Strauchdiebe

Sträucher haben mich über erstaunlich lange Zeit weder tang- noch fasziniert. Irgendwie gab es die nicht in meinem Garten und weniger noch in meinem sehnenden Wollen. Mir stand und lag der Sinn nach Staudigem, nach Bückgut, nach Tüddel-Kille-Kille, nicht nach sperrigem Geäst, in dem sich mein Haupthaar heillos verhedderte und das mich mit blutigen Striemen zeichnete. Diesem Gähn-Gedöns, diesem.

Gut, stimmt. Das erste Gewächs, das ich hier gepflanzt hatte, war ein blauvögliger Hibiscus syriacus, der sich dann als halb rotherzig herausgestellt hatte. Insofern hatte mein zweites richtiges Leben also mit einem Strauch begonnen. Schräg, wenn ich’s bedenke, denn ansonsten hatte ich mit denen wirklich nichts am Hut, dafür sagten die mir einfach zu wenig.

Ja, da war die viele, viele Schritte lange Hecke aus Liguster. Aber das waren keine Sträucher, das war eine Hecke. Genauso wie meine Buchseinfassungen Einfassungen waren. Und die langsam einkehrenden Rosen waren genauso wenig Sträucher wie die halben Einen: Lavendel, Thymian, Ysop, Caryopteris oder so. So eigentlich richtige Sträucher wuchsen in meinem Vogel-Gehölzhang, den ich mit Sämlingen bestückt hatte, die die Mutter meines Nichtgärtners im Wald ihres Vertrauens ausgegraben hatte. Aber das waren dann keine Sträucher, sondern halt so naturnah-einheimisches Vogelzeugs.

Wenn ich da anknüpfen dürfte: Das naturnahe Vogelzeugs wurde bis heute von der Vogelwelt schnöde ignoriert. Weder nistet man in der bestachelten Zone, noch macht man sich die Mühe, die vitaminreichen Beeren und nährenden Samen in zeitraubender Kleinfisselei zu knabbern. Stattdessen wird winters zu den rechten, linken, unteren und oberen Nachbarn geflogen, wo jeweils ein bequemes DriveFly-in mit Fastfood lockt.
Bis auf den einen und einzigen Ausnahmestrauch, den ich wider all meine Abneigung gepflanzt hatte. Der (Tusch bitte, aber mit drohendem Moll:) Sanddorn.

Der Sanddorn erwischte mich, als ich in die Primarschule ging. Weil man gerade damals medial herausposaunt herausgefunden hatte, dass es ein unglaublich gesundheitsförderndes Ding ist, wurde mir täglich ein Löffel dieses Bäh-Sirup-Gelees in den Mund geschoben, bis ich revolutionär die Arme überkreuzt und die Lippen zusammengedrückt geäußert hatte: „Meim!“ Ob das gereicht hatte oder ich überzeugendere Argumente ins Feld hatte führen müssen, weiß ich heute nicht mehr. Irgendwann musste ich jedenfalls nicht mehr sanddornen, worüber ich froh war.

Nun also. Man ist nicht nur so blöd, etwas zu pflanzen, wovon man weiß, dass es ein „Meim“ ist, nein, man muss noch einen draufsetzen:
Tatsächlich hatte ich nur ein einziges Exemplar gepflanzt, sprich die weibliche „Leikora“. Niemand befand es für nötig, mir zu verklickern, dass die auch einen Befruchter bräuchte. „Pollmix“ zum Beispiel. Das fand ich (inter)netterweise erst dann raus, als die Leikora bereits mutterseelenallein in meinem Hang eingebuddelt war. „Kotz. Jetzt muss ich auch noch einen Polluxdingens pflanzen. Hab doch gar keinen Platz mehr!“

Ich ließ es bleiben und im ersten Herbst kamen sie trotz alledem, die knallorangen Beeren, die nicht hätten sein dürfenkönnen. Verunsichert gestaltete ich in der Folge die Hunde-Spazottelwege mit detektivischer Absicht. Da musste irgendwo in der Nachbarschaft ein männliches Gegenstück zu finden sein und ich würde es finden.

