Neunzig Prozent

Angefangen hatte alles mit den beiden Arisaemas. Die kamen nämlich nicht.
Gut, „nicht kommen“ ist bei diesen Klodeckeln ja so eine Sache. Die legen bekanntlich viel Wert darauf, einen aufsehenerregenden Auftritt hinzulegen, indem sie erst dann aus der Erde schauen, wenn alles andere schon längst draußen ist. Bis Anfang Juni kann man den Satz „die kommen nicht!“ also noch kokettierend herumschwenken.
Die waren aber Ende Juni immer noch nicht gekommen und die dunkle Ahnung ließ sich nicht länger wegwedeln. Umso mehr, als die Dritte meiner Drei in der Zwischenzeit ungerührt, ohne Schneckenlöchlein oder Hahnentritt, emporgekegelt war und sich so unanständig wie ersehnt zu entblättern begann.

Das Schlimme an der ganzen Sache war nicht, dass das betroffene Beet nun zwei Klodeckel große Lücken aufwies – an ein Leben mit Lücken hatte ich mich ja eh schon herangetastet. Auch nicht, dass ich keine Ahnung hatte, warum die beiden unter der Erde verharren wollten, um dort entweder das nächste Jahr abzuwarten oder aber … ächz … vor sich hinzufaulen. Nein, das wirklich Üble daran war die nicht sterben wollende Hoffnung und dass ich die letztlich totschlagen musste, um sie schweren Herzens begraben zu können.
Dass so etwas eigentlich Schönes und Nettes wie die Hoffnung so zermürbend sein kann.

Aus lauter Freude am kulturellen Erbe habe ich gerade „Hoffnung“ bildergegoogelt, um herauszufinden, was mir da präsentiert würde. Nun ja. Als Gärtner hat man’s da schwer mit dem Hoffen. Entweder wachsen auf erodiert-rissigem Boden in einer Wüstenei einsame, vor Saft und Kraft strotzende Sonnen- oder Gänseblumen oder man sieht sie von ganz, ganz nahem … Löwenzahn-Samenstände. Im Ernst jetzt? Die wundersame Versamung eines Löwenzahns als Sinnbild für Hoffnung?
Verzerrten Gesichtes blieb ich an einem Engel aus dem 16. Jahrhundert hängen, der zur Sonne blickte und dessen Umrisse mich stark an meine Figur erinnerten. Ja, ich bin am Abnehmen. Immer noch. Und immer noch ohne sichtbare Resultate. Danke für die Erinnerung.

Ganz aufgegeben habe ich die Hoffnung bei der einen Hosta noch nicht. Ich mag jetzt nicht aufstehen, das Gartentagebuch hervorkramen und nachlesen, wann ich das Hostabeet erstellt hatte, es war jedenfalls vor sehr, sehr langer Zeit. Und die erste war eben diese: Hosta sieboldiana „Elegans“. Jedes Jahr Klodeckelblätter. (Man könnte nun meinen, mein ganzer Garten sei … nein, ist er nicht. Da wächst auch ganz viel Filigranes.) Also Elegans. Jahr für Jahr eine große, zuverlässige Freude, außer heuer. Die anderen kamen wie immer, die Klodeckel kamen aus unerfindlichen Gründen nicht über meine Handtellergröße hinaus. Leise regte sich eine kleines Ängstchen, das bei jedem Überprüfungsblick größer wurde: Ob es sich um das Hostavirus handelte? Schon als ich das Kürzel zum ersten Mal gelesen hatte, lief mir ein fürchterlicher Schauer den Rücken runter und die Unterarme entlang … HVX. Das tönt nach „Leute, nehmt die Beine unter den Arm und lauft. Lauft!“

Die Hosta-Panik war mir nicht zu verdenken, hatte ich doch gerade eben festgestellt, dass meine Cylindrocladium-bedrohten Buchspflanzen das ereilt hatte, was ich niemals für möglich gehalten hätte. Und doch, es geschah. Er ist nun tatsächlich doch noch über uns gekommen, der Zünsler. Natürlich genau zu dem Zeitpunkt, in dem meine Maßnahmen Früchte trugen und der Pilz sich zwar nicht von selber vom Acker gemacht hatte, aber immerhin mitsamt den befallenen Exemplaren geworden wurde. Ich stand da mit der Mini-Heckenschere in der einen Hand, grübelte im Gespinst nach Gewürm, besah mir die Schäden und begann so laut- wie haltlos zu kichern. Hätte ich stattdessen eine Axt in der Hand gehalten, hinter einer Tür gelauert und keinen Busen gehabt, wäre ich die perfekte Besetzung für „Shining“ gewesen.
In diesem Fall war keine Hoffnung zu bestatten, es bleibt beschlossene Sache, der Buchs kommt raus, sukzessive, und wird durch Teucrium ersetzt. Auch gesund und unbeleckt durch Zünsler und Cladien zieht der Buchs mit seinen Wurzeln zu viele Nährstoffe aus den umrahmten Beeten, als dass ich ihn länger durchfüttern möchte.
Warte mal … die Elegans steht in einem Buchsrahmenwinkel … ob die einfach zu wenig zu fressen hat? (So, liebes Bildergoogle, schaut Hoffnung aus, nimm dir ein Beispiel!)

