Lebensfunke

Als ein Mensch, der dem Schlaf treu ergeben ist, liebe ich es, mich ihm hinzugeben. In letzter Zeit geschieht das deutlich öfters als normal, darf ich mich doch nachts bis zu dreimal wankend erheben, um unseren dementen und tauben Cerberus mit rudernden Armbewegungen davon abzuhalten, ungerührt ins Haus zu pinkeln, die Haustür genauso rudernd zu öffnen und ihm mit allerlei Gebärden zu bedeuten, bitte rauszugehen, um stattdessen den Rasen zu beglücken. Und dabei schlafe ich doch so ausgesprochen gerne, womit ich in meiner Familie mütterlicherseits nicht alleine bin, ist doch der Tante einst entschlüpfter Spruch zu einem vielzitierten Familiensprichwort geworden: „Wer das Bett erfunden hat, war der schlauste Mensch der Welt.“ Es mag tiefsinnigere Reflexionen über das menschliche Dasein und die Welt an und für sich geben, aber wenn man rechtschaffen müde ist, können die einem eh den Buckel runter und so.

Zurück zum Hingebungsmoment. Man kann ja nicht einschlafen wollen, was ein Kreuz ist, wenn man es unbedingt will, aber eben nicht kann. Entweder er kommt über einen, dieser Schlaf, oder man dreht sich nach rechts, links, hält sich ganz, ganz still, bewegt nicht den kleinsten Zeh, zuckt mit keinem Körperhaar, denkt nicht und wartet … und wartet … und denkt schließlich darüber nach, wie sehr man eigentlich würde schlafen wollen und regt sich auf. Ganz fürchterlich. Was dann auch nicht wirklich hilfreich ist.

Müsste ich diesen einen Moment beschreiben, in dem der Schlaf über mich kommt – manchmal kriegt man das so halb einschlummernd mit –, dann schiene mir „es schläft mich ein“ am passendsten. Rätselhaft scheint es mir bis heute und wird mit jeder dreimalig unterbrochenen Nacht noch rätselhafter: Was ist dies Ding, das mich zum Schlafen bringt?[1]

[1] Das Ding hat mit recht viel Chemie zu tun, drei rege involvierten Hirnbereichen, Neuronen, Hormonen und dem schwindenden Tageslicht, was aber nur theoretisch von Nutzen ist. Die Grundfrage bleibt dieselbe.

Pflanzen haben, so meine ich behaupten zu dürfen, dies Problem nicht. Nur: Kann überhaupt von Pflanzenschlaf geredet werden? So von Rechts wegen? Die Frage ist verzwickt bei Daseinsdingen, die weder bewusst sprechen noch sich bewegen und die – dies dürfte ein ausschlaggebender Punkt sein – sowieso über kein Bewusstsein verfügen (soviel ich weiß … ich möchte mich da ungern versündigen).

Nehmen wir meine drei Chrysanthemen, die ich erst seit letztem Jahr habe. Da wäre zum einen die ausladende ‚Salzburger Weiß’, zum anderen die verführerisch karmesinrot-verwuschelte ‚Speer’ und als Letztes die ‚Emperor of China’ mit einem nebligen Hauch von Rosa, der selbst einer Rosa-Allergikerin wie mir schwache Knie beschert. Ob die während der Saison nächtens durchmachen oder mädchenhaft brav schlummern? Ob sie träumen, von durchlässigen Böden und nie stattfindenden Frösten etwa? Ich wage es zu bezweifeln. Vermutlich kennen Pflanzen nur einen wirklichen Schlaf: Den des Winters und da dürfte das Einschlafproblem keines sein: Wenn die Zeit gekommen ist, dann schlafen sie, und wer zu spät einschläft oder zu früh erwacht, der hat dann halt Pech gehabt und hüpft ohne Umwege auf den Kompost. Ich korrigiere: Pflanzen haben ein deutlich größeres Schlafproblem; man muss ja direkt froh sein, diese Erde als Menschenskind bevölkern zu dürfen.

Meine Chrysanthemen befinden sich gerade in diesem Winterschlaf und machen mich nervös, wenn nicht gar wuschig. Die Salzburgerin, die zu einem veritablen Busch gediehen war, zeigt nicht eine einzige grüne Überwinterungsknospe von unten her, während die neblige Chinakaiserin, die es letztes Jahr auf schwindelerzeugende zwei Triebe gebracht hatte, immerhin drei blasse davon zeigt. Einzig die ‚Speer’ im Topf befand es für nötig, eine verschwenderische Fülle davon zu bieten, was ich ihr auch geraten haben wollte. Kurz vor ihrem letzten Atemzug bugsierte ich sie letztes Jahr in den sicheren Rettungstopf und päppelte das nurmehr eintriebige Ding wieder hoch, nachdem die Schnecken regelrecht über sie hergefallen waren. Von drei Chrysanthemen habe ich also gerade mal eine einzige anständig über den Sommer gebracht. Über den Sommer!
Nun gelten diese sehr blumigen Pflanzen zwar als sommer-, aber nicht so wahnsinnig hunterpro als winterhart. Und weil winters alle Stauden grau sind, sieht man ihnen oben eben nicht an, ob da noch ein Lebensfunke in ihnen glüht. Das einzige beruhigende Zeichen ist, so habe ich vernommen, das Vorhandensein dieser Neutriebspitzchen. Für Leute wie mich, die vor einem unbeknospten Exemplar knien und schmerzerfüllt vor sich hinfiepen, gibt es die frohe Kunde, dass sich solche Knospen mithin auch unter der Erde befinden können. Ich habe mir strikte verboten, mit dem Finger nachzustochern, nicht dass ich dabei Vielleichtlinge vorzeitig abbreche; wer „Born to be a Schussel“ auf der Stirn trägt, den lässt man nicht näher an Heikles als unbedingt nötig.
(Richtig geraten. Es hat mich nun erwischt, das Chrysanthemen-Virus, obwohl ich diese Pflanzen noch vor recht Kurzem ganz übel fand. Total oberspießig. Völlig großmutterig. Plasteblumig schlimm. Inklusive gehäkeltem Untersetzerchen.)

Mit Ungewissheit im Herzen werde ich bis zum eventuellen Austrieb warten müssen, um zu wissen, ob die weiße Salzburgerin sehr, sehr tief geschlafen hat oder bereits nach diesem einen kurzen Jahr von uns gegangen ist. Kein Wunder, dass wir da eine gewisse Familienähnlichkeit zu sehen meinen zwischen den beiden Brüdern, dem Schlaf und dem Tod. Wie oft beobachtete ich selbstvergessen unsere Hunde, wie sie tief schliefen, ab und zu ihre Beine in der Gegend herumzuckten auf der Jagd nach einem leckeren Ding, wie sie ihre Lippen schürzten, mit dem Schwanz laut auf den Boden klopften und mehrmals schluckten. Selig. Schmunzelnd, wenn sie dumpfe Lautäußerungen von sich gaben, die höchste Freude auszudrücken schien, stirnrunzelnd, wenn diese laut und lauter wurden, ängstlich hervorgepresst … „Du hast nur geträumt“, sagte ich dann leise, nachdem ich meine Hand vorsichtig weckend auf eine Schulter gelegt hatte. Verwirrt schauten mich zwei Hundeaugen an, dann wurde wohlig geseufzt und unbeirrt wieder eingeschlafen. Doch da ist ja noch sein Bruder. Wie oft streifte mein Blick einen der tief und traumlos schlafenden Hunde, blieb hängen mit diesem plötzlichen Angsthieb mitten in die Magengrube und einem Gefühl, als hätte man mich flugs in einen Eisschrank gesetzt. „Da bewegt sich nichts mehr! Hör mal, da bewegt sich nichts mehr! Es bewegt sich ni…“ Und dann bewegte sich doch was, ein Brustkorb in der Regel. Sehr langsam und flach, aber es funkelte so lebendig wie immer.

Was ist dies Ding, das Leben verleiht, es aufrechterhält und irgendwann plötzlich nicht mehr da ist? Was, sag mir, ist dieser Lebensfunke?
Eine Frage, die mich nicht selten umtreibt, wenn ich in meinen zwei hölzernen Saatgutkisten krame. Da hast du aberviele Winzkörnchen und tief drinnen in jedem von ihnen funkelt und stiebt es nur so vor Lebensmöglichkeit. In diesen braunen, schwarzen, weißen und grauen nichtssagenden Dingern, rund, lang, eckig, Stäbchen, Plättchen, Flusen, man würde sie, ohne ein zweites Mal hinzusehen, ärgerlich vom Tisch saugen oder wischen, diese Dreckkrümel, wüsste man nicht, dass es drinnen lebt. Und wie!
Oder eben manchmal auch nicht.

Peperoni zum Beispiel, die man außerhalb der Schweiz Paprika nennt, haben eines gemeinsam mit allen anderen Pflanzensamen, die ich kenne: Man sieht ihnen genauso wenig an, ob sie noch leben, wie gerade jetzt meiner weißen Chrysantheme. Um die Pointe gleich doppelt vorwegzunehmen: Die letzten vier Jahre steckte ein ganz gewaltiger Wurm in der Peperoni-Sämlings-Aufzucht.
Im ersten Jahr dachte ich: „Hm. Komisch. Mit Peperoni hatte ich doch nie ein Problem, die sind mir bisher doch gewachsen wie der Deibel, viel zu gut sogar“, und vergaß, den Grund herausfinden zu wollen.
Im zweiten Jahr dachte ich: „Hm. Komisch. Mir ist, ich hätte bisher nie ein Problem mit den Peperonis gehabt. Warum keimen da so wenige und warum zum Teil so mickrig? Ach, genau! Ich habe sie nicht auf die Fensterbank über der Heizung gestellt. Die brauchen Wärme, du Schussel!“
Im dritten Jahr sorgte ich frühzeitig für Wärme, dachte: „Hm. Schon wieder miese Ergebnisse“ und googelte. Bald fand ich den Grund. Peperoni sind nämlich Dunkelkeimer. Ach so! Ein klarer Fall. Als Anfänger drückt man die Samen eher zu tief in die Aussaaterde, was ich mir mit der Zeit aus lauter Faulheit abgewöhnt hatte, weil offensichtlich nicht nötig. Außer bei ausgewiesenen Dunkelkeimern, sofern man die denn eben kennen tät.
Im vierten Jahr sorgte ich für Wärme, eine Tiefdrückaussaat und dachte: „Hm“, und damit war mein Latein am Ende.
Die erleuchtende Erklärung kam diesen Februar: „Nick, das meiste von deinem Saatgut war, halt dich fest, überaltert! Punkt! Und übrigens: Peperoni sind keine Dunkelkeimer.“ Fast ein halbes Peperoni-Jahrzehnt habe ich vergeudet, mich mit viel weniger Pflanzen als möglich zufrieden gegeben und rumgeknorzt, um noch das letzte Krüppelchen durchzubringen. Aus lauter verblendeter Blödheit, die es einem versagt, an das Naheliegendste zu denken.
Ich habe sehr viel Mühe, mich von Lebensmöglichkeiten zu trennen, seien dies alte Fenster, untragbare Jeans oder Samen, aber so ein Knackgemüse-Erlebnis lehrt einen. Ich werde noch dieses Wochenende sämtliches Saatgut von Capsicum annuum, also auch alle Chilis, in einem Schwung … nicht wegwerfen, nein, aber aussäen. (Und genau dann kehren die Lebensfunken allesamt zurück und es werden alle keimen wie verrückt. Überraschen tät’s mich nur ein bisschen.)

Gestern schien die Sonne mir ins Gesicht, mit blinzelnden Augen schnitt ich vertrocknete Schneeglöckchen-Beschatter weg, zupfte hin und wieder blutjunges Unkraut raus, bestaunte die Zwiebelblumen, von denen ich zoomend immer mehr hervorspitzelnde entdeckte, atmete die nach erwärmter Erde und Moderlaub duftende Luft ein. Die Mädels hüpften von dort- nach hierhin, flatterten mit den Flügeln, pickten nach Nanoschnecken und anderem Fressbarem und hatten glänzende Augen. Unser Cerberus schaffte es die kleine Waschbetontreppe hoch und hatte dann sogar die Kraft, einigermaßen federnden Schrittes den oberen Rasen zu inspizieren.
Wie schön es doch ist, nach so einem ewig düstergrau-kalten Nebelwinter erwachen zu dürfen, ohne zuvor zu merken, dass wir alle geschlafen hatten. Meine mürrische Antriebslosigkeit, der Raptorinnen lautstark vergackerter Schneeüberdruss und miese Dauerlaune, sie waren ein schlechter Traum, mehr nicht. Nur Hopkins mit seiner Krankheit zum Tode ist weiterhin auf dem Weg, dem Sensemann direkt in die weit ausgebreiteten Arme zu trotten. Ihm und seinem ganz eigenen Lebensfunken sei dieser Text gewidmet.

 

Nachtrag:
Knapp einen Monat später, an den Iden des März,
ist Hopkins für immer eingeschlafen (worden).

Bodensätze

Momentan liegt er draußen und ist gefroren. Mein Einer, der mir genau so wenig gehört wie der Planet, auf dem er liegt. Trotzdem. Er ist meiner und bleibt das auch genau so lange, wie er sich in meinem Garten befindet – woran sich mit aller Wahrscheinlichkeit nicht viel ändern wird. Ich liebe ihn.
So sehr, dass ich mich vor nicht Langem dabei beobachtete, wie erbostes Entsetzen von mir Besitz ergriff, als ein Besucher die Asche seiner Zigarette zwar elegant, aber unerhört mitten ins Beet schnipste. Diese respektlose Unbekümmertheit! Diese Entweihung! Ich war nahe daran, hörbar zu japsen, konnte mich aber im letzten Moment besinnen. Man will nicht schrulliger wirken, als man eh schon ist.