Ich tat es nicht. Aber man kann ja nicht bei jedem Hinz und zweitem Kunz anklopfen, um mal eben nachzufragen, ob einer eventuell einen männlichen Sanddorn sein Eigen nennt. Und so wichtig war es mir letztlich dann auch nicht, denn ein Wunder wird es nicht gewesen sein.
Wie auch immer, es gab also Beeren. Und kaum waren die reif, sah man nur noch Flatterdiflatterda und leer war der Strauch – mit offenem Mund sah ich zu und war froh, dass man mir das üble Zeug unter der Nase weggeklaut hatte.
Flatterdiwurz machte dieweil die Leikora und eroberte mit unzähligen Wurzelausläufern das Kräutergarten-Terrain oberhalb des Vogelgehölzhangs. Das mag man nicht, dass strauchiges Wurzelausläuferzeugs sich in Staudenbereiche mischt, so weit geht die Vogelliebe dann auch nicht. Mit Nichgärtners Hilfe entfernte ich das beliebte Übel so erfolgreich, dass sich letzten Winter nicht ein einziger Gefiederter in meinem Vogelhang hat einfinden wollen.

Sträucher hatte ich also eigentlich keine, abgesehen von denen, die ich hatte. Der zuverlässig betörende Ceanothus delilianus „Gloire de Versaille“, die wasserfallige Buddleja alternifolia und noch einige wenige andere waren in der Zwischenzeit eingezogen, aber seltsamerweise vermochten sie alle mein Herz nur für kurze Momente zu stehlen. „Ich bin halt“, so sagte ich achselzuckend zu mir selber, „kein Strauchmensch. Sollen sich andere strauchomanisch vergnügen, ich bleib bei meinen Stauden.“

Dieses Jahr steht im Zeichen der strauchigen Wende.
Wiederum waren es Geflügelte, die mich leiteten, und wiederum deren Mägen. Für meine Velociraptoren und ein bisschen auch für uns Menschen hatte ich vor- und letztes Jahr je eine Maul-, Josta- und Stachelbeere gepflanzt. Ich wurde reich beschenkt: Die Maulbeeren waren die gesamte Saison über der Renner für uns alle, die Josta hatte nur eine Frucht, die ich Nichtgärtner vermachte, der sie gesichtverziehend runterschluckte. Die Stachelbeere, von der Nichtgärtner ebenfalls die erste Frucht kriegte und sie „echt lecker“ fand, wurde am selben Tag hinterrücks innerhalb einer halben Stunde leergeräumt. „Wenn ich“, so dachte ich, „mehr Fruchtgesträuchs pflanzen würde, würden für Nichtgärtner vielleicht auch mal drei, vier Stachelbeeren mehr abfallen. Aber wo pflanzen?“

Als ich in meiner winterbluesigen Not eines neuen Projekts bedurfte, kam es über mich: Freiwachsende Sträucher statt dreimeterhoher Ligusterhecke. Nach langem Auslesen und Hin- wie Herüberlegen erwarb ich Anfang März sechs neue Sträucher. Drei für das Geflügel:
Amelanchier canadensis „Prince William“,
Physocarpus opulifolius „Diabolo“ und
Aronia x prunifolia „Nero“
und drei für mich:
Calycanthus floridus
Lonicera purpusii „Winter Beauty“ und an des toten Kilmarnocks Stelle
Exochorda macrantha „The Bride“.

Es fühlte sich an wie Weihnachten, als ich die sechs vorbestellten und unverhofft großen Sträucher in mein Auto hievte und vorsichtig die Kofferraumtüre zudrückte. Auf der Heimfahrt fuhr ich mit Bedacht und schnitt jede Kurve, um die Neuerworbenen nicht unnötig zu verletzen, berauscht am Zitronenduft der Lonicera. Bis heute habe ich die Fußabdrücke der wurzelnackt Ballenverpackten nicht von der Kofferraumtür entfernt und jedesmal, wenn ich sie öffne, überkommt mich ein Zitronenlächeln. (Um ehrlich zu sein, war ich einfach zu faul dafür. Das tut dem Zitronenlächeln aber keinen Abbruch, ganz im Gegenteil.) Und so wurde jedes eingepflanzt, mit viel Liebe, Kompost und Velociraptoren-Gegucker.

