Streicheleinheiten

Letzthin schlurfte ich selbstvergessen durch mein Kräutergarten-Labyrinth, schob mit dem rechten Fuß einen ausladend in den Weg lümmelnden Borretsch beiseite und schrie lautlos auf. Eine dunkle Masse schoss darunter hervor, sprang drei Sätze, blieb abrupt stehen, drehte sich langsam um und funkelte mich augengrün an.
Ich holte mein Herz aus der linken Socke, funkelte zurück und murmelte aus tiefster schwarzer Seele: „Du! Du!!!
Bewegungslos starrte mich der schwarze Teufel an. Es ist dies der Name, den ich dem eindrucksvoll großen Katzentier gegeben hatte, nachdem es sich wiederholt und drohend meinen eierlegenden Schützlingen genähert hatte. Nach einigen Wochen stellte sich zwar heraus, dass die Annäherungen nicht meinen Eierlegern, sondern deren Futter galt, nur, meine Erbostheit wurde deswegen nicht kleiner. Fremdkatzen im Garten sind des Teufels. Sie defäkieren und urinieren unaufhörlich, wohin sie nicht sollten, sie scharren und wälzen tot, was man gerade gesetzt hatte, sie morden Eidechsen, Frösche, Vögel und hinterlassen ihren Fellabdruck auf Sitzkissen.

Aug in Aug mit dem Feind stand ich also da. Es war ein Leichtes, ihm just jetzt das Leben so zu vergällen, dass er meinen Grund und Boden nicht mal mehr dann betreten würde, wenn er mit frischem Fisch bestückt wäre. Rachsüchtig atmete ich tief ein, ging ihm langsam entgegen, bückte mich in Zeitlupe und gab mich dann so ungezügelt wie unbeherrscht dem Instinkt hin.
Das dichte, langhaarige Fell war weich, so weich und seidig fein. Ich kraulte ihn hinter den Ohren, er streckte sich wohlig, rieb seinen Kopf an meinem Schienbein, warf sich auf den Boden, streckte mir Brust und Bauch entgegen, ließ sich knuddeln, als gäbe es kein Knuddelmorgen und schaute grünverliebt in meine Augen.
Ein schwarzes Engelchen war er. Ein verstandesloses Etwas ich.

Da bin ich Primate und Kuscheldödel zugleich. Instinktsicher herzen meine Finger, Hände und Arme, mitunter sogar dann, wenn ich gar nicht zum Herzen aufgelegt wäre. Es gab schon Momente, in denen ich mich dabei ertappt hatte, das Steuerrad meines Autos zu tätscheln. Etwa, wenn wir gerade ein Aquaplaning oder eine Eisblase überlebt hatten oder wenn das gute Ding trotz Uraltbatterie nach dem zwanzigsten Spotzspotz doch noch auf Touren kam.

Ganz, ganz früher tat ich das und noch mehr mit dem einen öffentlichen Telephon. Das werden nun Menschen nicht verstehen, die mit einem Handy-Daumen aufgewachsen sind, darum eine kurze Erklärung: Früher hatte man nur Festnetz. In der Regel stand der einzige Apparat zu Hause mitten im Flur und der Hörer war mit diesem durch ein genudeltes Kabel verbunden, das im besten Falle zwei Meter weit reichte. Nicht genug also fürs eigene Zimmer, geschweige denn für eine abhörsicher geschlossene Türe.
Mein abhörsicherer Apparat war ein öffentlicher. Er befand sich in einer Wandnische eines historisch bemerkenswerten Durchgangs, von steinernen Bogen überwölbt. Düster und selten frequentiert. Dieses metallene Apparateding hatte mehrere Schlitze für verschieden große Geldstücke. Mit 20 Rappen konnte man immerhin mal durchklingeln und kurz „Ha…“ sagen. Für das „llo!“ und weitere Wörter kam’s auf die Höhe des Taschengelds an.

