Lebensfunke

Als ein Mensch, der dem Schlaf treu ergeben ist, liebe ich es, mich ihm hinzugeben. In letzter Zeit geschieht das deutlich öfters als normal, darf ich mich doch nachts bis zu dreimal wankend erheben, um unseren dementen und tauben Cerberus mit rudernden Armbewegungen davon abzuhalten, ungerührt ins Haus zu pinkeln, die Haustür genauso rudernd zu öffnen und ihm mit allerlei Gebärden zu bedeuten, bitte rauszugehen, um stattdessen den Rasen zu beglücken. Und dabei schlafe ich doch so ausgesprochen gerne, womit ich in meiner Familie mütterlicherseits nicht alleine bin, ist doch der Tante einst entschlüpfter Spruch zu einem vielzitierten Familiensprichwort geworden: „Wer das Bett erfunden hat, war der schlauste Mensch der Welt.“ Es mag tiefsinnigere Reflexionen über das menschliche Dasein und die Welt an und für sich geben, aber wenn man rechtschaffen müde ist, können die einem eh den Buckel runter und so.

Zurück zum Hingebungsmoment. Man kann ja nicht einschlafen wollen, was ein Kreuz ist, wenn man es unbedingt will, aber eben nicht kann. Entweder er kommt über einen, dieser Schlaf, oder man dreht sich nach rechts, links, hält sich ganz, ganz still, bewegt nicht den kleinsten Zeh, zuckt mit keinem Körperhaar, denkt nicht und wartet … und wartet … und denkt schließlich darüber nach, wie sehr man eigentlich würde schlafen wollen und regt sich auf. Ganz fürchterlich. Was dann auch nicht wirklich hilfreich ist.

Müsste ich diesen einen Moment beschreiben, in dem der Schlaf über mich kommt – manchmal kriegt man das so halb einschlummernd mit –, dann schiene mir „es schläft mich ein“ am passendsten. Rätselhaft scheint es mir bis heute und wird mit jeder dreimalig unterbrochenen Nacht noch rätselhafter: Was ist dies Ding, das mich zum Schlafen bringt?[1]

[1] Das Ding hat mit recht viel Chemie zu tun, drei rege involvierten Hirnbereichen, Neuronen, Hormonen und dem schwindenden Tageslicht, was aber nur theoretisch von Nutzen ist. Die Grundfrage bleibt dieselbe.

Pflanzen haben, so meine ich behaupten zu dürfen, dies Problem nicht. Nur: Kann überhaupt von Pflanzenschlaf geredet werden? So von Rechts wegen? Die Frage ist verzwickt bei Daseinsdingen, die weder bewusst sprechen noch sich bewegen und die – dies dürfte ein ausschlaggebender Punkt sein – sowieso über kein Bewusstsein verfügen (soviel ich weiß … ich möchte mich da ungern versündigen).

Nehmen wir meine drei Chrysanthemen, die ich erst seit letztem Jahr habe. Da wäre zum einen die ausladende ‚Salzburger Weiß’, zum anderen die verführerisch karmesinrot-verwuschelte ‚Speer’ und als Letztes die ‚Emperor of China’ mit einem nebligen Hauch von Rosa, der selbst einer Rosa-Allergikerin wie mir schwache Knie beschert. Ob die während der Saison nächtens durchmachen oder mädchenhaft brav schlummern? Ob sie träumen, von durchlässigen Böden und nie stattfindenden Frösten etwa? Ich wage es zu bezweifeln. Vermutlich kennen Pflanzen nur einen wirklichen Schlaf: Den des Winters und da dürfte das Einschlafproblem keines sein: Wenn die Zeit gekommen ist, dann schlafen sie, und wer zu spät einschläft oder zu früh erwacht, der hat dann halt Pech gehabt und hüpft ohne Umwege auf den Kompost. Ich korrigiere: Pflanzen haben ein deutlich größeres Schlafproblem; man muss ja direkt froh sein, diese Erde als Menschenskind bevölkern zu dürfen.

