Geduldsfäden

Ein Garten, so sagt man, lehre uns Geduld.

Mit Verlaub: Dies ist Blödsinn und ein unerträglich törichter noch dazu. Und wenn man ihn mit Kreuzstich auf ein schönes Tuch gestickt und eingerahmt im Geräteschuppen aufhängt oder in ein hübsch aufgemachtes Büchlein mit Lebensweisheiten packt – am liebsten noch mit Rosenblütenmotiven, denn Geduld bringt ja bekanntlich …
Wahrer wird er deswegen auch nicht.

Faden Nr. 1

Wahr ist, dass wir älter werden. Und in der Regel haben Leute, die urplötzlich einer brodelnden Gartenleidenschaft erliegen, meist nicht nur ihre Pubertät, sondern auch die nachfolgenden zehn, zwanzig Jahre hinter sich gebracht. Was weiter nicht verwundert. Es gibt weiß Gott Wichtigeres im Leben eines heutigen sechzehnjährigen Menschenwesens, als die Frage, warum die Wintersteckzwiebeln nicht angegangen sind.
Ganz abgesehen davon werden Gartenbesitzer mit jedem Gartenbesitzjahr ein Jahr älter.

Mein Schulweg war fast ganz genau einen Kilometer lang. Das wusste ich, weil unser Primarlehrer so schlau war, uns Maßeinheiten auf ungewöhnliche, aber sehr einprägsame Weise beizubringen: Mit einem einen Meter langen Karton sollten wir in Kleingruppen unserer Wege gehen und zwar genau einen Kilometer lang, säuberlich vermerkt auf einer Karte. Ich fand das damals wahnsinnig lang: „Einen ganzen Kilometer gehe ich zu Fuß zur Schule!“ Kein Wunder brauchte ich so lange. Immerhin waren da ganz viele Dinge zu entdecken. Der Weg führte an einer Antikschreinerei vorbei, einem Fahrradhändler, einem Haus mit zwei Kläffern, einer Eisenwarenhandlung mit Rehen im Gehege, zwei Bauern und ganz vielen spannenden Einzelheiten auf dem Trottoir.
Ob hin oder zurück, der Schulweg, nun, mein damaliges Leben überhaupt, war so vollgepackt mit Eindrücken und Winzerlebnissen, dass mir eine Stunde vorkam als wären es zehn. Mindestens.
Und nun sagt man so einem Kind: „Jetzt übertreib mal nicht und übe dich in Geduld. Morgen ist ja schon dein Geburtstag. Bis dahin wirst du dich wohl zusammennehmen können und die Päckchen in Ruhe lassen.“ Morgen! Äonen bis morgen!

Heute ist morgen ein Augenzwinkern entfernt. Doch, das Alter hat auch seine Vorteile: Mit jedem Jahr mehr wird eine Stunde zuverlässig kürzer. Man kann also genauso ungeduldig sein wie eh und je, scheint aber doch jährlich geduldiger. Tja.

Auf dem Tisch neben meinem Laptop stehen ein paar Töpfe mit Gauchheil drin. Die habe ich gestern (also Anfang März) innerhäusig gesät und von ihnen erwartet, dass sie tun, was Einjährige zu tun haben: Möglichst schnell wachsen, damit man sie möglichst bald als Lückenfüller in die Beete klatschen kann – gerne auch im Verbund –, und dann möglichst bald mit dem Blühen anfangen. Die sind entrüstenderweise noch nirgends. Wenn die so weitermachen, blühen die vielleicht mal im Oktober. Oder so.
Es ist mein erstes Gauchheil-Mal und ich schon recht alt. Geduldig? Kein Fitzelchen.

Faden Nr. 2

Viel besser als den Gauchheil und dessen eigentypisches Verhalten kenne ich die gemeine Gartenerbse. Und weil ich sie nun schon zum wiederholten Male angebaut hatte, lief ich heuer nicht nagelhautknabbernd an den ausklappbaren Erbsen-Spalieren aus Ligusterzweigen auf und ab, um mich in besorgte Rage zu denken: „Die keimen nicht. Da kommt nichts. Das geht doch nicht. Was, bloß, machen wir ohne Erbsen? Und jetzt noch nachsäen, ist doof. Oder soll ich? … Ach je, wir werden erbsenlos durch dieses Jahr wanken! Die Schmach!“
Nichts dergleichen. Nonchalant, eine Augenbraue wissend und überlegen hochgezogen, begutachtete ich das Nichtkeimen und wusste: Die brauchen ihre Zeit, das wird schon.
Das hat nichts mit Geduld zu tun, sondern nüchtern und platt mit Wissen. Denn ginge es nach mir, Ungeduldige, die ich bin, keimten Erbsen bereits am ersten Tag nach dem Gesetztwerden.