Das Nachzahlen war nicht wirklich das Problem, das große Unterfangen bestand darin, diesen elenden Apparat dazu zu bringen, überhaupt mal willig das erste Geldstück zu schlucken.
Was geholfen hatte? Einzig und allein eine innige Umarmung.
Nein. Es gab keine Knöpfe an den Seiten. Auch keine vorne, die aktivierend hätten wirken können. Trotzdem. Das sture Doofmetallding fraß und verbuchte meine Franken und Rappen nur dann, wenn ich es umarmend herzte. Ich wollte nicht, aber was hätte ich tun sollen? Ich war jung, verliebt und musste telephonieren.

Ein bisschen vor der Zeit, als ich diesen öffentlichen Fernsprecher umarmt hatte, hatte ich „Das geheime Leben der Pflanzen“ einbandstreichelnd verschlungen. Dieser damalige Bestseller verstand es perfekt, menschliche Sehnsüchte zu befriedigen. Ja! Pflanzen lieben es, wenn man sie streichelt, mit ihnen redet, sie mögen Musik und reagieren negativ auf Aggression, Streit und darauf, dass man neben ihnen einen lebenden Hummer ins heiße Wasser wirft.
Hell begeistert hatte ich eine meiner Zimmerpflanzen dazu auserkoren, mein Experimentenliebling zu werden. Glücklicherweise befand sich mein Kinderzimmer weit weg von der Küche. Nicht, dass da je ein Hummer sein Leben gelassen hätte, aber doch recht viel Salat. Und laut Buch reagierten die mit Elektroden versehenen Pflanzen sehr stark, wenn man vor ihren Augen (hust) ein Blatt einer anderen Pflanze verletzte.

Ich streichelte sie also mindestens einmal täglich – blattunterseitig, denn das täten sie anscheinend bevorzugen –, und monologisierte jeden Nachmittag über so weltanschauliche Themen wie etwaige Hausaufgaben oder dass der Erich mir mit dem Ordner auf den Kopf geschlagen hatte. Den Gießakt erhob ich zu einem zeremoniellen Ritual mit viel Tamtam und Blabla. Und manchmal sang ich ihr auch was vor.
Nach zwei Wochen war sie tot.

Blöd. Ich wollte es darauf schieben, dass sie die Standpauke nicht überleben konnte, die ich zwei Tage zuvor von meiner Mama erhalten hatte und mein Geheule danach, weil ich am Samstag nicht zu Sandras Geburtstagsparty durfte. Aber tief im Innern wusste ich es besser: Es lag an mir. Irgendwas musste ich bei der Experimentanordnung übersehen haben.

„Das geheime Leben der Pflanzen“ bzw. Inhaltsfetzen dessen blieben über zwei Jahrzehnte lang hartnäckig in meinem Kopf hängen. Ich hatte weitere Zimmerpflanzen, irgendwann einen Balkon mit welchen drauf und letztlich einen Garten. Wenn ich es nicht vergaß, streichelte ich die eine oder andere hin und wieder – blattunterseitig, logo – und als Selbstgespräche-Mensch sprach ich auch immer mal wieder mit jeweils einer. Wenn es nicht hülfe, dann kriegte die Angesprochene immerhin eine nette Portion CO2.
Und dann kam der eine Tag, an dem ich wieder mal ein Buch öffnete. Mit aufgeschreckt geweiteten Pupillen las ich, dass Pflanzen Berührungen nicht abkönnen. Im schlimmsten Falle – ich stockte kurz – würden sie gar daran sterben.

Toll. Nachdem ich es mir verinnerlicht hatte, dass Hunde Über-Schulter-Umarmungen auf den Tod nicht ausstehen können, weil sie dies als aggressive Dominanzgeste interpretieren, und mir auch noch Velociraptoren zulegen musste, die Kuschelgesten nur dann als wirklich erquicklich empfinden, wenn man über einen Schnabel verfügt (ich habe versucht, einen solchen zu imitieren und bin damit kläglich gescheitert), nahm man mir nun auch noch die Blattstreicheleien?

