„Immer düsse Probleemplanten“ oder Erinnerungen eines alternden Dendromanen

Gastautor: Der grosse Bruder

Als Nick mich bat, zum zweijährigen Grüntönegeburtstag einen Gastbeitrag zu schreiben, sagte ich geschmeichelt, aber mit einem leichten nervösen Kribbeln im Bauch zu. Ich wusste, was kommen würde, und es kam: Kaum war die Zusage raus, war mein Hirn leer. Nicht das Fitzelchen einer Idee, was ich denn Interessantes, Amüsantes, Kurzweiliges beitragen könnte. Nur gähnende Leere, ein reinweißes virtuelles Blatt Papier – Horror vacui. Nick war frohen Mutes: „Mach Dir nicht so viele Gedanken! Du könntest doch ’ne tolle Geschichte schreiben über Spinneneier in Staubsaugern, oder über Glücksphosphat, Regenwurmmonster und Monsternacktschnecken – sowas haste doch echt drauf!“ Danke Schwesterherz, dass du mir sowas zutraust, da muss ich mir ja garantiert keine Sorgen mehr machen.

Bleib ruhig – geh‘ erstmal ’ne Runde laufen – wenn du im Flow bist, kommen dir immer die besten Ideen. Also blieb ich ruhig, zog die Laufklamotten an und trabte erwartungsvoll und frohen Mutes Richtung Frühlingswald. Die Buschwindröschen blühten, die Vögel sangen, die Sonne schien, meine Schritte wurden leicht, die Gedanken begannen zu schweben, und die Ideen kamen wie von selbst. Alles wird gut! Zuhause geschwind unter die Dusche und dann ab an den Schreibtisch – gähnende Leere, ein reinweißes virtuelles Blatt Papier – Horror vacui.

Ich kann doch nicht mit einem Diktiergerät durch den Wald rennen! Neuer Versuch: Statt mit Laufklamotten in den Wald mit einem heißen Milchkaffee in den Garten. Ich setzte mich auf die Bank und ließ den Blick über die Grünfläche schweifen, die als Rasen zu bezeichnen niemand in den Sinn kommen würde. Der „Rasen“ ist mir ziemlich egal, mein Herz hängt an den Gehölzen, die hier stehen: die hundertjährige Schwarzkiefer, die das Haus überragt, die großen Eiben, die Krimlinde, die Waldkiefer – die wenigen, aber imposanten Überlebenden des einstigen Parks. Und all die Neupflanzungen, die ich die letzten Jahre hier verbuddelt habe und die nun allmählich heranwachsen.

Ich überlegte: Wann hatte das eigentlich angefangen mit diesem Gehölzwahn? In frühester Jugend, so die Familiensaga, nahm mein Großvater mich mit in den winterlichen Märchenwald. Dort waren zwischen den weiß verschneiten Tannenbäumen verschiedene Märchenmotive dargestellt: Hänsel und Gretel mit dem Hexenhaus, Rotkäppchen und der böse Wolf und die sieben Geißlein usw. usf. Dort angekommen, soll ich nach zuverlässigen Zeugenberichten staunend ausgerufen haben: „Oh, wie schöööön! Soooo viele Bäume!“ Folge einer frühkindlichen Prägung auf Bäume, in einem Alter, das den eigenen bewussten Erinnerungen nicht zugänglich ist? Hatte man mich womöglich in einer kritischen Prägephase im Kinderwagen unter Bäumen abgestellt? Diesbezüglich ist leider nichts überliefert, nur, dass mein großer Bruder den Kinderwagen eines Tages wutentbrannt ins Kornfeld geschoben hatte. Da muss die Prägung aber schon erfolgt sein, sonst wäre ich wohl Landwirt geworden.

Meine weitere Kindheit und Jugend verlief unter dendrologischen Gesichtspunkten ziemlich unauffällig. Am Haus meiner Eltern standen mehrere große Birken, deren Samen und Laub zu beseitigen eine Aufgabe war, die nicht zuletzt mir aufgetragen wurde. Das war eben so und löste weder Begeisterungsstürme noch Wutanfälle auf diese Bäume aus, die so viel „Dreck“ produzierten. Im hinteren Teil des Grundstücks standen noch viele weitere Birken, ausgewachsene Eschen und diverse hundsgewöhnliche Fichten. Letztere fällten mein Vater und ich und rodeten die Wurzelstubben, alles von Hand, was selbst mitten im Winter eine reichlich schweißtreibende Angelegenheit ist.

