Kreuch, der Schelm

Manche Leute wünschen sich einen Igel in den Garten, sähen gerne eine Erdkröte neben dem Gemüsebeet, Eidechsen auf der Steintreppe, würden sich freuen über Eichhörnchen, den Gesang von Nachtigallen und die rauhe Schönheit von Fledermäusen. Die alle möchte ich auch, aber viel sehnlicher noch wünsch ich mir einen Schleimpilz.
Er wäre, mehr als alle Igel bis und mit Fledermäuse zusammen, ein Geschenk der ungezähmten Natur, ein netter Händeschüttler und zugleich Schultertätschler von oben.

Ganz so hatte ich nicht gedacht, als ich in einem Fremdgarten auf den frischen Mulch zwischen Rosen und Eibenkugeln starrte, Seite an Seite mit einem Landschaftsgärtner. In Deutschland nennt man die übrigens Galabauer. Eine Bezeichnung, die durchaus verwirren kann, vor allem Langsam-Merker wie mich. Erstaunlich lange war ich der festen Überzeugung, dass „Gala“ für mondäne Soirées stünde, und „Galabauer“ halt bauliche Massnahmen für solche exklusiven Abende erschaffen täten – temporäre Pavillons auf einem Schlossrasen zum Beispiel. Selbst die ein bisschen erhellende Schreibweise GaLa-Bauer hielt mich nicht davon ab, mir dabei weiterhin exquisite Pavillons vorzustellen – durch das ungewohnt grosse L wurden sie in meiner Vorstellung nur einen weiteren Hauch auserlesener. Und weil der ganze Kontext eh schon so glitzerte, stellte ich mir auch die Galaleute gerne adrett gekleidet vor. Mit Fliege zum Beispiel.
Ein solcher Garten- & Landschaftsbauer stand nun also links von mir – wenn auch nur in Jeans und ohne Fliege –, denn es handelte sich um einen eingewanderten Deutschen. Um einen ungeheuer sympathischen zudem, nicht nur, weil er so herrlich schwäbelte.
„Hast du eine Ahnung, was das sein könnte?“, fragte ich ihn mit einem leichten Rückenfröstler, ohne die Ursache dafür aus den Augen zu lassen.
„Keinen blassen Schimmer.“
„Kann es vielleicht an diesem kleingehäckselten Rindenmulch liegen?“
„Nee. Dann hätte mir das schon andernorts auffallen müssen.“
„Also, gesund schaut das nicht aus.“
„Mh-mh!“
Argwöhnisch betrachteten wir die amorphe, leuchtend gelbe Masse, die offensichtlich vorhatte, den Mulch langsam, aber unerbittlich unter sich zu begraben, um ihn sich vielleicht einzuverleiben, irgendwie. Oder so.

