Seifenoper

Eine leere Fläche neu zu gestalten ist wie Schreiben. Eine eigentümliche Mischung aus sorgsam durchdachtem Planen, Bauchgefühl, Zweifel, Zufall und Zufall.

Stehe ich vor einem leeren Beet(bereich), so passiert sehr oft Ähnliches. Nachdem ich Tage, wenn nicht Wochen am Plan gefeilt, schließlich die dafür benötigten Pflanzen gekauft habe und nun, in dem einen großen Moment mit Handschaufel, zig Töpfen und ohne den Pflanzplan (der ist gerade im Haus, meine Schuhe dreckig und ich zu faul) loslegen will, kommen die Zweifel.
Frischgeschlüpften klitzekleinen Spinnen gleich landen sie an hauchdünnen Fäden segelnd mitten in meinem Denken. Ich wische wirsch weg, lege die Töpfe aus, senke den Blick und trete einige Schritte zurück. Erst jetzt erlaube ich es mir, richtig hinzusehen und zu richten. Zögerlich hebe ich den Blick und sehe … als erstes zwei Töpfe, die umgekippt und runtergerollt sind. Ja, ich bin Fast-Hanggärtnerin; nahezu alle meine Beete haben eine gewisse Schlag- bzw. Rollseite. Ungeduldig gehe ich zurück, mosere über die Doppeldeutigkeit des Wortes „richten“, haue die Rolling Pots in den Boden und wiederhole die Prozedur. Die Spinnen des Zweifels – inzwischen dick und fett – schütteln unisono den achtäugigen Kopf.

Nach einer halben Stunde des Töpfchen-Hin- und Töpfchen-Hersetzens gehe ich ins Haus (trotz der dreckigen Schuhe), hole mir je nach Tageszeit einen Kaffee oder Wein, komme wieder raus, stelle mich vor die unschuldig dastehenden Töpfe und trinke mir Mut an: „So. Punktum. Jetzt sammelst du die Pötte zusammen und pflanzt aus dem Bauch raus. Wenn’s schief geht, kannst du immer noch umsetzen. Hopp!“

Und während dieses blind vertrauenden Pflanzens rollt mal wieder so ein Pott runter und man findet:„Och, hast eigentlich recht. Hier stündest du viel besser!“ Es trifft die Schaufelspitze beim Graben auf einen Kiesel, der sich nach mehreren Grabversuchen als Eisbergspitze eines Findlings entpuppt, also muss das andere Staudenkind mehr links hin als gedacht. Und weil man beim Einpflanzen die Velociraptoren mit fünf Händen wegschieben muss: „Würmer! Würmer! Würmer! Und anderes Kleinzeugs! Würmer!“ und sie mit Vorliebe in jedes geschaufelte Loch hüpfen, lässt man sie marodieren und gräbt heimlich ein Loch an anderer Stelle. Schwupps, drin ist der dritte Topf. So und ähnlich geht es weiter, bis man mit dem letzten Teil dasteht, die Augen schließt und den Arm glücksradmäßig kreist, sie öffnet, weil gerade eine Elster keckernd über den Kopf schießt, und dem stehen gebliebenen Zeigefinger folgt: „Passt. Da ist noch nix.“

Es ist schon vorgekommen, dass solche bäuchigen Zufallspflanzungen letztlich dem vergessenen Plan (im Haus und Kopf) erstaunlich ähnlich sahen.

Vielleicht hat es zwischen den Zeilen hervorgelugt: Jungfräulich nackerte Beete sind nicht wirklich meins. Auch wenn ich mich jetzt auf sehr dünnes Eis begebe: Würde mir eine gute Fee einige Hektaren an Brachland vorschlagen, die Arme verschränken, die Augen zudrücken und …, würde ich sie im letzten Moment davon abhalten, den finalen Kopfnicker zu tätigen. „Halt ein, Jeannie! Könnten wir evtl. darüber verhandeln?“