Dabei fing das alles ganz anders an. Der gegebene Anlass wollte es, dass mir damals beim abendlichen Fernsehen und dabei Eincremen der wunden Grabehände mit einem Male auffiel, was mir zuvor schleierhafterweise entgangen war: Die schaufeln da in der Kiste unentwegt Löcher. Unentwegt! Und nicht nur in Gartensendungen oder Krimis. Man glaubt gar nicht, was da alles an einem einzigen Fernsehabend in Filmen und Serien ver- und ausgebuddelt wird. Verschiedene Haustiere, Schatzkisten, Artefakte, Liebesbriefe, Hinweise für das zeitreisende Ich, Vampire, Motorräder, schneidendes Besteck, blutbefleckte Kleider, Menschen und hin und wieder Pflanzen – um nur Einiges davon zu nennen.
Beeindruckt cremte ich vor mich hin und starrte auf den Bildschirm: „Lasst uns ein Loch graben und die verfluchte (wörtlich) Statue ein für allemal beerdigen“, dröhnte unheilschwanger der schneidige Protagonist, woraufhin er muskulös eine Schaufel ergriff und die motivierenden ersten Schaufler tätigte.*

* Das zitierte Beispiel existiert nicht. Also schon, aber nur als Beispiel und zwar hier. Sonst aber nirgends.
… Da ich grad so nett am Fußnöteln bin, nimmt es mir wohl niemand übel, wenn ich, nur ganz kurz, etwas mit euch teile, was mich gerade enthusiasmiert: Die obige Aufzählung von Objekten, die im abendlichen Programm verbuddelt werden, beginnt mit Haustieren und einem beschreibenden Wort davor. (Damit ihr augenfaul im gleichen Abschnitt bleiben könnt: Die Rede ist von „verschiedenen Haustieren“.) Dies kann man nun – je nach Persönlichkeitsprofil – folgendermaßen gelesen haben:

  • Unterschiedliche Haustiere
  • Gestorbene Haustiere
  • „Hm. Das kann ja unterschiedlich oder gestorben heißen. Wie ulkig.“

Ist das nicht zehenkrümmend faszinierend?
Und jetzt würden die drei entsprechenden Persönlichkeitsprofile folgen, aber dann wäre die Fußnote länger als der eigentliche Text und das geht ja auch nicht.**

**Nichtgärtner meinte beim Vorkosten monieren zu müssen, dies sei eine „gemogelte Fußnote“, weil „nicht am Ende der Seite“. Meinetwegen. Nennen wir sie halt Bauchnote.

Der Schneidige ist also emsig beim Schaufeln, Nichtgärtner und ich sehen sofalümmelnd zu, langsam reibe ich die Hände aneinander und:
„Hm“, meinte ich, den Blick hochkonzentriert auf den Bildschirm gerichtet. „Hm.“
„Kommt noch was?“ frug er.
„Das stimmt doch nicht. Schau mal, wie der schaufelt.“
„Zu langsam? Zu schnell? Falsche Technik? Falscher Ort?“ Nichtgärtner grinste breit.
„Ha. Ha. Jetzt guck doch mal hin!“
Und so guckten wir zu, wie die beiden Protagonisten abwechslungsweise das Loch schaufelten, dabei über Tiefgründiges parlierten, sich ein- oder zweimal die leicht glänzende Stirn tupften und inzwischen gute anderthalb Meter Richtung Erdkern gegraben hatten. Noch immer (wir waren bei anderthalb Tiefenmetern!) glitt die Schaufel widerstandslos in diese rieselige dunkle Masse, stach rein und schleuderte das Geriesel auf den Haufen (wenn man genau hinsah, sah man, dass da lustig Krümel am Runterkullern waren).
„Tscha“, meinte Nichtgärtner schnippisch. „Die sollen das mal bei uns versuchen.“
Genau.

Nur … irgendwie sah ich von da an ausschließlich solche Erde, egal, wo die Handlung spielte, ob es sich um Garten-, Wald-, Etc.-Boden handelte und wie das Wetter war. Die Schauspieler schwitzten und stöhnten unterschiedlich stark, manchmal hatten sie eher unglückliche Grabewerkzeuge zur Hand, auch schon mal nur Letzteres, aber Löcher kriegten die alle hin. Und was für welche. In mir begann ein immer größer werdendes Fragezeichen aufzusteigen, langsam, wie ein verrunzelter Luftballon. Irgendwas war da ganz faul in meinem Garten oder aber die im Fernsehen logen uns mitten ins gebannt guckende Gesicht.
Mit der Schaufel fing es ja schon an. Schaufel! Spaten, Leute, Spaten, nur so wird ein Loch draus! Wenigstens in absehbarer Zeit. Und wie die graben! Einmal ein bisschen mit dem Fuß nachgeholfen, das war’s. Ab fünfzig Zentimeter komme ich, wenn überhaupt, nur mit einem beidfüßigen Wuchtbrummensprung auf des Spatens Schultern zu Potte; später helfen nur noch Nichtgärtner oder/und Spitzhacken. Anderthalb Meter? Vergesst es. Und rieseln tut da überhaupt rein gar nichts. Höchstens klumpbröckeln, wenn schon.
Bevor ich nur noch mit enttäuschter Verdrossenheit auf das Geschenk mir zu Füßen sehen konnte, kam Schwiegermama zum ersten Besuch, bückte sich beiläufig während des Plauderns, nahm etwas Erde in die Hand und sagte nickend: „Hm-m. Du hast da einen sehr guten Gartenboden!“ Verständnislos strahlte ich in ihr Gesicht. „Doch, doch, das kannst du mir glauben. Das ist toller Lehmboden, da darfst du dich von schreiben.“
Schwiegermütter haben größeres Gewicht als das Fernsehen; ich schrieb mich auf der Stelle von.

Von diesem denkwürdigen Augenblick an begann es zu wachsen, das zarte Pflänzlein der Zuneigung. Mit jedem Gartenmonat mehr lernte ich meinen Boden besser kennen, ergründete seine Eigenheiten, Vorlieben, Launen und betrachtete ihn mehr und mehr als Lebewesen. Auch furznüchtern biologisch betrachtet kann man nicht anders, behaupte ich jetzt einfach mal. So ein Boden ist unbestreitbar ein Organismus und das weiss jeder, der seinen jemals ans Mulchen gewöhnen musste.
Ja, es gibt mulchungeübte Böden, man könnte sie mit etwas Hang zum Dramatischen auch traumatisiert nennen. Wer jahrelang malträtiert worden ist, braucht offenbar Zeit, mit Glück umgehen zu lernen. Behutsam versah ich jede nackte Stelle mit einem Hauch aus grünen Rasenschnitt-Spitzen und sah ihm dann dabei zu, wie er dalag. So ähnlich wie bei der einjährigen Hündin, die wir aus dem Tierheim geholt hatten. Als ich ihr die ersten Male Spielzeug darbot, sah sie es nur verständnislos an, egal ob ich es warf, rollte, hinlegte, damit in der Gegend rumhüpfte oder mich sonstwie zum Affen machte. Wie sie brauchte der Boden ein bisschen, bis er begriff, womit man ihn da verwöhnen wollte. Nach einem Jahr kippte ich Rasenschnitt drauf, wie man es unter keinen Umständen tun dürfte, würde man die Gartenratgeber befolgen, die unisono mantrieren: Benutze nie frischen Schnitt, lass das Zeug immer vorher antrocknen und bring es dann niemals nie dicker als fünf Zentimeter aus, sonst verfault es garantiert und beginnt zu stinken. Ach, Pusteblume. Hätte ich nicht Deckbett-hoch gemulcht, wäre bereits nach einer Woche alles weggemampft gewesen. Gefault hat da trotzdem nie was und Schnecken hatte ich früher eh en masse, da störten mich die drei zusätzlich Angelockten auch nicht weiter. Ob sich die Gartenratgeber zufälligerweise nie mit einem Boden wie dem meinen ins Benehmen gesetzt hatten oder fortlaufend voneinander abschrieben, eines, so meine ich, steht fest: Es ist nicht jeder gleich, ob Mensch, Tier oder Boden.

Das richtige Mulchen für meinen einen Boden konnte mir daher niemand anders als er selber beibringen. So was ergibt sich von alleine, wenn man wachen Auges und Geistes durch seinen Garten wandelt, darin werkt und wirkt, sieht, was es zu sehen gibt, beobachtet, nachdenkt, Schlüsse zieht und mit solchen von anderen vergleicht. So zum Beispiel entstand meine Bodenapotheke, die mit Ringelblumen, Tagetes, Kamille und noch einer Handvoll anderer Hausmittelchen bestückt ist. Einem Boden siehst du das Kränkeln noch schneller an als einem Mann – auf Letzterem wächst ja auch kein Gemüse, Obst oder Ziergrün – und während du dem einen einen Kräutertee braust und auf seine Elektrolyte achtest, säst du beim anderen was Bodenkurendes. Irgendwie bestechend einfach.

Könnte man jedenfalls meinen, es sei denn, man sei … ein Mann. Nicht, dass das zwingenderweise stimmen muss, aber erlebt habe ich es bislang nicht anders: Wenn sich irgendwer kompliziert tut mit dem Boden, dann sind es fast ausnahmslos Männer.
„Grummel, das Gemüse will nicht so … ob’s an einem zu tiefen pH-Wert liegt? Oder vielleicht an der zu kalibetonten Kopfdüngung? Andererseits könnte es auch ein Eisenmangel sein oder der Phosphorüberschuss, wir haben eh alle zu viel Phosphor in unseren Gärten. Laut Bodenprobenanalyse vom letzten Jahr wäre ja alles im grünen Bereich, aber ob das stimmt mit den einzelnen Stichproben? Letztes Jahr kann ich mich jedenfalls an keine Gemüseprobleme erinnern. Wann hab ich eigentlich zum letzten Mal gekalkt und wie soll ich jetzt düngen, wenn ich nicht weiß, was los ist? Mensch!“
Bei Frauen tönt das dann so:
„Grummel, das Grünzeugs will nicht so … am Wetter kann’s nicht liegen, also wird’s wohl der Boden sein. Ich warte mal ab und wenn’s nicht besser wird, dann gönne ich ihm eine längere Gründüngungs-Pause, die ist eh schon lange überfällig.“
Sollte ich in diesem Punkt grund- und bodensätzlich irren, so bitte ich euch, tut es mir kund. Im Übrigen finde ich die zweite Variante sinnvoller. Vielleicht, weil ich eine Frau bin. Ganz sicher aber, weil mein Boden mir eine gewichtige Lektion erteilt hatte: „Pfusch möglichst wenig rein und rum, ich weiß schon, was ich tu.“ Nicht im Traum käme es mir in den Sinn, wissentlich am pH-Wert und den einzelnen Mineralsalz-Gehalten rumzudoktern, es sei denn, man würde mir irgendwann mal einen grottenmiesen Boden unterschieben. Wobei ich auch in diesem Fall versuchen würde, es auf andere Weise hinzukriegen. Ich kenn mich ja inzwischen.

Es hat ein Gutes, sich selber zu kennen und zu wissen, was man braucht. Ich kann mich noch gut an mein Erstaunen erinnern, als ich zum ersten Mal realisierte, wie sehr ich jeweils danach gierte, endlich nach Hause zu kommen und im Garten arbeiten zu dürfen. Das Sehnsuchtsbild, das dabei vor mir aufstieg war stets dasselbe: Meine beiden Hände, wie sie Erdbrocken zerdrücken, im Boden wühlen und Pflanzen setzen. Das Arbeiten mit einem gewachsenen Boden, der direkte Kontakt mit Erde gab und gibt mir etwas, was ich schmerzhaft vermisst hatte, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, dass es mir überhaupt gefehlt hatte.
Ein mulchfremder Boden, eine Hündin, die keine Spielzeuge kennt, ein Mensch, der jahrelang keine richtige Erde mehr in den Händen gehalten hatte. Ihnen ist eines gemeinsam. Das Staunen darüber, Glück erleben zu dürfen, während der muffelige Blick auf die unerträglich sauberen Fingernägel, das verzweifelte Kratzen an der kalten Fensterscheibe und verzehrende Gedanken an zwei Handvoll Erde dicht unter der eigenen Nase allein dem oben erwähnten Menschen vorbehalten sind.

Aerobes

Hin und wieder gibt es Momente, in denen man verwundert und leicht verstört erkennt, dass nicht jeder die Welt so sieht wie man selber. So wie diesen Juni, als sich folgendes Gespräch ereignet hatte:

Nicht-Nick: „Jetzt, wo das blöde Wacholder-Gestrüpp weg ist, sieht die Ecke schon viel besser aus.“
Nick: „Definitiv!“
Nicht-Nick: „Und als nächstes kommen da Steine hin.“
Nick: „Ach nee, du! Tu das nicht! Bitte!“
Nicht-Nick: „Schau, ich will einen sauberen Vorgarten, der mir keine Arbeit macht.“
Nick: „Dann zieh doch einfach deine Bodendecker da weiter. Oder ich geb dir von
meinen Sedum spurium. Wenn das Zeugs zugewachsen ist, hast du nichts mehr
zu tun. Und obendrein schaut es super gepflegt aus.“
Nicht-Nick: „Stimmt, das wäre eine Idee. Hm … dann setz ich da die Bodendecker und davor kommen die Steine hin.“
Nick: „Ach nee! Warum müssen denn die Steine noch hin?“
Nicht-Nick: „Na, sonst wärs doch viel zu grün.“

Zu grün. Darauf muss man erst einmal kommen. Und darauf, dies jemandem zu sagen, wohlgemerkt Verständnis voraussetzend (und das tat Nicht-Nick!), der das Gärtnern abgrundnärrisch liebt und auch noch alle zwei Wochen irgendwelche Texte darüber schreibt. Gut, das mit den Texten weiß Nicht-Nick nicht, aber den Rest schon. Zu grün.

Wie immer, wenn ich auf jemanden treffe, dessen Weltbild sich so eklatant von meinem unterscheidet, hatte ich auch hier die Wahl, entweder geistig den Vogel zu zeigen oder versuchsweise zu verstehen. Weil ich Nicht-Nick mag, wählte ich Letzteres und hatte nach einigen Tagen tatsächlich einen Aha-Moment. Nicht-Nick meinte wirklich die Farbe. Und tatsächlich wäre die ganze Fläche voller dieser Bodendecker doch sehr uni, abgesehen von der kurzen Zeit, in der sie blühen würden. Ich glaubte es kaum, aber es war wahr – sie hatte Recht: Die Steine, die sie hinkippte, machten die ganze Chose lebendiger. So paradox es auch tönen mag.
Sie sind immer noch nicht mein Fall, diese Steinhaufen, mein Groll gegen das Geröll hat sich keineswegs in Staub aufgelöst, aber kleiner ist er geworden. Manchen wäre der Vorgarten ansonsten einfach zu grün. Tja.

