(V)erwünschte Aussaat

Schaut der März um die Ecke, wird es wieder eng im Wohnzimmer. Kaum etwas sehne ich so herbei wie das hemmungslose Vortreiben auserlesener Gemüse-, Kräuter- und Ziersorten. Und nichts ist mir in den nächsten Wochen wichtiger als das morgendliche Pilgern zu den Aussaatgefässen und die Freude über neu Hervorspitzelndes und Millimeterzuwächse. Oder so. Manchmal freilich spitzelt da gar nichts.

Die Aussäerei ist so eine Sache. Da sät man jahrelang erfolgreich und dann, aus hellheiterer Plötzlichkeit, steckt der Wurm drin. Bei Peperoni zum Beispiel. Von einem Mal aufs andere erdreistete sich dieses Gemüse, partout nicht mehr keimen zu wollen. Ebenso erging es mir mit Schlafmohn, Kapuzinerkresse, Gurken und anderen. Und weil periodisch Bockige anscheinend nicht genügen, trötzeln andere gleich von Anbeginn: Perilla, die ich nur darum kenne, weil man mir mal Sämlinge schenkte, Spargelsalat – auch der verheissungsvolle Name ‚Chinesische Keule‘ half nicht –, ja, selbst der Gewöhnliche Blutweiderich weigerte sich.

Die Gründe waren mir so schleierhaft, dass ich geneigt war, einen Fluch in ernsthaften Betracht zu ziehen. Verzeihlich, weil verständlich: Willig spriesst – nicht nur in Töpfen – der Aberglaube, sobald vernünftige Erklärungen auszugehen drohen. (Was ihn eklatant von einem Peperoni-Sämli unterscheidet.) Allerdings blieb der Aberglaube nie lange, lüftete sich doch der Schleier des Unwissens stets und zuverlässig. Meist steckte der Teufel im schnöd übersehenen Detail: Das Saatgut war überaltert, die Dunkel-/Licht-/Kaltkeimer wurden nicht dunkel, hell und kalt genug gesät, die Aussaaterde war nichts wert und mehr als einmal hatte ich schlicht vergessen, ins sorgsam beschriftete Töpfchen auch wirklich Samen zu stecken.  

Doch dann kam das vergangene Jahr und mit ihm eine vorzutreibende Nelken-Züchtung, auf die ich schon lange ein Auge geworfen hatte. Gleich ein ganzes Rudel Dianthus chinensis ‚Chianti‘ sollte durch den Garten ziehen, als weiss-burgunderroter Faden sozusagen. Das hätte auch funktioniert, denn gekeimt, gediehen und angewachsen ist es besser als erhofft. Wochen nach der Aussaat dann der erste Blütenöffner und mit ihm … die Enttäuschung. Verschüchtert blinzelte mir ein munzig ungefülltes Etwas in Kreischepink entgegen. Seine Geschwister taten es ihm ähnlich: in Blassrosa, Weiss und – immerhin – einmal in Burgunderrot. Willig war das Saatgut zwar, aber definitiv nicht sortenecht. Dies der Saatgutfirma mitzuteilen, schien mir eine Pflicht, andere sollten schliesslich vor derselben Enttäuschung bewahrt werden. Die Antwort war freundlich: «Wir und unser Lieferant haben keine Negativmeldungen zu der von Ihnen angegebenen Lotnummer. Wir gehen deswegen davon aus, dass es sich hierbei um einen Einzelfall (Abfüllmaschine) handelt. Ersatz mit einer anderen Lotnummer ist unterwegs zu Ihnen.»

Ich las das Ganze zweimal.

Es ist also ein einziges Einzelfallpäckchen befüllt worden mit urplötzlich aus dem Nichts aufgetauchtem Saatgut, das nicht nur unrein war, sondern auch zufällig in den Einfülltrichter purzelte. Und just dies eine habe ich käuflich erworben. Schwierig, da nicht an einen Fluch zu denken. Wenn auch an einen besonders kreativen … immerhin.

Ob ich den gratis angebotenen Ersatz heuer aussäe? Selbstverständlich werde ich das. Gleich zusammen mit den ‚Chianti‘-Samen, die mir eine besonders humorvolle Pflanzenfreundin aus Holland zugeschickt hatte. Denn: Wenn schon verflucht, dann wenigstens mit Überzeugung.

Mit unverblümt-schelmischem Vergnügen berichte ich in der Zeitschrift Pflanzenfreund regelmäßig über das, was gemeinhin verschämt unter den sattgrünen Rollrasen gekehrt wird: Misserfolge, Missgeschicke und Misstritte – mit Vorliebe die eigenen. Und nun auch hier.

Zum Beitragsbild: Zu dieser Kolumne gehört auch ein Autorenporträt, das in typischer „Pflanzenfreund“-Manier für jeden Beitrag neu geknipst wird. In und von meinem Umfeld.

2 Kommentare

  1. Ich würde das einzige Einzelfallpäckchen nicht als (kreativen) Fluch ansehen, sondern als großes Los: Du warst auserwählt, so ein besonderes Saatgut Dein Eigen nennen zu dürfen;-)

    1. Dein Name, liebe Fee, passt wie die Faust aufs Auge – der psychohygienische Zauber würde auch tatsächlich wirken … wenn ich denn nicht befürchten täte, dass das einzig Einzelfällige an mir war, der Saatgutfirma eine Mail zu schreiben. 😉

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