Meine Chrysanthemen befinden sich gerade in diesem Winterschlaf und machen mich nervös, wenn nicht gar wuschig. Die Salzburgerin, die zu einem veritablen Busch gediehen war, zeigt nicht eine einzige grüne Überwinterungsknospe von unten her, während die neblige Chinakaiserin, die es letztes Jahr auf schwindelerzeugende zwei Triebe gebracht hatte, immerhin drei blasse davon zeigt. Einzig die ‚Speer’ im Topf befand es für nötig, eine verschwenderische Fülle davon zu bieten, was ich ihr auch geraten haben wollte. Kurz vor ihrem letzten Atemzug bugsierte ich sie letztes Jahr in den sicheren Rettungstopf und päppelte das nurmehr eintriebige Ding wieder hoch, nachdem die Schnecken regelrecht über sie hergefallen waren. Von drei Chrysanthemen habe ich also gerade mal eine einzige anständig über den Sommer gebracht. Über den Sommer!
Nun gelten diese sehr blumigen Pflanzen zwar als sommer-, aber nicht so wahnsinnig hunterpro als winterhart. Und weil winters alle Stauden grau sind, sieht man ihnen oben eben nicht an, ob da noch ein Lebensfunke in ihnen glüht. Das einzige beruhigende Zeichen ist, so habe ich vernommen, das Vorhandensein dieser Neutriebspitzchen. Für Leute wie mich, die vor einem unbeknospten Exemplar knien und schmerzerfüllt vor sich hinfiepen, gibt es die frohe Kunde, dass sich solche Knospen mithin auch unter der Erde befinden können. Ich habe mir strikte verboten, mit dem Finger nachzustochern, nicht dass ich dabei Vielleichtlinge vorzeitig abbreche; wer „Born to be a Schussel“ auf der Stirn trägt, den lässt man nicht näher an Heikles als unbedingt nötig.
(Richtig geraten. Es hat mich nun erwischt, das Chrysanthemen-Virus, obwohl ich diese Pflanzen noch vor recht Kurzem ganz übel fand. Total oberspießig. Völlig großmutterig. Plasteblumig schlimm. Inklusive gehäkeltem Untersetzerchen.)

Mit Ungewissheit im Herzen werde ich bis zum eventuellen Austrieb warten müssen, um zu wissen, ob die weiße Salzburgerin sehr, sehr tief geschlafen hat oder bereits nach diesem einen kurzen Jahr von uns gegangen ist. Kein Wunder, dass wir da eine gewisse Familienähnlichkeit zu sehen meinen zwischen den beiden Brüdern, dem Schlaf und dem Tod. Wie oft beobachtete ich selbstvergessen unsere Hunde, wie sie tief schliefen, ab und zu ihre Beine in der Gegend herumzuckten auf der Jagd nach einem leckeren Ding, wie sie ihre Lippen schürzten, mit dem Schwanz laut auf den Boden klopften und mehrmals schluckten. Selig. Schmunzelnd, wenn sie dumpfe Lautäußerungen von sich gaben, die höchste Freude auszudrücken schien, stirnrunzelnd, wenn diese laut und lauter wurden, ängstlich hervorgepresst … „Du hast nur geträumt“, sagte ich dann leise, nachdem ich meine Hand vorsichtig weckend auf eine Schulter gelegt hatte. Verwirrt schauten mich zwei Hundeaugen an, dann wurde wohlig geseufzt und unbeirrt wieder eingeschlafen. Doch da ist ja noch sein Bruder. Wie oft streifte mein Blick einen der tief und traumlos schlafenden Hunde, blieb hängen mit diesem plötzlichen Angsthieb mitten in die Magengrube und einem Gefühl, als hätte man mich flugs in einen Eisschrank gesetzt. „Da bewegt sich nichts mehr! Hör mal, da bewegt sich nichts mehr! Es bewegt sich ni…“ Und dann bewegte sich doch was, ein Brustkorb in der Regel. Sehr langsam und flach, aber es funkelte so lebendig wie immer.

Was ist dies Ding, das Leben verleiht, es aufrechterhält und irgendwann plötzlich nicht mehr da ist? Was, sag mir, ist dieser Lebensfunke?
Eine Frage, die mich nicht selten umtreibt, wenn ich in meinen zwei hölzernen Saatgutkisten krame. Da hast du aberviele Winzkörnchen und tief drinnen in jedem von ihnen funkelt und stiebt es nur so vor Lebensmöglichkeit. In diesen braunen, schwarzen, weißen und grauen nichtssagenden Dingern, rund, lang, eckig, Stäbchen, Plättchen, Flusen, man würde sie, ohne ein zweites Mal hinzusehen, ärgerlich vom Tisch saugen oder wischen, diese Dreckkrümel, wüsste man nicht, dass es drinnen lebt. Und wie!
Oder eben manchmal auch nicht.