Für Weltbilderschütterungen brauche ich keine anderen Menschen, wie sich im selben Monat herausstellen sollte. Die Haustür aufreißend, rief ich in den Flur:
Nick:                           „Bist du da?“
Nichtgärtner:            „Jahaaa!“

Ich warf meine Plastiktüte mit den gestern neu gekauften Sportschuhen in eine Ecke und … verzeiht. Das stimmt nicht. Ich legte sie in eine Ecke, weil die Schuhe für meine Begriffe teuer waren und ich teure Sachen niemals irgendwohin schmeiße. Aber das tönt so laff … „Ich legte die Tüte.“ … übel.
Also. Nach dem Werfen rannte ich zum Mann meiner Wahl und hatte schon zu reden begonnen, bevor ich ihn überhaupt sah.
Nick:                           „Es ist kuuuhl! Echt! Saugut ist es! Ich flipp gleich aus!“
Nichtgärtner:            „Hä?“
Nick:                           „Ich mach das gerne!“
Nichtgärtner sah mich an, als hätt ich meinen Garten studiert und den Satz mit dem „zu grün“ geäußert. Ich mich auch.

Lasst mich das erläutern.
Irgendwann diesen Frühling hatte ich es gewagt, einen Holunder zu entwurzeln (und danebst noch ein paar alteingesessene Liguster), was zu einem Schulteraua der so lähmenden Art führte, dass ich wohl oder übel beim Arzt vorstellig werden musste. Es stellte sich physiotherapeutisch heraus, dass das Übel einem verschobenen Nackenwirbel zuzuschreiben war, den ich mir vor mindestens 15 Jahren eingehandelt hatte. Der wurde eingerenkt und blablabla, jedenfalls lief es darauf hinaus, dass es mir sehr gut tun würde, wenn ich therapeutisch unterstützend meine Rücken- und Schultermuskulation stärken tät.

Ich. Die seit dem siebzehnten Lebensjahr von Sport genau so viel hielt wie Churchill. Die zum letzten Mal gerannt war, weil sie sonst den Bus verpasst hätte. Nein. Falsch. Weil sie einen der Hunde davon abhalten musste, etwas wirklich, wirklich Blödes zu tun. (Man könnte nun meinen, ich sei viel gerannt. Bin ich nicht. Jedenfalls sportlich gesehen. Und ans letzte Mal Rennen kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. So viel zur erfolgreichen Hundeerziehung und zur miserablen Verkehrsanbindung unseres Dörfchens.)

Konsequenterweise hatte ich auch für Sportler nie viel übrig. Und weil das Schicksal ein putzig humorvolles Wesen hat, verliebte ich mich Hals über Kopf in … genau … in genau so einen. Gärtnerin verliebt sich in Sportler, Nichtsportlerin verliebt sich in … et voilà.
Nicht müde wurde ich, mich über Sportler zu mokieren (außer über meinen eigenen)
Nick:      „Die armen Irren. Die von der Natur Entfremdeten. Machen einen auf Bizeps mit ihren Gewichten. Pah. Bizeps wollt ihr haben? Raffelt mal meinen Haufen an Karotten, ihr Weichgemüseteile, ihr! Und wenn ihr nicht genug habt, dann geb ich euch Fensterscheiben. Zig davon! Zeigt mal, was ihr drauf habt, hopp!“

Und nun kam ich heim, höchstgestimmt, direkt vom Fitnesscenter, dem dekadentesten aller Übel überhaupt, und war so glücklich, dass ich den Mund nicht mehr zukriegte. Über meine eigene Sätze stolpernd erzählte ich Nichtgärtner in allen Details, was genau ich da machen musste, warum ich das so toll fand und dass ich nach dem Training nicht etwa kaputt war, nein, ich war wacher und fitter als zuvor (und Muskelkater sollte ich am Tag danach auch nie haben, wie sich später herausstellte).

Tja. Meine Abneigung gegen den Sport hatte ich in meiner Vorgartenzeit erworben und seitdem so fleißig gehegt und gepflegt, dass mir nicht auffallen konnte, dass sich Gärtner und Sportler gar nicht so ungeheuerlich unterscheiden.

Nehmen wir zum Beispiel die Disziplin, ohne die jede Sportbetreiberei ein Mückenfürzchen wert wäre. Was wären erst wir Gärtner ohne sie! Einmal zu faul zum Gießen und dahin können sie sein, die Säm- und Stecklinge. Nicht auszudenken, was wäre, wenn mich von März bis Mai der Schlendrian ereilen würde. Wir würden sommers im Unkraut ersticken, was kaum ins Gewicht fallen würde, weil wir fast nichts zu essen hätten. Und würde der Rasen nicht regelmäßig gemäht, wäre das auch ganz, ganz schlimm. Wenn mir mal einer, der mit Garten nichts am Hut hat, über die Schulter gucken würde, wenn ich winters den Gemüse- und sonstigen Aussaatplan erstelle, wäre der aber so was von beeindruckt. Das alles, Leute, geht nur mit eiserner zähnezusammenbeißender Disziplin, ob man Lust drauf hat oder nicht.

Und mit Leidensfähigkeit. Sieht man ganz gut vom Auto aus, wenn man den Joggern am Straßenrand ins Gesicht schaut – ich habe höchst selten einen entspannt Lächelnden gesehen, die meisten schauen unter zusammengezogenen Augenbrauen düster vor sich hin und scheinen irgendwas zu zählen. Nun, viel anders hatte ich damals auch nicht ausgesehen, als ich den unsinnig schweren Vorkriegs-Benzinrasenmäher den Parkrasen hin und her und rauf und runter geschoben hatte, um schließlich ganz zufälligerweise den Hebel für die Traktion zu entdecken. … nach zwei Stunden.
Was wird im Garten durch Dornengestrüpp gerobbt, gekrochen, geflucht, was schneiden, hauen, stechen und sägen wir uns entzwei, was ächz-, schwitz- und schnaufen wir unter der Last von Erdsäcken, Tontöpfen, prall gefüllten schwarzen Kisten. Und doch tun wir’s immer und immer wieder.

Weil wir uns übertreffen oder mindestens so gut bleiben möchten. Sei es nun eine Bestzeit, ein zu stemmendes Höchstgewicht, eine optimale Kartoffelernte oder ein perfekt komponiertes Beet. Von Jahr zu Jahr ist es ein Hangeln von vorher zu besser, schöner, mehr oder, ja, auch das kommt vor, weniger.

Nebst mehr Kraft (für den Garten, wofür auch sonst) wollte ich im Fitnesscenter unbedingt weniger Überflüssiges hinkriegen, aber weniger wollte es nicht werden, ganz im Gegenteil. Und dies, obwohl ich regelmäßig und diszipliniert zweimal pro Woche im Fitnesscenter gestirnrunzelt hatte. Bis mir jemand Kundiges erklärt hatte, woran das lag: Am Puls.
Ist der zu hoch, dann kommt man in den (Achtung, haltet euch fest!) anaeroben Bereich und da verbrennt der Körper kein Fett. Anaerober Bereich! Ich kam mir vor wie ein Komposthaufen und fühlte mich mit einem Male ganz wohl. Aber es ging noch weiter. Ich kaufte einen Pulsmesser (ich!!!) und trainiere seither pulsgesteuert. Was das heißt? Ganz einfach: Ich trainiere nur in meiner Wohlfühl-Komfortzone und nehme dabei auch noch ab! Ist das nicht irre?

Was lernen wir draus?
Mein Stoffwechsel gleicht einem Komposthaufen (ich wusste es, ich wusste es!) und
man kann sich das Leben auch unnötig schwer machen.
… dachte ich heute und ging ungerührt an den ungebundenen Eupatoriümmers vorbei, die, schwer vom Dauerregen, alles unter sich begruben, bewunderte die Herbstfärbung meiner neuen Gehölzkinder, schaute nach, ob der Eierlegestreik inzwischen beendet ist (ist er nicht), kriegte keine Panik, dass bereits der Mittwoch Nachmittag angerollt war und der Grünton noch in den Geburtswehen lag und studierte die seit Wochen anschwellenden Chrysanthemen-Knospen.
So aerob gesehen ist das Leben eigentlich sauschön.

 

 

Gundel Rebelei

Am liebsten wollte ich auf der oberen Wiese sitzen, umgeben von ein, zwei aufmerksam beobachtenden, göckernd kommentierenden und helfend scharrenden Velociraptoren und mich an den hervorguckenden Gundelrebenranken entlanghangeln. Ei, welch befriedigendes Gefühl, wenn so eine Ranke unter stetig sachtem Gezogenwerden immer länger und länger wird, wenn sich die verwurzelten Verankerungen im Boden plopp-plopp-plopp lösen und wenn ein noch nicht verankerter, aber erfreulich langer Rest in einem Zug durchs Gras saust, um am Ende in der Luft gebaumelt zu werden. Begleitet von einem triumphalen Grunzer.
Das gibt ganz viele Endorphine und macht süchtig nach mehr. Ganz besonders dann, wenn sich Ranken kreuzen: „Ach, guck, da ist ja noch eine! Und dort noch zwei mehr! Da geht ja jede noch leichter raus! Hm. Diszipliniert bei der ersten bleiben oder sich selber kitzelnd einer anderen zuneigen? Na, na?“ Es nähme nie ein Ende, wenn einem nicht irgendwann ein Fuß eingeschlafen, der Popo zu kalt, kein Velociraptor mehr in der Nähe oder das letzte Endorphin ausgegangen wäre, weil nur noch sich hartnäckig ans Erdreich klammernde Gundeln übrig geblieben sind.

Im letzteren Fall könnte man sich kurzfristig anderem zuwenden, lechzt doch der motivationsleere Geist nach nichts mehr als nach Abwechslung. Der Möglichkeiten sind meist viele, seien es etwa Braunellen, irgendwelche Ehrenpreise oder Gänseblümchen. Alle Gewächse halt, die auf oder unter der Erdoberfläche rumkriechen und sich ohne Gerätschaften rauszüpfeln lassen. Fingerfood eben.

Ob ich nichts Besseres zu tun hätte? Oh, das hätte ich! Ich müsste mich zum Beispiel in den blödsinnig steilen Küchenhang begeben und dort meterlange Efeuranken einkürzen, die die eigentlich gewollte Bepflanzung unter sich erdrücken. Dies im hüpf-freudigen Vorwissen, dass dabei meine Nase innert Kürze pikiert sein und für den Rest des Tages unaufhörlich laufen wird. Wenigstens ist es schweinekalt – ein Ausschlag auf den nackten Armen ist daher höchst unwahrscheinlich. (Ich weiß aus leidvoller Erfahrung: Jeder, dessen Körper den fiesen Efeu-Härchen die nackig kalte Schulter zeigt, wird jetzt erstaunte Augen machen und etwas faseln von „Hä? Allergisch auf Efeu? Eeefoi? Nee, ne?“ Doch, doch. Es gibt tatsächlich Leute, die auf Allergene allergisch reagieren. Der helle Wahnsinn.)
Die Motivation dafür ist so winzig, die passt nicht mal unter ein Efeu-Härchen. Umso mehr, als ich schon längstens wüsste, dass dieses Einkürzen nur eine Pseudo-Lösung für Oberfaule ist, denn eigentlich müssten die mitsamt Wurzelstöcken raus. Das Dumme daran: Ich habe das schon mal versucht. An putzig-schnuckligen fünf Jahre jungen Gesellen. Weiß der Geier, wie und vor allem woraus, aber die haben wieder ausgetrieben. Ungerührt.
Hin wie her, der Efeu wäre nötiger, wenn nicht nötig.

Will aber lieber an den Gundeln rebeln, der Stille zuhören, gurrend mit meinen Mädels parlieren, einem runtersegelnden Kirschbaumblatt zuschauen und den Cerberus heranwinken, der schwerhörig und leicht dement ein paar Meter weiter verloren in der Welt sitzt. Oder zuhören, wie die Nachbarskinder schnatternd von der Schule nach Hause kommen und keine Ahnung haben, dass sie dabei von einer Ü-13 gehört werden.
Stilllebendig auf einer Wiese sitzen und zeitvergessen rumzüpfeln oder auf runterrutschenden Fußballen den Efeu-Vorhang kurzniesen? Nü.

Der Efeu ist ja nur das Eine. Da wäre noch das Ding genannt Ehre. Oder halt Buchs. Hätte ich nur ein Fitzelchen Anstand im Leib, dann hätte ich heute schon längstens all meine hunderte Buchspflanzen euthanasiert und der Sondermüllstation übergeben. Aber ich habe Fußsohlen und die sind nicht immer meiner Meinung. Als ich im August ein weiteres meiner Klostergarten-Rechtecke mit meiner zuverlässigsten Stechschaufel am Entbuchsen war, kam der beste aller Nichtgärtner daher und meinte: „Das ist ja kein Zuschauen. Komm, lass mich das übernehmen, dann ist das ratzfatz erledigt.“ Er ist toll und so, aber auch er hat Fußsohlen. Nach endlicher Erledigung dieses Rechtecks wurde befunden, dass der Rest irgendwann viel später erledigt werden möchte. Jaaaa. Ich weiß. Ganz unsauber. Andererseits werde ich wohl nicht in die Geschichte eingehen als „Das unwürdige Gewürm von Mensch, dank dessen Fußsohlen der Buchsbaumzünsler den gesamtglobalen Bestand an Buxus sempervirens zerstörte. Schande über es und Seinesgleichen!“

Die riechen auch so nett, diese Gundelreben. So gewürzelig-harzig-frisch. Ich mag das sehr. Wären da mein Cerberus und die Velociraptoren nicht, die fleißig stoffwechseln, dann tät ich die Rasenguckgundeln noch so gerne verarbeiten, sind sie doch äußerst heilkräftige Geschöpfe.
Aber man staune: Man kann auch ohne gerebelte Gundeln im Glase gesund bleiben.

