Antrag

zur Änderung des Blumenzwiebelsetz-Termins
(PlfGB § 51, Abs. 6)

Es passt mir einfach in keinen Kram. Und vor allem passt es mir nicht, dass es mir nicht passt. So. Jetzt ist es wenigstens mal raus. Wenn ich jetzt noch aus meiner Haut fahren und in eine andere schlüpfen dürfte, würde mich das außerordentlich beglücken. In eine, die Anfang August den Blumenzwiebelkatalog hechelnd nass sabbert und im September mit entspannter, wolkenloser Stirn hunderte von zwiebelknolligen Nichtsers versenkt.

Nichtser = Zukünftig werden zu wollende Pflanze,
von der direkt nach dem Setzen ca. ein halbes Jahr lang nichts zu sehen ist.

Den Blumenknollenzwiebelkatalog empfand ich als empörend. Ähnlich empörend wie die Supermarkt-Ostereierstaffelei im Februar oder das Christkindlgetue, während der Rittersporn noch blüht. Und dazu noch ein bisschen mehr, weil damit ein impliziter Vorwurf einherging: „Na, ne? Haste wieder mal vergessen, was? Hopp, schlag in deinem Gartentagebuch nach, es ist wieder soweit!“
Ich möchte korrigiert haben, dass ich verdrängt, nicht -gessen hatte. Und nachzuschlagen brauchte ich ganz sicher nicht. In all den vergangenen Frühjahren konnte ich mir den feigenblöden Satz nicht verkneifen, der da lautet: „Und diesen Herbst (aber jetzt im Ernst und wirklich!) wirst du verdammt nochmal deutlich mehr Frühlingsblumen setzen! Ist doch wahr!“

feigenblöde = So blöde, wie eine Feige wächst, nämlich ausladend,
und darum dauernd zurückgeschnitten werden muss.
Blöde ist dabei nicht die Feige, sondern die Person,
die ihr diesen blöden Ort zugedacht hatte.
Ich also.

Wohl kann ich mich dunstig und neblig daran erinnern, dass es mich im Frühling dürstet nach geblümtem Farbenrausch, dass meine Augen sich festketten an den sprießenden Schneeglockenpolstern hier und da und dort, danach nicht nur Grün und Weiß, sondern Buntes wollen. Und je bunter es wird, desto ausufernder wird das Wollen. „Noch mehr … noch mehr!“ Aber es wird halt nicht merklich mehr, wenn man sich im September, der immer noch blütenorgiastisch daherkommt, schon fast darauf freut, dass das Ganze einem leiseren, weicheren Ton weicht und insgesamt drei Gänge runterschaltet.

Vorausschauend Auto fahren kann ich ganz gut. Das vorausschauende Gärtnern ist eine ganz andere Sache. Du musst dich mental und psychoneuronal in den Zustand versetzen, in dem du dich ein halbes Jahr später befindest. Passt mir nicht in den Kram. Es verlangt schließlich auch niemand von mir, dasselbe im März zu tun. Man stelle sich das mal vor: „Nick. Du bist jetzt im Gartentaumel und findest alles, was grün aus der Erde guckt, zum Anbeten. Schön und gut. Bitte versetze dich jetzt mental in das Herbstgefühl. Damit das Laub sich so schön gelb, orange, rot und braun verfärben kann, musst du jetzt Welkemein flüssig kaufen und es allen Herbsttönenden verabreichen. Es sei denn, du möchtest auf dieses pratiöse Spektakel verzichten.“

pratiös = Einen ganz besonderen Erregungszustand hervorrufend.
Gelingt dieses Jahr der Pratia pedunculata am besten.
Sie teppicht nicht nur, wie gewünscht, sie blüht auch immer wieder.
Jetzt auch.

