Farnweh

Mit zum Schönsten beim Gärtnern gehört für mich, dass die Natur immer wieder aufs Neue zu überraschen vermag. Totgeglaubtes aufersteht wider alle Regeln der Logik, Botanik und Wahrscheinlichkeit, man stösst auf die inzwischen fünfte, neu gegründete Tigerschnegelgrossfamilie und findet heraus, dass scheinbar Steriles sich unverhofft versamt hat. An gänzlich unerwarteter Stelle.

So auch kam es, dass sich die Grüntöne, ein paar Beete weitergehüpft, um ein Auftragspflänzchen vermehren wollten.
Es ist uns, der Muse und mir, eine Ehre, dass wir uns in so fantastischer Umgebung tummeln durften, und eine grosse Freude, euch den kleinen Sprössling verlinkend präsentieren zu können:

Farnweh

Auf zu neuen Beeten

Fast ganz genau zur selben Zeit, als die ersten zwei Grüntöne erschienen, zogen die Velociraptorinnen in den Garten, brachten organischen Dünger, einen künftig taumelerregenden Schneckenschwund und viel Freude mit sich. Zum Beispiel darüber, dass die Erfüllung meiner lang gehegten Landidyllensehnsucht zum Greifen nahe lag. Bald konnte es so sein wie früher in den guten alten Tagen, als sich das Federvieh überall frei auf dem Hof bewegen durfte, zufrieden im Straßensand scharrte und nur dann kurz auseinanderstob, wenn der Bauer mit seinem Ochsengespann und drei Diskushernien vom Acker zurückkam. Seufzend stellte ich mir dieses und ähnliche Bilder vor, im festen Wissen, dass mein Leben nur darum nicht perfekt sein konnte, weil es mir an frei herumhühnernden Hühnern mangelte. Womit ich weniger falsch lag, als man annehmen könnte.

Doch da war ein Wölkchen am Himmel, korrigiere: zwei. Höchst ungewiss war, ob wir es jemals schaffen würden, dass unsere zwei Hunde ihren gesunden Jagdinstinkt gönnerhaft vergessen und in den vier Hühnern Mitbewohner statt, nun ja, verheißungsvoller Poulets sehen würden. Die Aussichten zumindest waren düster. Zwei Wochen lang mochten Fuchur und Hopkins in ihrer großzügig bemessenen Freizeit kaum anderes tun, als unbeweglich außen am Flexizaun zu hängen und beharrlich reinzustarren. So beunruhigend der Anblick war, er hatte auch etwas Erheiterndes. Und Beeindruckendes. Die beiden suchten so verbissen bemüht, die Zweibeiner zu hypnotisieren, dass sie sich beim abendlichen Inshauskommen erschöpft hinwarfen und augenblicklich in Tiefschlaf fielen. Doch sie trug Früchte, diese Beharrlichkeit. Wider Erwarten gelang die Hypnose, wenn auch nicht in beabsichtigter Weise. Keine Ahnung, wie genau es die vier Mädels hingekriegt haben, aber nach diesen zwei Wochen bedurften sie keines schützenden Flexizauns mehr.
„Hund schlurft mitten durch Hühnergruppe“ wurde zum alltäglichen Bild. Ebenso wie das Stillleben „Menschen am Gartentisch, pickende Hühner darunter – und mitunter auch darauf“. … Gezähmte Raptorinnen kennen keine Grenzen.

Man gewöhnt sich. Als Mensch sowieso und ganz schnell. Dass man im Garten zuverlässig begleitet wird, mit diesem steten vergnügt-launigen Gackplauder im Ohr, dass man sich freut, immer miteinander, weil etwa eine Dickmaulrüsslerlarve zutage gefördert wurde, dass einmal mehr der gebückte Jät-Rücken als perfekter Aussichtspunkt erachtet und sich hingeflattert draufgesetzt wird … und dass alles und jedes, was man tut, kommentiert wird, nun, daran gewöhnt man sich erstaunlich schnell und mag fortan nicht mehr drauf verzichten. Und so kam es, dass ich die Arbeiten im unteren Gartenteil auf das unumgängliche Minimum beschränkte, was mit der Zeit die erwartet beschämenden Folgen nach sich zog. Doch was wollte ich, dahin setzte man einfach keinen Krallenfuß. Aus Prinzip offensichtlich, obwohl es eines ist, das sich mir bis heute nicht erschließen wollte.