Das geheime Leben von Sachbüchern besteht darin, dass man ihnen glaubt. Das erste war wissenschaftlicher Schnickschnack. Das zweite verheerend verkürzt, wie ich inzwischen mehr oder weniger erleichtert feststellen konnte.

Tatsächlich gibt es Pflanzen, die man mittels Antatschereien zum Sterben bewegen kann. Die einen, weil sie sich verausgaben, wie etwa Venusfliegenfallen oder Mimosen, die anderen, weil sie dadurch so geschwächt werden, dass sie eine Nullstresstoleranz entwickeln, so der Amerikanische Hanf zum Beispiel, den ich bisher nicht mal vom Namen her kannte.
Einigen geht es am grünen Popo vorbei, ob wir sie berühren oder nicht, und wieder andere mögen es anscheinend sehr, darunter das Hohe Fingerkraut oder das Echte Leinkraut. Letztere werden dadurch widerstandsfähiger und infolgedessen auch weniger von Plagegeistern belastet.
Staunend betrachtete ich Filme von Gewächshauskulturen, die mittels darüber hinfahrenden Plastikstreifen künstlich dazu gebracht werden, gedrungener und kräftiger zu wachsen.

Ganz abgesehen von meinem Streichelbedürfnis, verstehen kann ich bloß die Rühr-mich-ans. Wäre ich eine Pflanze, sagen wir ein Baum, und stünde irgendwo mitten auf einer sehr windigen Krete, auf der hin und wieder ein Rudel … ich weiß nicht … Hasen, Rehe, Nashörner, was auch immer dran vorbeistiebt, dann stürbe ich doch nicht einfach dahin. Logischerweise täte ich mich pflanzlich ducken, in die Breite gehen und mir eine möglichst dicke Rinde zulegen.
(Hm. In letzter Zeit bin ich tatsächlich etwas in die Breite gegangen. Ob ich die mich immer mal wieder streifenden Gewächse, Tiere und Menschen mal darum bitten müsste, ihre Zellen von meinen zu lassen?)

So richtig dankbar kann ich den Forschern nicht sein. Da sie nicht die Gnade hatten, all die Gewächse zu untersuchen, die in meinem Garten wachsen … noch schlimmer: Keine einzige davon hatten sie bisher bedacht …, hilft mir die neue Erkenntnis so gut wie ganz und gar nicht.
Wüsste ich es, könnte ich mir zum Beispiel diese unglaubliche Schönheit von Sieben-Söhne-des-Himmels-Strauch in den Garten pfeffern. So ein Heptacodium wird zwar viel zu breit und hoch dafür, aber ich hätte ja ein Mittel dagegen: Ich würde ihn von klein auf streicheln und, wenn es sein müsste, immer wieder mit zehn Föhns und zwanzig Ventilatoren bewinden. Ha! Das gute Ding würde maximal drei Meter hoch und zwei Meter breit. Perfekt für den einen Platz, den ich noch frei hätte.

Wer würde noch schneiden, wenn ein Befummeln denselben kleinhaltenden Effekt erzielen würde? Das zu vermarktende Potenzial wäre schwindelerregend:

Streicheln Sie sich gesund.
Eins mit der Natur dürfen Sie in meinem Garten
Ihrem vorgängig erstellten Streichelprofil gemäß
die für Ihre Heilung bestimmten Sträucher und Bäume liebkosen.
Erstellung des Streichelprofils: CHF 50.-   Streicheleinheit/Minute: CH 10.-
Streichlergruppen ab 3 Personen profitieren von einem interessanten Gruppenspezialtarif.

Zurück auf dem Boden und fazitierend: Ich tu so, als hätte ich noch nie ein Buch aufgeschlagen und wenn ich, Himmelnocheinsundso, das Bedürfnis habe, ein Grüngut hinter den Ohren zu kraulen, dann kraule ich. Genüsslich.

