Vergleichungen

Manchmal habe ich nicht nur eine, sondern gleich zwei Schnirkelschnecken auf den Augen. Und manchmal bleiben die jahrelang drauf, bis mal eine von beiden wegkriecht, begleitet von einem laut ausgestoßenen Aha.

Gärtner sind Menschen und Menschen neigen dazu, sich mit anderen zu vergleichen, die dasselbe oder zumindest etwas sehr Ähnliches machen. So gesehen sind Gemüsegärtner am meisten Menschen.
Als mein einer Vater (ich habe zwei davon) letzten Sommer beim Anblick meiner Tomatenarmee meinte: „Wir haben auch Tomatenstauden, aber nur vier davon. Ich sag dir, wir ernten schüsselweise. Schü-ssel-weise! Wir wissen schon nicht mehr, wohin damit“, sah ich drei tägliche Riesenschüsseln vor mir, jede so voller Tomaten, dass immer mal wieder eine zu Boden kullerte, und fühlte schwindelnde Blässe in mir emporsteigen. „Warum“, so böckelte es in mir, „warum ernten wir trotz der deutlich größeren Pflanzenmenge nur gerade mal so viel, dass uns die eingekochten Tomaten knapp bis Mitte Januar reichen?“ Der faule Odem reinen Neides lüftelte durch mein Hirn.
Überflüssigerweise zeigte mir zwei Wochen darauf mein anderer Vater ein Foto eines griechischen Basilikums, den er als Jungpflanze ausgerechnet von mir gekriegt hatte. Ungläubig betrachtete ich das Foto, sah von diesem Busch beeindruckenden Ausmaßes auf meine eigenen, die nur halb so groß vor sich hindümpelten und tat schlau: „Du erntest wohl nichts davon, hm?“
„Ganz im Gegenteil“, so mein Vater, „ich schneide dauernd was weg. Und zwar Mengen, sag ich dir!“ Ich biss mir auf die Zunge und war schlecht gelaunt.

Im Normalfall würde man sich ja freuen für die Väter, ihnen den Erfolg gönnen, aber ich bin Gemüsegärtnerin und – wichtiger noch – die einzige Gagagärtnerin der Familie. Da freut man sich nicht. Da vergleicht man und ist sauer. Nicht auf sie, sondern auf sich. Ganz offensichtlich musste ich nicht nur etwas, sondern verdammt vieles ganz und gar falsch machen, anders wollte sich das ums Verrecken nicht erklären lassen.
(Nicht, dass dies die ersten zwei Gemüsegartenvergleiche meines Lebens gewesen wären. Die beiden dienen als stellvertretende Beispiele. Die folgenden Erkenntnisse aber sind … beschämenderweise … tatsächlich erst kürzlich eingetreten.)

Die erste Schnirkelschnecke kroch irgendwann im Dezember weg, und hinterließ eine so selbsterklärende wie platte Einsicht: „Schüssel“, „schüsselweise“ und „nicht mehr wissen, wohin damit“ sind – so überraschend es anmutet – keine normierten Maßeinheiten.
Eine Schüssel kann zehn Liter oder einen fassen; wenn man einmal pro Woche eine Schüssel füllt, geht das widerspruchslos als schüsselweise durch, und Menschen, die nicht täglich Tomaten verwerten, geschweige denn welche auf Vorrat einkochen, können auch mit einer bescheidenen Ernte überfordert sein. Aha.
Schwieriger wurde es beim zweiten Fall, denn dessen fotografischer Beweis wollte sich auch mit aller Mühe nicht wegargumentieren lassen. Ich musste bis zu diesem März warten, als ich auf mein erstauntes Feststellen: „Ich kann mir immer noch nicht erklären, warum dein Basilikum so groß war“, die lächerlich lapidare Antwort bekam: „Na, ich hatte da drei Stück reingesetzt.“

Die Vergleichung ergab: Drei Stück sind doppelt so groß wie eines. Uff.