Erstaunlicherweise nämlich kennen Raptorinnen doch Grenzen. Unsere haben sogar ein beeindruckendes Gespür dafür, sofern es um die Grenzziehung unseres Grundstücks geht. Ich war schon versucht, es ihrem Geruchssinn zuzuschreiben. Warum sonst sollten sie alles meiden, was jenseits der Hecke liegt? Etwaig fehlende Flugkünste waren kein Grund, dafür waren sie zu geübte Fliegerinnen. (Nur so als Tipp, falls noch nicht erlebt: Es ist schon ein beeindruckender Anblick, wenn einem ein Könnerflughuhn auf Augenhöhe entgegenfliegt. Oder knapp dran vorbei. Ein bisschen so, wie wenn eine überdimensionale, leicht angeschickerte Hitchcock-Hummel auf einen zudröhnt. Mit einem Riesenpuschelpopo.) Seltsam ist es, dieses Grenzgespür, umso mehr als Hühner – wer welche hat, weiß, wovon ich rede – die Neugier in Person sind. Alles, was neu ist oder neu anmutet oder höchst eventuell neu sein könnte, all das muss sofort begutachtet werden. Sofort. Der Wissensdurst ist eine velociraptorische Erfindung. Gäbe es keine Hühner, hätten wir heute keine Staubsauger. Ganz zu schweigen von Rasenmähern.

Wie auch immer, zwischen dem oberen und unteren Teil unseres Gartens muss sich die restlichen vier Jahre eine unsichtbare Grenze befunden haben, die höchstens mal aus gedankenverlorenem Versehen oder eines flugtechnischen Ausrutschers wegen überschritten wurde. Bis zu diesem März.
Es war ein unschuldiger Spätnachmittag, als ich aus dem Küchenfenster sah und, gedankenleer die Kaffeetasse abwaschend, meinen Blick über die Kräutergartenbeete streifen ließ. Da stand ein Huhn. Weiß mit schwarzen Tupfen, emsig beschäftigt mit Scharren, Schauen und Erbeuten. In solch einer malerischen Selbstverständlichkeit, dass ich ein Weilchen brauchte, bis mir ein verwundertes „Phoebe!“ entfuhr. Ja, es war eine der meinen, nicht mal die neugierigste, aber mit geradezu hypnotischer Überzeugungskraft. Keinen Tag später führte sie ihre Mitstreiterinnen Mü und Penny runter ins gelobte Land. Mitten in die Winterportulak-Plantagenherrlichkeit.

Warum damals vor vielen Jahren so ein Winterportulaksame aus dem Hochbeet im oberen Gartenteil entwischen und runter unter die Blaufichte gelangen konnte, versuchte ich gar nicht erst zu ergründen. Ich fand es einfach nur kurios, zumal er mich kulinarisch nicht umzuhauen vermochte. Jedenfalls nicht genug, um ihn noch einmal anbauen zu wollen. Er baute sich also selber an, und zwar an einem Ort, an dem bislang nur ein Holunder wachsen wollte, den ich jahrelang vergeblich versucht hatte daran zu hindern. Ich fand dies weiterhin kurios und nicht viel mehr, bis ich im zweiten Hühnerfrühling unserer Gartenzeitrechnung die spontane Eingebung hatte, eine Handvoll für die Mädels abzureißen. Beim Raufgehen kostete ich die tellerförmigen fleischigen Blättchen und fand sie interessanterweise richtig lecker, wären da nicht die Fichtennadeln gewesen, die einem hin und wieder seitlich in die Zunge pieksten. Fast war ich versucht, sie dem kochenden Nichtgärtner in die Küche zu legen, fand es dann aber praktischer – schon allein fichtennadeltechnisch –, doch lieber die Hühner damit zu verwöhnen. Das tat ich dann auch und schaute begeistert dabei zu, wie mir der urgesunde Frühlingswildsalat mit Blatt und Stiel aus der Hand gerissen und gierig runtergeschlungen wurde.
Wie freuten sich die drei Kräutergarten-Entdeckerinnen, als sich vor ihren geschuppten Füßen diese Tellerchen offenbarten, noch fest im Erdreich verwurzelt! Wie freuten wir uns in der Küche über die leckeren Eier, mit portulakschen Inhaltsstoffen verfeinert. Inzwischen ist er in Blüte gegangen und somit von einem Tag auf den anderen uninteressant geworden (zu Recht, die ledrig gewordenen Tellerchen haben ihre charmante Frühlingsfrische gänzlich verloren) aber der Verheißungen sind noch viele.

