Gartengeschenke

Mit derselben bedächtigen Hingabe, wie ich Geschenke auszupacken pflege, ernte ich auch Pastinaken. Ich weiß zwar, was ich am Ende mit meiner rechten Hand am Schlafittchen halte – etwas anderes als eine Pastinake wäre nicht nur überraschend, sondern äußerst verstörend –, doch wie groß das jeweilige Exemplar ausfallen wird, vermag ich bis heute nicht sicher vorherzusagen.
Man müsste meinen, das Schlafittchen, also der oberirdische grüne Schopf, böte einen gewissen Anhaltspunkt. Tut er aber nicht. Genau so wenig wie das Riesenpaket, in dem sich nicht wie erwartet der ersehnte Schaukelstuhl befindet, sondern – und das stellt sich dann erst nach dreistündiger Durchfummelei des Füllmaterials heraus, wenn überhaupt – eine witzigwinzig mundgeblasene Muranohenne. Damit sind sie übrigens nicht alleine, die Pastinaken. Auch Radieschen und Möhren legen mich jährlich aufs Kreuz. Letztere sind dabei ganz besonders gewieft, machen sie sich doch einen Spaß draus, mit irreführend breiten Schultern zu locken. „Was oben so breit ist, kann nur eine Riesenmöhre sein“, denkt man, hebelt heraus und hält ein feinwurzelbedecktes Nichts von einem Möhrchen vors enttäuschte Gesicht. Umgekehrt wird aber blöderweise auch kein Schuh draus, so dass ich es inzwischen aufgegeben und beim Ernten das Denken gänzlich eingestellt habe. Es bringt ja eh nichts.
Nun komm mir keiner mit „auf die Größe kommt’s nicht an“. Sehr wohl kommt’s drauf an, sonst würden wir ja auch nicht vom Paradies reden, denn ein Paradieschen tät uns vollauf genügen. Und wenn wir schon dabei sind: Zu groß ist auch nix. So ein Riesenpastinakerich macht zwar was her, jetzt so fürs Auge, aber letztlich ist er nichts anderes als eine aufgedunsen schwammige Sinnesenttäuschung.
Weil ich also nicht weiß, ob sich unterirdisch ein Winzling, Anständiger oder Riesenkerl versteckt, bin ich bei der Pastinakenernte stets bedächtig und langsam zugange, steche den Spaten oder die Grabegabel nicht zu nah, aber dafür tief genug für einen Riesen rein, um dann vorsichtig so lange rauszuhebeln, bis das finale Zoing spürbar ist. Ich mag jetzt nicht von zerrissener Nabelschnur reden, aber streng genommen ist das Bild gar nicht mal so verkehrt. Jedenfalls reisst dabei die Hauptwurzel entzwei, wodurch sich das künftige Abendessen einigermaßen mühelos aus der Erde züpfeln lässt, egal wie fett und groß.
Das aber will hochkonzentriert getan werden. Bedächtig. Und möglichst denkfrei.

Es wollte gerade zoingen, als mein Auge über den aufgewühlten Boden streifte und verdutzt innehielt. Ungerührt stand es da. Ein Fünfmillimeterblättchen, gefährlich dicht am beinah entwurzelten Pastinakerich, aber augenscheinlich bester Dinge. Den hölzernen Stiel der Grabegabel umklammernd starrte ich auf das winzige Wesen und ging langsam in die Knie. Tatsächlich. Es war ein Cyclamen-Sämling. Nicht mundgeblasen, aber an diesem Ort und unter diesen Umständen mindestens so überraschend wie ein Muranofigürchen in einem schaukelstuhlgroßen Paket.
Sprachlos ließ ich die Grabegabel los, eilte zu meinem Pflanztisch runter, griff beherzt in die wacklig aufgeschichtete Unordnung, packte das erstbeste dreckige, mir entgegenpurzelnde Plastiktöpfchen mitsamt der angerosteten Handschaufel und hetzte wieder rauf, um erleichtert festzustellen, dass in der Zwischenzeit niemand dem kleinen Sämling hatte zuleide werken können. (Der Gefahren sind da viele, scharrende Velociraptorinnenfüße zum Beispiel, kackende Katzen oder – man darf sie nicht unterschätzen – herunterfallende Meteoriten.) Die bisher untätig rumdösenden Velociraptorinnen hatten mich aufgeregt hopsflatternd verfolgt und drückten sich nun gegenseitig unwirsch weg, um als erste mitzubekommen, warum sich die Menschin ausgerechnet da hinkniete. Man beäugte den Sämling von ganz nahem, verfolgte, wie er ins Töpfchen kam, und schaute dann bass enttäuscht zu Boden.