Dieses urgelb unwägbare Wesen hielt mich anfangs der Heimfahrt noch gefangen, danach lenkte mich Alltägliches ab, vermutlich der Wetterbericht am Radio, den ich gedankenwandernd wieder mal um Sekundenbreite verpasst oder ein Lied, das ich schon ewig nicht mehr mitgedudelt hatte. Erst abends kam es mir wieder in den Sinn, und es wollte die geneigte Gunst, dass just zu dieser Zeit der richtige Mensch an Ort und Stelle war. Als ich nämlich erzählte von jenem heutigen Vorfall kam wie aus der Pistole geschossen das da – jedenfalls sinngemäss, ist ja schon eine Weile her: „Du, das ist ein Schleimpilz!“, und bevor ich darauf hinweisen konnte, dass da nichts an Schleim erinnerte, kamen die ebenso aus der Erinnerung zitierten Nachsätze: „Und wer genau hinsieht, kriegt mit, wie er kreucht, der Schelm! Hach, ich liebe Schleimpilze!“
Nun ist es so, dass ich diese antwortende Person schon vorher kannte und darum auch wusste, wie ihre Antwort einzuordnen war. Es handelte sich dabei um Eine, die zwar über ein beeindruckendes Allgemein- und Spezialwissen verfügt, gleichzeitig aber auch mit schwarzhumoriger Fantasie, spielerischer Wortgewalt und einem unvergleichlich respektlosen Schalk im Nacken ausgestattet ist. Unmöglich also, diese Frau, in jeglicher Hinsicht. Abwedelnd antwortete ich daher mit einem schalen „Ja, is klar“, und wollte auf anderes zu sprechen kommen, bevor ihre Fantasie davongaloppierte und sie immer wilder werdende Geschichten über den bösen Schleimpilz – vermutlich täte sie ihn auch noch „Kreuch, der Schelm“ nennen – erzählen würde. Die Erwiderung war unerwartet, weil faktentrocken: „Im Ernst, das ist ganz sicher ein Schleimpilz. Fuligo septica vermutlich.“ Ich ging auf Bildersuche, verglich und kam zum überraschenden Schluss, dass mich die Unmögliche wahrhaftig nicht verulkt hatte. Weiterklickend fand ich heraus, dass die zu den Schleimpilzen gehörende Gelbe Lohblüte, so der deutsche Name, weder gefährlich noch schädlich ist, sondern sich einfach nur gerne über Totholz und sonstwie Verrottendes hermacht. „Sachen gibt’s!“, dachte ich, war fasziniert, schickte dem Galamann eine beruhigende Mail inklusive Link und widmete mich wieder anderen Themen meines Lebens. Schätzungsweise zwei Jahre lang.

Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Ideal, um mal kurz abzuschweifen. Lasst mich das Kind beim Namen nennen: „Schleimpilz“ war rein marketingstrategisch gesehen ein recht unglücklicher Griff. Schleimig kommt er zwar – da hatte ich anfangs geirrt – durchaus daher, aber nicht im herkömmlichen Sinne von bäh-igitt-wäh. Und diesem Wort den Zusatz „-pilz“ hinzuzufügen, ist weder berechtigt (denn er ist keiner) noch fair. Ich bitte euch! „Schleimpilz“! Da denkt man doch unweigerlich an eine kontaminierte Küche oder wenigstens Geschlechtskrankheit.
„Gelbe Lohblüte“ mag dagegen adrett wirken. Nur … wer mit dem geistigen Bild einer gelben Lohblüte (was auch immer man sich unter „loh“ vorstellen mag) vor einer wirklich solchigen zu stehen kommt, kann nicht anders, als an einen ganz üblen Chemieunfall zu denken. Es sei denn …
Es sei denn, man rätsle immer noch an der Bedeutung von „loh“ rum. Was ich lange tat, um schliesslich einfach nachzuschauen und herauszufinden, dass das Wort (Gerber-)Lohe nichts anderes als zerkleinerte Blätter, Holzteile und Rinde bezeichnet, mit denen halt eben gegerbt wurde. Anscheinend auch in England, denn dort lautet einer der Namen „Blume der Lohe“, Flower of Tan. Ach so. Wäre das mit der Blüte nicht, und wären einem Wörter aus der Gerberszene geläufig, wäre der Name sogar ganz anschaulich; immerhin hatte sich die Blüte bei meinem ersten Mal auf dem Rindenmulch befunden, dem kleingehäckselten.
(Die anderen zwei angelsächsischen Namen lassen den Schleimpilz in einem schmeichelnden Pink mit Glitzer drauf erscheinen. Es sind dies: Rührei-Schleim und Hundekotzeschleimschimmel. Auf so was muss man erst einmal kommen, geschweige denn haben wollen. Wüsste ich es nicht besser, würde ich Stein, Bein und Schleim schwören, dass diese Wortgebilde von niemandem anderen stammen können als von ihr, der Unmöglichen.)
So. Und damit wären dann auch die zwei Jahre vergangen.