Es sind gewachsene Beete, die mein Herz höher schlagen lassen. Es sind dies keine Beete, sondern dicke Wälzer voller gesammelter Erinnerungen: Die eine unmögliche Ausläufer treibende Wucher-Rose „Orpheline de juillet“ kam dereinst als kleines Stecklings-Waisenmädchen daher, das alle Herzen schmelzen ließ. Das andere große Mädchen, den Ginkgo „Mariken“ verdiente ich mir, weil ein welscher Freund Schweizerdeutsch lernen wollte. Das weiße Tränende Herz kaufte ich, ohne etwas davon zu ahnen, in derselben Stunde, in der eine liebe Freundin starb. Den Wiener-Krachmandel-Baum schickte mir ein Wiener in einem kleinen, krakelig beschrifteten Couvert in Form einer … na, eben Mandel vor sechs Jahren. Kurz, nachdem ich meine ersten Astern dumosus gesetzt hatte, setzte ich mich selber hin und las Kurzgeschichten von Stefan Zweig, um im Nachwort auf den Namen zu stoßen, den ich eben gesetzt hatte: Professor Doktor Anton Kippenberg. Beim Pflanzen der linken Ilse Krohn hätte ich beinahe ein Stromkabel gekappt und so weiter.

Es sind dies keine Beete, sondern Lebensort voller mehr oder weniger glücklich erzwungener und gewählter Nachbarschaften. Letzten Endes sind sie nicht viel anders als das Quartier, in dem ich wohne. Die einen arrangieren sich, andere knüpfen enge Freundschaften und wieder andere machen sich das Leben schwer. Während das Leben die Seifenopfern in meinem Quartier schreibt, tue ich dasselbe in meinen Beeten. Da ich mindestens einmal täglich nahsehe, kriege ich alle Romanzen, Intrigen und Dramen mit.
Wenn jetzt wer denkt, ich fühlte mich gut dabei, Gott zu spielen, Streitereien zu schlichten, amouröse Avancen zu fördern, Intriganten zu bestrafen und der ästhetischen Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen, dann hat mich wer erwischt:
Ich liebe es.

Wer sich in der Seifenopern-Szene auskennt, weiß von der allgemeingültig herrschenden Maxime: Solange die Einschaltquoten stimmen, soll es kein Ende finden. Tja, wenn der Autor zugleich für diese Quoten sorgt, rückt ein Ende in fernste Nähe.

Der unerwartete Tod der königlichen Salix caprea „Kilmarnock“ vermochte sowohl die Zuschauerin als auch die Autorin zu schockieren. Über mehrere Staffeln hinweg war sie fester Bestandteil, wenn auch nicht immer sehr sympathisch. Was sollte mit ihrem Halbschatten-Fußvolk geschehen, das wegen ihres Dahinfallens nun plötzlich der sengenden Sonne ausgesetzt war?

Es ist keine zwei Wochen her, als ich beglückt hüpfend durch die Quartiere strich, um mir einen Überblick über die Besetzungslisten zu machen. Meinen zwei Liriope muscari gebührte eine Hauptrolle in meiner Schattensoap, weil immergrün und immerlieb. Das gebeutelte Mauerblümchen Phlox divaricata, dessen Schwester vor zwei Jahren schneckig und hinterrücks gemeuchelt worden war, wurde in Green’s Anatomy übersiedelt, dem Hochbeet für Gefährdete. Zum Trost setzte ich ihm das Veronicastrum villosulum zur Seite – die beiden mögen sich seit der letzten Staffel ungemein. Bei den drei zwergigen Waldgeißbärten war ich mir lange Zeit unsicher, bis sie die Initiative ergriffen hatten und sich einen Platz im Farnwehbeet erbettelten. Es sei. Korrekter: Es sei sein gewesen. Jedenfalls ist es jetzt so. Sollen sie sich mit dem Frauenhaarfarn rumstreiten – mal gucken, wer renitenter ist.