(Während ich schreibe, hier in der blauen Stunde unter der Wisteria, knallt jede Viertelstunde ein Samenstand auf. Gerade eben war wieder einer dran. Wüsste man nicht, worum es sich handelt, hüpfte das Herz in mindestens einen Schuh, so sehr knallt es einem ins Ohr. Als ob sie akustisch daran erinnern müsste, dass ihre Blüten gerade am Aufgehen sind. Himmelnocheins. … Ist eine Wisteria ein Strauch?)

Von da an begann und endete mein täglicher Gartenrundgang bei den sechs neuen Schützlingen. Kaum erwarten konnte ich den magischen Moment, wenn Knospen sich öffnen und Blätter sich langsam entfalten würden. Jeder Strauch mit anderen, die eingehend bezoomt werden wollten. Natürlich hatte ich die meisten schon gesehen, sowohl in anderen Gärten als auch auf Bildern, aber so richtig kennenlernen konnten wir uns da nicht.
Er zögerte sich hinaus, dieser magische Moment, was mir – gar nicht unwillkommen – Zeit zum Denken gab: „Und wie die Blüten wohl aussehen werden und riechen? Und die Fruchtstände? Ob die Raptoren wie gewünscht darüber herfallen? Und die Herbstfärbung? Oh, die Herbstfärbung! Und wie sie sich im Lauf der Jahre wohl entwickeln?“
Die Sechs hatten es noch im Winterschlaf geschafft, mich rettungslos um den kleinen Zweig zu wickeln.

Mit unerwartet erwachter Strauchliebe feierte ich die sich regenden Blattriebe und daraufhin die Felsenbirnenblumensterne und werde gerade nicht müde, seit Tagen vom Exochorda-Brautschleier zu schwärmen. Als nächstes werden der Calycanthus (rostrot zittern die Knospen) und die Aronia (stoisch-gelassen spannen sich langsame Schirmchen auf) aufwarten. Und … die hellfrisch belaubte Lonicera müsste nun langsam Fruchtstände …

Ich bin dann eben mal weg.

 

 

 

3 Antworten

  1. Wunderbar! Heute machte ich mir beim Besichtigen eines neu angelegten Staudenbeetes so meine Gedanken: Wie lange werde ich physisch noch in der Lage sein, diesen überwiegend „bestaudeten“ Garten ordentlich zu pflegen? Ein Sträucherfreund (in meinem Garten) war ich ja noch nie, aber Dein Bericht vom langsamen Anfreunden macht Mut und eines Tages wird es mir vielleicht nicht so schwer fallen, aus den Staudenbeeten Sträucherbeete werden zu lassen.
    Viele Grüße und Danke für diesen Lesegenuss.

  2. Liebe Nick
    Dein Federvieh wird sich im Herbst gewaltig beeilen müssen, um sich ein paar Aroniabeeren zu schnappen. Die Amseln lieben diese Beeren heiss! (Ich sehe schon das um beerenringende Federvieh unter dem Strauch…;))
    Schön bist du bei den Sträuchern angekommen, im Gegensatz zu dir habe ich eher bei denen angefangen und schlage mich jetzt ein bisschen durch die Stauden. Und ein bisschen hatte ich ja die Hoffnung, dass mich auch mal das Gemüse packt, aber ich fürchte…, das wird nichts.
    Die Apfelbeere blüht im Moment grad wunderbar, nicht? Selber schuld, wer keine pflanzt. 😉

    • Eure Kommentare finde ich herrlich; schon alleine deswegen, weil sie aus gegensätzlichen Standpunkten geschrieben wurden.

      Jenny, wenn mein Text dir dabei hilft, auch Sträuchern was Gutes abzugewinnen, dann fühle ich mich geehrt und freue mich gleichzeitig für dich und deine künftigen Strauchgenossen. (Psst: Es gibt viel mehr hübsche Habenswerte darunter, als man als Strauchoskeptiker annehmen würde.)

      Neo, ich glaube fest an meine wehrhaften Mädels. Und: Ja, die Apfelbeerenblüte ist herrlich. Ich kann nicht anders, als in ihren akkuraten Sträusschen was Biedermeierliches zu sehen … mit gerümpfter Nase guckt die Aronia zum wildwuchernden Ligusterrest links und zum „Diabolo“ rechts. „Pfö“, sagt sie mit geschürzten Lippen, „ich bin viel hübscher!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.