Warum ich zu den Kompostjungs gegangen war, welche Jahreszeit wir hatten und überhaupt, ich erinnere mich nur noch daran, wie mein Blick den fast fertig gefüllten Krümel (den Erstgeborenen) streifte, als meinem einen Auge etwas undefinierbar Gelbes entgegenleuchtete. Mitten auf Küchenresten und Gartenabfällen sass ein fulminantes Exemplar von Lohengelb und rülpste mir zufrieden entgegen.
Eine Minute lang starrte ich gedankenleer, um dann aufzuschrecken, zum Nichtgärtner zu rennen, ihn erst nicht zu finden, aber dann doch und ihn daraufhin ohne Vorwarnung bei den Schultern zu ergreifen, leicht zu schütteln und:
„Nichtgärtner! Wir. Haben. Einen. Schleimpilz!“
An seine Reaktion kann ich mich auch nicht mehr erinnern, verständlicherweise war ich viel zu beschäftigt damit, meiner Begeisterung mit gepresster und einem Ticken zu lauter Stimme Ausdruck zu verleihen. Ausserdem rannte ich kurz nach diesem Satz wieder zum Krümel, um den gelben Nichtpilz eingehender zu betrachten und ihm eindringlich – auch wenn man sich nicht sicher war, ob es wirklich hülfe – zu verstehen zu geben, dass er hier willkommen sei und der Krümel, obwohl noch nicht ganz gefüllt, fortan unberührt bliebe, bis man sich sporig vermehrt hätte. Daran hielt ich mich dann auch.
Am selben Abend tauchte ich in die Weiten des Internets und verschlang lesenderweise alles, was zumindest in deutscher Sprache zu Schleimpilzen zu finden war. Tief beeindruckt. Es genügte nicht, dass die keine Pilze oder Tiere waren, sondern von beidem ein bisschen, nein, es gab sogar Menschen, die sich Schleimpilze hielten. Als Haustiere. Und sie mit ihrer Leibspeise – Haferflocken nämlich – fütterten. Enthusiasmiert las ich davon, dass Schleimpilze sich fortbewegen können, in Richtung Leibspeise, und dies auf kürzestem Wege. Die waren also auch noch intelligent! Ganz kurz streifte mich der verlockende Gedanke, mir ganz viele Schleimpilze zuzulegen und sie im Gästezimmer zu halten, doch siegte letztlich die Vernunft. Haferflocken hätte ich zwar genügend vorrätig gehabt, aber nicht die Zeit, mich ausgiebig um solche Wesen und deren intelligenten Spieltrieb zu kümmern. Ausserdem hatte ich ja schon eines, wenn auch ein Ungezähmtes.
Um es nicht zu verstören, streute ich ganz bewusst keine Haferflocken, schaute täglich bei ihm vorbei und freute mich, als es braun und brauner wurde. Nächstens würden die Sporen in die Luft verpufft und ganz viele davon ihr neues Zuhause in meinem Garten finden (der lateinische Name „Fuligo“ bezieht sich übrigens auf die Farbe dieser Sporen, heisst er doch soviel wie „Russ“). Geduldig wartete ich die Verpufferei ab und füllte schliesslich den Krümel bis zum Rand.
Ich bin seither nie mehr einem Schleimpilz begegnet.

Manche Leute wünschen sich einen Igel in den Garten, einen Sechser im Lotto, die Liebe ihres Lebens und ewiges Glück. Andere täten dem noch einen Schleimpilz hinzufügen.

9 Antworten

  1. Oh wie wunderbar geschrieben!
    Diese Wesen mag ich auch. Beim Vitra Design Museum in Weil am Rhein waren letzten Herbst jede Menge Hecken, deren Füsse mit Holzhäcksel bedacht waren. Und darin tummelten sich Schleimpilzhorden. Wahnsinn!

    Das mit Hobbes tut mir leid. Was soll man sagen… traurig.

    • Und dabei hab ich auch quietschfrischen Holzhäcksel – von der Nachbarin im Herbst erschnorrt. Will auch Schleimpilzhorden!
      (Ja. Traurig ist nur der Vorname.)

  2. Sehr schön ?
    Jährlich der eine oder andere Schleimpilz, Igel, Kröten, Fledermäuse, Nachtigall sind vorhanden. Auf den 6er im Lotto warte ich noch. ? Möge Dein Schleimpilz wiederkehren und heimisch werden. Wirklich interessante Gebilde.