Gestern sah ich zum Kräutergarten runter und sah den schwarzen Kuschelteufel die Wege entlang trotten. Tja. Den werde ich definitiv nie mehr los.
Wider Erwarten stimmt mich das nicht mal so traurig.

9 Kommentare

  1. Hallo Nik.
    Was für ein herrlicher Text – meine Güte – was für eine Fantasie ! Ich bin aus dem Schmunzeln und Kichern gar nicht mehr rausgekommen, lachte ganz alleine laut vor mich hin, ob dem abrupten Ende Deines Experimentes mit der Streichelpflanze ! Oder was für ein Satz: „Ich holte mein Herz aus der linken Socke, funkelte zurück und murmelte aus tiefster schwarzer Seele: „Du! Du!!!“ . . .
    Oder die Idee, dass die Gartenpflanzen einem ja nicht zu nahe kommen sollten wegen eventueller Veränderung der Silhouette – nur ja nicht, man weiss ja nie . . .
    Ein wirklicher Lesegenuss ! !
    Trotz aller unschönen Dinge, die man über Katzen sagen könnte ( Mäuse auf dem Sofa oder drunter möchte ich hier wirklich noch zu deiner Aufzählung hinzufügen) – Katzen sind und bleiben total liebenswert, lustig, interessant, zum Knuddeln. Die langhaarige Schwarze wird sich total in dein Herz schleichen . . . wirst sehen
    L. G. Saattermin

  2. 🙂 Ja, so sind sie, die Gartenkatzen. Hartnäckig bepflanze ich den hohen Topf rechts neben der Eingangstür dekorativ, hartnäckig hüpfen meine Katzen mitten in die Bepflanzung um Schwung zu holen zum Klettern auf den Baum daneben (man könnte da durchaus auch vom Boden aus draufklettern).

    1. Nicht zu vergessen, dass man mit Pflanzen durchaus nicht nur freundlich reden muss. Literarisches Zitat dazu (aus Good Omens, Terry Pratchett und Neil Gaiman):

      “He had heard about talking to plants in the early seventies, on Radio Four, and thought it was an excellent idea. Although talking is perhaps the wrong word for what Crowley did.
      What he did was put the fear of God into them.
      More precisely, the fear of Crowley.
      In addition to which, every couple of months Crowley would pick out a plant that was growing too slowly, or succumbing to leaf-wilt or browning, or just didn’t look quite as good as the others, and he would carry it around to all the other plants. „Say goodbye to your friend,“ he’d say to them. „He just couldn’t cut it. . . “
      Then he would leave the flat with the offending plant, and return an hour or so later with a large, empty flower pot, which he would leave somewhere conspicuously around the flat.
      The plants were the most luxurious, verdant, and beautiful in London. Also the most terrified.”

  3. Salü Nik

    Ein wirklich schönes Kräutergarten Labyrinth und der Text erst. 🙂
    Schön dass es dich gibt.

    PS
    So ein sauberes & wohlduftendes Hühnerhaus habe ich schon lange nicht mehr gesehen und riechen dürfen. Sogar die Kompostboxinhalte haben einen guten Duft.

    GhlG Natternkopf

  4. Saattermin: Der schwarze Teufel hat sich, kaum war der Text online, nicht mehr gezeigt. Ich bin noch nicht dazu gekommen, tiefgründig drüber nachzudenken. 😉

    Eva: Das Zitat ist der Hammer, dank dir dafür! „Also the most terrified.“ – herrlich!

    Natternkopf: Für mich war dein Dasein nicht nur ein schönes, sondern auch ein historisches, weil der erste Grüntöne-Besuch. (Und der erste, der sich sogleich auf meine Jungs stürzte, reinschaufelte und das krümelige Zeug unter die Nase hielt. :-D)

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