Als nächstes kam die Krautfäule. Nicht gänzlich unerwartet. Wenn es wochenlang regnet und sich zu Füßen der wackeren Kartoffelpflanzen Stauseelein bilden, dann muss man mit einem rosa spitzenbesetzten Gemüt ausgestattet sein, um auf eine anständige Ernte zu hoffen. Ich nahm die Bürde ergeben hin und schnitt das Laub bodeneben ab, um dann je nach Bedarf ernten zu können.
Beim Pflanzen hatte ich noch siegesgewiss in die kühle Märzenluft gejauchzt: „Mehr als 80 Stück! So viele habe ich noch nie gesetzt! Das wird unser legendäres Kartoffeljahr, oh, wie freu ich mich!“ Nun ja. Die ersten Erntedurchgänge zeigen, dass es mehr wird, als man zu hoffen wagen durfte, aber weniger, um als legendär durchgehen zu können. Es ist ok. Es wäre ok-er, wenn zum Ausgleich, so als pointierte Laune der Natur, plötzlich Ende Juli die beiden Arisaemas doch noch rausgucken würden.
Das geht aber natürlich nicht. Nein. Aber dass das meiste Gemüse – die Gurken, Kürbisse, Bohnen, Roten Bete oder Fenchel – mindestens einen Monat hinter dem Terminplan herhinken, das dann schon.

Hinkend oder eher schnauf-schlurfend kam mir der Cerberus auf dem Spaziergang entgegen und ignorierte meine in die Hüfte gestemmten Hände, den einen klopf-klopfenden Fuß und das vorwurfsvolle Antlitz. Das Tier hatte dem Düngerpellet-Häuflein am Ackerrand nicht widerstehen können und hemmungslos zugeschlagen. Es hätte ja was lustig Anekdotisches gehabt, dieses kugelrunde Wesen auf vier kaum mehr sichtbaren Beinchen, wären die Pellets organischer Natur gewesen. Zu dritt haben wir gelitten, zu zweit die nötigen Maßnahmen ergriffen und dann gehofft (Hunde können nicht ergreifen und kennen keine Hoffnung).
Ein Gutes hatte die Sache: In dieser bangen Woche schaute ich nicht ein einziges Mal nach den beiden verlorenen Töchtern und den wenig eleganten Handtellern. Und um die Kartoffeln zu hoffeln, hatte ich mir ja eh schon abgeschminkt.

Gut so. Kaum hatte sich der Kleine einigermaßen erholt, holten mich Milben ein. Nicht an den eh noch nicht vorhandenen Gurken, sondern im Velociraptorenstall. Bis anhin hatte ich das Gesocks recht gut im Griff, Gesteinsmehl und Neemöl sei Dank, aber diesen Juli scherten die sich einen so luftfeuchten wie schwülwarmen Dreck drum. Im Halbtagestakt verdoppelte sich die Population und lachte sich scheckig über meine verzweifelten Maßnahmen. Wer diese Tiere nicht kennt und keine Raptoren sein eigen nennt, kann sich das Grauen nicht mal ansatzweise vorstellen.
Wenn man weiß, dass eine gewisse Menge dieser Millimeter kleinen Blutsauger einen erwachsenen Velociraptor ins Jenseits befördern können, geht einem der Anblick eines lebendigen Epizentrums aus diesen wuselnden Spinnentieren ans Lebendige. Tapfer zerdrückte ich Hunderte und bestäubte noch einmal so viele, sie vermehrten sich ungerührt. Bis ich eines Nachts erwachte … Es kitzelte auf dem Unterarm. Milbig. Panisch drückte ich neben den Lichtschalter und erwischte ihn beim vierten Mal. Rote Vogelmilbe in Ehebett.

Machen wir’s kurz: Ich versiegelte den verseuchten Stall bis auf Weiteres, schaufelte eine Ecke frei im Purgatorium (ja, schlimm, ich weiß, der Gartenschuppen sieht wieder so aus, als hätte niemand Stunden um Stunden … wie auch immer), bastelte notbehelfsmäßig zwei sichere Sitzstangen in luftiger Höhe, unterlegte mit Plastikplane, und stellte Essen und Trinken hinter des Rasenmähers Popo.

