Aufgemerkt

Es ist ein lauschig-ruhiger, frisch-kühler Morgen, man tritt beseelt mit einer dampfenden Tasse Kaffee hinaus in den Garten, und weil man etwas zu großzügig eingefüllt hatte, schaut man beim Gehen hochkonzentriert auf die leicht schwappende Flüssigkeit.
Man müsste es besser wissen. Natürlich platschert so mit ziemlich garantierter Sicherheit was daneben. Am liebsten auf das papierene Schriftstück, das man in der anderen Hand hält und noch ein bisschen aufs rechte Hosenbein. Enerviert guckt man leicht vorgebeugt auf die Schweinerei und begießt plätschernd den linken Croc. Genau. Das Schuhwerk mit Löchern.

Würde man sich an den eigenen Merkspruch halten, könnte man sich jetzt mit einem wohligen Ausschnaufer hinsetzen, am heißen Kaffee nippen und mit sich im Reinen sein, im wahrsten Sinne des Wortes. Ohne nasse Socke, fröstelndem Oberschenkel und gewelltem Schriftstück.
Du sollst beim Gehen nie gucken auf ein mit Flüssigem gefülltes Gefäß. (Oder nimm vor dem Inbewegungsetzen einen kräftigen Schluck.)

Dabei liebe ich doch Merksprüche, ich sammle sie sogar und freu mich über jeden Neuen, der mir vor Augen oder zu Ohren kommt. Nur vergesse ich hin und wieder den ersten und wichtigsten:
Erinnere dich zur rechten Zeit an den richtigen Merkspruch.

Ist halt schwierig, wenn man instinktintuitiv handelt wie bei der Kaffeetassengeschichte. Entschieden einfacher fällt es, wenn man zur falschen Zeit zu denken beginnt. Alles, was wir vor langer Zeit ans Unterbewusstsein delegiert hatten, sollte auch dort bleiben.
Seit Jahren kann ich mir problemlos die Schuhe schnüren, aber wehe, ich beginne darüber nachzudenken, wie das eigentlich geht. So geschehen, als ich es damals meinem sehr viel jüngeren Bruder anhand seines Schuhs erklären musste.
Sehr viel öfter, und mit „sehr“ meine ich wirklich sehr, stehe ich vor fremden Schrauben, Wasserhähnen oder Schlössern, instinkte, es regt sich nichts, und dann geschieht es. Ich tue das Böse, nämlich Denken. Auf diese Art hatte ich es tatsächlich mal fertiggebracht, trotz Schlüssel und wegen ängstlicher Hektik nicht in den dahinterliegenden Raum zu gelangen. Der Schluss lag so nahe wie falsch: „Man hat mir nicht den richtigen Schlüssel gegeben.“
Und dann kam er. Mein bester Freund, der mir seither zuverlässig zur Seite steht:
Right is tight, left is loose.
Ich fände es ja schöner, wäre er auf Deutsch, aber bislang kam mir noch keine mir genehme Übersetzung in den Sinn. Rechts ist fest, links ist locker, naja.

In diesem Zusammenhang, nämlich dem:
Du sollst nicht denken,
ist mir heuer ein ganz Übler passiert. Anlässlich dessen, dass ich ein Jahr älter und verrunzelter geworden bin, schlug mir der beste aller Nichtgärtner einen Hüpfer zu meinem Lieblingsstaudengärtner vor. Taumelig wandelte ich den schwarzen Kisten entlang, pflückte alles, was ich benötigte (wobei … benötigen …) und bat meinen Begleiter, doch kurz nachzugucken, ob da auch Wermut zu finden sei. „Müsste dort oben rechts stehen, bei den Kräutern. Der lateinische Name ist … Zefix.“ Weg war er, der Name. Verschwunden. Nicht mal auf der Zunge hatte ich ihn oder höchstens auf ihrer äußersten Papille: „Verflucht noch eins … etwas mit A … Aaaaa… Ach, guck einfach auf silbernes Laub. Und überhaupt, du weißt ja, wie Wermut aussieht.“
Es fand sich keiner. Und erst, als ich meinte: „Ok, ich habe alles, was ich brauche, aber wir könnten vielleicht trotzdem noch bei den Hostas gucken und den Gräsern? Einfach so?“ Und just dort hinten stand der Wermut, inmitten von anderem Unterschiedlichem. Leider war er gerade heruntergeschnitten worden, man sah bloß lebende blattlose Stängel, aber das Schild war eindeutig: „Artemisia!!! Himmel! Genau!“ Und vulgare. Stimmt. Völlig vergessen, dabei so selbsterklärend. Alle Heilkräuter sind entweder vulgär oder offiziell. Etwas irritiert war ich vom Sortennamen, den ich bisher noch nie gehört hatte, fand dann aber, „Janlim“ töne sehr apart. Weiter kam ich nicht mehr mit Denken, weil Nichtgärtner eben verlauten ließ, dass er die neuen Familienmitglieder bezahlen würde. „Gehört zum Hüpfer dazu.“
Benommen vor Glück saß ich im Auto und konnte es nicht erwarten, alles Neue einzupflanzen, in meiner Pflanzliste zu vermerken und bei Zweifelsfällen nachzugoogeln.