Einzig Gloria locken sie bis zum heutigen Tage nicht, stur bleibt sie als einzige oben und geht ihren eigenen Interessen nach. Aber wer schon mal von einem Tigerschnegel umgarnt worden war, hat sie wohl gesehen, die Welt. Das kümmert die drei anderen nicht. Mindestens einmal täglich schreiten sie im dekorativen Gänsemarsch runter, vergnügen sich eine Weile mit der Jagd nach Leckereien und tippeln danach friedlich wieder rauf. Seit ich diesen Text am Schreiben bin, hat man das Sandbaden ausgerechnet neben der – bisher – unkompliziert gewachsenen Chrysantheme, die Siesta im Schlagschatten der Blaufichte und das interessierte Innehalten auf dem Parkplatz entdeckt.

Das Schönste am Ganzen ist nun nicht, wie zu erwarten war, meine wiedererwachte Freude an den unteren Gartenarbeiten, sondern dass meine Velociraptorinnen inzwischen auch vielen anderen Freude bereiten. Hielten sie sich in den vergangenen vier Jahren ausschließlich im nicht einsehbaren Garten auf, bringen sie nun mit ihrer bloßen Anwesenheit Nachbarn und Passanten zum innehaltenden Lächeln und erstaunten Schmunzeln, denn wirklich freilaufende Hühner begegnen einem in der Regel nicht sehr oft, ganz zu schweigen von so schönen (Ja. Da endet meine schweizerische Bescheidenheit. Meine Mädels sind die schönsten Hühner der ganzen Welt. Falsch. Des ganzen Weltalls.).
Gut, wir hatten kürzlich Ostern, da fühlen sich alle irgendwie zu Hühnern hingezogen, aber ich wette zehn frische Landeier, dass es auch in den folgenden Wochen und Monaten Menschen geben wird, die stehenbleiben, einander anstupsen und gemeinsam für kurze Zeit die Zeit vergessen. Oder auch ganz alleine. Zum Beispiel im Auto. Denn niemand fährt ein aus Versehen auf die Straße gewatscheltes oder geflattertes Huhn tot. Da wird gebremst und gewartet. Gewartet, etwas daumengetrommelt und gewartet, bis die Dame mit Hüftgold irgendwann beschließt, sich an den Straßenrand zu begeben. Gemächlich, denn Hühner sind Entschleuniger. Und was für welche.
Man könnte sie sich glatt zum Vorbild nehmen.

Einige Geschichten kommen zum Ende, indem sie da aufhören, wo sie begonnen haben. Zumindest die, die das wahre Leben schreibt.
Ich war am Ernten des Komposts und dachte über ein passendes Ende für diesen Text nach, als unser neustes Familienmitglied Mortimer Bailey zu mir kam, sich an mein Bein lehnte und begeistert hechelnd den Inhalt betrachtete. Die Begeisterung galt nicht dem Kompost, alles andere hätte mich in Verzückung versetzt, sondern Gloria, die mittendrin saß und jede meiner Bewegungen mit Argusaugen verfolgt hatte (recht witzig, wenn man bedenkt, dass nicht nur ein hundertäugiger Riese, sondern auch Odysseus’ Jagdhund auf den Namen Argos hörte. Dem nicht genug, der starb auch noch auf einem Misthaufen … also sozusagen auf einem Kompost! Aber wir wollen nicht abschweifen.). Unangenehm berührt ob so viel unerwünschter Aufmerksamkeit hielt die Henne inne, drehte uns langsam den Rücken zu und flog erstaunlich geschickt auf das oberste Brett. Dort drehte sie sich wieder um und thronte. Oder wartete einfach mal ab … der Unterschied ist nicht immer so klar. Mo, vor Spannung fast platzend und das Atmen vergessend, starrte sie beharrlich an. Unbeweglich in der verbissenen Bemühung, sie zu hypnotisieren.
Wir wissen, wie das endet.

Ungebrochenen Gartengagaismus, nie müde werdende Neugier, unzählige entschleunigte Momente und – in jeder Hinsicht – immer mal wieder ein neues Beet,
das wünschen wir euch!