Durchaus Wichtigeres stünde an. Etwa die Rasentrittsteine, die – sofern ich weiter dem heiligen Ignorans fröne – spätestens im November unter einem gräsernen Toupet verschwunden sein werden. Ästhetisch zwar eine ansprechende Sache, aber leider ebenso rutschig. Und wenn ich auf etwas verzichten kann, dann ist es eine Ausrutschpartie an einem düsterdunklen Morgen, dank der ich mich – vor einer gefühlten Minute der Dusche entstiegen – straks zum Kleiderschrank begeben darf, um was Sauberes zum Wechseln rauszunehmen. Regenwurm- und Velociraptorenhaufen sind was ganz Tolles, solange sie den gewünschten Abstand wahren.

Beim Gundelziehen sind mir Erstere relativ wurscht. Meine Arbeitsklamotten dienen nicht der Eitelkeit, da dürfen auch Flecken jeglicher Couleur prangen. Bloß stinken sollen sie nicht, aber dem ist einfach vorzubeugen oder – sollte es mal zu spät sein – entgegenzuwirken. Velociraptorenhäufchen jedoch gibt es so gut wie keine, jedenfalls nicht im Gundelreben-Areal. Die Gründe dafür sind zwei einfache:
Einerseits ist der Rasen oben gerade out. Ja, ihr lest richtig, meine Mädels sind beeindruckend trendbewusst. Und wie es bei richtigen Trends eben so ist, man hat keine Ahnung, wie sie zustande kommen und ebenso wenig einen Schimmer, warum sie mit einem Male verpuffen. Ihr wollt Beispiele? Sehr gerne.
Im Frühsommer vor einem Jahr war Waldmeister so was von hip, dass ich mich ungewohnt harsch durchsetzen musste, um wenigstens noch ein bisschen davon ernten, trocknen und dann gerebelt einglasen zu können. Dieses Jahr? Nicht mal mit der längsten Schwanzfeder hat man ihn angeschaut. Dafür war Campanula poscharskyana angesagt und dies bereits seit dem letzten Herbst. So sehr, dass die Arme zum ersten Mal nicht dazu kam, sich weiterwuchernd auszubreiten. Kaum guckte ein neues Blättchen an Trieb Nr. 375 hervor, stürzte man sich drauf und pickte weg. Da ich die Poscharskyana nun schon etwas länger kenne, sorgte ich mich nicht. Und tatsächlich. Als der Hype im Juli abebbte, trieben die jeweiligen Exemplare glücklich durch und blühten rekordverdächtig.
Genau so wankelmütig verhält es sich mit der Wahl der raptorischen Lieblingsplätze. Zwei Monate lang begibt man sich um Nullachthundert stur und strikt unter die tote Tortuosa-Weide, von einem Tag auf den nächsten wird es der Fußabtreter vor der Küchentüre sein, die nächsten – was weiß ich – neuneinhalb Wochen lang. Und so geht es im Verlaufe des Tages weiter. Jedenfalls war jetzt schon seit längerer Zeit der obere Rasen zu keiner Tageszeit mehr genehm.
Andererseits …

Andererseits sollte ich endlichst den reifen Inhalt des Laubkomposters siebend ernten, bevor der große Blätterfall eintritt und es auf jeden kompostierbaren Quadratzentimeter ankommt. Diese Tätigkeit würde normalerweise in die Kategorie „Au ja!“ gehören, in die sich auch das Gundelrebenrankenzupfen reiht, aber es scheitert an der profansten und somit plattesten aller Gärtnerfragen: „Wohin damit?“
Unter Dach oder in einen Behälter ohne Abzuglöcher geht schon mal gar nicht, das Zeug soll ja nicht austrocknen. Käme mir noch in den Sinn, erst zwei Jahre zu warten, bis das Laub so richtig anständig verrottet ist, um das gewonnene Gold dann innerhalb kürzester Zeit zu einem Substrat-Zombie zu machen. Aber wohin sonst?

Ich weiß es nicht, und daran wird sich in der nächsten Zukunft auch nichts ändern, weil ich gerade solchen Spaß an meiner neusten Idee habe. Seit ich Haustiere halte, versuche ich, mir ihre Instinkte zunutze zu machen, so dass ein perfektes, weil freiwilliges Teamwork zustande käme. Das aktuelle Projekt heißt:

Herbstlich velociraptorisches Vertikutieren und Gundelrebenlösen
dank gezielter Körnerstreuung

Der Einfachheit halber werde ich dem vermutlich begeisterten Patentamtsbeamten das Kürzel „VeVe“ vorschlagen. Denn, oh ja, es ist begeisternd:
Die Mädels (und Jungs, aber davon haben wir gerade keine) lieben Körner. Etwa so wie wir Schokolade, Fett und sonstig Sündiges. Streut man die z.B. auf Rasen, dann ist das für sie wie für ein Kind drei Überraschungseier, weil sie nach dem ersten gierigen Drauflospicken und Draufrumtrampeln erst scharren müssen, um ein weiteres Körnchen zutage zu bringen.
Bedarf es weiterer Worte?
Mit heller Miene sammle ich am nächsten Tag das rausvertikutierte Zeugs, gebe es freudig seufzend auf den Kompost und hocke dann in die Hocke, um „na, wenigstens fünf Minuten lang, komm, das darf ich mir gönnen, ist doch wahr. Schau, wie hübsch sie die Gundelrebentriebe rausgezogen haben, ich fühl mich wie an einem All-you-can-pull-Buffet. Hach, ist das schön!“

Und so ging das eine geschlagene Woche lang – die zwei Seelen in meiner Brust stritten sich darüber, was denn nun sein dürfe, all das dringend Nötige oder aber die sinnfreie Gunderebenkitzelei. Und weil in der Zwischenzeit die Temperatur beschlossen hatte, direkt nach diesem herrlichen, schwitzend-warmen Altweibersommer einfach mal so eben mehr als zehn Grad runterzufallen und fortan dort zu bleiben, habe ich schließlich gar nichts davon gemacht. Denn jetzt hatte ich auch keine Lust mehr aufs Gundeln, sondern wäre am liebsten mit zehn Wärmeflaschen im Bett geblieben. Mindestens eine weitere Woche lang.
Bedarf es weiterer Worte?

 

 

Kitzeleien

„Je moet jezelf kietelen, een ander doet het niet.“
(Du musst dich selber kitzeln, ein anderer tut es nicht.)

… schrieb sie, die Eine, die mich vor gar nicht langer Zeit mit drei Sträuchern, einer Astilbe und sechs Farnen gekitzelt hatte, nur weil sie sich so drüber freut, von den Grüntönen gekitzelt zu werden. Und mit einem maliziös-verschwörerischen Funkeln in den Augen (so jedenfalls vermute ich) fügte sie dem Paket auch 244 geleimte Seiten eines Blumenzwiebelkatalogs hinzu.

Nun lebte ich bis zur Ankunft besagten Pakets in der irrigen Annahme, ich wüsste, was ein Blumenzwiebelkatalog sei. Und dass ich fünf verschiedene Narzissensorten mein Eigen nannte, fand ich, ja, doch, das fand ich nicht wenig. Meine Nachbarn haben entweder gar keine oder aber eine, von der sie hartnäckig behaupten, das seien keine Narzissen, sondern Osterglocken. Meinetwegen. Also keine. Und so ganz allgemein und überhaupt fand ich, dass sich bei mir eigentlich doch recht viele verschiedene Zwiebelblumen in der Erde tummeln, wenn zum Teil auch in einem fortgeschrittenen Rottestadium.
Wie auch immer, ich wurde eines Besseren belehrt. Rundumschlägig sozusagen.

Als ich die Pflanzen sorgsam ausgepackt und an Licht und Luft gestellt hatte, zog ich genüsslich langsam den bereits per E-Mail angekündigten Katalog aus der beigelegten Tüte, streichelte übers Deckblatt, machte mir einen Kaffee und setzte mich mit beiden in den Garten. Mit den Alliümmern, von denen ich leider nie genug haben werde, weil ich den benötigten Lebensbereich der meisten schlicht nicht bieten kann, begann es auf Seite 4. Ein gefühltes Äon später, auf Seite 40, wurden sie schließlich von den Anemonen abgelöst. Die längst leere Kaffeetasse in der Luft starrte ich vor mich hin, rosarote, lilane, violette, dunkelrote, gelbe und weiße Stecknadelkissen schwirrten vor meinem geistigen Auge, mein Puls raste, ich brauchte dringend eine Pause. Die Kataloge, die ich bisher kannte, hörten spätestens auf Seite 15 auf – nicht mit den Alliümmern, sondern überhaupt.

Die kitzelnde Zügellose wusste, wie man anfixt. Nicht nur hatte sie mir diesen Katalog des finanziellen Verderbens ins Haus geschleust, nein, sie erzählte freimütig, was für welcher Tricks man sich bedient, wenn man mehr Zwiebeln als freien Boden zur Verfügung hat: Töpfe. Und dann erwähnte sie nebenbei, wieviele Narzissensorten sich inzwischen bei ihr, der maßvollen Narzissensammlerin, eingefunden haben.
Beim Lesen wurde mir kurz schwummrig.
Nachdem ich mich geistig geschüttelt hatte (und jetzt kann ich’s endlich mal anbringen. Leute, ich wünschte, ich wäre ein Hund und zwar nur aus diesem einen Grund: Ich will mich genau so schütteln können. Gelb vor Neid betrachte ich meinen Cerberus, wie er vorne anfängt, den Kopf hin und her schleudert und danach der gesamte Körper dominomäßig dasselbe tut in seiner automatischen allbefreienden Bewegung, bis diese hinten beim Schwanzende ausläuft ins Nichts hinein. Da schüttelst du den ganzen Stress, Unmut, jegliches Ungemach und Schockzustände aller Gattung einfach raus. Das ganze „Schmoll! Ich will doch so sehr das Allium von Seite 30, aber durchlässig-sonnig-karg … Fies! Gemein! Menno!“ Einmal schön durchgeschüttelt und weg ist es.), also, nachdem ich mich geistig geschüttelt hatte, stellte ich mir kichernd vor, was der maßvoll Zügellosen wohl durch den Kopf gegangen sein musste, als sie von meinen fünf Narzissensorten gelesen hatte. Fümf! Prust.

Dankbar begrüßte ich die sich anerbietende Gelegenheit, wieder einmal etwas eingehender über dieses seltsame Phänomen des Sammelns nachzudenken. Eine Tätigkeit – oder ist es nicht eher ein Zustand, ein Wesenszug gar? –, der ich so ganz und gar nicht erlegen bin und es bis heute noch nicht ganz ergründen konnte, warum denn eigentlich nicht. Denn, wer gartenverrückt sei, so hatte ich kürzlich gelesen, gehöre normalerweise auch zu den Jägern und Sammlern. Dem kann ich insofern beipflichten, als ich in sonst keiner Menschenkategorie so vielen Sammlern begegnet bin wie eben bei den Gartengagas. Von all den passionierten Biertrinkern, die ich kenne, sammelt keiner Kronkorken. Die mir bekannten Leseratten sammeln bis auf eine Ausnahme keine Bücher und ein Numismatiker ist mir auch noch nie untergekommen, obwohl es nicht wenige gibt, die Geld ganz besonders doll mögen. Ich kenne aber welche – und zwar persönlich – die Iris, Dahlien, Rosen, Fuchsien, Phlox, Narzissen, Farne, Tomaten-, Chili-, Paprikasamen, Bohnen, Kartoffeln und Bäume sammeln. Und zwar so richtig ernsthaft.

Vergleichen wir mal: So ein paar Kronkorken oder Münzen sind ja nun recht platzsparend unterzubringen. Aber 600 verschiedene Dahliensorten (ganz zu schweigen von der Anzahl der Individuen!) haben nicht mal eben in einer Schachtel Platz. Da reicht auch ein ausgewachsener Dachboden nicht. Und verglichen mit den Lieblingen des Büchersammlers, denn dem wird ein Dachboden auch nicht reichen, haben solche Pflanzen den nicht zu unterschätzenden Nachteil, dass sie leben und es auch weiterhin tun sollten. Gerne auch in sämigem Zustand.

Ja, es gab einmal den Moment, in dem sich die lodernd-flackernde Flamme der Sammelgier in meiner Brust entzündet hatte und ich in leises Zittern verfiel beim Gedanken daran, mir einen riesigen Setzkasten zu bauen, um alle Auskernbohnensorten der gesamten runden Welt auf einen Blick zu vereinen. Eine Woche lang überlegte ich, wie ich diesen Setzkasten konstruieren musste, um ihn möglichst abstaubfrei halten zu können, bis ich dann auch an die Bohnen dachte. „Nick. Du willst dieses globale Bohnenerbe ja auch am Leben erhalten, oder? Na, dann rechne mal ein bisschen.“ Geht man vom Mittelwert fünf Jahre (oh, schon wieder fümf, hübsch!) aus, nach dem die dann nicht mehr so gut keimen würden, hätte ich logistisch doch sehr durchdacht vorgehen müssen, um die einzelnen Sorten regelmäßig nachzuziehen, es sei denn, es wäre mir egal gewesen, einen reinen Bohnengarten anzulegen. Die Setzkastenentwürfe landeten allesamt im Altpapierbehälter und ich freute mich über die bereits gesammelten Bohnensorten, von denen ich etwa sechsmal mehr als fümf hatte und dies immer noch tue.

Nein, ich bin keine Sammlerin. Einer solchen wäre es egal gewesen, hätten einige der gesammelten Kerne die Keimfähigkeit verloren – und wenn nicht, dann hätte sie einen Bohnengarten angelegt, dass es nur noch scheppert und rumst.
Außerdem hätte sie eine ganz gewisse disziplinierte Ausdauer bewiesen, die mir gänzlich abgeht. Ich bin von einer wankelmütigen Flatterhaftigkeit geschlagen, die der steten Abwechslung bedarf. Schlage ich mich zu lange mit nur einer Gattung rum, gähnt es bereits komatösig in mir. Nein, das Zeug zur Sammlerin habe ich nicht.

