Notdurft

„So. Schluss! Aus! Das war’s!“ stieß ich in die kühle Luft und trat zurück.

Es waren schwere Zeiten, die hinter und neben mir lagen, Wochen, in denen ich begraben unter der schweren Bürde meines alljährlichen Februargefühls ächzte und litt. Das Tragische daran: Keiner der zweieinhalb Monate war auch nur ansatzweise ein Februar und doch stapfte ich in jeder meiner Stunden kleinspurig durch den wintermild-grünen Garten und konnte höchstens notdürftige Freude finden, egal wie sehr ich mich auch anstrengen mochte.

Ja, ich hatte den Garten-Blues und der durchaus seinen Grund:
Es ward die Zeit gekommen. Zweimal sieben Jahre waren ins Land gezogen und schließlich lag das Werk vollendet zu Füßen.
(Also so im Grobgroßen und Ganzen.)
Es gab Wasser und Land, Pflanzen und Tiere, Beete und Wege, Oben und Unten.
Im 15. Jahre ruhte ich aus, sah, was ich geschaffen, und …
muffelte.

Wochenbettdepressiv stand ich inmitten meines Werks. Die großen Projekte waren allesamt abgehakt, übrig blieben nur noch hier und da punktuelle, kleinräumige Vermehrbesserungen oder Wiederholungen. Öööööde! So was wie „Au toll, ja, Mensch! Das mach ich! Wiese neu anlegen und in der Zwischenzeit Kartoffeln setzen! Quietsch!“ quietscht halt nur vorm ersten blauäugigen Mal so richtig. Das ganz dolle Quietsch! war damals die Anlage des geometrischen Kräutergartens, die sich über Jahre hinweg erstreckt hatte. Ein etwas ängstliches, aber nicht minder erregtes Quiek! war die Verwandlung des Teichs in Gemüsebeete. Ich komme zum zusammenfassenden Punkt: Es war mein erstes Jahr ohne ein „Q“ mit Ausrufezeichen. Mir blieb quasi nur noch der Quietismus 1.

Als da kam ein Morgen. Zerzauselt und schlitzäugig trottete ich zum Velociraptorenhaus rauf, um die Fall- und andere Tür mit den gewohnten sangsingenden Worten zu öffnen und dabei mein Beinkleid zum gewohnten Mal im Maschendraht zu verheddern.

Dieser lag seit guten anderthalb Jahren auf der Sandbadekiste, welche sich ihrerseits unter dem Raptorenhäuschen befand. Eine geniöse Einrichtung, diese Kiste, gäbe es keine Katzen. Erst missbrauchten sie sie nur nachts, was mich auf die Maschendrahtidee brachte – einmal aufs Bad gelegt, auf beiden Seiten ein gutes Stück hervorlugend, konnte ich ihn morgens und abends mit einem einzigen eleganten Ruck auf- und zuschieben, was ich fortan mit stolzem Vergnügen zu tun beliebte.
Katzenkaka-frei blieb es eine Woche, dann wurde auch tagsüber getan, was nicht hätte getan werden dürfen. Bis eines Tages der eiserne Vorhang ständig liegen blieb und das Sandbad auf einen Schlag seinen Daseinszweck verloren hatte.

Hätte, denn eingestehen mochte ich mir das noch nicht. Ob ich hoffte, dass die Katzen irgendwann vergessen oder sich mit einem leisen Plopp allesamt in Luft auflösen würden? Mag sein. Wahrscheinlicher ist, dass das träge Faultier, das mir ja leider auch innewohnt, mal wieder die Oberhand gewonnen hatte.
Und so kam es, dass ich jedes Mal, wenn ich mich an der Raptorenbehausung zu schaffen machte, mein Beinkleid zu entheddern hatte.

Indes ich mich also angeregt mit dem Federvieh unterhalten hatte, kam mir das wadenhohe Metall einmal mehr in die Quere.
„So. Schluss! Aus! Das war’s!“ stieß ich in die kühle Luft und trat zurück. Eine Raptorin streckte ihren vor Neugier langgestreckten Hals aus der Falltüröffnung und äugte auf meine Füße. Erschreckt wich sie zurück, als ihr ein hektisch-ratterndes metallisches Geräusch entgegenstieb. „Jetzt aber. Fort mit dem Ding!“ Ich packte die zusammengeschobene Chose, warf sie ins Vorzimmer des Purgatoriums 2 und hüpfte beschwingt zurück ins Haus, um nachzudenken.

Kennt ihr das? Aus einem inneren Impuls heraus greift die Hand nach einem leeren Umschlag, der schon einen Monat auf dem Sofatischchen liegt – kein Mensch weiß, wieso -, hebt ihn empor und guckt runter auf das Möbel. „Wieso eigentlich steht das hier und nicht anderswo?“ das gebläute Schienbein nickt, also stellt man es auf die andere Seite, denkt „Hm, das steht ja richtig gut da, wieso bin ich nicht früher drauf gekommen?“, tritt zurück und sieht dann, dass da irgendwas nicht mehr so richtig stimmt. Man verschiebt das eine Möbel, dann das andere, stellt um, arrangiert neu, schiebt wiederum. Die Tür öffnet sich, der Lebensgefährtenmensch tritt in den Feierabend, um beinahe über das Sofatischchen zu fallen, das zwecks besserer Rumschieberei in den Flur verfrachtet wurde. „Gut, dass du kommst, ich könnte Hilfe gebrauchen! Guck mal! Wenn wir das Sofa hier, den Fernseher da, die …“
Weiter hört er nicht mehr zu, steigt über den Hundespielzeugkorb, umrundet die aufgerollten Teppichsäulen, geht wortlos in die Küche, schenkt sich ein beruhigendes Getränk ein und nippt daran im Stehen. 3
Lebensgefährten kennen die Abgründe ihrer Partner besser als ihre nicht vorhandene Westentasche und wissen damit umzugehen.