Herzlich
Nick & die Muse auf der Schulter

Jubel

Gastautorin: Die maßvoll Zügellose

Ich soll, ich darf den Beitrag zum Grüntöne-Geburtstags-Blog schreiben … Ich, die ich blogmäßig eine absolute Spätzünderin bin, eigentlich eine Vermeiderin sogar.
Einerseits, weil mir für derart Soziales schlichtweg die Zeit fehlt: neben Job, 1500 m2 (maximal gefülltem, minimal gesteinigtem) Garten, Hund, vier Katzen, plus/minus vierzig Hühnern/Hähnen, Ehemann, Freunden, Lektüre und Haushalt (die Kinder sind inzwischen immerhin ausgeflogen) bleibt da wenig Spielraum. Zwar hat uns ein Professor, bei dem wir uns einmal über ein Zuviel an Arbeit beschwerten, entgegengehalten “Was wollen Sie? Der Tag hat 24 Stunden und die Nacht!”, doch bin ich offenbar eine ziemliche Niete im Time-Management.
Andererseits, und das ist wohl der eigentliche Grund für meine Blog-Abstinenz, konnte ich den diversen Blogs, denen ich zufällig und en passant im Internet begegnete, immer recht wenig abgewinnen. Die Inhalte waren, nun ja, überwiegend zum Gähnen.

Um die Grüntöne zu entdecken, bedurfte ich der Gartenpraxis, die in ihrer Rubrik “Aufgelesen” zwei, drei Texte abgedruckt hatte. Resultat der Lektüre: ungläubiges Staunen und atemlose Begeisterung! Dieser Witz! Diese Sprachbeherrschung! Und diese ganz eindeutige Seelenverwandtschaft über so viele Kilometer hinweg! Solche Perlen der Gartenliteratur waren mir also bislang entgangen. Unverzeihlich! Das musste sich ändern. Unverzüglich wurde der Blog aufgesucht; mit allen seinen bis dahin erschienenen Folgen.
Nun liegen meine Wurzeln in einer Zeit des haptischen Wahrnehmens und taktilen Erfahrens, mit anderen Worten: Lesen als Bildschirm-Wischi-Waschi – das geht nun gar nicht! Das Ausdrucken aller Texte kostete dann ungefähr ein Paket an Printerpapier. Die Kinder quittierten diese Aktion erwartungsgemäß mit Augenrollen und höflichem Schweigen. Muttern verzog sich daraufhin aber genüsslich mit einem 5 cm dicken Stapel Papier zur Lektüre aufs Sofa, delegierte die Zubereitung des Abendessens an Unbekannt und wünschte fürs Erste nicht mehr gestört zu werden.

Ja – so hat’s angefangen. Und hat seitdem nicht mehr aufgehört. Immer wieder verblüfft mich, wie ähnlich man sich doch sein kann im Denken und Handeln! Ein Lacher – das mit der vorgeblichen eigenen Einzigartigkeit!

Aber dass wir “ga-ga” wären, dagegen muss ich mich an dieser Stelle heftig verwehren. Es sei denn, dies wäre eine Abkürzung für “GAnz-GArten” oder dergleichen. Denn wenn wir gärtnernde Wesen eines nicht sind, dann plemplem. Der Garten ist das WESENtliche. Es ist wohl auch der einzige Ort, an dem man sich nach eigenem Gusto so ganz uneingeschränkt verwesentlichen kann. Was jetzt ein ganz furchtbar klingender Satz ist, der demzufolge ersatzlos zu streichen ist.
Wobei es ja leider auch vielen nicht vergönnt ist, ihre grünen Gelüste frei und unbeschwert auszuleben. Nicht jeder kann sich, so wie ich, der Tatsache erfreuen, dass die lieben Nachbarn auf ausreichendem Abstand wohnen, so dass sie nicht möglicherweise auf die Idee kommen könnten, herüberhängende Äste oder fallendes Herbstlaub anders als malerisch oder spielerisch zu erfahren. Hier in den Niederlanden gibt es ein überaus populäres Fernsehprogramm, “De rijdende rechter” (Der fahrende Richter), in welchem ein echter Richter bei Nachbarschaftsstreitigkeiten vor Ort ein verbindliches Urteil fällt. Und in nahezu allen Fällen ist der Auslöser des beinahe Mord- und Totschlags, mit dem sich die Leute im Fernsehen entblößen, pflanzlicher Natur. Zumindest vordergründig.