Schnecken pflegen sich nicht nur auf meine Augen, sondern auch mit raspelndem Appetit auf meine Pflanzen zu pflanzen. Vielen klagte ich mein Jammerleid, viele nickten wohlwissend, tätschelten mir verbal auf die Schulter und meinten: „Du musst einfach früh genug mit dem Schneckenkorn-Einsatz beginnen und gleichzeitig fleißig absammeln, dann kriegst du das hin.“ Mein anderer Vater schwärmte von der Schnipp-Methode und schwor, dass er innerhalb dreier Monate die gesamte Population auf niedlich wenige Exemplare dezimiert hätte: „Man muss halt einfach dranbleiben.“ Andere, besonders feinfühlige Zeitgenossen meinten: „Schnecken? Sind bei mir kein Problem. Da bin ich echt froh, du!“ Und schließlich wollte es mir mein Lieblings-Staudengärtner rundweg nicht abnehmen, dass meine Schleimer über Salvia verticillata, Heuchera, Nepeta racemosa „Grog“ und Knoblauch herfielen, geschweige denn diese dem Erdboden gleichmachten. Ich fühlte mich sehr allein, konnte nicht an meiner Wahrnehmung zweifeln und musste deshalb in Betracht ziehen, dass sich genau an dem einen Flecken auf der Erde, dort, wo sich zufälligerweise mein Garten befindet, eine furchtbar mutierte Limax-Spezies etabliert haben musste. Oder, dass ich ungerechterweise den Schnecken die Schuld in die Schuhe geschoben hatte, denn die vergreifen sich ja anscheinend mit Vorliebe an geschwächtem, eh dem Tod geweihten Gewebe.

Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, wie es mir schneckentechnisch in der letzten Zeit, so rein emotional, erging. Denn …
seit Februar gibt es irgendwie so gut wie keine mehr. Ohne dass ich ein einziges blaugefärbtes Körnchen hätte streuen müssen! (Diese zwei Sätze bitte dreimal laut lesen und dabei immer glücklich-lauter werden.)

Alleine dieser Umstand wäre schon Geschenk genug, aber es ging noch weiter: Flach atmend stand ich vor den Clematis, um die von unten her neu gebildeten Triebe nicht zu erschrecken. Neue Triebe von unten! Noch nie gesehen! Wenn es gut ging, hatte der jeweils verbleibende eine Trieb irgendwo in schwindelerregender 75-Zentimeter-Höhe ein Blättchen schieben und darum überleben können. Im häufigeren Fall wollte selbst das nicht klappen. Triebe von unten! Und dann bildeten sich Blüten. Blüten! Im April!!! Wenn ich früher die erste Blüte Mitte Juli hatte begrüßen dürfen, hatte ich mich bereits geadelt gefühlt.
Ungläubig wankte ich die Waschbetontreppe runter und besah mir das rechte Beet. Zoomend klebte sich mein Blick an etwas Wohlbekanntem fest. Konnte es sein? Es konnte. Da, dort und dort drüben … Ritterspornsämlinge.
So was hatte ich bisher nur in Saatschalen gesehen. Auf dem Wohnzimmertisch.

Mein Leben ist urplötzlich ein ganz anderes, weil ungemein einfacher. Musste ich früher warten, bis ein Setzling eine stattliche Größe erreicht hatte, um ihn ins Beet zu setzen oder ihn mittels ästhetisch schmeichelhafter Pet-Flaschen-Überstülpung versehen – was meistens eh für den Schneck war –, konnte ich heuer wagemutig pflanzen und direkt säen. Sehe ich zufälligerweise mal so einen Schleimer (für diesen Satz hätte ich mich noch vor zwei Jahren neidgelb gesteinigt), dann schmeiße ich ihn mit Schmackes über die Hecke. Selbst in diesen sintflutartigen Tagen wurde nur ein bisschen an den Stangenbohnen und den Aster dumosus genagt sowie – mit erfolgreicher Tötungsabsicht – an drei Basilikumbabys.

Zufrieden betrachtete ich die nicht nennenswerten Schäden, ging beschwingt und – ich gebe es zu – beschwipst (so ein Glück muss man feiern) ins Haus und wäre beinahe auf einer Hühnerausscheidung ausgerutscht. Auf Gehweg-Platte. So ärgerlich der Umstand, so erfreulich die Nebenwirkung. Den Velociraptoren und nur ihnen allein hatte ich mein neu erworbenes Glück zu verdanken. Sie verschlingen nicht nur die hinterlistig-verheerenden Nanoschnecklein, sondern auch die Eigelege der Riesenschleimdinger.
Zweite Vergleichung: Raptorenkaka ist nicht überall schön, aber tausendmal besser als Schnecken.

