Purgatorium

Jetzt mal angenommen, ich stürbe und gewisse Kirchenväter hätten tatsächlich Recht, dann wäre es relativ unwahrscheinlich, dass ich in die Hölle käme. Schätze ich jetzt mal. Weil ich aber nicht frei von Sünde bin – da brauch ich gar nicht erst lange zu schätzen –, käme ich an einen Zwischenaufenthaltsort, und zwar ins Purgatorium.
Ich möchte mich nicht im Ton vergreifen, aber mir kommt dabei immer eine Waschküche mit überdimensionaler Waschmaschine mitten drin in den Sinn, denn schließlich ist die wörtliche Übersetzung von Purgatorium Reinigungsort.

Die Waschküche passt für mich persönlich auch aus anderem Grund besser als die geläufige, aber meines Erachtens irreführende Übersetzung Fegefeuer. Nicht nur, dass ich mich ungern in meiner aufhalte, weil sie winters zu kalt und sommers zu dunkel ist, ich befinde mich währenddessen auch in einem ständigen Zustand der Reue. Oder vielleicht eher des evolutionären Vorwurfs, der ja auch eine Art Reue ist: Hätten wir unser Fell behalten dürfen, bräuchten wir auch keine zu waschenden Teile. Aber nein, uns blieben nur klägliche Rudimente, die sich die meisten auch noch regelmäßig vom Leib reißen. Und während des Reißens? Genau. Die Reue.

Um nichts weniger als Reue geht es im Purgatorium: Aus tiefstem Herzen haben wir unsere Verfehlungen zu bereuen. Und es zu bereuen, dass wir die Gegenwart des Himmels zwar schon erahnen, aber noch nicht in denselbigen eintreten dürfen.
Das Fegefeuer ist ein gutes Sinnbild für diesen Zustand, eine Waschmaschine im Schleudergang tut es aber, wie ich meine, eben so.

Oder meine Gartenhütte.
Sie ist aus Holz und groß, hat einen Zementboden, elektrisches Licht und drei funktionierende Steckdosen, ein Giebeldach, ein fahles Außenlicht und eine schwarzlasierte Fassade mit Querleisten, die südwestseitig im Begriff sind, sich unaufhaltsam aufzulösen. An den dünnen Wänden sind intelligente Vorrichtungen, in die man Gartenwerkzeuge mit Stiel klemmt oder drückt, und große Nägel, auf die man Stangen legen und anderes hängen kann. Unten wie oben ist ein kleiner Spalt frei, so dass sich Vögel oberseitig und Pfefferminzen-, Efeu- und andere Ranken unterseitig hineinverirren können. Rechterhand der Türe befindet sich ein plastikerner Schrauben- und Nagelschubladensetzkasten mit Inhalten, den ich bis heute habe hängen lassen. Die Idee fand ich bestechend, bisher benutzt hatten ihn jedoch nur diverse Gliedertiere.

Hätte ich die Gartenhütte leer angetreten, wäre sie vielleicht nicht zu meinem Purgatorium geworden. (Der Satz ist so jenseits falsch, dass er mich gerade zu schallendem Gelächter veranlasst hatte. Nur deshalb lasse ich ihn stehen. Und weil er ein guter Übergang zum nächsten ist.)
Aber nein, mit dem Haus- und Gartenhüttenkauf erbten wir auch einen Wust an beeindruckenden, mehr oder weniger verrosteten Gerätschaften, deren Zweck sich mir bis heute nur fast zur Gänze erschlossen hat. Und danebst einfach nur Müll, doch der musste erst als solcher erkannt werden. „So viel Platz!“ rief ich aus, als wir die verwitterte Türe zum ersten Mal öffneten und hineinsahen, „Und so viele Werkzeuge, die ich nicht mehr kaufen muss – das ist ja himmlisch!“

Zwei Jahre später war von diesem Himmel nur noch ein hustendes Wölkchen übrig. Das Gartenhäuschen war bis obenhin vollgestopft, mit Mühe konnte ich den Rasenmäher rauspfriemeln und das Verlängerungs-Kabel finden, das in die verdreckte Steckdose gehörte. Auf der To-do-Liste stand es zuoberst: „Gartenhütte räumen“ Es verblieb da oben. Lange.
Erstaunlich, wie lange man mit Widrigkeiten umzugehen weiß. Dass man tatsächlich noch was findet in einem zusammengewürfelten Sammelsurium aus Chaos. Wie ruhig man bleiben kann, wenn man mal wieder etwas umstößt, in etwas reintritt, umfällt und beim Festhalten runterreißt.
Eines Winters wurde es mir zu bunt.
Auf blütenweißem Papier zeichnete ich maßstabsgetreu den Grundriss hin und ging die Sache strategisch an.