Faden Nr. 3

Bestünde mein Garten ausschließlich aus Erbsen, dann hätte ich ein nachvollziehbares Geduldsproblem. Zuerst täten die scheinbar nie keimen, um es dann doch zu tun und sich innerhalb weniger Wochen wieder zu verabschieden.
Als höchst geduldsproblematisch empfand ich mein erstes Gartenjahr. Gesetzt hatte ich eine Handvoll Pflanzen, die verloren in den beiden ausladenden Beeten vor sich hinwuchsen und hofften, dass niemand sie bemerken würde. Ich tat es. Täglich. Und sah zu, wie sie sich Schildkröten in Zeitlupe ähnlich alle Zeit der Welt nahmen, um vielleicht ein bisschen in eine erkennbare Breite und Höhe zu gehen.
Danebst hatte ich gesät und gesteckt. Auch dies in so überschaubarem Rahmen, dass kein Einzelnes davon ungehört ein neues Blättchen hätte aufploppen lassen können. Darüber hinaus drehte ich täglich jedes Töpfchen, um in den Abzugslöchern die ersehnten weißen Wurzelspitzen zu erspähen.
Duldsam ließen sie diese Peep-Show-Misshandlung über sich ergehen und warteten auf bessere Zeiten, die dann auch kamen.

So, wie ich mir stetig einen Jahresring mehr zulege, nimmt der Garten an Fülle zu. Und siehe da, scheinbar abgeklärt-geduldig kann ich heute in den Garten pilgern und entdecke immer wieder ganz viel Neues. Mehr noch, hin und wieder verpasse ich sogar Einiges, was ich eigentlich kaum erwarten kann.

Die Mispel hat sich klammheimlich hinter meinem Rücken mit Blüten geschmückt, ein übermütiger Pulk von Verbascum phoenicum wogt winkend mit dunkelvioletten Stängeln, wo vorhin nur flunderplatte Rosetten waren, die erste Pfingstrosenblüte ist schon fast ganz offen und urplötzlich weht mir ein schwer-leichter süß-blumiger Duft entgegen – ach so, die Convallarias!
Sag mal, wann ist das denn passiert?

Faden Nr. 5

Viel mehr noch frage ich mich, wann es passiert ist, dass Geduld als Tugend gesehen wird. Langmütig erduldetes Warten – nichts anderes ist Geduld letztendlich – kriege ich nämlich immer dann cremig hin, wenn mir das zu Erwartende herzlich schnurz ist. Das Reifen der fünfzigsten Feige nehme ich mit einer Gelassenheit hin, dass daneben ein Stoiker zappelphilippig wirkt. Die erste glücksverheißende Blüte einer Tomate hingegen versetzt mich in einen Zustand dauernder Erregung, bis der erlösende Ruf an Nichtgärtners Ohr dringt: „Die erste Tomate! Wir haben die erste Tomate! Komm schnell, das musst du dir ansehen!“ Stecknadelgroß und hellgrün offenbart sich das heiß Ersehnte und wird gebührend gefeiert – zumindest von mir.

Kitzelnde Vorfreude soll eine Untugend sein? Vorfreude auf etwas, das man wertschätzt, das man nicht als selbstverständlich hinnimmt und dem man Respekt zollt? Oder Sorge, die einem schwer auf der lädierten Schulter lastet, weil man um ein Leben bangt?