  3. Schleimpilze 😉

    Ich hab mir darüber eigentlich noch nie wirklich Gedanken gemacht. Wahrscheinlich ist das ein großer Fehler gewesen. Scheinen interessante Pilztierchen oder Tierpilze zu sein. Ich sollte vielleicht mehr die Augen aufhalten, jetzt wo wir ein Beet mit Holzschredder versehen haben.

    Jetzt überleg ich aber schon, wer denn wohl die schwarzhumorige Person ist? Obwohl….ich hätte vielleicht eine gewissen Ahnung B-)

  4. Salü Nicole
    Mein gesendeter Wunsch an Dich: Dass es dir gut geht.
    Es gedeiht bei dir im Garten und hoffentlich auch ebenso im Herzen.

    Im Frühling 2016 hast du mir Schneeglöckchen und ein adultes Helli geschenkt.
    Es geht ihnen gut.
    Die Schneeis glöckeln, die Helli treibt aus.
    Von den Hellis Sämlingen haben nur wenige überlebt, aber es gibt noch Welche. 🙂

    Ein gelben Schleimi war mal nur kurz bei uns zu Gast und klein geblieben, so Postkartenfläche. Wirklich cooles Teil.

    Wohltuender Text. Merci

    > Manche Leute wünschen sich einen Igel in den Garten,
    > einen Sechser im Lotto,
    > die Liebe ihres Lebens und ewiges Glück.
    > Andere täten dem noch einen Schleimpilz hinzufügen.

    Und ein Hornissennest.

    Grüsse Natternkopf

  5. Ein grüntöniges Denkmal für die gelbe Lohblüte! Damit lässt sich – ein Marmeladenbrötchen kauend – wunderbar in den Tag starten. Ich bin mir sicher, dass der Schleimpilz noch irgendwo in Deinem Garten ist. So ist es jedenfalls bei mir. Einer wohnt übrigens in einem Baumstumpf, auf dem eine Pflanzschale steht und wabert regelmäßig darunter hervor, allerdings eher weißlich-rosa-schaumig.
    Was die Unmögliche angeht, hege auch ich einen leisen Verdacht.

  6. Der wundersame Schleimschwamm ist wiederum ein Beispiel dafür, dass es so viel mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als wir mit unserem anthropozentrischen Schubladen-Denken in der Lage sind, für wahr zu halten. Ist ja auch irgendwie wenig schmeichelhaft für homo sapiens, dass eine offenbar hirnlose Masse bewiesener Weise in der Lage ist, ein effizienteres Wege-Netz zu entwerfen als die Tokioer Stadtplaner (wie Ingenieure in Versuchen gezeigt haben).
    Eine andere „spannende“ Lebensform sind übrigens auch Bärtierchen, die sich im eigenen Garten, im feuchten Moos zum Beispiel, mit etwas Geduld recht leicht finden lassen müssten. Für Entdeckungsreisen braucht man keine grossen Strecken zurückzulegen!

    • @ Waldschrat: Also dir den Sechser und mir den Schleimpilz. 😉
      @ Bienchen: Ja, unbedingt! Es lohnt sich wirklich.
      @ Eveline: Das mit den Haferflocken habe ich mir auch schon überlegt …
      @ Natternkopf: Ich freu mich sehr, dass die Pflanzen dir Freude machen und offensichtlich sich selber auch. Danke für die lieben Wünsche!
      @ Oile: Das Bild geht jetzt nicht mehr weg: Marmeladenbrötchen und rosa Schleimpilzin auf Oilenbaumstumpf. 🙂 (ich will auch einen rosanen!)
      @ Birgit: Danke für den Hinweis auf Tokio, genau! Ausserdem sollen Schleimpilze benutzt werden, um Navis zu optimieren. Ach, ein Grünton ist einfach zu kurz für so ein herrliches Wesen! Für die Bärtierchen bräuchte ich dann aber definitiv eine Lesebrille …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.