Welch Geschenk! Alpenveilchensämlinge sind für mich ganz grundsätzlich eine Freude. Das liegt unter anderem daran, dass meine Liebe zu ihnen erst hauchzarte vier Jahre alt ist, sie darum auch erst seit vier Jahren in diesem Garten weilen, und das mit den Sämlingen für mich noch immer Anlass für einen speziell großen Herzenshüpfer ist. Jeder neu entdeckte wird noch eigens gefeiert, auch wenn es jährlich mehr werden. (Dies vermutlich auch deswegen, weil ich jährlich mehr Alpenveilchen setze.) Doch der hier war ganz besonders speziell, denn die dem Gemüsebeet am nächsten kommenden potenziellen Mutterpflanzen sitzen mindestens vier Meter entfernt. Dass so ein Same so viele Laufmeter im Mund einer Ameise hinter sich brachte und das mit all den Hinder- und Fährnissen unterwegs (Steinumrandungen, Holzumrandungen, pickende Velociraptoren, scharrende Katzen und alberne Elstern), und schließlich hier, aus seiner Sicht wohlbehütet, unter Pastinakenpalmbäumen zu keimen begann und in letzter Zufallssekunde dem aufwühlenden Gebahren der Grabegabel entschlüpfte, rührte mich ganz besonders.
Es gibt Wörter, die müsste man erfinden, gäbe es sie noch nicht. „Elaiosom“ ist so eines. Eigentlich hatte ich ja vor, ihm irgendwann mal einen eigenen, richtig tollen Text zu widmen, aber man darf die Rechnung nie ohne dieses eigensinnige Ding namens Muse machen. (Ich hoffe schwer, sie hat ihn mitgekriegt, den doch recht deutlichen Schienbeintreter.)
Ein Elaiosom, um zum Thema zurückzukehren, ist ein lecker kalorienreiches Samenanhängsel, das als Bestechung für Transporteure gedacht ist. Die – in diesem Fall – Ameisen tragen es in ihren Haufen, um es genüsslich zu verzehren und den Samen anschließend in hohem Bogen rauszuwerfen. Oder so. Das Ende des Bogens jedenfalls ist dann zum Beispiel, ganz unerwartet, mein Gemüsebeet.
Es heißt also (gestattet mir die Korrektur): Freude schöner Götterfunken, Tochter des Elaiosoms. Denn gemeint kann der Schiller nur einen Alpenveilchensämling haben. Was sonst.
Er war das unerwartetste Geschenk des Jahres, dieser eine kleine Sämling, und beschert hat ihn mir mein Garten.

Wie im obigen Beispiel ersichtlich, sind Gärten nicht nur könnerhaft freigebig, nein, sie verfügen auch über einen ganz eigenen Humor.
Vor zwei Sommern schenkte mir meine Schwiegermutter einige Pflanzen, an denen ich unversehens den Narren gefressen hatte. Ganz besonders närrisch war ich nach dem Plantago major. Auf Botanisch tönt dieses Gewächs exquisit exotisch, obgleich sich dahinter nur ein stinkfurznormaler Breitwegerich verbirgt. Genau. Das gähnlangweilige Zeug, dem man das Unkraut schon zehn Meter gegen den Wind ansieht. Warum ich trotzdem das Töpfchen ameisenhaft sanft befingernd vor meine Nase hielt und es mit glänzenden Augen studierte, als wäre es ein archäologischer Sensationsfund? Tja. Weil es ein ‚Rosularis’ war.
Lasst mich das erläutern.