Vielleicht hätte ich es eher, wäre nicht diese eine Angewohnheit, die ich nur mit allergrößter Anstrengung abzuschütteln imstande bin. Fällt mein zufälliger Blick auf ein habenswertes Ding (und da ich keine Sammlerin bin, ist die Liste der habenswerten Dinge unanständig viel größer), dann schleiche ich drumrum, beschnüffle es, halte den Topf auf Augenhöhe, falls nicht zu schwer, schaue auf das Preisschild, erbleiche und stelle ab. Danach schaue ich hernieder und stelle mir die Totschlägerfrage: „Musst du das denn wirklich haben?“ Die Antwort lautet laut und deutlich „Ja!“, wenn ich mindestens einmal davon geträumt habe sowie an drei verschiedenen Tagen um das Ding rumgeschlichen bin, und wird nicht selten zu einem enttäuschten „Nein“, wenn es inzwischen von jemand Entschlussfreudigerem weggeschnappt worden ist. Ich weiß. Unmöglich. Schon beinah calvinistisch. Und das, obwohl ich keins von beidem bin.
Bei Bestellungen via Internet läuft das ähnlich mit dem entscheidenden Unterschied, dass ich solche so gut wie gar nie tätige. Tue ich es dann doch einmal, dann fühle ich mich wie mein Hund in der Metzgerei: freudig überfordert. Weil es so schön kitzelt, stelle ich mit feurigem Eifer eine Liste all der Pflanzen zusammen, die mir den Atem rauben. Das alleine nährt bereits die dürstende Seele. Nachdem der Rausch verebbt ist und ich wieder mit beiden Füßen den Boden berühre, wird mehrmals über die Liste gegangen, hin- und hergegoogelt und dabei gnadenlos rausgestrichen, was in meinem Garten eventuell eh nicht richtig angehen würde oder mir ganz allgemein schlicht zu exaltiert vorkommt.

Bei diesem Katalog sollte es ganz anders kommen. Ob es am Topf-Tipp lag? Immerhin konnte der Gedanke: „Ächz … sommertrocken … ist es hier nirgends. Mist!“ freudig beiseite geschoben und ersetzt werden durch: „Na, einen Topf werde ich wohl noch sommertrocken hinkriegen, wäre doch gelacht!“ Auch sind Töpfe so herrlich beweglich. Da spielt es überhaupt keine Rolle, wenn ich jetzt noch keinen Hauch einer Ahnung habe, wohin mit diesen Dichelostemma ida-maia, die nicht nur einen exaltierten Namen, sondern auch ein solches Äußeres haben. Und das Problem mit den bereits im Boden befindlichen Zwiebeln ist keines, wenn ich dank der Töpfe dann pflanzen kann, wenn es am sinnstiftendsten ist, nämlich im Frühjahr, Herrgott. Ich glaube, es lag am Topf-Tipp. Und daran, dass dies mein erster richtiger Katalog war.

Nachdem ich beherzt aufgelistet und zwölfmal nichts Nennenswertes gestrichen hatte, schubste ich in het winkelwagentje, schaute ohne Wimpernzucken die herrlich unverschämt lang gelistete overzicht an und drückte wild entschlossen auf den entscheidenden Button. Der zügellosen Anfixerin schickte ich ganz stolz die Riesenliste und kam mir vor wie damals, als ich zum ersten Mal selber meine Schuhe binden konnte:

240      Allium triquetrum – In Verpakking: 10 stuks                                                         1
294      Anemone nemorosa ‚Alba plena’ – In Verpakking: 5 stuks                                  1
9169    Anemone nemorosa ‚Blue Eyes’ – In Verpakking: 3 stuks                                    1

Belustigt schrieb sie zurück. Sie dachte zuerst, die Bestellnummer am Anfang jeder Zeile sei die Stückzahl, und nahm daher folgerichtig an, dass ich offensichtlich einen gigantisch großen Garten haben musste. Was wiederum mich zu belustigen vermochte: Als ob ich jemals so zügellos …

Ob dies der erste zaghafte Schritt hin zum Sammeldasein war? Mit unter anderem einem Alliümchen, drei Buschwindröschen- und sieben Narzissensorten mehr? Nein. Aber gekitzelt hat es. Und wie!

 

Draußen vor der Tür

Wir haben eine Haustür, worin wir uns nun nicht großartig von unseren benachbarten Mitmenschen unterscheiden. Und genau das ist der Punkt: Ich möchte das auch gar nicht, mich unterscheiden, jedenfalls haustürmäßig. Und doch tu ich’s.

Was früher nicht so war, denn früher hatte das einfach mal eben so meine Mutter in ihre kundigen, kreativen und gerne tätigen Hände genommen: „Schau mal, Nick, ich hab dir für den Eingang zwei hohe dunkelblaue Töpfe besorgt, du magst doch Blau so sehr, gell, und dazu gleich zwei kleine Buchskugeln, psst“, sie hielt ihre Hand vor den Mund und flüsterte schräglippig an ihm vorbei, „bei Ikea gefunden. Spottbillig, sag ich dir! Ein Schnäppchen! Da wär ich blöd gewesen, hätte ich nicht … und dazu noch etwas Efeu, dann sieht es nicht so leer aus. Schön, oder?“ Ja, das war es, doch, durchaus. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, den Eingang dekorativ aufzuhübschpflanzen, blickt er doch absonnigst direkt gen Norden; dort, wo die bösen Winter und Winde herkommen und man dann keine zwei Minuten stehen möchte. Weder auf der Türmatte noch in einem Topf.

Es stunden da nun also zwei richtig schöne Töpfe mit Buchsefeu, von denen der eine wenige Tage später schnöde von zwei ausbrechenden Hunden umgeworfen wurde und seitdem eine lange Kracks-Narbe quer über den ganzen Körper trägt. (Nichtgärtner hatte ihn geleimt, die Hunde uns – nicht zum letzten Mal.) Mit ein bisschen Drehen konnte man sie fast ganz zum Verschwinden bringen … vorausgesetzt man schaute nur von frontal-vorn drauf.
Zusammen mit der neutralen Kokosmatte vor und einem richtig runden Lavendelkranz an der Tür (meine Mutter fertigte den innerhalb einer halben Stunde, ich hätte schon alleine für die Entscheidung: „So, jetzt mach ich einen Kranz. Aus Lavendel. Ha!“ drei Jahre gebraucht) schauten die zwei Töpfe so richtig nach was aus. Das i-Tüpfelchen war die sinnige Nutzung des kleinen Fensterbretts links von der Haustüre, auch dies in muttersche Hände genommen. Zum Advent hin erfreute dort ein thematisch passendes Schönzeugs die Herzen all jener, die sich unserer Kokosmatte näherten, also auch meines.

Irgendwann war ich gefragt. „Das müsste doch“, so fand ich, „machbar sein, dass man zu traditionell speziellen Anlässen das Fenster oder/und die Türe schmückt. Das könnte einem eigentlich sogar richtig Spaß machen. Und das Nachhausekommen wird damit doch umso schöner. Ja! Ich pack das.“ Auf die To-do-Liste hatte ich’s gepackt, jedes Jahr wieder, viel weiter bin ich nicht gekommen bis auf zwei Ausreißer.
Einmal zu Ostern hatte ich ein wirklich, wirklich schönes Gesteck aufs Fensterbrettchen gezaubert mit schwarz-glänzendem Keramik-Lämmchen, anbetungswürdigem Hornveilchen, Moos und Wachteleierchen. Aber das zählte nicht, weil fast ganz fertig so gekauft und wenn schon, dann macht man so was selber. Das zweite Mal war das Aufstellen einer russischen Weihnachtsmannpuppenvariante, auch gekauft, am 21. Dezember. Stur blieb er nach Weihnachten dort stehen, überstand Ostern, Pfingsten, den Sommer (inzwischen fühlte ich mich verwegen punk-avantgardistisch) sowie den Herbst, um pünktlich zum Nikolaus bereit zu sein. Diese Lösung schien mir auch für ein weiteres Jahr – was sag ich, für alle, die da kommen sollten! – nicht übel, hätten irgendwelche brütenden Vögel nicht rausgefunden, dass der Rauschebart klasse Nistmaterial ist. Außerdem war sein silber-grünes Brokatgewand bereits nach den zweiten Weihnachten unschön ausgeblichen und der Pelzbesatz am Saum hatte etwas Räudiges. Entschlossen trug ich ihn auf den Dachboden und verstaute ihn eingetütet in der einen von zwei nutzlosen Erbkisten voller Advents- und Weihnachtsdeko.

Ich bewundere Menschen, die diese Disziplin aufbringen, ihren Hauseingang (manche bedenken dabei gar ihr ganzes Haus!) zeit- und themennah zu schmücken. Wie gerne würde ich das gerne tun, aber es ist mir versagt. Ich habe weder das Talent noch irgendeine Muse dafür. Und meine Mutter kann mir auch nicht mehr aushelfen, weil sie schon ein Weilchen nicht mehr unter uns weilt.

Im bösen Winter ’11/’12 starben die schmucken Buchskugeln in den nicht mehr so schmucken blauen Töpfen. Bei den Letzteren begann die Farbe etwas zu schwächeln, liebevoll hätte man den Effekt als „fleckiges Craquelé“ bezeichnen können, was ich aber nicht tat, und beider Füße hatten Kalkränder. Aber deswegen hätten die schönen Kugeln ja nun nicht sterben müssen. Traurig leerte ich die Töpfe, entsorgte die über neun Jahre hinweg erfreuenden Gewächse und stieß schließlich auf die unterste Scherbenschicht: „Typisch Mama. Dass die auch immer so eine Riesenschicht an Tonscherben unten reinpacken musste“, ächzte ich ärgerlustig, klaubte Stück für Stück raus und hielt inne. Mit dem dreckigen Zeigefinger streifte ich die Erde von der unverkennbaren Popospalte und hielt das Ding in die Höhe. Es war ein Teil jener nackiger Tonengel, die meine Mutter so liebte.
Gerührt grub ich weiter und förderte weitere Tonengel-Reliquien zu Tage, ein halbes Füßchen, ein Hinterkopf, was für ein unerwartet verspäteter Abschiedsgruß. Sogar ganz unten in Töpfen wusste sie noch zu schmücken und zu überraschen.
Meiner Mutter zu Ehren pflanzte ich je einen Babybuchssteckling ohne Efeu in die Töpfe und ließ uns allen ganz viel Zeit.

Anders gesagt: Von da an war das einzig anständige Dekostück vor unserem Eingang nur noch die Kokosmatte, die ihrerseits aber auch schon hübschere Tage gesehen hatte.
Machen wir’s kurz und überspringen die drei Zwischenschritte

  1. Au ja, lass uns Helleborus-Sämlinge in schöne Tontöpfchen pflanzen und die auf die eben gekriegten Kiefernstammstücke stellen!
  2. Au nein, die Velociraptoren haben alles auf den Boden gekippt und die Schnittstellen der Kiefern haben zu schimmeln begonnen!
  3. Au ja, ich pflanz Farn-Sämlinge in große Zinktöpfe und stelle die auf die endlich trockenen Kieferstammstücke!,

um direkt beim Buchsbaumzünsler zu landen. Ich brauchte recht lange, bis mir aufgefallen war, dass auch die inzwischen recht stattlichen Buchsstecklinge über kurz oder lang würden weichen müssen. Auf Zünslerraupen direkt vor der Haustür konnte ich dankend verzichten, seit mir kürzlich ein Zünsler bei der morgendlichen Dusche vor dem prustenden Gesicht herumgeflattert war.
Mit hundert Franken in der Popotasche, mehr als die Hälfte würde ich sowieso nicht brauchen, aber man geht gerne auf Nummer sicher, fuhr ich in ein mir bislang unbekanntes Gartencenter, um zwei schnucklig kleine Eibenkügelchen zu besorgen. Aber weh und ach, die kleinste Kleinheit, die man da kaufen konnte, kostete ganz 14 Franken mehr, als sich an meinem Popo befand. Erschüttert kaufte ich zwei andere Gehölzlein, die ich für Experimentalzwecke zu missbrauchen gedachte: Taxus baccata ‚Minima’ als eventuellen künftigen Buchskügelchen-Ersatz – falls ich viel länger leben werde, als anzunehmen ist – und Nandina domestica ‚Sunset Boulevard (Manon)’, der es vor der Tür zu schattig sein wird, aber vielleicht auch nicht. Für sensible Gemüter: Nein, natürlich lasse ich die Manon nicht sterben. Sobald ich auch nur wittere, dass es ihr nicht passt, kriegt sie flugs einen anderen Standort. Mit den beiden neuen Familienmitgliedern (immerhin stehen sie direkt am Eingang und begrüßen jeden, der uns besucht, das will schon was heißen) fuhr ich nach Hause, stellte sie neben den jeweiligen blauen Teilcraquelé-Topf und verschob das Einpflanzen auf nicht-heute.
Das war letzten Donnerstag.

Vor diese Haustüre werden auch Pakete gestellt, wenn ich nicht zu Hause bin, was vor zwei Wochen hätte geschehen müssen. Eine ungeheuer liebe maßvoll Zügellose hatte mir nämlich auf postalischem Wege grüne Preziosen aus den Niederlanden zukommen lassen. Lassen wollen.
Nun ist die Schweiz ja an sich als eher mühsames Land einzustufen (O-Ton der maßvoll Zügellosen: „Drei bis vier Tage dauert es, bis ein Paket bei euch ankommt! Das braucht ja länger als eines nach Singapur!!!“), aber im ersten Anlauf schaffte es das arme Ding nicht mal über unsere Landesgrenze. Mit dem Vermerk „Nach Zustellversuchen retour Absender“, kam das Paket am Samstag – nach fünf Tagen erquicklicher Reise in schwüler Dunkelheit – wieder in den Niederlanden an. Eine Frechheit sondergleichen. Wer ein bisschen rechnen kann (also jeder, in diesem Fall sogar ich), erkennt sofort die nackerte Lüge.
Wir beide waren rechtschaffen sauer, was immerhin im Nachhinein ein bisschen nützte – der maßvollen Z. wurden die Portokosten tatsächlich rückerstattet, wenn auch unter vorgaukelnder Verdrehung der Tatsachen. Doch einem rückerstatteten Gaul schaut man besser nicht in die Zahnzwischenräume, es lohnt sich einfach nicht.
Ein weitere Woche lang ließ sie die Pflanzen sich erholen und Luft, Licht und Liebe tanken, um erstarkt und erneut die lange Reise dreimal rund um die Erde bis ins entlegene Schweizerland anzutreten. Es war Montag, sie gab auf.
Wir bissen Fingernägel, track- und traceten und waren anhand der Daten mehr als sicher, dass der Schatz am Freitag bei mir landen würde.
Es war Freitag Abend. Blutdruckgesteigert und leicht panisch rief ich die Post an. Das Unternehmen, in das ich wohl das größte Vertrauen meines gesamten Lebens gesetzt hatte. Jetzt so summarisch gesehen. Wie viele Briefe hatte ich nicht nur als Pubertierende verschickt, wie viele davon lebensentscheidend, wie viele Päckchen, wie viele hatte ich bekommen und immer, immer war die Post der starke Partner an meiner Seite. Komme, was wolle, die Schweizer Post, die konnte und kann das!