Wir kommen zur vorerst letzten beweglichen Augenklappe.
In meinen gärtnernden Jahren – das sage ich nicht ohne Stolz – habe ich inzwischen stattlich viele Kubikmeter an Erde bewegt. Pflanzlöcher wollten ausgehoben werden (und seien sie noch so klein, in der Summe summieren die sich beachtlich), Wiesen umgestochen, Erdreich von A nach B transportiert, … Ein einziger knorziger Krampf schon alleine das Raushebeln eines überalterten Löwenzahns. Aber nu, das gehörte halt dazu, nicht wahr. Den Boden muss man sich verdienen, den hat man sich mit Au und Fluch urbar zu machen, wir sind hier nicht im Schlaraffenland. Und siehe da, mit der Zeit arrangiert man sich, da und dort wachsen Muskeln, Erfahrung wie auch die Auswahl an geeignetem Werkzeug und man kriegt es dann tatsächlich hin, in einem halben Nachmittag ganze zweieinhalb Rasenquadratmeter in ein neues Pflanzbeet zu verwandeln (inklusive neckischer Auf- und Aneinanderreihung der Rasensoden zu Füßen der oberen Hecke). Zwar kurz darauf hochrot geschwitzt und mit einem fühlbaren Pulsecho in den Ohren, die Gliedmaßen fühlten sich an, als hätten sie aus wabbeligem Pudding bestanden, aber man war glücklich und klopfte sich mit der letzten verbliebenen Kraft andeutungsweise auf die Schulter.

Das wäre alles herrlich und wunderbar gewesen, hätte ich nicht dauernd im Gartenforum, in dem ich regelmäßig lese, gelesen, dass andere dieselbe Arbeit mit einem lässigen Fingerschnippen und dies in einem Bruchteil meiner Zeit erledigten. Nein, die hatten keine schweren Maschinen an ihrer Seite, die kriegten das alleine mit Spaten und Händen hin. Mit aufgerissenen Augen saß ich vor dem Bildschirm und las von Leuten, die eben 1000 Frühlingszwiebeln versenkt hatten – noch vor dem Znüni! – oder von solchen, die … es war zum Wegklicken.

Wäre die fette Schnecke nicht auf dem einen Auge geklebt, hätte ich es schon vor drei Jahren merken müssen. Ich war damals zu Besuch bei einer Gärtnerin, deren Hauptaufgabe darin bestand, ihren sandigen Mutterboden mittels Kompost und Mulch in ein nachhaltig pflanzenverträgliches Substrat zu verwandeln. Mit Fleiß, Verstand und Ausdauer hatte sie es hingekriegt: „Schau mal, Nick, das da war mal reiner Sand!“ Sie zeigte auf den Boden und ich streckte – wie erwartet – meinen Zeigefinger rein. Er glitt durch herrlichen Humus und so sehr ich drin rumstocherte, ich kam nicht zum Sand runter. So beeindruckt von der erfolgreichen Bodenverbesserung stieß mein Zeigefinger nicht zur wesentlichen Erkenntnis. Stattdessen hinkte Gevatter Neid, wenn auch großmütig, aus dem Hinterhalt hervor: „Verflucht! Jetzt arbeite ich doch schon seit Jahren daran, meinen Boden zu verbessern, auf dass die Oberschicht den erwünscht humos-fluffigen Charakter annehmen würde. Probier mal in meinen Boden einen Zeigefinger einfach eben so reinzustecken … kommst du tiefer als zwei Zentimeter, hast du ihn garantiert verstaucht.“

Liebevoll klaubte mir eine sehr liebe Freundin diesen Vorfrühling den großen Schnirkel vom Auge: „Du arbeitest mit fettem Lehm, wir mit reinem Sand. Wir müssen wässern und düngen wie blöde, dir bleibt das erspart, dafür biste zum Malochen verdammt. So einfach ist das“, und fügte an: „Das lässt sich nicht mal ansatzweise vergleichen.“

Es lässt sich überhaupt kein Garten auch nur ansatzweise mit einem anderen vergleichen, so ist das. Nicht mal in meinem eigenen Garten klappt das:
Der vordere Teil, einige wenige Meter tiefer und nicht nur deswegen mikroklimatisch deutlich anders gelegen, ist immer viel schneller, je nachdem üppiger oder mickriger und, besonders bedeutsam, dort gehen meine Raptorinnen nie hin. Außer neulich, als die Zutraulichste einen gemeinsamen Spaziergang wagte. Aber das interessiert hier gerade niemanden.

Gäbe es tatsächlich Paralleluniversen und mein Garten stünde fünfmal an demselben Flecken auf diesem, jenem und anderen Planetenrund, so wären da der Velociraptoren fünfundfünzig an der Zahl, dort hätten vor zwölf Jahren seltsame elektromagnetische Wellen Solanum lycopersicum zu einem üblen Unkraut mutieren lassen, eine Parallelnick hätte nur eine Seele in der Brust, eine andere hätte einen steinernen Nichtgarten, in einem dieser Gärten wüchse kein Fingerhut und in einem anderen gäbe es dressierte Gartenrotschwänze, die mittels keckernder Laute zuvor definierte Unkräuter zum Absterben bringen. (Yepp. Es sind derer sechs. Dass ich nicht zählen kann, hatte ich bereits im letzten Beitrag eindrucksvoll bewiesen.)
Nicht mal paralleluniversalische Gärten lassen sich vergleichen. Und sei es nur, weil in einem dieser Gärten beim Anblick einer Heucherablüte gehustet wurde und in allen anderen nicht. Das reicht schon. Ein einziger Wollschweberflügelschlag entscheidet über Füllhornfülle oder Dahinsiechtum.
So ist das.