Der Rosularis ist eine wunderliche Laune der Natur, eine Mutation, die sich seit Jahrhunderten unverändert hält. Warum dem so ist, kann man dem grüngetönten Teil entnehmen, ansonsten hüpft man drüber und liest weiter unten weiter.
Auch eine Art Elaiosom, aber ein rein Visuelles nur für uns Menschen: Man nehme ein ganz übles Unkraut, stauche den langgezogenen Blütenspross so sehr, dass er zu einer fast runden Kugel wird, nehme dann jedes Winzblättchen, das unter jedem Winzblütchen wächst (dieses Blättchen nennt man auf Schlau Braktee), und verlängere es so, dass es aussieht wie ein langes Löffelchen. Das Resultat ist eine Blüte, die ein bisschen wie eine grüne Rose ausschaut. Da stehen wir Leute drauf. Weil aber die Löffelchen den Wind und alles, was er mit sich trägt, perfekt abschirmen, gibt es keine Fremdbestäubung; die Rosularisse bestäuben sich also ausschließlich selbst. Seit mindestens 1597 übrigens, denn da hat sie John Gerard in seinem „Herball or General Historie of Plants“ beschrieben.
Dieser Mutation liege ich nur deshalb zu Füßen, weil sie speziell und als solche seit dem 16. Jahrhundert bekannt ist. Und das auch noch in England. Mit ein bisschen Fantasie ausgestattet fällt es einem nicht schwer, sich den Hofstaat Elisabeths der Ersten auszumalen, wie er schwerfällig mit zahlreichen schnaubenden Pferden und etwas weniger Wagen zu einem Picknickplatz rollte und unter einem dieser Räder ein Rosularis rüd und schnöd zerdrückt wurde. Etwas kecker ist das Bild Shakespeares, der in Stratford-on-Avon auf seines Onkels Anwesen lustwandelte und dabei gedankenverloren den verkürzten Blütenkopf eines Rosularis mit dem beschuhten Fuß wegkickte. Wer weiß, welch unsterblich gewordene Zeile ihm dabei durch den Kopf ging, oder ob überhaupt. Vermutlich und viel eher ist da die Küchenzofe, die mal musste, kurz hinter dem Backhaus verschwand und den ersten Rosularis der Geschichte befeuerte. 2016 kniete ich neben dem historisch aufgeladenen Ding, handschäufelte ihm ein kleines Pflanzloch und musste auch fast, aber vor Freude.

Irgendwann nach dem Winter ging sie dahin, die elisabethanische Kostbarkeit, verblich und schied. Nachdem ich zum achtzehnten Male vor ihr stehengeblieben war, um vielleicht doch noch was Lebendiges feststellen zu können, sah ich es schließlich ein: Ich hatte es nicht geschafft, einen Breitwegerich am Leben zu halten. Wohlgemerkt: Ein Unkraut, das alles überlebt, man kann drauf rumtrampeln, solange man will – vermutlich widerstünde es gar einem Meteoriten – so etwas geht bei mir ein. Während sich vermutlich, aber ganz sicher unmerklich mein Garten die Schmunzeltränen aus den Augenwinkeln wischte, schmollte ich bockig und tat so, als wär nie ein Rosularis in mein Leben und somit auch nie in mein eines Beet getreten.
Und dann kam der April. Oder der Juni. Ist ja auch egal. Es kam der Moment, in dem ich eine Waschbetontreppenstufe nehmen wollte und dabei nach links unten blickte. War das dort ein wirklicher Wegerich? Ich hielt inne, ging zwei Stufen zurück, dann in die Knie und beäugte mit tätiger Mithilfe meiner Hände von nahem. Es war ein Breitwegerich, daran war nichts zu rütteln. Und zwar einer der stinkfurznormalen. … Leise hörte ich ein nur halbherzig unterdrücktes, aber freundschaftlich augenzwinkerndes Glucksen.
Möglich aber war das irgendwie nicht so richtig. Ich hatte noch nie einen Breitwegerich in meinem Garten, weder hier oben noch unten, wo sonst aller Gattung Unerwünschtes gedieh. Nirgends auch nur einen Hauch davon. Nicht mal ansatzweise. Und hätte sich der Rosularis vermehrt, dann wäre definitivstens kein normaler Wegekerl draus entstanden. Rätselnd stand ich da und versuchte angestrengt, mich vom ellenbogenanstupsenden Gartenwiehern nicht anstecken zu lassen. Vergeblich.

Ich ließ ihn stehen. Des Gartenhumors wegen. Und irgendwann begann er sogar mir zu gefallen. Der machte sich richtig gut da in diesem Bereich, wo interessanterweise eh eine Lücke klaffte, die ich bislang noch nicht gescheit zu füllen wusste. Doch, der war eigentlich ganz adrett. Mehr noch, sogar verblüht verführte der noch. Aber kurz nach dem endgültigen Verblühen und vor allem Versamen hatte ich dann genug vom Nervenkitzel und setzte der Geschichte ein entschlossenes Ende.
Mit dem Unkrautstecher.
Im einen Fremdgarten begegnete meinem Unkrautstecher kurz darauf ebenfalls ein genau so großer Breitwegerich. Ebenfalls zum ersten Mal, seit ich dort tätig bin. Hm. Es liegen zwanzig Kilometer zwischen meinem und diesem Fremdgarten. Und die unzähligen Umrandungen, Velociraptoren, Katzen und Elstern mag ich gar nicht erst erwähnen.
Gärten haben einen ganz eigenen Humor. Ich bin beinah versucht, ihn elaiosomisch zu nennen.