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Die Mädels nahmen das Sommerlager erstaunlich gut an und fetzen seitdem fröhlich durch den Garten, als seien sie zwei Jahre jünger.
Derweil explodieren Fantastilliarden an Milben vor schierem Hunger im Stall. So jedenfalls meine Wunschvorstellung. Irgendwann werde ich genügend Wagemut zusammengekratzt haben, die leicht quietschende Türe zum Grauen öffnen und mit schwerem Dampfreinigungsgeschütz den Feind vernichten, gnadenlos.

Vorletzten Dienstag hatte ich die liebste all meiner Schwiegermütter am Hörer.
„Und? Wie geht’s dem Garten?“
„Nun … ich bin zu 99 … na, 90 Prozent echt zufrieden.“
„Potz! Das ist viel!“

Ja, das ist viel. Aber nebst den erwähnten hoffnungslosen Fällen wuchs, gedieh und nixschneckelte es. So schön wie noch nie zuvor.
Wofür brauch ich Hoffnung? Ich hab einen Garten!

8 Kommentare

  1. Mit dem Milbenbefall sprichst DU mir aus dem Herzen, voriges Jahr mussten meine Damen auch umziehen, schrecklich dieses Viehzeugs.
    Wieder herzlichen Dank für den lebensnahen Grünton.
    Stephanie

    1. Die Zeit wär reif für eine Petition!
      Wenn sie denn nur nützen tät …

      Und wie ging’s weiter voriges Jahr? Hast du den alten Stall gesäubert oder … wie ich es am liebsten täte … ihn gleich samt und sonders verbrannt?

  2. Interessant, interessant, was sich da in diesen 10% alles so tut ! Oder einfach nur grässlich !
    . . . . bleibt noch die Frage, was inzwischen mit den Klodeckeln passiert ist.

    Ganz liebe Grüsse
    Saattermin

  3. Oh je – „Blutläuse“ wie’s hier aus dem Niederländischen übersetzt so anschaulich heißt, die Heimsuchung des Sommers für den Halter von Federvieh. Habe ich auch – gehabt. Bis mir vor Jahren ein hiesiger alter Hühnerzüchter hinter vorgehaltener Hand und mit verschwörerischer Miene einen todsicheren Tipp gab: Diesel! Selbst hatte ich bereits so ziemlich alle gutgemeinten Haus- und teuer erstandenen Vertilgungsmittelchen durchprobiert. ohne dass sich die Blutsauger davon nachhaltig beeindruckt gezeigt hätten. Ob des moralisch recht zweifelhaften Ratschlages habe ich anfangs noch arg mit mir gerungen, da eigentlich bemüht, alles brav „öko“ zu bewirtschaften. Doch schließlich: „Not bricht Gesetze“, wie die eher nüchternen und praktisch veranlangten Holländer sagen. Darum: Hühnerstall soweit wie möglich leerputzen (sich vorher aber vergewissern, dass die Wasserwerke nicht zufällig an diesem Tag das Wasser abgestellt haben, denn nach getaner Arbeit fühlt man es ganzkörperig krabbeln und will nur noch eines: so schnell wie möglich DUSCHEN!) und dann den Diesel schön gleichmäßig mit der Pflanzenspritze in alle Ecken vernebeln. Klappe zu und ein, zwei Stündchen einwirken, danach lüften lassen. Abends dürfen die Damen (und Herren) dann wieder hinein. Nach solch einer Behandlung war hier Schluss mit den Milben. Erst nach zwei Jahren stellte sich ein erneuter, doch überaus zögerlicher Befall ein, der einen aber nunmehr nicht mehr aus dem Gleichgewicht zu bringen vermochte. Viel Erfolg…!

    1. Liebe Birgit, danke dir für deinen so herrlich geschriebenen Ratschlag! Ich überleg mir das mit dem Diesel ganz ernsthaft, hatte doch eine Nachbarin in diesem Zusammenhang auch schon von altem Motorenöl geschwärmt.

  4. Die Klodeckel!
    Da hast Du was angestellt, liebe Nick.
    In meinem Zweitgarten wachsen so ein paar Riesenexemplare. Sie kommen spät, sehr spät. Jedes Jahr befürchte ich, dass sie weg sind und latsche bedauernd in der Ecke rum, wo sie stehen müssten (so genau erinnert man sich ja nie). Jedes Jahr schaut dann gefühlt von einer Sekunde auf die andere ein langes, fast unanständig aussehendes Ding aus dem Laubmull und wird länger und länger. Huch! Da wäre ich doch gerade noch fast draufgetreten!
    So und jetzt, wenn ich mit dem Auto in den Zweitgarten fahre und genau neben der Laubmullecke unter der total vermotteten Kastanie parke, fällt beim Aussteigen mein erster Blick auf …die Klodeckel und ich muss schmunzeln und an Dich denken.

    1. Wie schön! Nun wächst an einer anderen Stelle auf dieser Erde was Arisaemiges, das mich – wenn auch indirekt und telepathisch – erfreut.
      Das wirds mir ja ganz arisämig ums Herz.

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