Nach zwei Wochen war das Gartenhäuschen außen mittel- und innen hui. Das Hui lag unter anderem daran, dass ich zur selben Zeit zwei Möbel zu viel hatte, die im Herrenhaus nicht mehr erwünscht waren: Ein sehr langer, wackliger Schreibtisch und eine hässliche kleine Kommode. Luxusgüter für das Gartenkabuff. In die Kommode steckte ich Fressbares wie Hornspäne, Dünger, Rasensamen, nicht Stapelbares wie Vliese und Sackleinen und den Tüddelrest. Unter den Tisch kamen große Töpfe (die kleineren saßen gestapelt auf den bereits vorhandenen Regalbrettern) und sonstiger Rest; die Tischplatte blieb jungfräulich leer, damit ich dort vielleicht mal topfen würde oder so.

Und so blieb es. Drei Wochen? Vier? Egal: In kürzester Zeit sah es dort drinnen wieder aus wie bei Hempels unter fünf Sofas.
Die Kommodentürchen ließen sich nicht mehr richtig schließen, die Tischplatte war übersät mit geschichteten Dingen auf drei Wackeletagen, öffnete man die Tür, musste man erst mit dem Fuß beiseite schieben und dreimal fluchen.
Natürlich habe ich mich und mein Verhalten hinterfragt: „Wie kann es sein, dass ein mit Hirn ausgestatteter Mensch keine Ordnung aufrecht zu halten vermag?“ Ich meine, jetzt mal im Ernst, da ackert man wie blöde, räumt auf, um und ein. Das möchte man sich doch erhalten, da ist man doch nicht Sinnens, dieses Werk in Nullkommazwinker zu zerstören.
Ich bin es offenbar.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich aus rein dramaturgischen Gründen die vier furchtlosen Aufräumearbeiten vor der großen Umgestaltung unterschlagen habe. Dasselbe gedenke ich mit den dreien fruchtlosen danach zu tun. Erwähnung finden müssen sie trotz alledem.
Was hiermit geschehen ist.

Vielleicht kennt, wer hier liest, den Film Und täglich grüßt das Murmeltier. Es ist dies ein Schenkelklopfer, eigentlich nichts anderes als eine weitere 0815-Hollywood-Produktion, aber doch fegefeuerig wahr. Der mürrische Protagonist Phil durchlebt denselben skurrilen Tag wieder, wieder und wieder. Ich habe nicht nachgezählt, aber es sind etliche Wieders, an denen ihn jeden Morgen der Radiowecker mit demselben Lied (I got you babe von Sonny und Cher) weckt, nach dem der Sprecher zuverlässig dasselbe übers kommende stürmische Schneewetter sagt.

An diesen Film hatte ich gedacht nach dem so und so vielsten Mal Aufräumen. Ohne „I got you babe“, aber mit dem Öffnen der Tür und Ausrufen: „Mein Gott, du Babe!“ (Babe ist Schweizerdeutsch für weiblicher Dussel.) und es ging mir dabei ähnlich wie Phil: Nach diversen fruchtlosen Selbstmordversuchen … morgens war ja wieder alles wie gestern … resignierte er stillschweigend.
Zur Klarstellung: Nein, ich wollte mich wegen des Kabuffs nie wirklich entleiben. Aber auf den Zeiger ging mir die Situation. Und zwar gehörigst. Es folgte also Resignation.

Es gibt Momente, in denen man im Herrenhaus urplötzlich einen Kleiderschrank zu viel hat. Es sind seltene Momente, fürwahr, aber sie kommen vor. Mein Moment kam Anfang Januar vor. Nun stand ich also im Schlafzimmer, war am Aufschrauben und Auseinandernehmen und suchte verkrampft nach einem Verwendungszweck. Er musste schnell gefunden werden, ansonsten würden die Schrankteile wohl oder übel auf dem Dachboden landen. Dort wollte ich das sperrige Zeug aber nicht, weil ich im Dezember zwei hart erkämpfte Wochen damit verbracht hatte, eben diesen Dachboden piekefein aufzuräumen (mein drittes Purgatorium).

Kniend, das Gesicht knapp über dem Boden, linsten meine Augen nach einer runtergefallenen Schraube. Als ich sie gefunden hatte, war mir klar, was zu tun war.
Und so war ich kurz nach dem Zerlegen mitten im eindritteligen Ausräumen des Kabuffs, damit der Schrank vor Ort zusammengebaut werden konnte.

Ich fuhr die Schubkarre voller angerotteter kleiner Zaunpfähle zum Kompostplatz, etliche Töpfe und unzählig viel Zeug, dessen Namen ich nicht kenne. Bei der zehnten Ladung begannen dicke Flocken vom Himmel zu schweben. Das muss man sich mal vorstellen. Flocken! Den ganzen geschlagenen Winter kam nix runter außer Regen, nicht mal die Ahnung von Schnee. Aber nein, an diesem milden Sonnenstrahlscheinemorgen musste er kommen. Gewartet hatte er hinterlistig, bis ich so viel rausbugsiert hatte, dass es sich nicht mehr lohnte, es wieder reinzuschubsen. Fegefeuer passt da wirklich nicht.