Mal angenommen, man hätte es hingekriegt. So zu tun, als wär Frühling und als wollte man. Und überdies angenommen, man führe an einen Ort, der Zwiebelknollen anböte. Dann steh ich vor dem Regal voller Nichtser und scanne. „Hab ich schon. Will ich nicht. Ibäh! Könnte ein Gewolltes werden. Hab ich schon. Will ich das?“ Nachdem ich eine Viertelstunde vor dem Regal gestanden bin, mir in den Daumennagel und das Gewissen gebissen, auf dem Portemonnaie rumgedrückt und nachgerechnet habe, nähert sich bedrohlich ein angestelltes Wesen. Schnell mach ich die Fliege und beiß mir zu Hause in den Unterarm. „Wenigstens die Anemonen hättest du nehmen können. Menno! So wird das nie was!“

Aufgerafft begibt man sich an den anderen Ort, der auch Knollenzwiebeln anbietet. Aber viel billiger. Und interessanterweise viel speziellere Nichtsers. Aber nicht dieses Jahr. Während ich die Auslage zum zehnten Mal durchging und in meinem Herzen nur ganz schwach was hüpfte, nämlich das, was ich mir eh vorgenommen hatte, wollte ich hoffnungsfroh den Clematis-Bereich ansteuern. Da fiel mein Blick auf das Schild: „20% Rabatt auf alle Blumenzwiebeln.“ Es wurde mir omamaig.

omamaig = Anspringend auf alle Rabatte und Aktionen.
Ererbt und gelernt von Omama.
„Kind, lass dir nix durch die Lappen gehen,
was du vielleicht willst und billiger als sonstwo kriegen kannst!“

Die Clematisauswahl und deren Zustand waren katastrophal. Mist. Also zurück zur Rabattaktion und in den am Arm hängenden Korb werfen. Das was ich eh wollte/brauchte, wurde ergänzt durch das, was ich nicht gekauft hätte, wäre es nicht omamaig gewesen: Allium „Purple Sensation“ und Narcissus „Thalia“. Ich mag die beiden mehr, als sie mich. Offensichtlich. Also hopp, rein damit und zur Kasse.
Zu Hause dämmerte dann die Ernüchterung. Das, was ich eh wollte/brauchte, konnte ich problemlos einpflanzen, weil Neuland. Aber die Allithaliümmer …

In meiner Verzweiflung goss ich mir ein Glas Weißwein ein, setzte mich auf die Waschbetontreppe und grübelte. Es begann zu regnen. Schwere Tropfen panschten meinen Wein, tropften an meinem Nacken runter, der Hund und die Velociraptoren setzten sich kreisförmig um mich, putzten hie und dann ihr Fellgefieder und beäugten mich misstrauisch-erwartungsfroh. „Sackermentnochmal!“ Ich schüttelte mich wie ein Hühnerhund und trottete missmutig ins Haus.

missmutig = extrem angenervt, weil man nicht wie gewohnt den
Waschbeton-Geistesblitz erfahren hatte.
Wirkt sich aus auf die Velociraptoren, die an die verglaste Küchentür picken
(Körnchen? Körnchen? Jetzt? Nicht? Aha.)
und den Cerberus, der reingeschlüpft ist, bevor die Tür final zuging.
(Futter? Futter? Jetzt? Nicht? Aha.)

 Am nächsten Tage klagte ich Nichtgärtner mein Elend:
„Ich habe Blumenzwiebeln gekauft.“
„Aha.“
„Viele.“
„Hm-m.“
„Und jetzt weiß ich nicht, wohin damit.“
„Ah so.“
„Im Ernst jetzt. Ich weiß, wo ich sie haben will, aber ich weiß nicht mehr, wo andere Zwiebeln stecken, die ich beim Einpflanzen garantiert hälften werde.“
„Und wenn du einfach mit den Fingern nachfühlst?“
„Mit den Fingern? In unserem dickfetten Lehmboden? Da bin ich schon froh, wenn ich die Handschaufel auf Anhieb zehn Zentimeter tief reinrammen kann.“
„Aha.“
Egal, an wen du dich mit deiner Seelenpein wendest, es winkt dir im besten Falle bloß ein Aha.