Schon als sich der Mann des Postverzollungsprozesses am Telefon meldete, wusste ich, dass da Hopfen, Malz und Charme verloren sein würden. Meine kleinlaute Frage, ob man vielleicht meine Pflanzenlieferung prioritär behandeln könnte, weil, nun, eben, da sind Pflanzen drin, quittierte er mit einem trockenen Hustlacher: „Sie glauben allen Ernstes, man könne unter 800 000 Paketen Ihres Eine ausfindig machen?“ (Vielleicht nannte er nur 80 000, aber auf die Null kommt’s nun auch nicht an.) Auf meine Frage, wann denn die Sendung zu erwarten wäre, meinte er, „Dienstag allerfrühestens.“ Ich japste nach Luft. „Allerfrühestens. Manchmal geht so ein Verzollungsprozess zwei Wochen.“
„Und“, hyperventilierend versuchte ich, die zitternde Weinerlichkeit in meiner Stimme zu unterdrücken, „wenn nun alle Pflanzen sterben?!?“
Stille am anderen Ende.
Ich weiß bis heute nicht, ob es sich um ein Mitleids-, Betroffenheits- oder Scheibenwischer-Schweigen gehandelt hatte. Aber ein Gärtner war der definitiv nicht. Mit dem Ratschlag, ich solle halt künftig keine Pflanzen mehr per Briefpost (Briefpost!) verschicken lassen (ja wie denn sonst? Soll ich sie Brieftauben um den Hals hängen lassen?), wünschte er mir noch ein schönes Wochenende und verabschiedete sich höflich.
Paketlos und geknickt schlurfte ich am Wochenende herum und fand schließlich die Zeit für gekommen, dem Hauseingang die neue Frische zu verleihen, um das Paket gebührend empfangen zu können. Die großen Buchsstecklinge zerschnitt ich wehen Herzens, grub keine Engelteile aus, putzte die Töpfe, entkalkte die Untertassen, reinigte den Boden, pflanzte neu ein. Es sah so schön aus wie noch selten mal.

Am Dienstag stand das Paket auf der Kokosmatte.
Und mittendrin zwischen weich gebetteten Farnen und Sträuchern

ein Katalog. Mit Zwiebelblumenzwiebeln. Doch davon mehr im nächsten Grünton.

 

Tigerschnegelfell

Ahnungslos schritt ich meines hölzernen Weges und sah es zum allerersten Mal: Dieses Tier, das einem den Atem raubt, wenn man seines Weges schreitet und nicht im Entferntesten erwartet, irgendwann in seinem Leben auf so was zu stoßen, geschweige denn heute. Den Tigerschnegel.
Ich kniete nieder, um genauer zu betrachten, hielt meine Hand daneben und schauderte vor Ehrfurcht und einem klitzekleinen bisschen Angst … was für ein Riesentier, das glaubt einer allein nicht! Und so ergab sich der sehr seltene Umstand, dass ich ins Haus rannte, um den Fotoapparat zu holen. Den geknipsten Bildern ist bis heute die fassungslose Ungläubigkeit anzumerken. Dass es so ein Lebewesen überhaupt gab und ich es bisher noch nie erblickt hatte!
Nach dem Knipsen legte ich die Kamera beiseite und schaute diesem anmutigen Geschöpf zu, wie es königlich seelenruhig vor sich hinkroch. Es war eine Schnecke, keine Frage, und ganz eindeutig nackt, doch blieb meine gewohnte Nacktschneckenreaktion aus; kein Tötungswille weit und breit.

Wozu auch. Wenn man so aussah, konnte man nicht böse sein. (Böser Irrglaube. Ganz böser. In der Regel. Aber nicht hier.) Und man sah bezaubernd aus. Der geschmeidige Körper glitzerte im Dämmerungslicht, die sinnig verteilten dunklen Tupfen erinnerten eindeutig an eine anbetungswürdige Raubkatze – wenn auch eher an einen Leoparden als an einen Tiger, aber nu –, die Größe war atemberaubend. Ich fühlte mich beschenkt.

Nun ist es so, dass mein Garten seit jeher ein beliebter Tigerschnegel-Lebensort war, nur war mir das bis dato gänzlich entgangen. Wer Tigerschnegel nicht kennt, sieht sie offensichtlich auch kaum. Oder anders herum: Hat man seinen ersten Tigerschnegel gesehen, sieht man plötzlich überall welche. Es ist wie verhext.
Der Goethe hatte mal geschrieben:

„Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken.“

Ich wette, er hatte dabei sein erstes Tigerschnegel-Erlebnis im Hinterkopf. Ganz bestimmt, aber das kann man ja nicht schreiben. Wer will schon von einem tigerschnegelhaften Auge lesen, erst recht so eines haben.
Etwas prosaischer könnte man anmerken, dass es sich hier schlicht und platt um nachtaktive Tiere handelt, deren Fellzeichnung in der Dämmerung eine chamäleonische Wirkung hat. Ist man dann über so eines gestolpert, weiß man ab diesem Moment von dessen Existenz, womit das Chamäleonische auf einen Pff verpufft.
Mir gefällt Goethes Version besser.

Wie auch immer, wir trafen uns allenthalben immer mal wieder, vereinzelt, bezaubert (jedenfalls ich) … und manchmal auch vergiftet. Jede Tigerschnegelleiche beweinte ich bitterlich, obwohl niemand anders als ich die Giftstreuerin gewesen war. Aber Tigerschnegel sind nicht nachtragend. Treu wurden Eier gelegt, brav wurde geschlüpft, unverhofft wurde man aufs Neue beglückt.

Vor zwei Lenzen zogen Velociraptoren in meinen Garten und mit ihnen auch ein Velociraptorenhaus. Interessant vermutlich für Füchse und Marder oder für ganz ausgebuffte Habichte. Könnte man meinen.
Viel hatte ich mir (wir kennen das) nicht gedacht, als ich eines Morgens zum ersten Mal die Schleimspuren entdeckt hatte. Quer über die Häuschen-Front, rein ins Kaninchendraht-vergitterte Fenster, runter zum Futtertrog, in den Futtertrog rein, aus dem Futtertrog raus, die eine Seitenwand hinauf … es wird halt eine besonders entdeckungsfreudige Schnecke gewesen sein. Ein bisschen mehr ins Verwundern geriet ich die folgenden Tage, schien doch der nächtliche Schneckenbesuch zur Gewohnheit zu werden.
Eines sehr frühen Morgens dann ertappte ich ihn in flagranti (ich mache ihn der dramaturgischen Einfachheit halber jetzt einfach mal männlich). Er war gerade daran, sich durch ein Kaninchendrahtquadrat nach draussen zu quetschen und hielt verschämt, aber lieb blinzelnd inne, als ihn der Strahl meiner Taschenlampe erwischte. „Soso“, flüsterte ich zwinkernd, „Soso.“ Ich öffnete die Türe und leuchtete zu den Mädels. Verschlafen hoben sie je ein halbes Auge, machten „gock“ und dösten weiter. Hinter ihnen eine schleimbespurte Wand.

Mein Herz hüpfte: Ich hatte ein neues Haustier, ein zugekrochenes, das sich seine Schlafstatt – wie ich später feststellen durfte – unter dem Wassernapf gleich neben dem Raptorenhaus eingerichtet hatte. Es war immer nur einer, ob unter dem Napf oder am Futtertrog, und ich darf die Annahme wagen, dass es tatsächlich bis heute der ein und selbe ist. Nicht nur, weil ich dort nie Schneckenkorn gestreut hatte, sondern weil diese Tiere bis zu drei Jahre alt werden können.

Nun haben ja Schnegel nebst dem Schlafen und Fressen auch noch andere Bedürfnisse, was einen beim Anblick dieser aus Sinnlichkeit zu bestehenden Wesen nicht überraschen dürfte: Dieses Langsame, Genießerische, unverhohlen Nackige, dieses Umschlingen … die können das einfach.
Wie sehr, wurde mir an jenem einen Morgen klar, an dem ich in den Stall leuchtete und man mich mit lieb beschämtem Schnegelblick und unschuldigem Gock erwartete, als wär nichts gewesen. Nur, quer über Glorias ausladendem Bürzel erstreckte sich eine breite, verräterische Schleimspur.
Ausgerechnet Gloria. Ausgerechnet sie, die bei der Ankunft eines Velociraptorenmannes unter den Ginkgo flüchtet, um vor sich hinzumotzen, während die anderen Mädels federnzwirbelnd auf den neuen Pascha zuhopsen. Ausgerechnet Glorias Bürzel, auf dem nicht mal eine Fliege landen darf? Dieser Schlingel!
Aus der zart-innigen Anbändelei wurde ein wiederholtes Vergnügen, die Auserkorene dabei immer und nur die Gloria. Bis vor einer Woche, kurz nachdem ich beschlossen hatte, über Tigerschnegel zu schreiben.

Ich sah den etwas ekligen Schleimfaden am Topf und zwei Schnegel geschäftig davonkriechen. Einer so groß wie Glorias Liebhaber, der andere gerade mal die Hälfte davon, wenn nicht weniger. Vage erinnerte ich mich daran, dass ich von dieser Sache mit dem Schleimseil irgendwann mal etwas mitbekommen hatte, aber es blieb zu vage, als dass ich eins und eins hätte zusammenzählen können. Einen Tag später sah ich wiederum ein solches Schleimgebilde an einer Hemerocallis, nur hingen da zwei – mir bisher unbekannte – Tigerschnegel in inniger Umarmung dran. Mitten in der Luft. Und da kam mir das Bild wieder in den Sinn, das ich damals im Internet gesehen und ungläubig weggeklickt hatte: Tigerschnegel paaren sich zirkusreif an einer selbstproduzierten Liebesschaukel. Man glaubt es erst, wenn man es mit eigenen Augen gesehen und erlebt hat.
Erstaunlich, dass ich all die Jahre brauchte, um das in meinem Tigerschnegel-freundlichen Garten mitzukriegen. Tja: Wär nicht das Auge schleimfadenhaft, den Schleimfaden könnt es nie erblicken.
Doch es ging noch weiter.
Am selben frühen Morgen wollte ich das Velociraptorenhaus öffnen und sah zu meiner freudigen Überraschung eine fremde kleine Tigerschnegelin außen an der Tür. Schnegelfreundlich langsam öffnete ich Letztere und streckte meinen Kopf hinein. Der Schlingel kroch gerade zu den Velociraptorinnen rauf, während direkt über dem Futtertrog ein verlassener Schleimfaden sachte hin- und herbaumelte.

„Soso“, brummelte es schmunzelnd aus mir raus; ich zwinkerte Gloria zu und freute mich auf viele kleine Schlingelchen.

 

Verschiedenes

Als ich eben zwei der oben erwähnten Fotos für den Newsletter ausgewählt hatte, klickte ich spaßeshalber auf Informationen: Mein erster und darum historischer Tigerschnegelmoment hatte sich am Donnerstag, 24. Juni 2010, zwischen 21:42 und 21:43 ereignet. Irre.

Tigerschnegelfell war in der engeren Auswahl, als es um den Namen für diesen Blog ging. Immerhin hat es dieses wunderbare Wort nun wenigstens zu einem Titel geschafft.

Keinen Titel hingegen hat Goethes Gedicht. Hier nun alle vier Zeilen davon (und wenn das kein Tigerschnegelfell-Gedicht ist, fress ich einen Besen):

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?

 

 

Feige Gedanken

Und so denkt man aus wolkenlosem Himmel an Alexander Pope, ganze … wartet… muss eben mal rechnen (und drei sind zwanzig und …) ganze 27 Jahre später. Was ich wohl gedacht hätte, wenn man mir vor diesen vielen Jahren einen Zettel zugesteckt hätte, auf dem eben dieser Satz in meiner eigenen Handschrift gestanden wäre?

Beinahe 27 Jahre später strich ich bei blendender Sommerabendsonne durch meine Stunde, duckte mich an der Feige vorbei und wunderte mich ob der plötzlichen Verdunkelung und nach längerem Nachdenken auch darüber, dass ich mich ducken musste. Böses ahnend blickte ich auf und starrte in das Grauen. Da war nur noch Feige, wohin das Auge blickte. „Wann, bitte“, so dachte ich erstarrt, „ist das denn passiert?“ Ein gefühltes Gestern war es her, als ich ihre unbändig niederliegenden Äste hochgebunden hatte, um wenigstens ein bisschen mit dem Rasenmäher unten durchzukommen. Und nur, damit wir uns hier richtig verstehen: Im Frühling hatte ich alle schneidigen Maßnahmen ergriffen, um diesen Baumstrauch in menschenfreundliche Schranken zu verweisen.
Es gab bisher noch nie einen August, in dem er mir so offenkundig die Zunge und ganz allgemein zeigte, wozu er fähig war. Ein existenzielles Gruseln schlängelte meine Wirbelsäule runter.

Um Trost und Contenance zu finden, begab ich mich raschen Schrittes in meinen geliebten, stirnkühlenden Schattenbereich, nur kurzzeitig aufgehalten durch peitschenhafte Wisterientriebe, die sich in meinen Haaren und Textilien zu verkeilen gedachten. Tief atmete ich durch, um mich meinem dunkellaubigen Holunderfohlen „Black Beauty“ zuzuwenden. Aber weh und ach! Das Kinde war, ich schwör’s, von gestern auf heut zu einem schnaubenden Hengst gediehen. „Den wirst du nicht mehr kleinkriegen, geschweige denn los, Nick, das weißt du doch, oder?“ Ja. Das wusste ich. Verflucht. Und wie ich das wusste! Die letzte Holunderbeseitigung endete in einem verflixt teuren und schmerzenden Schulterproblem, das nicht mechanisch, sondern fluchtechnisch über mich gekommen war. (Ganz im Ernst. Es war Frau Holle, die im Holder wohnt.) Warum hatte ich – hirnlos, wie ich offensichtlich zu oft bin – das Fohlen unbedingt an diese beengte Stelle setzen müssen?
Verzweifelt nach Beruhigung suchend schaute ich zur einen Cimicifuga, um die Blütenstände zu zählen. Auf Augenhöhe waren keine. Ich schaute nach oben. Nichts. Noch etwas weiter rauf. Nichts. Noch etwas weiter und gestand mir dann ein: Das ist Blödsinn. Über der Wisterienpergola befinden sich höchstens Flügeltiere oder Drohnen, ich jedenfalls nicht. Verdammt. Die Blüten waren doch noch letztes Jahr so etwa auf Kopf- oder maximal Heiligenschein-Höhe, oder?