Diese Woche kam Gartenbesuch. Als erstes steuerte der Mensch meine Kompostjungs an, um sie anzustechen und an ihnen rumzuschnüffeln. An jedem anderen Tag hätte mich das dahinschmelzen lassen, wäre ich stolz wie eine Mutter dagestanden und ganz still gewesen, um den zauberhaften Moment nicht zu zerstören.
Ungeduldig zupfte ich ihn am Ärmel und wies ihn an, mir zu folgen: „Das musst du gesehen haben!“ Zeremoniell öffnete ich die knarzend-ächzende Tür, rannte nach hinten zum Kleiderschrank, öffnete die rechte Tür und meinte: „Na?“
Der Besuch sah sorgsam aufgestapelte Töpfchen, strikte nach Größe geordnet, jeder Quadratzentimeter aufs Äußerste ausgeschöpft, nickte anerkennend, als mir dämmerte, dass gerade er einer war, der stets (stets!) ein aufgeräumtes Kabuff sein eigen nennt.

Er hatte den Zollstock auf der Schreibtischplatte übersehen.

Den brauchte ich vor einer Woche, um die Gehwegplatten im Gemüsequartier zu verlegen, die ich bis auf drei wenige erledigt hatte. Die anderen drei … nu …. hatte halt keine Zeit. Werde halt in nächster Zeit keine Zeit dafür haben. Aber er liegt schon mal bereit. Das ist gut.

Genau. So fängt’s an.
I … got you, babe.

6 Kommentare

  1. Ach Nick,
    Wort für Wort könnte da mein Purgatorium beschrieben sein. Auch ich fand eine Hütte vor, voller Geräte und Dünger (noch aus DDR-Beständen), zweikammrig. Alles vom Typ „kann man noch gebrauchen“. Äußerlich ein Schandfleck, was so langsam auch dem Mann, der täglich nach dem Aufwachen drauf guckt, auffällt. Allerdings: ich muss die Hütte mit ihm teilen, schließlich habe ich ja noch ein Gewächshaus (erst am vergangenen Wochenende aufgeräumt) und eine Abseite (über ein Jahr nicht aufgeräumt). Segeltaschen ordentlich gestapelt, die Hälfte des Werkzeugs ordentlich aufgehängt, alles andere griffbereit neben- und übereinander, eher nebeneinander, weil sonst unsichtbar und deswegen nicht existent und notfalls neu zu beschaffen.
    Es wird Frühling…Wie war das nochmal mit dem Frühjahrsputz?
    Hab einen schönen Tag ohne Reue!

  2. Hallo Nick,
    Du musst mich und meine Gartenhütte (die mehr ein Kellerraum ist) kennen. Ich habe Tränen gelacht und mich sehr ertappt gefühlt Sobald es wärmer wird werde ich mich auch der Herausforderung stellen.
    Genieß den aufgeräumten Zustand solange er anhält!

  3. Liebe Nick,

    Du kennst wohl unsere Hütte sprich unseren Schuppen? Wir haben es aber aufgegeben, mehr als 25 % der Fläche aufzuräumen. Im Winter beherbergt diese Hütte zusätzlich zu den üblichen Geräten noch den Terassentisch, 2 passende Holzsessel, einen dazu passenden Hocker. Wenn das alles raus ist, dann hat man sowieso im Garten ordentlich zu tun und will das Aufräumen im Herbst machen – ganz bestimmt! Bevor der Krempel wieder rein soll. Ach Nick, nehmen wir es doch einfach wie es kommt. Wozu aufräumen, ist doch immer wieder wie vorher.

    Und dabei bleibt es eben. Jedes Frühjahr und jeden Herbst grüßt das Murmeltier.

    So isses und so bleibt es.

    Liebe Grüße H. und H.

  4. Salü Nick

    Schöne Kapuff Geschichte.
    Ich gehe davon aus, dass der Kompost von gut duftender, krümeliger Struktur ist. Sei es Zausel oder welcher auch immer von den Dreien.

    Hat es sich beim Besuch wohl, um eine schweizerische Spezie gehandelt. Die zwar anerkennend nicken, jedoch kaum was sagen. So wie das beschrieben ist, sehr schön ordentlich eingeräumter Kasten. Frau sieht auf einen Blick was, wo und das Material ist griffbereit. Gratuliere. ?
    Ebenso die aufgeräumten Gartenwerkzeuge an der dünnen Wand auf der linken Seite, 1A! ?
    Muss ja wohl links sein, denn rechts ist ja der Setzkasten wie oben im vierten Absatz erwähnt.

    You get it well, babe

    Natternkopf

  5. Liebe Nick,

    Du bringst es wieder mal so treffend auf den Punkt!

    Ich habe einen kleinen Pflanzschuppen, in dem sieht es ganz genauso aus. Also vielleicht nicht genau so, aber genauso. 😉

    Immerhin bin ich stolz, daß ich in der weitaus größten Mehrzahl der Fälle der Hilfe immer noch sagen kann, was wo zu finden ist…. 😛

    Richtig peinlich nur immer, wenn garten-pur-Besuch ansteht!

    *rot wird*

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