Zerknirscht stand ich mit den 12 sensationellen Lilanen vor dem einen Urwald und versuchte mich angestrengt zu erinnern. Da irgendwo sind Krokanten, Tulipen, Puschkinien, Ipheiöners, diverse Alliümers und die nicht auszurottenden Muscaris, hol sie der Teufel. Aber wo denn nur?
Man könnte mir nun zähnebleckend zynisch vorschlagen, im Frühling fotografisch zu dokumentieren. Ganz gezielt, Laufmeter für Laufmeter ein „Da sitzen die Nichtsers“-Panorama zu knipsen. Tja. Hatte ich doch tatsächlich mal gemacht. Minutiös geknipst und mich im Herbst auch – Wunder über Wunder – erinnert und daran entlanghangeln wollen. Bloß: Im Frühling ist noch kein Herbstdschungel. Nicht mal eine Ahnung davon. Und auch wenn du weißt: „Na, da in etwa ist xy“, was nützt das, wenn Zentimeter darüber entscheiden, ob du mitten ins Herz eines deiner liebsten Kleinode stichst, von denen nur fünf Stück im Boden nichtsern? So ein Foto würde nützen, würde man ein Milimeterraster übers Beet legen. Wenn mir jemand zeigt, wie man das auch im Herbst hinkriegt, dann wäre ich außerordentlich beglückt.

Irgendwann wurde es auch mir zu bunt. Mit bewölkter Stirn baldowerte ich aus, wie ich mir am besten einen Pfad durch die Stauden bahnen konnte, ohne größere Schäden zu hinterlassen, bewegte mich im Schildkrötentempo Schritt … für …. Schritt durchs Beet und ließ mich von meiner Intuition leiten. Vorsichtig beherzt stach ich mit der Handschaufel rein, bewegte sie hin und her, lüpfte sie zeitlupig empor und … nichts … kein Nichtser. Der Schweiß der Erleichterung drang aus all meinen Poren.
Es fühlte sich an wie in „Bulbs – the Real Thriller!“.

Bulbs – the Real Thriller = (Noch) nicht existentes Videospiel.
Level 1 ist witzig. Total leeres Beet, Durchschnitts-Lebensbereich, man kann nach Herzenslust setzen, wie einem gerade lustig ist. Die Auswahl der Blüher ist immens und man ist mit einem opulenten Startguthaben ausgestattet. Zur überprüfenden Belohnung folgt bei jedem Level an dessen Ende ein Filmchen, wie das Beet im nächsten und in den folgenden zehn Jahren aussieht. Für jedes heikle Blümchen, das noch in zehn Jahren da steht, gibt es Pluspunkte. Für dessen Vermehrung doppelte. Und so weiter. Ach ja. Und schön aussehen muss es auch noch. Klar. (Dieser Beitrag müsste überarbeitet werden. Nickipedia übernimmt keine Verantwortung für das überflüssige Gewäsch.)

Ich befand mich im realen Leben mitten in Level 318, wenigstens dem Schwierigkeitsgrad nach (man kann auch Levels überspringen und mal so tun, als ob). Zwei Leben wurden mir aberkannt, aber ganze zehn Male stach ich ins Nichts. Darauf war ich zwar stolz, aber es raubte mir jegliche Lust, denselben Terz mit den Thalias zu vollführen. Ich stapfte zum Sitzplatz zurück, zückte die Packung und pflanzte die Engelstränen in jungfräuliche Erde. Im Frühling schreibt es dann ins Gartentagebuch: „Die Thalias wären alle gediehen, hätte man sie nicht vorzu beim Drübersteigen geköpft.“

 

Antrag abgelehnt.
Inkrafttretung: 15. September 2015

PS.: Welkemein flüssig ist eine gluckskichernde Erfindung von mir. Falls irgendwer künftig daraus Kapital schlagen möchte, bitte ich juristisch nachdrücklich um Gewinnbeteiligung. Dasselbe gilt für „Bulbs – the Real Thriller!“
Dies ist Neo gewidmet. Ganz offiziell.