Einen irgendwie gearteten Blick oder gar Tick für Bäume hatte ich nicht. Ich ging lieber angeln, fing Flusskrebse mit der Hand und Schlammpeizger in Aalreusen, stakte mit dem alten Kahn durch den Altarm des Flusses hinterm Haus, beobachtete Eisvögel und Kiebitze, lauschte dem Platschen der laichenden Hechte und dem lauten Gemecker der Himmelsziegen, die sich von hoch oben herabstürzten. Auf den Kuhkoppeln der Bauern gab es zahlreiche Teiche: Mergelgruben und wohl auch der eine oder andere Bombentrichter. Das Wasser in den Teichen war kristallklar, mit Wasserpest und Wasserfeder, Karauschen, Fröschen und Molchen. Später hielt die Moderne Einzug: Erst schütteten die Bauern Dünger und Pestizide in die Teiche, dann Erde – so musste man nicht mehr mit dem Traktor mitten auf dem Feld Kurven fahren. Der Fluss wurde reguliert, sein Ufer in Bongassiholz gezwängt, der Altarm verkam zum Rinnsal. Damit selbiges nicht gnädig, still und leise unter Pestwurz, Kletten und anderem „Unkraut“ verschwand, kamen allsommers in Anzüge Gehüllte mit „U46 Spezial“ – einer Mischung aus 2,4-D und 2,4,5-T, auch bekannt als „Agent Orange“. Proteste der Anwohner wurden abschlägig beschieden, denn „die Reduzierung unerwünschten Aufwuchses folgt den Vorgaben der ordnungsgemäßen Bewirtschaftung von Gewässerrandstreifen“, so die amtsdeutsch unmissverständliche Belehrung der zuständigen Wasserschutzbehörde.

Ähm, ich schweife ab. Entschuldigung, das ist bei alten Leuten so, die kommen immer vom Hölzchen aufs Stöckchen. Womit wir aber immerhin schon mal wieder näher beim Thema wären.

Die unbeschwerte Schulzeit ging zu Ende, was kam, war das Studium. Natürlich Biologie (die Chemie, die lassen wir hier mal beiseite). Zum Studium gehörten Exkursionen: „Bestimmungsübungen heimischer Vögel“, im Sommer, Treffzeit stets Sonnabendmorgen 4:00 früh. Ich absolvierte das unumgängliche Teilnahmeminimum und verabschiedete mich – der frühe Vogel kann mich mal — in die Botanik. Pflanzen fliegen nicht weg und lassen sich auch zu angenehmeren Tageszeiten bestimmen. Wir schlichen also mit Buch und Lupe durch Wiesen, Felder und Wälder, über Moore und an die Meeresküste und mühten uns ab. Mir schien: Je kleiner die Pflanze, desto größer die Begeisterung der Dozenten – unvergesslich, wie einer im strömenden Regen erst die lehmige Steilküste hochkraxelte und dann auf dem Hosenboden wieder runterrutschte, in der lehmverschmierten Hand ein paar grüne Fitzelchen: „Hier! Aloina aloides! Eine mediterrane Moosart! Und das hier an der Ostsee! Eine Sen-sa-tion!“ Zweifelsohne. Auf dem Rückweg dann: „Hier stehen ein paar Esskastanien im Park – wer die wohl gepflanzt haben mag. Mediterrane Gewächse – wären das Tiere, spräche man zu Recht von Tierquälerei!“ „Ähm, aber das Moos? Und was für ein Nadelbaum steht da vorn?“ „Das ist etwas Anderes, und mit nicht autochthoner Vegetation beschäftigen wir uns hier nicht!“ Ah ja. Zuhause dann die Fragen der Verwandtschaft: „Sag mal, du studierst doch Bio – wir haben da so einen Strauch im Garten, du weißt doch bestimmt, was das ist!“ Ähm, Entschuldigung, aber möchtet ihr nicht viel lieber wissen, welche Moose da auf der Gartenmauer wachsen?

Schließlich der Blick ins Vorlesungsverzeichnis fürs kommende Wintersemester: „Bestimmung, Anatomie und Physiologie von Holzgewächsen“ – das sollte mein Kurs werden. Wir rätselten über heimische Gehölze im Winterzustand, schauten uns die Gehölze im Alten Botanischen Garten an und versuchten uns mittels des Fitschen an Nadelbäumen, von denen ich bis dato allenfalls flüchtig gehört hatte: Bei Pinus ponderosa hätte ich an Bonanza gedacht, aber nicht an mächtige Kiefern mit wundervollen langen Nadeln und imponierenden Zapfen. Metasequoia glyptostroboides – das hätte ich weder schreiben noch aussprechen können – jetzt hörte ich fasziniert von der Entdeckungsgeschichte dieses lebenden Fossils. Dazu Sequoia und Sequoiadendron – wer war bloß dieser Sequoia, und wieso wurden Bäume nach dem benannt? Und all diese Bäume wuchsen hier, in Gärten und Parks direkt vor unserer Nase und in Augenhöhe zu bewundern! Ganz bequem und ohne Frühaufstehen oder auf Knien im Morast herumzurutschen.