Ihr meint vielleicht, ich würde jetzt übertreiben. Ich wollte, dem wäre so. Beengten Herzens strich ich durch den ganzen Garten, um mich zu beruhigen, sah aber nur noch überkopfgroße Gewächse, die mich, den Garten, das Haus, uns alle, ja, nächstens das gesamte Dorf überwuchern würden, ohne dass wir ein Gegenpieps würden äußern können.
Und das mir! Wo ich doch zum ersten Mal einen bisher ungekannten Lückenmut bewiesen hatte! Es war, als hätte es mich nie gegeben.

Morgen, das nahm ich mir tapfer – wenn auch bar jeder Hoffnung – vor, würde ich mich bis an die Zähne mit Astscheren, Sägen und dem gesamten Felco-Sortiment bewaffnen und der Bedrohung furchtlos entgegentreten. Ich schlief albträumig, wenn ich denn mal schlafen konnte.
Wider Erwarten brauchte es dann gar nicht mal so viel. Ein paar Stunden Arbeit, eine Wagenladung voll zusammengestopften Grünschnitts und ein anschließendes vorläufiges (denn da blieb noch mehr zu tun) Rekognoszieren genügten: Ich hatte die Oberhand gewonnen, gedankt sei … wem auch immer, mir genügte ein sehr groß geschriebenes Uff.

Doch so richtig uffig wollte es mir dann doch nicht werden. Kein Wunder. Seit ich denken kann, war für mich die Natur gut, der Mensch aber schlecht. Nun ist es sehr, sehr schwierig, sich ein solches Denken, das über viele Jahre hinweg gedacht wurde, abzugewöhnen. Ich hatte es beileibe versucht, denn, seien wir ehrlich: Die Natur ist weder gut noch schlecht, der geht es am desinteressierten Hintern vorbei, was für ethisch-moralisches Blabla wir von uns geben. Die ist halt einfach. Und wenn du der im Wege bist, dann wirst du plattgemacht, vom Natur-Lastwagen sozusagen. Klar, sie kann auch anders, durchaus. Sie hofiert dich mit lockenden Früchten, leckeren Energiespendern, deliziösen Gerüchen und „Süüüüüßßß!“-Zeugs (ich sag nur: Pflanzen-, Menschen- und Tierbabys). Aber da ist sie nicht besser oder schlechter als der übernächste Tankstellenshop. Der buhlt genauso um unsre Gunst.

Und dann stehe ich inmitten meines Gartens, in dem ich jäte, schneide, töte, wild um mich rumfuchtle (hätte ich ein Breitschwert, täte ich es heroisch über meinem Kopf schwingen … oder es wenigstens versuchen), blutbesudelt, Minzenkäfer mit einem nicht zu unterdrückend bösartigen Grinsen meuchle, rote Vogelmilben mit dem rechten Daumen und einem lauten, martialischen „Ha!“ zerdrücke, von meinen Velociraptoren verschmähte, weil zu große Schneckentiere einplastiktüte und froste …
und bin dann entsetzt, wenn ein paar Gewächse beschließen, mich zu- und überwachsend unter die Erde zu bringen? Soso.

Und das Umdenken tat einen bislang undenkbar größeren Schritt weiter: Was, wenn ihm vielleicht (ich schluckte, doch die Worte ließen sich nicht aufhalten) doch ein klitzekleines Krümelchen Wahrheit innewohnte? Diesem „Du sollst dir die Welt untertan machen“?
Was, wenn ich das schon die ganze Zeit lang getan habe? Oder wie nennt ihr das, wenn einer bestimmt, was wann, wo und wie zu leben hat? Anders gesagt: Wenn einer gärtnert?
Lassen wir die Tatsache außen vor, dass die wenigsten dies auch wirklich können (vieles weigert sich stur, zu leben, geschweige denn wo und wie), wollen tun sie’s, tun wir’s alle. Die Wahrheit dieses Gedankens erschütterte mich: Ich hatte doch gerade darum einen Garten, damit ich mich wieder vermehrt der Natur nähern konnte – in freundlicher Absicht natürlich. Und das wird einem doch auch überall gesagt und vor die Augen gehalten mit Sätzen wie: „Finde zurück zur Natur in deinem eigenen kleinen Paradies!“ Und auch wenn ich in den letzten Jahren sehr viele Artikel, Zeitschriften und Bücher zum Thema Garten gelesen habe, ist mir dabei nie ein irgendwie geartetes oder ein Hauch von „Mach dir die Natur untertan auf deinem eigenen Fleckchen Grün!“ untergekommen. Aber wir tun’s, Herrgott. Und wie!
Puh! Die Feige hatte es in sich!

Und während ich also die letzten zwei Wochen an diesen Gedanken rumkaute, kam mir aus heiterem Himmel Alexander Pope in den Sinn. Zum ersten Mal nach 27 Jahren, aber passender als je zuvor. Pope, zusammen mit anderen, entwickelte theoretisch und praktisch den englischen Landschaftsgarten im 18. Jahrhundert, der im Gegensatz zum geometrisch untertänigen Barockgarten ein großer Schritt in Richtung „Zurück zur Natur“ war. Ein großer Schritt – ganz offensichtlich – in diese Sehnsucht, von der ich mich auch hatte blenden lassen. Und mit der uns auch alles und jeder 2016 verblenden will.

Was ich wohl gedacht hätte, wenn man mir vor diesen vielen Jahren einen Zettel zugesteckt hätte, auf dem eben dieser Satz in meiner eigenen Handschrift gestanden wäre?
Ich hätte ihn unter dem Pult entfaltet, die Worte gelesen, verstört aufgeblickt und bis zum Ende der Stunde nicht mehr zugehört. Was schade gewesen wäre.

So aber hörte ich zu, studierte dabei Popes wallende Perücke auf dem ausgeteilten Blatt, den Ausblick in die gezähmte Natur unseres Schulhofes, den dauergewellten Spliss an meinen Haaren und war fasziniert von dem, was dort vorne erzählt wurde. „Ein Garten“, so dachte ich, „müsste, wenn ich denn einen hätte, nicht nur nicht barock eingeengt sein, nein, er dürfte wuchern, er müsste wuchern, dornrösig, wild, romantisch.“ Und dann dachte ich an meine Frisur, den Eintrittspreis des kommenden Open-Airs, das letzte Wochenende und stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich mir wie Popes Genossen einen Eremiten als Gartenschmuck zulegen würde oder mich selber als solchen verdingen täte.
(Und überhaupt. Hätte ich die Chance, mir vor 27 Jahren selber einen Zettel zuzustecken, stünde ganz gewiss nicht der erste Satz dieses Textes drauf.)

 

Hörbar

Die Kirchturmuhr hatte vor einem Weilchen neun Uhr geschlagen, ich schaute in den provisorischen Velociraptorenstall, wünschte leise sangsingend den eingemummelten Mädels auf der Sitzstange gute Nacht, ließ die Tür sachte ins Magnetschloss klicken, drehte mich um und erblickte dabei die Nachtkerze.
Letztes Jahr wuchs an dieser Stelle – mitten im Eingang zu den Kompostjungs – eine mehr als drei Meter große Gemüsemalve, dieses Jahr befand es nun eine beeindruckend ausladende gelbe Schönheit für nötig, mir ein geschmeidiges Durchkommen zu verunmöglichen. Ich weiß, so als Mensch wäre man auf der evolutiven Leiter höhersprossig einzuordnen und könnte problemlos eliminieren, aber eben. Man hat auch diese Emotionen und so.
Ich betrachtete die Nachtkerze und erinnerte mich an etwas kürzlich Gelesenes. Dort hieß es, dass die des Nachts sich öffnenden Oenothera-Blüten dies mit einem hörbaren Plopp tun täten, was unvergesslich sei. Ich war fasziniert und vergaß es bis zu eben diesem Abend.

„Na, da bin ich mal gespannt“, murmelte ich und beobachtete die restlichen, noch geschlossenen Knospen. Nach nur wenigen Sekunden regte es sich im Augenwinkel: Eine der Knospen zuckelte, ein Blütenblatt löste sich auf der Seite, dann ein anderes … sie hielt inne, als würde sie erneut Kraft schöpfen, … es ging ein Ruck durch sie hindurch und die oben unsichtbar zugeschnürte Blüte sprang auf wie ein Regenschirm, den jemand entschlossen aufspannte. „         “, dachte ich, schloss den Mund und zählte die verbleibenden Schirmkandidatinnen.
So schnell und leise ich konnte (nicht, dass durch meine Schuld die Knospen erschreckt und darum vorzeitig aufspringen würden) rannte ich ins Haus, rief den Nichtgärtner flüsternd: „Schnell! Komm! Das musst du gesehen haben! Jetzt!“ und eilte zurück zur Nachtkerze. Ein bisschen außer Atem kontrollierte ich die vier Knospen. Uff. Noch alle zu. Nichtgärtner rannte herbei. Und dann warteten wir.
„Ganz ehrlich, es lohnt sich. Gleich … gleich geht die hier auf. Ganz sicher. Glei… die hier! Guck!“ wisperte ich und zeigte mit hektisch ausladenden Zeigefingerbewegungen auf die eine, die sich anschickte, nächstens aufzuspringen. Und so öffneten sie sich eine nach der anderen alle vier und ließen uns wortverloren staunen. Verzaubert gingen wir zurück ins Haus und glaubten wieder an Märchen.

Aber gehört habe ich nichts. Weder ein Plopp noch sonst etwas. (Metaphorisch schon, aber metaphorisch sehe ich auch Ackerwinden mir diabolisch zuzwinkern.)
Das war gestern. Heute Morgen wachte ich auf und dachte als erstes:
„Kotz! Was für ein Albtraum!“… ach ja, stimmt. Also: Nicht als erstes, aber ganz kurz danach dachte ich:
„Meine liebe Scholle! Die Nachtkerze gestern war ja unglaublich! Aber plopp hat sie nicht gemacht.“ Und dann sinnierte ich über das Plopp sowie über Geräusche im Garten und Allgemeinen. Aber vor allem über Geräusche im Garten.

Die ersten höre ich, während ich noch im Bett liege und dank seniler Bettflucht-Umstände mal eben so um vier Uhr erwacht vor mich hinwarte. Es sind fidele Gesellen, diese gefiederten Schnabelträger und sie wollen ihre Fidelseligkeit auch dem ganzen Umland kundtun. Jedes Mal aufs Neue verwundert mich das ebenso, wie es mich belustigt. Dass man im frösteligen Morgentau, in dunkelster Düsterheit solch eine überschäumende Lebensfreude an den noch ungeborenen Tag legen kann … seltsam, fürwahr.
Es beginnt der Cerberus leise zu schnarchen und Nichtgärtner stimmt sonor ein. Ich ärgere mich, stupse beide an, drehe mich um und schlafe wieder ein.

Anders als um vier Uhr morgens gehört das fröhliche vöglische Gezwitscher am hellichten, werktätigen Tage zu den Geräuschen, die man vor allem dann bemerkt, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind. So wie das Brummen, Summen, Dröhnen, Zirpen und Sirren des ungefiederten Geflügels.
Nichtgärtner wird nicht müde, von jenem denkwürdigen Frühjahr zu erzählen, das so kalt und regnerisch daherkam, dass sich sogar Wildbienen ins Nirgendwo verzogen hatten: „Wir saßen unter der blühenden Wisteria und da war … nichts. Nichts! Einfach nur Stille! Unfassbar, wie unheimlich das war.“ Das war es in der Tat. Gerade unter der Wisteria dröhnbrummt es bisweilen so intensiv, dass man meint, das eigene Trommelfell vibrieren zu spüren – ein ganz eigenartig angenehmes Seltsamgefühl. Aber eines, das so untrennbar zur Wisterienblüte gehört (die sich bei unserem Seltsamexemplar bis in den Herbst hineinzieht), dass man sich dessen kaum mehr bewusst ist.

Es geht seltsamer, doch dafür muss man an meiner Nepeta kubanica vorbeigehen (oder an einer anderen, aber ich habe halt nur meine). Ganz, ganz sachte fühlt es sich in den Eingeweiden an wie damals im Übungskeller direkt neben dem Lautsprecher. In Gedanken oder Tätigkeiten versunken überfühlt man es leicht und kratzt sich vielleicht höchstens am gekitzelten Bauch. Zu oft wummert es an dieser Stelle, als dass man aufmerken würde. Aber hin und wieder tut man es, blickt auf und sieht: Mitten vor den Augen hängen Taubenschwänzchen in der Luft, strecken ihre überdimensional langen Saugrüsselchen in die violetten Lippenblüten und bechern schwirrfliegend. Lächelnd geht man weiter, reibt sich den Bauch und geht ins Gemüsebeet, um zu jäten.

Eine turtlige Türkentaube gurrt, ich bin wieder ein kleines Kind und ziehe Möhren aus Großmutters Gemüsegarten im fernen Süden. Weiter oben fährt ein Traktor vorbei, ein Spatz raschelt im Ginkgo, im übernächsten Haus läutet das Telefon, als sich schlagartig mein Blut zusammenzieht. Angewurzelt bleibe ich stehen, meine Hand umklammert den eben ausgerissenen Klee, alle Muskeln spannen sich an. Wo ist er? Oben? Vorne? Hinten? Hinten! Hinter mir! Ich reiße den Kopf herum und sehe … nichts. Den Klee zerquetschend richte ich mich auf und blicke suchend um mich, bis ich ihn endlich sehe. Der aggressive Hornissenschwarm war ein kleines metallenes Objekt weit oberhalb meines Kopfes und trug eine Kamera auf der Unterseite. Da der Nachbar weder ein Verständnis dafür hatte, dass ich seine Begeisterung für das neue Drohnen-Hobby nicht teilen wollte, noch das Gehör für meine inständige Bitte, mit diesem Teufelszeug bitte andernorts rumzuspielen, durfte ich dem Faszinosum meiner urinstinktiven Fluchtreflexe noch viele, viele Male beiwohnen. Auch nachdem ich wusste, dass es sich um eine harmlose Drohne handelte, und obwohl ich in meinem ganzen Leben noch nie einem aggressiven Hornissenschwarm begegnet war, reagierte mein Körper stets gleich darauf – „Alarm! Hornissen! Schwarm! Aggressiv! Flucht!“ Da konnte ich ihm erzählen, was ich wollte.