9 Kommentare

  1. Seit Monaten ignoriere ich meinen Garten und schäme mich. Er ist mir nur noch Last und keine Freude. Die bestellten Blumenzwiebeln kommen langsam an und ich sitze da und habe keine Ahnung wohin damit. Es ist kein Platz da oder er müsste geschafft werden oder ich müsste besser planen…oder…oder…oder
    alles oder, aber keine echte Antwort.
    …und während mir noch die wunderbaren Geschichten von Nonnen und Löwenzahn durch den Sinn gehen und ich mich frage, warum ich mir den Lesegenuß von Nicks Blog seit Wochen verweigere, stolpere ich über diesen Text und muss mal wieder lauthals und herrlich lachen! Danke schön!

    1. (Irgendwie muss ich mir einen sinnigen Bestrafungsmalus ausdenken für solch abtrünnige Leser wie dich! ;-))

      Ich freu mich riesig, dass du dich amüsieren konntest. (Zwiebel-)Geteiltes Elend ist fast gar keines mehr, oder? Ich fühl mich jedenfalls sehr wohl dabei, damit nicht alleine dazustehen.

  2. Das ist wieder toll geschrieben! Selbiges Problem beschäftigt mich seit Tagen. Die Zwiebeln sind gekauft und warten sehnsüchtig darauf versenkt zu werden, doch wohin? Ich glaub ich finde mich damit ab, dass es ohne Kollateralschäden nicht geht und werde am Wochenende munter drauflos buddeln. Vielleicht hab ich ja auch hier und da mal Glück und treffe ins Nichts.

    1. In einem von zehn Fällen ins Nichts zu treffen, gibt je nach Level (und ich meine, erahnen zu können, du befändest dich auf einem sehr hohen, auch wenn ich dich nicht kenne) so viele Bonuspunkte, dass man
      – unglaublich, aber es ist wahr! –
      aufs nächste aufsteigt und ganz viel virtuelles Geld und Status kriegt, um neue Bulben zu kaufen. (Die wirklich, wirklich tollen Blüher kriegt man erst auf Level 489. Psst.)

  3. Ach Nick, was habe ich gelacht und mich an die eigene Nase gefasst. Ich habe zwei große Einkaufstüten voller „Nichtser“ (klasse Wort!) rumzustehen: eine für den Hausgarten, den ich z.Zt. fast nur im Morgengrauen und dann wieder beim letzten Abendlicht sehe und eine weitere für den Zweitgarten, der im Moment jedes Wochenende ruft: „Ernte, ernte, jäte, jäte“. Die ersten Einpflanzversuche führten unweigerlich zu einer Levelabwertung: das Teilen wollte ich eigentlich den Colchicums selbst überlassen. Jetzt habe ich mich dazu entschlossen, ein bisschen Schneebeeren zu roden und als Belohnung Zwiebeln zu pflanzen.

    1. Levelabwertung; das Teilen wollte ich eigentlich den Colchiums selbst überlassen

      *rofl*

      Als Belohnung.

      Was für ein geschickter psychologischer Trick! Den schreibe ich mir gleich hinter die Ohren. („Nick, heute darfst jäten. Als Belohnung fürs zeitige Aufstehen an einem Sonntag!“)

  4. Hier stehen ca. 660 Tulpennichtser rum, 300 Scilla siberia (200 in chemiefassblau und 100 weiße) dazu unzählige Hyazinthen, Anemonen, Krokanten und 3 Schneeglückchen

    und jetzt? Wo soll ich das alles lassen. So langsam läßt die Kaufsucht für Zwiebelfrühlingsblühendes nach. Besser ist das!!!

    Bin zwar jetzt erst dazu gekommen, deinen wundervollen Text zu lesen, aber ich kann das alles sowas von nachvollziehen :-*

    1. Melde dich bitte wieder, wenn du für alles seinen ihm genehmen Platz gefunden hast …
      und verrrate – nochmals bitte – dein Geheimnis.

      Im „Bulbs!“-Spiel scheinst du jedenfalls die Score-Königin zu sen. 😉

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