Unser Kursleiter erzählte enthusiastisch von seinen Reisen in die kalifornischen Nationalparks, und wir sahen Bilder von Bäumen, bei denen einem erst auf den zweiten Blick aufging, dass das „Unterholz“ aus ausgewachsenen Kiefern, Eichen und Tannen bestand. Wir erfuhren, was „Dendrochronologie“ ist, und staunten über zählebige Bäume, die an unwirtlichen Berghängen dem Tode trotzen, seit unvorstellbaren 5000 Jahren und immer noch lebendig – die Ancient Bristlecone Pines, die einmal mit eigenen Augen zu sehen ich mir damals fest vornahm.

Von da ab wars um mich geschehen. Ich verbrachte Stunden in der Bibliothek, stöberte dort in Krüssmanns „Laub-“ und „Nadelgehölzen“ und anschließend tagelang durch Botanische Gärten und Parks, immer auf der Suche nach exotischen Gehölzen. Ich entdeckte, dass nicht wenige davon in Baumschulen zu haben waren, und ich entdeckte eine Zeitschrift, in der es immer wieder spannende Berichte zu lesen gab, über asiatische Ahornarten, exotische Nadelgehölze, Gehölze der Südhalbkugel und und und (richtig – die „Gartenpraxis“). Ich schleppte Gehölze herbei oder zog die selbst aus Saat heran – zum Leidwesen meines Vaters, der mich zunehmend mit der Frage konfrontierte: „Jung, wo schall ick denn blooß noch hin mit all düsse Probleemplanten, de du hier anschleppen deist. Düsse Araukarien, Südbuchen, Spanische Tannen, Nikko-Tannen, Arizona-Korktannen, Mandschurische Walnussbäume, Ponderosakiefern, Maiglöckchenbäume, Sumpfzypressen (Ut Florida? Wenn dat man wat wart!) und wie de sünst noch all heeten mögt! Wie hebb doch bald keen Platz mehr för all dat Tüch!“ Doch, hatten wir, irgendwo fand sich immer noch ein Eckchen. Glücklicherweise gab es damals noch kein Internet, sonst hätte meine Leidenschaft wohl den Garten gesprengt. Aber heimlich war mein Vater natürlich doch stolz darauf, was sein inzwischen völlig dendromanisierter Sohn da so alles anschleppte.

Der elterliche Garten ist längst Geschichte – das Grundstück verkauft, die Bäume? Keine Ahnung, ich will’s auch nicht genauer wissen. Viel wichtiger ist, dass ich später das große Glück hatte, an ein Grundstück zu kommen, auf dem ich weiter meiner Leidenschaft frönen kann – und ich hatte das Glück, auf ein paar Reisen einige der bewunderten Bäume mit eigenen Augen am Naturstandort sehen zu dürfen. Ja, auch die Ancient Bristlecone Pines zählen dazu.

Der Kaffee ist alle, die Sonne weg, allmählich wird es kühl. Die Gedanken kehren in die Gegenwart zurück. Jemand hupt: Die Paketpost, wie immer spät dran. Ein Paket für mich – das ging aber schnell, erst letzte Woche bestellt und jetzt schon da – zwei neue Zaubernüsse: ‚Twilight‘ und ‚Duftzauber‘. Ein Eckchen ist schließlich immer noch frei.

9 Kommentare

  1. ein maßgeschneidert grüntöniger gastbeitrag, das schwesterherz darf mit recht stolz auf diese jubiläumsgabe sein. und wie gut, dass sich horror vacui schön nachhaltig mit holz vollstopfen lässt! 8) ;D

    1. Das stimmt natürlich.
      Aber da war zuvor kein „Horror vacui“, eher ein Horror aceri“, sprich: hunderte von Ahornsämlingen.

  2. Ich würde mich ja freuen, wenn sich sonst noch jemand traut zu sagen, wie er oder sie zu seiner bzw. ihrer Garten- oder Pflanzenmanie gekommen ist. Muss ja nicht ein ganzer „Roman“ sein.