Peperoni zum Beispiel, die man außerhalb der Schweiz Paprika nennt, haben eines gemeinsam mit allen anderen Pflanzensamen, die ich kenne: Man sieht ihnen genauso wenig an, ob sie noch leben, wie gerade jetzt meiner weißen Chrysantheme. Um die Pointe gleich doppelt vorwegzunehmen: Die letzten vier Jahre steckte ein ganz gewaltiger Wurm in der Peperoni-Sämlings-Aufzucht.
Im ersten Jahr dachte ich: „Hm. Komisch. Mit Peperoni hatte ich doch nie ein Problem, die sind mir bisher doch gewachsen wie der Deibel, viel zu gut sogar“, und vergaß, den Grund herausfinden zu wollen.
Im zweiten Jahr dachte ich: „Hm. Komisch. Mir ist, ich hätte bisher nie ein Problem mit den Peperonis gehabt. Warum keimen da so wenige und warum zum Teil so mickrig? Ach, genau! Ich habe sie nicht auf die Fensterbank über der Heizung gestellt. Die brauchen Wärme, du Schussel!“
Im dritten Jahr sorgte ich frühzeitig für Wärme, dachte: „Hm. Schon wieder miese Ergebnisse“ und googelte. Bald fand ich den Grund. Peperoni sind nämlich Dunkelkeimer. Ach so! Ein klarer Fall. Als Anfänger drückt man die Samen eher zu tief in die Aussaaterde, was ich mir mit der Zeit aus lauter Faulheit abgewöhnt hatte, weil offensichtlich nicht nötig. Außer bei ausgewiesenen Dunkelkeimern, sofern man die denn eben kennen tät.
Im vierten Jahr sorgte ich für Wärme, eine Tiefdrückaussaat und dachte: „Hm“, und damit war mein Latein am Ende.
Die erleuchtende Erklärung kam diesen Februar: „Nick, das meiste von deinem Saatgut war, halt dich fest, überaltert! Punkt! Und übrigens: Peperoni sind keine Dunkelkeimer.“ Fast ein halbes Peperoni-Jahrzehnt habe ich vergeudet, mich mit viel weniger Pflanzen als möglich zufrieden gegeben und rumgeknorzt, um noch das letzte Krüppelchen durchzubringen. Aus lauter verblendeter Blödheit, die es einem versagt, an das Naheliegendste zu denken.
Ich habe sehr viel Mühe, mich von Lebensmöglichkeiten zu trennen, seien dies alte Fenster, untragbare Jeans oder Samen, aber so ein Knackgemüse-Erlebnis lehrt einen. Ich werde noch dieses Wochenende sämtliches Saatgut von Capsicum annuum, also auch alle Chilis, in einem Schwung … nicht wegwerfen, nein, aber aussäen. (Und genau dann kehren die Lebensfunken allesamt zurück und es werden alle keimen wie verrückt. Überraschen tät’s mich nur ein bisschen.)

Gestern schien die Sonne mir ins Gesicht, mit blinzelnden Augen schnitt ich vertrocknete Schneeglöckchen-Beschatter weg, zupfte hin und wieder blutjunges Unkraut raus, bestaunte die Zwiebelblumen, von denen ich zoomend immer mehr hervorspitzelnde entdeckte, atmete die nach erwärmter Erde und Moderlaub duftende Luft ein. Die Mädels hüpften von dort- nach hierhin, flatterten mit den Flügeln, pickten nach Nanoschnecken und anderem Fressbarem und hatten glänzende Augen. Unser Cerberus schaffte es die kleine Waschbetontreppe hoch und hatte dann sogar die Kraft, einigermaßen federnden Schrittes den oberen Rasen zu inspizieren.
Wie schön es doch ist, nach so einem ewig düstergrau-kalten Nebelwinter erwachen zu dürfen, ohne zuvor zu merken, dass wir alle geschlafen hatten. Meine mürrische Antriebslosigkeit, der Raptorinnen lautstark vergackerter Schneeüberdruss und miese Dauerlaune, sie waren ein schlechter Traum, mehr nicht. Nur Hopkins mit seiner Krankheit zum Tode ist weiterhin auf dem Weg, dem Sensemann direkt in die weit ausgebreiteten Arme zu trotten. Ihm und seinem ganz eigenen Lebensfunken sei dieser Text gewidmet.

 

Nachtrag:
Knapp einen Monat später, an den Iden des März,
ist Hopkins für immer eingeschlafen (worden).

14 Antworten

    • Dank dir! :-*
      (Deine Hand würde gerade ausgiebig benagt, weil da doch was Fressbares drin versteckt sein könnte. Da ist durchaus noch Lebensfunke drin in dem kleinen Kerl.)