Wermut ist ein Artemisia absinthium. Das hätte ich gewusst. Artemisia vulgaris ist Beifuß. Das hätte ich auch gewusst. So einen hatte ich trotz aller Warnungen gepflanzt. An eine Stelle der Unwirtlichkeit, wo sonst nix wächst. Dem war und ist das schnurz. Obwohl ich fleißig runtersäble, wächst er mir stur über den Kopf und ausläufert mit einer beharrlichen Frechheit, dass man ganz cholerisch werden könnte. Im Internet stieß ich auf ein amerikanisches Forum, in dem sich zig Leute ihrer Empörung Luft verschafft hatten: „Dass es überhaupt legal ist, dieses panaschierte Zeug zu verkaufen! Seit drei Jahren bin ich dran, das Teufelszeug auszurotten. Ohne Erfolg.“ Janlim steckt nun in einem Hochsicherheitstopf. Als mahnende Erinnerung.
Geh nicht zum Staudengärtner ohne schriftlich festgehaltene Bedürfnisse.
Blödsinn verbockt man dann trotzdem, aber wenigstens nicht dermaßen blödsinnigen.

Etwas heikler war der zweite Blödsinn dieses Jahres. Ich hatte nicht und zuviel gedacht zugleich. Im Gartencenter, das ich am häufigsten aufsuche.
Es zeichnet sich unter anderem darin aus, dass die Kassiererin seit fünf Jahren denselben Spruch bringt, egal, ob ich zwei oder zwanzig Pflanzen auf den Kassencatwalk lege: „Sie müssen aber einen groooßen Garten haben!“ Bisweilen quetscht sie ein „wirklich“ dazwischen, was die Sache auch nicht besser macht. Ich habe mir vorgenommen, beim nächsten Mal einfach mal „ja“ zu sagen. Vielleicht hilft’s.

Man kennt mich da also. Aber nicht wirklich die Pflanzen. An fünf Händen kann ich abzählen, wie oft die Stecketikettenbeschriftung falsch war. Grundlegendst. Und an dreien, wie viele ich davon gekauft hatte. Es ist ein Kaffeetassending: Du begehst denselben Fehler wieder und wieder.
Und so schob ich den lärmenden Einkaufswagen über den holpernden Boden und wünschte mir einmal mehr, man könne unauffälliger rumgieren. Auf der Suche nach panaschiertem und dunkellaubigem Salbei fiel mein Leuchtturmblick auf ein Hellblau. Ein Hellblau, sag ich! Ratternd hypnotisiert steuerte ich den Wagen zu dieser Schönheit und wusste schon auf dem Wege dorthin: Musst du haben. Ist bei den Mehrjährigen.
Willst du!
Jage!
Bevor es jemand anders tut.
Ich stand vor den Salbeien und warf einen prüfenden Blick über die Blüten hinweg. Niemand in Sicht. Gut. Es war genug Zeit zu prüfen, bevor ich mich ewig binden würde. Ich schaute auf die Etikette und las. Salvia pratensis. Wiesensalbei? Echt jetzt? Ungläubig beäugte ich die Riesenblüten von ganz Nahem und dachte an eine außergewöhnliche Sorte, als es rattratterratt auf mich zukam. Ein anderer Einkaufswagen. Mit Frau daran. Jetzt galt es, schnell zu handeln. Hektisch wählte ich die drei Exemplare mit den meisten Knospen und enteilte Richtung Kasse, wo ich wieder mal einen großen Garten hatte.

Zu Hause legte ich alles auf den Sitzplatztisch und baldowerte aus, wohin ich was pflanzen würde. Der krasse Wiesensalbei war zuerst dran. Ich nahm ein Töpfchen, zupfte die bebilderte Etikette raus und entdeckte dahinter eine andere: Salvia azurea*.
Ernüchtert schaute ich auf meine höchstwahrscheinlich hierzulande nicht winterharten Salvia azurea-Sämlinge von diesem Frühjahr. „Aha. Die werden also so aussehen, wenn sie mal groß sind. Toll.“
Trau keinem Etikett. und Mute keiner Sorte zuviel zu.

Dank der im Leben aufgelesenen Merksprüche kann ich meinen Hang zur Trottelei ansatzweise bekämpfen.
Jäte im März und April und du bist ein Weilchen still.
Kaufe nix, was nicht blüht, wenn du auf Farbkompositionen Wert legst.
Schließ abends sofort den Stall, nachdem freudigerweise auch die Neuankömmlinge reingehüpft sind.