  3. auf natur und garten kam ich durch meinen opa, der zeigte mir ersteres und hegte das zweite. dann ist da noch mein onkel, der diesen „meinen“ ersten garten am wohnblock übernahm und später einen anderen zehn dörfer weiter pachtete. an meiner pflanzenmanie sind wohl vor allem aufreizende und insbesondere monographische artikel in gartenzeitschriften und die im anschluss benannten bezugsquellen schuld, das erinnere ich jedenfalls als ursprung einiger hinwendungswellen. heute verlockt täglich das internet, oder die gartenpraxis.

    eine – wenn nicht sogar DIE – erste pflanzenmanische welle fokussierte auf einen anbieter botanischer raritäten mit inspirierenden herkunftsminiaturen als katalogprosa, ergebnis war die einigermaßen unvollkommene luxusneubepflanzung eines schon vorhandenen „steingartens“ und jede menge in den sand gesetztes taschengeld…

  4. Meine Eltern hatten immer einen großen Garten. Ich aß als Kind gern die Erd- und Johannisbeeren, nur von direkter Pflanzen- oder Gartenliebe keine Spur bei mir ?, jedoch große Natur- und Tierverbundenheit. Jeder Ausflug ging in landschaftlich schoene Ecken und Wildparks. Spaeter, als wir in ein Reihenhaus umzogen, plante ich als Twen die Anlage dieses Gartens und er wurde der abwechslungsreichste Handtuchgarten der Gegend ?… Mit „Normalopflanzen“, mit Baum, Teich, Gemüse, Zierbereich. Dann nach sehr kurzem Minigartenintermezzo in der Großstadt war ich lange Jahre Balkongaertnerin, die sich irgendwann vor lauter Toepfen darauf nicht mehr rühren konnte. Seit 1 Jahr genau habe ich einen großen Kleingarten und weiß nun, was mir so gefehlt hat! Nie wieder ohne ! Ein bisschen fühlt es sich so an: Viele Jahre trug ich das Koernchen Gartenliebe ( von Eltern und Großeltern) mit mir nur herum. Ab und an regte sich der Keimling, aber nun, am richtigen Standort und zum richtigen Zeitpunkt, ist er zur starken Pflanze geworden! Sorry, das war nun doch ein Roman ?

  5. Moin,

    ich hab‘ echt überlegt, wohin denn nun? Ist nämlich gar kein Kommentar, sondern die Frage einer Gartenfreundin von mir, der ich das erste Büchlein der Grüntöne geschenkt hatte, ob es denn nicht vielleicht eine Fortsetzung gäbe?

    Sie ist nicht der Typ für’s Internet und obwohl ich ihr den Blog auch schon ans Herz gelegt hatte, schaut sie bestimmt nicht ‚rein hier, obwohl sie von der ersten Geschichten so sehr begeistert war.

    Und so ein bisschen nachgedacht hat sie Recht. ; ) Am schönsten sind die Erzählungen wirklich auf Papier gedruckt an einem netten Platz im eigenen Garten. Also ist mein Glückwunsch an Dich (und uns) zum Jubiläum verbunden mit dem Wunsch nach etwas handfestem. Gerade so die Kurve hingelegt.

    Ach ja, der Anfang……eigentlich wollte ich nur einen schönen Garten um mich herum haben wenn ich draußen sitze……

    Liebe Grüße Malva/Andrea

    1. Der Dendromane dendromaniert gerade ausserhäusig, darum bin ich so frech, frank und frei, die Kommentare zu seinem Text zu kommentieren.
      Bloglurker und Corinna, wunderbar war es, von eurem manischen Werdegang zu lesen. Ganz besonders diese zwei Juwelen:
      „mit inspirierenden herkunfstminiaturen als katalogprosa“
      und
      das Körnchen Gartenliebe, das hin und wieder zu keimen begonnen hatte und inzwischen eine starke Pflanze ist.

      Andrea, du liebe Humorvolle, die Kurve hast du mehr als elegant hingelegt!
      Zu deiner handfesten Frage:
      Tatsächlich bin ich gerade mittendrinst und dabei, einen Verlag für die Grüntöne zu finden. Dieses Findenwollen hat etwas von einem Sechser im Lotto, darum kann ich nichts versprechen. Sollte mich Fortuna mit ihrem Füllhorn erschlagen, wirst du zu den Ersten gehören, die es erfahren. Immerhin dieses Versprechen kann ich dir geben.

  6. Lieber Bristle, ick wusst ja janicht, dette so schön schreiben kannst!

    Und dazu zeigst du mir auch grad wieder mein denrologisches Defizit. Auf die Idee in meinem Garten ein paar „anständige Bäume“ zu pflanzen, bin ich leider nie gekommen. Bisher habe ich nur Hausgeist für seine Umsicht bewundert, bei der Planung mit den Bäumen zu beginnne.

    Nun bewundere ich dich auch!

    L.G.
    Gänselieschen

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