Vom Gesundgärtnern

Früher war ich der festen Überzeugung, das Gärtnern könne meiner Gesundheit nichts anderes als förderlich sein: Während die Seele sich erholen, erfreuen und austoben kann, blüht der Körper geradezu auf. Kein Wunder bei all der frischen Luft, der regelmäßigen Ertüchtigung und der unter- wie auch überirdischen Begegnung mit diversen Keimen. Das härtet ab und hält fit. Meinte ich.

Ich selber war es, die mich eines ernüchternd Schlechteren belehrt hat: Frohlockt meine gärtnernde Seele, hat mein Körper nicht mehr viel zu lachen. Beim Jäten, Schneiden, Von-Hand-Häckseln, Strauchwurzeln-Aushebeln, Rasen-in-Beete-Verwandeln oder Laubrechen gerate ich oft in einen solch selbstvergessenen Rausch, dass ich das ächzende Wehklagen meiner Gelenke genauso wenig beachte wie die zerschundenen Hände. Überhaupt die Hände. Ich hätte ja Handschuhe und wüsste auch, wie man die anzieht, aber dafür ist mir zu wenig Disziplin eigen. Und zu viel Lust: Viel zu sehr liebe ich es, gefühlsecht mitten in die Erde und grüne Natur zu greifen. Schrunden, Schrammen und selbstzugefügte Schnitte gehören dazu. So wie Muskel- und Sehnenkater. Diesbezüglich verleiht einem das Gärtnern unzählige Momente des Staunens, spätestens am Tag danach: «Ach. Da habe ich also auch Muskeln?», murmelt man dann und betrachtet fasziniert den etwas angeschwollenen Daumenhügel. Machen wir es kurz: An keinem Ort habe ich so oft Hände in der Gegend herumschüttelnd geflucht, geblutet und aufgeschrien, bin so oft gestolpert, gefallen und in Dornen oder sonstigem Gestrüpp hängen geblieben wie im Garten.

Wird man älter – und das ist wider Erwarten auch mir passiert –, dann werden die Leute ja auch weiser. Sagt man. Nun, was den gärtnernden Körper betrifft, so mag das auf mich nicht zutreffen. Angesichts der letztjährigen gartenbedingten Schäden und Verletzungen bin ich eher noch ein Stück unweiser als zuvor: Wider besseres Wissen habe ich es so unvernünftig übertrieben mit dem Frohlocken, dass ich mir Auas zugezogen habe, die bislang selbst mir neu waren.

Jeder halbwegs einsichtige Mensch würde sich spätestens jetzt vornehmen, künftig achtsamer mit der eigenen leiblichen Hülle umzugehen. Und das hätte ich auch fast getan. Wären mir nicht im letzten Moment all jene Gartenfreunde und -freundinnen in den Sinn gekommen, die, weil bedeutend älter als ich, auch deutlich weiser sein müssten. Sind sie aber nicht. So kommen auch sie gewöhnlich gartenlädiert daher – hinkend, mit leichter Schräglage oder Pflaster versehen. Dabei aber strahlen sie eine solch unverschämt jugendliche Frische und Vitalität aus, dass sich der Schluss förmlich aufdrängt: Gesund am Gärtnern ist vor allem eines … die frohlockende Unvernunft.

In diesem Sinne: Auf ein neues, herrlich unvernünftiges Gartenjahr!

Mit unverblümt-schelmischem Vergnügen berichte ich in der Zeitschrift Pflanzenfreund regelmäßig über das, was gemeinhin verschämt unter den sattgrünen Rollrasen gekehrt wird: Misserfolge, Missgeschicke und Misstritte – mit Vorliebe die eigenen. Und nun auch hier.

Zum Beitragsbild: Zu dieser Kolumne gehört auch ein Autorenporträt, das in typischer „Pflanzenfreund“-Manier für jeden Beitrag neu geknipst wird. In und von meinem Umfeld.

14 Kommentare

    1. Oh wie schön! Manchmal gehen Wünsche doch in Erfüllung! 😀
      Habe ich doch in den letzten Wochen sehnsuchtsvoll wieder die alten Grüntöne gelesen.
      Huhu Schantalle!

  1. Salü Nicole 🌹

    Schön kommst du wieder zum schreiben in deinen Grüntönen. 🍀
    Herzlichen Grüsse aus dem Berner Mittelland
    Natternkopf 🐝

  2. Welch Freude, wieder was von euch zu lesen, und wie schön, dass ihr euch freut! (Wenn ich der Muse eure Kommentare unter die Augen halte, wird die Morgenmuffelin sogleich aus den Pfühlen hüpfen.)

  3. Ach wie schön, pünktlich am Anfang eines Gartenjahrs! Das lockert ja schon beim Lesen die alternden Gelenke.
    Und dann auch noch ein Lebenszeichen von Schantalle! 🙂

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