Und während ich noch anderes aus Kilmarnocks Reich umsetzte und damit neue Geschichten schrieb, ritt mich der Umsetzteufel ein paar unerwartete Tage lang länger.
Es waren gute Tage.
Ein leeres Blatt mit Wörtern zu füllen ist wie die Neugestaltung einer leeren Fläche. Eine eigentümliche Mischung aus sorgsam durchdachtem Planen, Bauchgefühl, Zweifel, Zufall und Zufall. Doch anders als beim Gärtnern gibt es für mich beim Schreiben nichts Schöneres als das:
das leere Blatt.

 

 

5 Antworten

  1. Ach Nick, nu haste Dir verkrümelt. 🙁
    Heute abend, nach einer gut verlaufenen aber anstrengenden Sitzung, habe ich mir noch etwas Gutes angetan und auf voller Arbeitsbildschirmgröße Grüntönendes reingezogen. Und plötzlich stand ich vor meiner fast leeren ehemaligen Schneebeerenfläche und bepflanzte die im Geiste zum vierten Mal (oder schon zum fünften Mal??). Das habe ich Dir zu verdanken. Ich werde Pflanzen mit persönlicher Geschichte dort hin pflanzen (umziehen), soviel ist klar!

  2. Meine schönsten Pflanzungen sind immer im Kopf, während ich vor mich hinplane, zeichne, schreibe und noch und noch Skizzen mache. Die Bepflanzung selbst muss dann hinterher immer wieder mal abgeändert werden, weil vielleicht zu dicht oder kein guter Standort oder die Farben fressen sich oder eine Pflanze benimmt sich etwas dominierend. Also wird an Blumentagen immer wieder mal umgepflanzt und umgezogen.
    . . . . . die Hoffnung, dass es mal wirklich so kommt wie ich es mir jeweils vorstelle, die habe ich immer noch nicht aufgegeben.
    L.G. Saattermin

  3. Zweifel als segelnde Spinnen. Wundersam poetisch in ihrer bildhaften Detailliebe. Zweifel sind grausame Biester, die einem den Spass an der Freude zu nehmen drohen (ich zitiere eine Aussage von dir :D) Bis man den Spiess umdreht, indem Einfälle am Zweifel vorbei geschmuggelt werden. Wenn man dann denkt, die bösen Zweifel wären ausgemerzt, überfallen sie einen als fette, achtäugige Achtbeiner. Nun mutieren die Spinnen erst recht zu fabulösen Comic-Figuren. Vor allem wenn sie unisono ihren haarigen Kopf schütteln. Aber in dieser Seifenoper sind nicht sie die Darsteller, sondern die grüne Pflanzenpracht. Protagonisten eines teils tragischen Stummfilms ohne die berüchtigte Hysterie von Soaps. Wer weiss, was sie in verborgenen, chemischen Gesprächen für Intrigen planen. Vielleicht bietet diese Art von Dialogen mehr Drama als im überspitzte Fernsehen. Nervenaufreibende Kämpfe um Sonnenstrahlen und verborgene Wurzelkonkurrenz für begehrte Nährstoffe. Ein Game of Thorns mitsamt überraschendem Tod von Floregent Kilmarnock. Wer weiss, was die humöse Brandung an den Findling spült, der als steinerner Kegel die Nachbarschaften trennt.

  4. @ Tara
    Soll noch einer sagen, ein Garten spiegle nicht die Welt. 🙂

    @ Oile
    Herrlich, dass du immer mal wieder erwähnst, wo du gerade den jeweiligen Grünton gelesen hast. Und: Wie schön! Ein doppeltes Erinnerungsbeet – schon allein das Roden und der anschliessende Sieg über die Schneebeeren ist ein Erinnerungspaket, das dich fortan stets begleiten wird.

    @ Saattermin
    Nur, ganz perfekt soll es nie sein, sonst könnten wir – oh Graus – nie mehr umpflanzen. Nicht wahr? 😉

    @ Tobias
    Games of Thorns, Floregent Kilmarnock, humöse Brandung am steinernen Trennkegel … ich schmeiss mich weg! Danke für diese herrliche Freude am Spass!

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