Der Maschendraht war mein Umschlag.
Als erstes musste der Sand weg. Aber wohin damit? Es lag nahe – nur wenige Schritte waren nötig, um mit ihm die Gemüsebeete zu beglücken. Während ich am Beglücken war, stürzte sich eine Hälfte meines Hilfstrupps wonniglich darauf und verteilte die hingeworfenen Sandhügel fein säuberlich auf den abgeernteten Flächen. Die andere Hälfte versammelte sich um mich rum und schaute fragend an mir hoch, während ich mich selbst fragte und bald darauf die Antwort fand. Grober Häcksel! Genau! Die Hilfsarbeiter könnten sich damit scharrend vergnügen, die Katzen würden sich indigniert davon abwenden und nach einem Weilchen hätte ich herrliches Kompostmaterial.

Wild entschlossen bewaffnete ich mich mit meiner Lieblingsfelco und stapfte, begleitet von drei aufgeregten Zuschauern, zum Zausel, dem hintersten Kompostmieterich. Zwischen ihm und einer Sichtschutzwand hatten wir in den letzten Jahren immer mal wieder Heckenschnitt und dünne Äste hingewurschtelt, weil so naturnah und wildtierfreundlich. Soweit jedenfalls die offizielle Variante.
Ich schnippelte also los und platzte beinahe vor Glück. Wie hatte ich das doch ersehnt! So klein das Projektchen auch war, es war eines und nur das zählte.
Nach dem oberen Drittel konnte ich die Felco beiseite legen und von Hand kleinbrechen. Verführend modrig-pilzige Duftwolken stiegen empor in meine Nase, unter meinen greifenden Händen krümelte es immer mehr. „Ja Potztausend! Das ist ja ein veritabler Kompost, ist das! Das ist doch ein perfekter Winterschmaus für meinen Tüddel 4!“ Und so taufte ich den Faulheitshaufen auf den Namen „Wurschtel“, um ihn im selben Moment aufzuheben und dem Tüddel in den aufgeklappten Rachen zu werfen.

Das Projektchen war beendet, meine Not – immerhin vorübergehend – gestillt. Zufrieden stellte ich mich vor dem Zausel in Positur. „Tiptop. Jetzt komme ich wenigstens wieder an die Ligusterhecke, ohne beim Schneiden den Kompostjungs auf den Kopf klettern zu müssen. Wobei …“ Hecke konnte man das Zeug nicht wirklich mehr nennen. Und überhaupt. Das nähere Hinäugen offenbarte, dass im Gezausle sehr viel Totholz vor sich hintötelte. Und … warte mal … der Nachbar hatte uns doch letzthin gebeten, den Liguster nicht zu stutzen, weil er die Feder- und Fußbälle so toll auffange … soweit jedenfalls die offizielle Variante.

„Warum“, ich zitterte schon vor Beendigung meines Gedankens vor unbändiger Vorfreude, „pflanze ich da nicht einfach eine Sträucherhecke, die keines Schnittes bedarf, wenn ich denn schon darf?“

Es braucht nur eine Katze, die ihre Notdurft verrichtet, um zurück zum Glück zu finden. Seit dem obigen Gedanken hüpfe ich aprillig durch meine Stunde, setze mich immer mal wieder mit dem Warda 5, meinem bäumigen Bruder und dem Internet auseinander und gebe mir alle Mühe, die Planung dergestalt hochkomplex zu gestalten, damit sich das Vergnügen möglichst lange hinziehen möge.

Danebst habe ich mir das Schlafzimmer projektmäßig vorgenommen. Glück findet sich mitunter auch innerhäusig. 6

 


1 Q-lose Momente verleiten einen zu Übersprungshandlungen. Meine war: Aufstehen, zum Bücherregal schlendern, den Duden Band 1 rausziehen, unter Q aufschlagen und ein nettes neues Wort finden:
Quietismus = inaktive Haltung; religiöse Bewegung. Da guckst du!

2 Wartesaal vor dem Fegefeuer. Erklärung folgt in zwei Wochen.

3 „Er trank den Calvados im Stehen.“ – Des Nichtgärtners Lieblingszitat, obwohl er keinen Calvados zu trinken pflegt.

4 Mein Laubkompostjunge.

5 Wer ihn nicht kennt: Der Duden der Gehölze.

6Er trank den Calvados und schlief im Stehen.

6 Kommentare

  1. Salü Nick

    >Grober Häcksel! Genau! Die Hilfsarbeiter könnten sich damit scharrend vergnügen, die Katzen würden sich indigniert davon abwenden und nach einem Weilchen hätte ich herrliches Kompostmaterial. unter meinen greifenden Händen krümelte es immer mehr. „Ja Potztausend! Das ist ja ein veritabler Kompost, ist das! <

    Brauchst du Häcksel? 😉

    Grüsse Natternkopf

  2. Hey!
    Also den indignierten Lebensgefährtenmenschen nehme ich definitiv in mein Vokabular auf 🙂
    „Er trank den Calvados und schlief im Stehen.“ hihi…

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