Mein Garten beschenkt mich unentwegt so freigiebig, ausgelassen und überraschrumpelnd, wie nur Gärten schenken können. Doch hin und wieder kann man sich, wie ich meine, auch mal an der eigenen Nase fassen und etwas zurückgeben. Das jedenfalls sagte ich mir, als ich neben einem Gartencenterbaumschulisten vor einer Mahonia bealei stand, die atemberaubend war. In dieser Hinsichtsreihenfolge: Reich blühend, von anmutigstem Habitus, ausladend groß, ungeheuer stachblättrig und ferkelig teuer.
„Gott, was ist die schön!“
„Ja, ist sie. Und trotzdem geht die nicht weg.“
„Wie jetzt.“
„Isso. Die steht schon seit zwei Jahren hier, weil niemand sie wollte.“

Glückselig fuhr ich nach Hause und sah hin und wieder in den Rückspiegel. Der Baumgeschulte hatte die Mahonie so eingepackt, dass sie beim Transport nicht gleich alle Blüten verlieren und ich weder beim Ausladen noch beim Einpflanzen zu Tode gepiekst würde. Es fühlte sich an wie damals, als wir unsere mittlere Hündin aus dem Tierheim geholt hatten, außer dass Fuchur damals noch – anders als die Mahonie – über einen nervösen Magen verfügte.
Zugegeben. Eine Mahonie wollte ich schon lange. Und dass ich heute in dieses Gartencenter fuhr, lag einzig daran, dass ich aus dem Wollen ein Haben machen wollte. Aber dass sie jetzt in meinem Garten steht, wo vorhin drei dreißigjährige Heckenliguster gestanden haben, ist ein Geschenk. Ein Geschenk an die bislang ungewollte Mahonie und eines an meinen Garten, der erst jetzt weiß, wie sehr er sich all die Jahre nach einer Mahonie verzehrt hatte.

Das – sagen wir, wie es ist – habe ich richtig gut gemacht.

5 Antworten

  1. kennt ihr das? ihr seid zum essen eingeladen und bevor noch das essen auf dem tisch steht, entschuldigen sich die gastgeber „das ist heute garnichts geworden“. und dann…., dann steht sterneküche auf dem tisch. und mundet sehr. (wer über den newsletter von nick gekommen ist, wird das verstehen.)

    so vor mich hin gekichert habe ich schon lange nicht mehr. danke dir!

    • Den Text hast du aber auch richtig gut gemacht, nicht nur das mit der Mahonie! (Man soll so einer Muse ja auch mal kräftig auf die Schultern klopfen.;))
      Herzlichen Dank für das Geschenk.:)

  2. Moin Nicole,

    so eine nichtgewollte Pflanze habe ich auch „gerettet“:-) Bei mir ist es eine Rose: Café als Hochstamm. Sie hat mich schon im Vorfeld mit einem Kurzurlaub in Schleswig-Holstein beschenkt – wäre ja auch zu einfach gewesen, wenn sie gleich umme Ecke zu haben gewesen wäre;-)
    Danke für Deinen wunderbaren Text.
    Liebe Grüße Rosenfee

  3. Tja. Und schon wieder werd ich beschenkt, und das nur, weil ich über den Garten schreibe. Danke euch für eure Kommentare, sie sind mir Freude und Ansporn für neue Texte zugleich.
    @ renate
    Das muss man erst mal hinkriegen: Mit drei Zaunpfählen verdeutlichen, dass ich beim letzten Newsletter komplett versagt habe (leider zu Recht, schon allein wegen des nicht funktionierenden Links … *schäm*) und mir dabei ein beseligtes Lächeln auf die Lippen zaubern. Nicht schlecht!
    @ neo
    Die Muse mag dich gerade am meisten von allen. (Und vor allem viiiiiel mehr als mich.)
    @ Natternkopf
    Das Zischen wird wohl ein Tippfehler sein, aber es passt vorzüglich zur Natter und dazu, dass ich dich gerade „Natternknopf“ nennen wollte.
    @ Rosenfee
    Wer so heisst, kann nur die Retterin einer ungewollten Rose sein. Und das da merk ich mir für später (denn solche Sprüche sind Gold wert, wenn man sie braucht):
    „Sie hat mich schon im Vorfeld mit einem Kurzurlaub beschenkt.“
    (So was wie die ‚Café‘ fand ich ja ganz früher ganz übel. Aber heute würde ich sogar reisen für die. Ganz weit sogar. ;-D)

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