  1. Nick,
    ich weiß so gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich hatte Kopfkino, sah dich armrudern und schlaftrunken Hopkins zur Tür bringen. Musste breit grinsen bei diesem Bild. Auf der anderen Seite macht es mich traurig, das es dem kleinen Wuschel nicht gut geht und seine Zeit wohl immer kürzer wird. Ich hoffe, er hat noch ein paar schöne Tage, Wochen, vielleicht Monate. Ich drück ganz doll die Daumen.

    Übrigens, schlafen kann ich auch. Immer. Ich seh ein Sofa, ein Bett und schwups, eingeschlafen *schnarch* 😉

    Aber auch ich steh im Garten und schau ob sich knospenmäßig schon was tut. Der Holunder sagte mir schon mit vielen neuen Knospen, das ich ihn bitte nicht beschneiden soll. Anderes scheint nach wie vor im tiefsten Winterschlaf versunken.

    Aber nun muss ich doch glatt noch kurz widersprechen. Paprika/Peperoni/Chili sind Dunkelkeimer. 😀
    Und ja, sie keimen auch bei Licht, aber dann hätte man wohl eine Menge Helmträger. Hatten wir erst vor kurzem noch das Thema. Und ich unterscheide tatsächlich in Paprika (ohne Schärfe), Peperoni (leicht scharf und länglich) und Chilis (sehr scharf). Das nur so für mich. *grins*

    • Dank dir fürs Daumendrücken, du Schlaf- und Holunderschwester. 🙂
      Was Dunkelkeimer betrifft, na … wenn Saatgut bei Licht keimen kann, dann handelt es sich dabei nicht um Dunkelkeimer, Helme hin oder her. (Ich wag es ja kaum zu sagen, aber ich find die hin und wieder auftretenden Helme eigentlich noch witzig und wenn sie nicht von selbst abfallen, helfe ich ganz vorsichtig nach. Aber ich weiss. Eine echte Pep-Liebhaberin tut so was nicht. :-))

  2. liebe Nick
    Merci für diesen sehr persönlichen und berühenden Text. Zwischen Geburt und Tod liegt das Leben. Wie das für deine Chrysanthemen ausgefallen ist, weiss ich nicht… 😉 Aber bei Hopkins bin ich mir sicher: Du hast ihm das beste Leben ermöglicht, das ein Hund überhaupt haben kann. Der Tod mag schmerzen, ein schlechtes Leben wäre unendlich viel schlimmer gewesen.
    Herzliche Grüsse
    ED

    • Danke dir! Der Gute liegt gerade neben mir und schnarcht in seliger Lautstärke vor sich hin, ansonsten würde er jetzt vehement widersprechen: Viel zu wenig Fressen! Viel zu wenig Fressen!!!

  3. Oh, wie traurig. Ich wünsche Hopkins (und Dir), dass er, wenn die Zeit gekommen ist, ganz sanft ins Nirwana hinüberdämmern kann. Einfach so.

    Gell, das Beste überhaupt am Frühling ist, dass Mann/Frau wieder in der Sonne in trockenen Blättern und Pflanzen und dunkler Erde „omegrüble“ kann und allseitiger Winterschlaf langsam aber sicher zu Ende geht.

    • Dein Wunsch in Gottes oder sonst irgendjemandes Ohr, der dafür zuständig ist!
      Jaaa! „Umegrüble“! Genau! Was hab ich es vermisst! (und vorgestern dem Nichtgärtner zugerufen: „Guck, ich habe endlich wieder dreckige Fingernägel! Jipiiiie!“)

  4. Menno, jetzt hab ich Pippi in den Augen. Mögen Hopkins noch möglichst viele lebenswerte Tage und ein sanftes Ende beschieden sein.

  5. Nick, du weisst dass ich nicht zu deinen regelmässigen Leserinnen gehöre. Und als deine Freitagmorgenkafifreundin schäme ich mich auch immer wieder ein bisschen dafür. Doch jetzt, da ich deinen Text (zum dritten Mal! Du siehst, ich versuche zu kompensieren.) gelesen habe, sage ich einmal mehr zu mir selbst: „Du Küchlein, warum um Himmels lässt du dir diese Texte entgehen???“ – Einfach nur wunderbar! Punkt. Jedes weitere meiner flapsigen Worte würde dem Text nicht gerecht.

    • Och, weisst du, von solchen flapsigen Worten kann man in der Regel nicht genug kriegen. Danke, Küchlein! *rofl*

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