Hatte ich eben. Aber dann nochmals geöffnet, um den armen Neuankömmlingen eine Extraportion Körnchen darzureichen, weil die Alteingesessenen ihnen keines abgeben wollten. Und schwupps war eine der neuen Hennen draußen. Leider eine der intelligenteren Art, die mein einziges Ass im Ärmel gnadenlos durchschaute: „Die hält mir Körnchen hin, um mich dann bequem einzusacken. Mit mir nicht. Nee du!“
Frustriert kniete ich auf dem Boden und hielt eine Körnchenhand hin, als Nichtgärtner – hatte ich schon erwähnt, dass er der beste ist? – sonor brummelte: „Lass mal, ich übernehme. Geh und schreibe fertig.“

Es gibt noch ein paar Sprüche mehr, aber davon vielleicht später mal. Interessanter ist die Kaffeetasse. Fast ein halbes Jahrhundert guckte– trotz merksprüchlicher Erfahrung – und verschüttete ich, aber erst diese Woche kam mir in den Sinn, das Phänomen zu ergründen. Schon noch blöd. Aber irgendwie scheint „blöd“ mein zweiter Vorname zu sein.
Für alle, die’s noch nicht nachgegoogelt oder selber rausgefunden haben, hier die Erklärung: Wenn wir auf die Kaffetasse schauen, dann gehen wir davon aus, dass sie der Referenzpunkt ist. Ist sie auch, solange wir stehen.
Wir gehen aber. Und das in der Regel unregelmäßig. Da liegt ein Hundespielzeug, die Platten sind sich inzwischen ihrer Individualität bewusst geworden, ups, ein Schneckenhaus, der Feigenbaum rankt in den Weg …
und schon ist die Hose befleckt. Der Referenzpunkt ist der unregelmäßige Weg. Aus diesem blödsinnigen einfachen Grunde hat man auf nichts als auf ihn zu achten. Sofern man nicht über das Hundespielzeug stolpert, sich wegen seines Gequietsches so erschreckt, dass man die Balance verliert und sich am Insektenbehausungstotstamm festklammert, der nur halbherzig festgemacht ist, im Fallen nicht nur den Kaffee über sich und die Platten schüttet, sondern auch noch zwei Töpfe mitreißt, in denen die geliebten Sämlinge von xx vor sich hinmickern, dann kann man ihn wirklich genießen. Diesen lauschig-frischen Morgen.

 

(Der Text ist fertig, die intelligente Henne drin. Und alle anderen auch. So viel zum besten Nichtgärtner.)

*Corrigendum
Ich meinte natürlich nicht Salvia azurea, sondern patens. Die beiden verwechsle ich, seit ich sie diesen Frühling ausgesät hatte.

5 Kommentare

  1. oh wie oft schon hab ich gesagt „Nicht auf die Tasse schauen“. Und Sohnemann balanciert den randvollen Becher Tee, mit beiden Händen haltend, die Treppe nach oben, Zunge zwischen den Zähnen und Blick starr auf die Tasse und schwapp schwapp schwapp….die ganze Treppe hoch ::) ;D

    und wie oft denkt man „Das kann nicht gut gehen“ und man stellt doch den schweren Kasten mit den Sämlingspflanzen auf die Ecke vom Tisch und schwupps liegt alles unten.

    Warum macht man das? Ich habe keine Ahnung.

    Aber Nick, du bist nicht allein 😉

  2. Herrlich, das bin ich! Die mit dem Kaffee, meine ich. Allerdings: „Oder nimm vor dem Inbewegungsetzen einen kräftigen Schluck.“ ist auch nicht ohne: Garantiert nimmt man den Schluck zu groß und dann gerät der Schluck auf das Büro-T-Shirt, was umfangreiche Umziehaktionen nach sich zieht, denn die Hose passt dann ja auch nicht mehr usw. usf.

    Nick, ich sehe förmlich vor mir, wie Du, dem Ebay-Effekt ausgeliefert, die hellblauen Salvias ergatterst. Genauso läuft das: das letzte Exemplar – muss ich haben! Ganz besonders gut funtioniert das auf Staudenbörsen, ha! Und nachher der ratlose Blick auf die Beute….
    Danke auch diesmal wieder für diesen wunderbaren Text.

  3. Mein Rezept für solche Kaffee-(undandere) Fälle: ein richtig entstressendes Kraftwort, von Herzen, und die Sache ist gegessen.
    Mein Vater hatte für solche Situationen ein wunderbares Wort: „ez-Heiland-Tonner“ (Betonung auf T und Heiland ganz langsam). Das hat mir immer sehr gut gefallen.
    Liebe Grüsse
    Saattermin

    1. Dieses „Jetz-HeilandTonner!“ kennt mein schwappender Kaffee auch. Sehr gut sogar. 😉

      Und den mit dem zu grossen Schluck vor der Inbewegungsetzung auch, oile.
      Ebenso wie dieses „Das wird nicht gut gehen“, Bienchen. Ich sag nur: Buttermilch aus dem Tetrapack im fahrenden Auto trinken und einen gefüllten Putzeimer direkt neben der Treppe stehen haben.

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