12 Kommentare

  1. Das ist mal wieder wunderbar! Auch ich ärgere mich dieses Jahr wieder über weg gefressene Bohnen und Salate, was nur in meinem Garten so ist, während die Nachbarin vor übervollen Gemüsebeeten steht. Die andere NAchbarin erzählte dann, daß diese mit Mengen von Schneckenkorn und Blaukorn arbeitet und sie dieses Gemüse nicht essen wolle. Sooo ist das , dachte ich und war gleich viel zufriedener.
    Dir wieder ganz lieben Dank für diese Gedanken
    Stephanie

  2. Salü Nicole

    Zitat:
    >Außer neulich, als die Zutraulichste einen gemeinsamen Spaziergang wagte. Aber das interessiert hier gerade niemanden. Probier mal in meinen Boden einen Zeigefinger einfach eben so reinzustecken … kommst du tiefer als zwei Zentimeter, hast du ihn garantiert verstaucht.“ <

    Genussvoll zu Lesen. Ersetzt beim aktuellen Regenwetter die Sonne 😀

    Weiterhin gute Gartensaison und "Schulterpflegendesarbeiten"

    Liebi Grüss
    Natternkopf

  3. Nochmals salü

    Die Zeichen > < sind wohl ein Befehl im Textfeld 🙁
    Zweimal hintereinander wird ausgeblendet

    Da fehlt mein Komentar dazu.
    … Aber das interessiert hier gerade niemanden. / Heute nicht dafür einandermal 🙂
    … hast du ihn garantiert verstaucht.“ / Jo, das kommt mir bekannt vor.

    Lg von Echium vulgare

  4. Wie wahr! Was auch immer gut ankommt bei zerrütteten Gärtnerseelen, sind diese wohlblühenden Symphoniefotos perfekter Staudenkombis.
    Keiner fragt, wie das zwei Wochen danach aussieht oder von einem um 10 cm verschobenen Blickwinkel aus.
    Gärtner lernen heisst klagen lernen. Isso.

  5. . . . . ich bin einfach nur neidisch auf Deinen schneckenlosen Garten!

    Bei diesem Dauerregen haben die Schnecken in meinem Garten teilweise richtig gewütet und geraspelt. Ein Gutes hat es trotzdem: Jetzt weiss ich ganz genau, welche Pflanzen den Schneckenstress überstehen . . .

    L.G. Saattermin

  6. Ich muss deshalb so vehement verneinen, damit ich es mir auch wirklich glaube. Keine Hühner ! !
    Man (Frau) ist ja so vernünftig ! – dass mir nicht eines schönen Tages kleine Federbällchen in meinem Garten rumhüpfen . . . . .

    Saattermin

  7. Schnirckelschnecken mit ihren Spiralenschalen. Wollschweber als glückbringende Schutzgeister. Wenn jene nicht gerade spuken und Unheil beschwören mit ihren Flügelschlägen. Faunistische Fabeln gedeihen ja herrlich in deinem gedanklichen Garten.

    Schnecken befallen plötzlich nicht nur Balsamico und Knoblauch, sondern verkleben auch die Augen eines Opfers. Sie raspeln sich dort an neidgetränkten Vergleichungen satt. Geduld bleibt die einzige effiziente Waffe gegen diesen Quälgeist. Eine gefühlte Ewigkeit vergeht bis sich die Schnecken in Zeitlupe aus dem Schleim machen – ihre Schneckensekunden färben leider ab. Glücklicherweise nehmen sie die teuflische Spirale aus Neid und Vergleichungen gleich mit, die einen sonst immer tiefer hinabziehen würde.

    Es fällt wie Schnecken von den Augen. Endlich ist da wieder freie Sicht auf die Wahrheit, wenn auch vorerst getrübt und verschwommen durch all den glitzernden Schleim, der mahnend zurück bleibt.

    1. Tobias, an dieser Stelle ein grosses Danke dafür, dass du niederschreibst, was dir beim Lesen in den Sinn kommt. Als würde so ein Text, kaum habe ich ihn veröffentlicht, davonschweben, in andere Gehirne und Ansichten und Gefühle und …
      dort würde er dann weiter Blüten treiben.
      Den Konjunktiv kannst du in deinem Fall definitiv streichen. 😉

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