Erstaunlich, wie schnell man auf gewisse Geräusche reagiert. Auf dem Weg zum Briefkasten knackst es unter dem rechten Schuh und in derselben Sekunde schießt mir Mitleid und Bedauern ins Hirn: „Oh nein! Bitte keine Weinbergschnecke! Lass es ein trockenes Lorbeerkirschenblatt sein!“ Im Nistkasten über meinem Kopf piepst es hochoktavig und zack! schüttet mein Körper Oxytocin aus (ebenso bei weinenden Katzen, jaulenden Hunden oder angstquiekenden Schweinen – das Mamahormon sitzt bei mir sehr locker). Und wenn das Telefon im übernächsten Haus läutet, schrecke ich immer auf und will ins Haus rennen.

Inzwischen ist das Nachtkerzen-Gestern viel gestriger und heute ein anderes Heute. Die Vögel zwitschern nur noch am Tag – es hat sich ausgebalzt –, der erste August liegt hinter uns und mit ihm das unerträgliche Gekrache und -knalle und -heule. Warum man einen Nationalfeiertag nur feiern kann, indem man sich akustisch in ein Kriegsgebiet versetzt, ist mir schleierhaft, aber wird wohl auch mit so was Instinktigem zu tun haben.
Interessanterweise ist auch ein anderer Lärm verschwunden, wenigstens bis auf Weiteres. Ich weiß nicht, wie’s kam, aber irgendwann beschlossen fast alle unsere Nachbarn, fast zeitgleich dieses eine Gerät zu benutzen, dessen Existenz mir genau so zuwider ist wie die Begleitumstände des ersten Augusts: Diese eine benzin-, kabel- oder akkubetriebene Unseligkeit mit Plastikschnur. In den letzten drei Wochen wurde geplastikschnurt, dass einem die Gehörgänge platzten. Oben, rechts, links … und das auch dann, als wir Städter zu Besuch hatten, die sich auf ein lauschig-ländliches Wochenende eingestellt hatten.
„WIR SIND HIER“, schrien wir unter der blühbrummenden Wisteria, „MITTEN AUF DEM LANDE. DA IST ES SO HERRLICH RUHIG. NICHT WAHR?
MÖCHTE NOCH JEMAND ETWAS SEKT?“

Es ist ruhig. Man wäre fast versucht zu sagen, es sei still, wäre man sich der ausgeblendeten Geräusche nicht bewusst. Drei Meter weiter reibt ein Grashüpfer mit seinen Beinen nachdrücklich über die Flügel, einzelne Vögel schnattern, pfeifen und keckern, etwa so wie das Nachbarskind dort drüben, hin und wieder fahren oben Autos durch, auf irgendeiner Baustelle wird gearbeitet, weit entfernt sägt jemand etwas, viel weiter entfernt rauscht wolkig ein Flugzeug und ich höre mich selber schlucken.
Ich hätte wirklich gerne das Nachtkerzen-Plopp gehört.

 

Neunzig Prozent

Angefangen hatte alles mit den beiden Arisaemas. Die kamen nämlich nicht.
Gut, „nicht kommen“ ist bei diesen Klodeckeln ja so eine Sache. Die legen bekanntlich viel Wert darauf, einen aufsehenerregenden Auftritt hinzulegen, indem sie erst dann aus der Erde schauen, wenn alles andere schon längst draußen ist. Bis Anfang Juni kann man den Satz „die kommen nicht!“ also noch kokettierend herumschwenken.
Die waren aber Ende Juni immer noch nicht gekommen und die dunkle Ahnung ließ sich nicht länger wegwedeln. Umso mehr, als die Dritte meiner Drei in der Zwischenzeit ungerührt, ohne Schneckenlöchlein oder Hahnentritt, emporgekegelt war und sich so unanständig wie ersehnt zu entblättern begann.

Das Schlimme an der ganzen Sache war nicht, dass das betroffene Beet nun zwei Klodeckel große Lücken aufwies – an ein Leben mit Lücken hatte ich mich ja eh schon herangetastet. Auch nicht, dass ich keine Ahnung hatte, warum die beiden unter der Erde verharren wollten, um dort entweder das nächste Jahr abzuwarten oder aber … ächz … vor sich hinzufaulen. Nein, das wirklich Üble daran war die nicht sterben wollende Hoffnung und dass ich die letztlich totschlagen musste, um sie schweren Herzens begraben zu können.
Dass so etwas eigentlich Schönes und Nettes wie die Hoffnung so zermürbend sein kann.

Aus lauter Freude am kulturellen Erbe habe ich gerade „Hoffnung“ bildergegoogelt, um herauszufinden, was mir da präsentiert würde. Nun ja. Als Gärtner hat man’s da schwer mit dem Hoffen. Entweder wachsen auf erodiert-rissigem Boden in einer Wüstenei einsame, vor Saft und Kraft strotzende Sonnen- oder Gänseblumen oder man sieht sie von ganz, ganz nahem … Löwenzahn-Samenstände. Im Ernst jetzt? Die wundersame Versamung eines Löwenzahns als Sinnbild für Hoffnung?
Verzerrten Gesichtes blieb ich an einem Engel aus dem 16. Jahrhundert hängen, der zur Sonne blickte und dessen Umrisse mich stark an meine Figur erinnerten. Ja, ich bin am Abnehmen. Immer noch. Und immer noch ohne sichtbare Resultate. Danke für die Erinnerung.

Ganz aufgegeben habe ich die Hoffnung bei der einen Hosta noch nicht. Ich mag jetzt nicht aufstehen, das Gartentagebuch hervorkramen und nachlesen, wann ich das Hostabeet erstellt hatte, es war jedenfalls vor sehr, sehr langer Zeit. Und die erste war eben diese: Hosta sieboldiana „Elegans“. Jedes Jahr Klodeckelblätter. (Man könnte nun meinen, mein ganzer Garten sei … nein, ist er nicht. Da wächst auch ganz viel Filigranes.) Also Elegans. Jahr für Jahr eine große, zuverlässige Freude, außer heuer. Die anderen kamen wie immer, die Klodeckel kamen aus unerfindlichen Gründen nicht über meine Handtellergröße hinaus. Leise regte sich eine kleines Ängstchen, das bei jedem Überprüfungsblick größer wurde: Ob es sich um das Hostavirus handelte? Schon als ich das Kürzel zum ersten Mal gelesen hatte, lief mir ein fürchterlicher Schauer den Rücken runter und die Unterarme entlang … HVX. Das tönt nach „Leute, nehmt die Beine unter den Arm und lauft. Lauft!“

Die Hosta-Panik war mir nicht zu verdenken, hatte ich doch gerade eben festgestellt, dass meine Cylindrocladium-bedrohten Buchspflanzen das ereilt hatte, was ich niemals für möglich gehalten hätte. Und doch, es geschah. Er ist nun tatsächlich doch noch über uns gekommen, der Zünsler. Natürlich genau zu dem Zeitpunkt, in dem meine Maßnahmen Früchte trugen und der Pilz sich zwar nicht von selber vom Acker gemacht hatte, aber immerhin mitsamt den befallenen Exemplaren geworden wurde. Ich stand da mit der Mini-Heckenschere in der einen Hand, grübelte im Gespinst nach Gewürm, besah mir die Schäden und begann so laut- wie haltlos zu kichern. Hätte ich stattdessen eine Axt in der Hand gehalten, hinter einer Tür gelauert und keinen Busen gehabt, wäre ich die perfekte Besetzung für „Shining“ gewesen.
In diesem Fall war keine Hoffnung zu bestatten, es bleibt beschlossene Sache, der Buchs kommt raus, sukzessive, und wird durch Teucrium ersetzt. Auch gesund und unbeleckt durch Zünsler und Cladien zieht der Buchs mit seinen Wurzeln zu viele Nährstoffe aus den umrahmten Beeten, als dass ich ihn länger durchfüttern möchte.
Warte mal … die Elegans steht in einem Buchsrahmenwinkel … ob die einfach zu wenig zu fressen hat? (So, liebes Bildergoogle, schaut Hoffnung aus, nimm dir ein Beispiel!)

Als nächstes kam die Krautfäule. Nicht gänzlich unerwartet. Wenn es wochenlang regnet und sich zu Füßen der wackeren Kartoffelpflanzen Stauseelein bilden, dann muss man mit einem rosa spitzenbesetzten Gemüt ausgestattet sein, um auf eine anständige Ernte zu hoffen. Ich nahm die Bürde ergeben hin und schnitt das Laub bodeneben ab, um dann je nach Bedarf ernten zu können.
Beim Pflanzen hatte ich noch siegesgewiss in die kühle Märzenluft gejauchzt: „Mehr als 80 Stück! So viele habe ich noch nie gesetzt! Das wird unser legendäres Kartoffeljahr, oh, wie freu ich mich!“ Nun ja. Die ersten Erntedurchgänge zeigen, dass es mehr wird, als man zu hoffen wagen durfte, aber weniger, um als legendär durchgehen zu können. Es ist ok. Es wäre ok-er, wenn zum Ausgleich, so als pointierte Laune der Natur, plötzlich Ende Juli die beiden Arisaemas doch noch rausgucken würden.
Das geht aber natürlich nicht. Nein. Aber dass das meiste Gemüse – die Gurken, Kürbisse, Bohnen, Roten Bete oder Fenchel – mindestens einen Monat hinter dem Terminplan herhinken, das dann schon.

Hinkend oder eher schnauf-schlurfend kam mir der Cerberus auf dem Spaziergang entgegen und ignorierte meine in die Hüfte gestemmten Hände, den einen klopf-klopfenden Fuß und das vorwurfsvolle Antlitz. Das Tier hatte dem Düngerpellet-Häuflein am Ackerrand nicht widerstehen können und hemmungslos zugeschlagen. Es hätte ja was lustig Anekdotisches gehabt, dieses kugelrunde Wesen auf vier kaum mehr sichtbaren Beinchen, wären die Pellets organischer Natur gewesen. Zu dritt haben wir gelitten, zu zweit die nötigen Maßnahmen ergriffen und dann gehofft (Hunde können nicht ergreifen und kennen keine Hoffnung).
Ein Gutes hatte die Sache: In dieser bangen Woche schaute ich nicht ein einziges Mal nach den beiden verlorenen Töchtern und den wenig eleganten Handtellern. Und um die Kartoffeln zu hoffeln, hatte ich mir ja eh schon abgeschminkt.

Gut so. Kaum hatte sich der Kleine einigermaßen erholt, holten mich Milben ein. Nicht an den eh noch nicht vorhandenen Gurken, sondern im Velociraptorenstall. Bis anhin hatte ich das Gesocks recht gut im Griff, Gesteinsmehl und Neemöl sei Dank, aber diesen Juli scherten die sich einen so luftfeuchten wie schwülwarmen Dreck drum. Im Halbtagestakt verdoppelte sich die Population und lachte sich scheckig über meine verzweifelten Maßnahmen. Wer diese Tiere nicht kennt und keine Raptoren sein eigen nennt, kann sich das Grauen nicht mal ansatzweise vorstellen.
Wenn man weiß, dass eine gewisse Menge dieser Millimeter kleinen Blutsauger einen erwachsenen Velociraptor ins Jenseits befördern können, geht einem der Anblick eines lebendigen Epizentrums aus diesen wuselnden Spinnentieren ans Lebendige. Tapfer zerdrückte ich Hunderte und bestäubte noch einmal so viele, sie vermehrten sich ungerührt. Bis ich eines Nachts erwachte … Es kitzelte auf dem Unterarm. Milbig. Panisch drückte ich neben den Lichtschalter und erwischte ihn beim vierten Mal. Rote Vogelmilbe in Ehebett.

Machen wir’s kurz: Ich versiegelte den verseuchten Stall bis auf Weiteres, schaufelte eine Ecke frei im Purgatorium (ja, schlimm, ich weiß, der Gartenschuppen sieht wieder so aus, als hätte niemand Stunden um Stunden … wie auch immer), bastelte notbehelfsmäßig zwei sichere Sitzstangen in luftiger Höhe, unterlegte mit Plastikplane, und stellte Essen und Trinken hinter des Rasenmähers Popo.

Einmalige Chance!
Purgatorium – Das Sommerlager für gestresste Velociraptoren.
Sie wollten Ihren Lieblingen schon immer mal etwas Außergewöhnliches bieten?
Einen Wellnessaufenthalt der etwas anderen Art?
Purgatorium bietet Spaß, Abwechslung und Entfaltungsmöglichkeiten zuhauf.
Melden Sie sie noch heute an.
Sie haben es sich verdient!

Die Mädels nahmen das Sommerlager erstaunlich gut an und fetzen seitdem fröhlich durch den Garten, als seien sie zwei Jahre jünger.
Derweil explodieren Fantastilliarden an Milben vor schierem Hunger im Stall. So jedenfalls meine Wunschvorstellung. Irgendwann werde ich genügend Wagemut zusammengekratzt haben, die leicht quietschende Türe zum Grauen öffnen und mit schwerem Dampfreinigungsgeschütz den Feind vernichten, gnadenlos.

Vorletzten Dienstag hatte ich die liebste all meiner Schwiegermütter am Hörer.
„Und? Wie geht’s dem Garten?“
„Nun … ich bin zu 99 … na, 90 Prozent echt zufrieden.“
„Potz! Das ist viel!“

Ja, das ist viel. Aber nebst den erwähnten hoffnungslosen Fällen wuchs, gedieh und nixschneckelte es. So schön wie noch nie zuvor.
Wofür brauch ich Hoffnung? Ich hab einen Garten!