelle des Gartenschuppens, auf einer Holzplatte im Kräutergarten oder auf dem geteerten Parkplatz. An Orte, die mir zuletzt einfielen, wenn ich den Garten begucken und – es ist nun mal so – beurteilen wollte.

Es hatte etwas beschämend Offenbarendes. Ich sah einen mir gänzlich fremden Garten, den ich doch aus dem Effeff zu kennen geglaubt hatte. In jedem fernsten Winkel hatte ich wohl auf Knien gejätet, umgegraben, gepflanzt, bin daran vorbeigegangen und habe Blicke geworfen, mir aber nie die Zeit genommen, mich genau dort hinzusetzen und einfach nur zu sehen.

Ja, ich muss sitzen, um sehen zu können. Stehend bin ich noch potenziell tätiges Wesen und bücke mich, um eine Zaunwinde auszureißen, sie um meine Hand zu schlingen und das geschlungene Bündel unter die Hecke zu werfen. Stehend kann ich nicht anders, als den Maulbeerbaum nach Früchten zu durchsuchen, ein paar den erwartungsfreudigen Tieren hinzuwerfen, und mir eine in den Mund zu schieben. Am Stecklingsgewächshäuschen vorbeigehend fällt mir auf, dass ich heute Morgen zu gießen vergessen hatte und hole es nach. Dabei werde ich besprühpinkelt vom Loch im Schlauch, das ich doch heute Morgen zuzukleben im Sinn hatte. Stehen funktioniert nicht. Knien ebenso wenig.
Man hat uns mit einem Popo versehen und das war kein Zufall.

Ich sitze also am rechten Rand des Beetes, lehne etwas zur Seite, klaube kleingeschnittene, pieksende Heckenzweige unter meinem Allerwertesten hervor und betrachte den Rücken der beiden Tricyrtis-Horste, an die sich der elfengleiche Blütenstand eines Thalictrum delavayi schmiegt. Ich liebe meine Krötenlilien und sehe sie mir auch gerne an, aber tue das normalerweise nur im Vorübergehen. Egal, auf welchem eingesessenen Platz ich mich befinde, irgendwas verdeckt immer die Sicht auf diese Schönheiten.
Ich zupple beiläufig an den nicht auszurottenden Maiglöckchen rum und schaue nach rechts bis zum Ende des zweiten Beetes. Mein Auge ruht auf dem Heuchera-Flickenteppich ganz hinten, erfasst aber unterwegs auch die wolkig blühenden Bergminzen, die lasziv rumlümmelnden Gauras, die Blautöne der Rittersporne, Salvien oder Nepetas und all die reizend verschiedenen Blattstrukturen. Im rechten Augenwinkel gucken Verbena bonariensis über den Zaun, im linken die unzähligen Feigen und die vereinzelten Blüten der nimmermüden Wisteria. Das Wolkenband löst sich sachte auf und einige wenige Sonnenstrahlen treffen weit hinten auf die dunkellaubige Wasserdosthecke und bringen sie zu rotbräunlichem Leuchten.
Ich taste nach meinem Glas und zucke angewidert zurück. Während ich versuche, den zäh klebenden Schneckenschleim von Mittel- und Ringfinger am Hosenbein reibend loszuwerden, hüpft ein Erdkrötenkind vor meinen Füßen über den Mulch in die Hecke, ich drücke meinen Kopf in den Liguster, um es genauer beobachten zu können. Und stecke fest. Mit dem Dutt mal wieder. Ich reiße an Zweigen und Haaren und schnuppere Eau de Troène. In meinem Glas liegt eine suizidäre Wespe. Mit dem Zweigstück, das ich aus den Haaren gerissen hatte, werfe ich sie ins Leben zurück, nehme einen Schluck und schweife zu den Heucheras zurück. Und all dem anderen.

Das kriegst du auf kein Foto. Sitzwinkel hin oder her.

10 Kommentare

  1. Liebe Nick,

    Du hast es wieder genau auf den Punkt gebracht: Wenn andere Mitmenschen Fotos im Garten machen, sieht er völlig anders aus als auf eigenen Fotos. Ich habe mich auch schon öfter beim Betrachten von Besucherfotos gefragt: „Wo ist das denn aufgenommen? Die Ecke kenne ich ja gar nicht.“
    Auch Deine Erfahrung, dass Garteneindrücke nicht unbedingt so auf einem Foto wiederzugeben sind, habe ich genauso gemacht, war dann beim Betrachten der Ausbeute leicht enttäuscht.
    Verschiedene Sitzecken halten mich übrigens nicht davon ab, hier noch zu zupfen und dort noch zu schneiden, hat also nicht unbedingt etwas mit Knien oder Stehen zu tun;-)

  2. Hallo Nik
    Das ist ja wieder ein richtig herzerfrischender Text. Das Pünktchen auf dem „i“: Der letzte Abschnitt mit Deiner Schneckenschleim-Fröschchen-Heckenfeststecker-Wespenrettung-WeinmitWespengeschmack-Geschichte. Das ist ein wunderbares in der Vorstellung entstandenes Foto, eigentlich gar ein ganzer Film, der da abgeht.

    Wie immer bei Deinen Texten kann ich nur zustimmend nicken.
    Mein Schwager machte mal ein Foto von meinem recht wilden Garten, während meine Schwägerin und ich plaudernd rumspazierten. Der Garten ist schon nicht klein, aber das Bild, das er vom Garten und uns beiden knipste, hätte den Titel erhalten: Lustwandelnde Damen im blühtendurchwirkten Park. Ich war überwältigt. Genau so sollte mein Garten aussehen, aber durch das kleinräumliche Tun und Betrachten verliert man den „grösseren, umfassenderen“ Überblick.

    L. G. Saattermin

  3. Es ist und bleibt für mich mit jedem Geschreibsel mehr Wunder und Freude zugleich, dass es Menschen gibt, die sich in meinen Texten wiederfinden und/oder Vergnügen daran haben.

    Dank euch für jedes Wort aus eurer Feder!

  4. Liebe Nick,

    zu gern würde ich mich mal so irgendwo im Garten hinsetzen, in Ecken die ich sonst so nicht bemerke. Dein Text hat mich inspiriert und ich werde es auch demnächst mal tun und dabei an Deine Worte denken. Film gibt es dann auch bei mir: wenn ich wieder hoch muss. Das ist schon Kino, denn ich wollte eigentlich auf dem Boden sitzen.

    Henriette
    Fotos im Garten machen, das ist immer so ein Problem. Zufrieden bin ich sowieso nie. Wenn andere bei uns die Digi zücken, dann wird es sogar noch schlimmer.

    Deine Berichte sind immer köstlich, wirklich wie aus dem Leben gegriffen.

  5. Nick, ich würde zu gern mal in deinem Garten all sie Plätze suchen, die du hier immer so schön beschreibst.

    Ich denk, ich würde die alle finden

    Du beschreibst sie so wunderschön :-*

    1. Ein spannender Gedanke, der mir noch gar nie durch den Kopf gegangen ist.
      Wie wohl mein Garten in Leserköpfen rüberkommt und wie er dann in Realität wirken würde?

      Und wieder eine ganz neue Perspektive. Danke, Bienchen!

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