Erstaunlich oft erweist sich gärtnerische Ungeduld nicht nur als tugendhaft, sondern auch als angebracht. Wie viele Pflanzen erlitten einen so jämmerlichen wie ungewollten Tod, weil ich sie nicht früh genug gesichert oder in mein Notaufnahme-Beet verfrachtet hatte. Wie viele lukullische Momente wurden uns versagt, weil ich dachte: „Nu, das ist wie mit den Erbsen. Einfach abwarten, dann keimt das Zeug schon noch.“ Wie viele Flüche hätte ich mir ersparen können, hätte ich mich nicht besänftigt: „Och, nu lass dem Ding doch seine Zeit. Gut, es rhizomt schon unter der Buchshecke durch, aber es ist immerhin Moxakraut. So eine Artemisia douglasiana ist schließlich was Spezielles und vielleicht wirst du es ja wirklich mal zum Räuchern benutzen.“
Geduld kann richtig dämlich sein.

Gestern (also irgendwann im März) hatte ich an zwei verschiedenen Stellen Erbsen gesät. Bei der einen konnte ich kürzlich das Ligusterspalier unverrichteter Dinge wieder rausziehen und zusammenklappen: Das Saatgut war zu alt und für eine erneute Aussaat ist es erfahrungsgemäß zu spät.
q.e.d.

 

 

 

 

 

 

 

 

6 Kommentare

  1. Liebe Nick, Deine Grüntöne sind ja immer sehr treffend beobachtet und auf den Punkt gebracht. Aber der Text von heute ist die bisherige Krönung und hat mir einer breites Dauergrinsen ins Gesicht gezaubert. Die größte Tugend der Gartenbegeisterten wunderbar in Worte gefasst – herrlich! Danke:-)

  2. Danke Nick!
    Mit der Geduld ist es wirklich so eine Sache 😉
    Hab deine Fäden eben mit Vergnügen auf unserem FerienSegler gelesen – ungeduldig auf Wind wartend und desdewegen unter Motor fahrend 😉

  3. Salü Nicole

    Genussvoll zu lesen, wie so oft.

    > Oder Sorge, die einem schwer auf der lädierten Schulter lastet,
    Somit ist klar: Wünsche DIR und deiner Schulter gute Genesung und jetzt kommts.
    Eine Schulterheilung die braucht Geduld, da können mind. 2x Erbsen angesät, abgelesen und verspeist werden. 😉

    Weiterhin gute Gartensaison 2016 mit den Hühner und dem Nichtgärtner.

    Herzlichst Natternkopf

  4. Das mit der Geduld hab ich auch noch nicht geschafft… man pflanzt was Staudiges und weiss, dass das frühestens in drei Jahren (Amsonien brauchen mehr. Mistdinger!) schön sein wird. Bäume sind eh nur was für Enkel, wobei dieses undankbare Pack dereinst sowieso alles fällen wird, um dortselbst Petunien unter Thuja anzulegen, weshalb ich das mit der Fortpflanzung (fort mit den Pflanzen, her mit dem Graus…) bisher gelassen… item. 2 Jahre lang leidet man und zweifelt. Ab dem fünften Jahr ist Schwelgerei, und man kommt zu nix mehr.
    Ach, diese Blogbeiträge sind der!massen nachvollziehbar!

  5. Heyhey,

    Sprich mir nach: eins-zwei-drei-vier-vier-vier-fünf 😉
    Gerade in der letzten Zeit habe ich mir oft darüber Gedanken gemacht, wie ich geduldiger werden könnte. Doch habe ich nicht bedacht, dass Ungeduld auch was Positives sein kann.

    1. Was habe ich gelacht und mich gefreut über eure Kommentare!

      @ Rosenfee: *freu*
      @ Wühlmaus: Herrlich! Und das von einer Seglerin. Passt hervorragend. (Du liest die Grüntöne in Ferien? Da bin ich aber mehr als gepauchbinselt!)
      @ Natternkopf: Wunderbar pointiert auf die Erbse gebracht. Wie du richtig erkannt hast, zickt sie noch rum, die Schulter, aber irgendwann gewöhnt man sich auch daran (man ist erstaunlich schmerztolerant, wenn man tun will, was man am liebsten tut).
      @ Binsk: *die Tränen aus den Augen wischend*. Genau so. Da ich auch kein Enkelpack haben werde, widme ich mich ebenfalls den Amsonien und leide, zweifle, schwelge und komme zu nix mehr.
      @ g.I.: Danke, Schwesterherz. Was tät ich bloss ohne dich! 😉

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