Und auch die Behauptung, dass ich mich einer gewissen Zügellosigkeit schuldig mache, kann ich so nicht uneingeschränkt gelten lassen. “Wenn ich wieder auf die Welt komme, werde ich wieder Gärtner. Und das nächste Mal auch noch. Denn für ein einziges Leben ward dieser Beruf zu groß.” Wenn man, wie offenbar Karl Foerster, an eine Wiedergeburt glaubt, hat man’s vergleichsweise leicht. Wenn man nicht daran glaubt, muss man sich in diesem einen Leben eben ein wenig sputen, will man zumindest ansatzweise einen Teil des pflanzlichen Reichtums mit eigenen Augen und Händen erleben. Zugegeben: mit den Jahren und zunehmender Erfahrung kann eine gewisse Mäßigung möglich werden. Nicht alles passt dann mehr ins Beuteschema. Manche Gewächse lassen einen auch kalt, und man ist froh, dass sie bei anderen stehen und nicht im eigenen Garten. Aber möglicherweise tut man diesen Pflanzen auch nur Unrecht, hat man sie bislang nur zu oberflächlich und in falscher Gesellschaft betrachtet …

Was uns zu der entscheidenden Frage bringt: Was ist schön und was ist gut? Auf was sollte man sich beschränken? Ich hege eine fassungslose Bewunderung für Leute, die so eins, zwei, drei, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Auswahl treffen können. Genauso hege ich den Verdacht, dass diese Leute ganz offensichtlich über eine nur sehr beschränkte Kenntnis des möglichen Sortiments verfügen müssen. Mir hingegen ist es unmöglich zu sagen, ob nun Sorte A am schönsten sei oder B oder vielleicht nicht doch XYZ. Und welche nun den größten persönlichen Gartenwert habe. Da hilft wirklich nur Eines: ausprobieren!

Im vergangenen Sommer hatten meine Agapanthus üppig geblüht und anschließend Samen angesetzt. Von den schönsten Sorten wurde geerntet, weil man schließlich nichts verkommen lassen kann. Mehr so nebenbei hatte ich anschließend großzügigst ausgesät, ohne mir in meiner Ahnungslosigkeit viel davon zu versprechen. Was im Nachhinein unvorsichtig gewesen ist, denn die Samen gingen auf wie “haar op een hond” und wuchsen zügig zu katzengrasähnlicher Dichte heran. Ein Pikieren war letztlich dringend geboten.
Manlief ließ sich nach einem kurzen Seitenblick auf dieses Treiben – welches im Übrigen raumgreifend in der Küche stattfinden musste, weil’s mir Mitte Februar dafür im Glashaus einfach noch zu schattig war – in gewohnt aufmunternder Weise die Frage entfallen, ob ich angesichts meiner bereits bestehenden Agapanthus-Sammlung nicht schon mehr als Fifty-Shades-of-Blue und damit möglicherweise genug hätte.
Nun ist – oder sollte zumindest sein – neben der Geduld und dem Hoffen-Können eine weitere, den Gärtner auszeichnende Tugend, die Neugierde. Denn auch wenn unwahrscheinlich, so ist es doch keineswegs ausgeschlossen, dass sich unter all den Sämlingen nicht diese eine fantastisch-neue Blütenfarbe oder Form befinden könnte. Dieses gilt es darum unbedingt herauszufinden. Auch wenn man dafür geduldig drei, vier Jahre warten muss, bis sich die Pflänzchen denn bequemen, das erste Mal zu blühen. Darum schob ich die Bedenken meines nüchternen Holländers leichthin zur Seite und topfte frohgemut weiter. Ich stellte dabei erstaunt fest, dass die Keimpflänzchen trotz gleicher Startbedingungen keineswegs auch gleich waren: Einige hatten energisch fleischige Würzelchen in die Tiefe getrieben oder sogar selbstbewusst versucht, mit einer Ausbreitung nach links und rechts unterirdisch Terrain zu erobern. Andere Keimlinge dagegen trauten sich kaum aus ihrem Samenkorn heraus und erkundeten die neue Umgebung nur sehr zögerlich.
Während ich die Kleinen so nach und nach aus ihrem Saatbett in Töpfchen übersiedelte, sinnierte ich darüber, ob die äußere Erscheinung dieser Hälmchen wohl mögliche Schlüsse auf ihre noch unsichtbaren inneren Werte zuließe und ob dies zu irgendeinem Urteil berechtige. Wohl eher nicht, denke ich. Wie im richtigen Leben eben auch. Wobei ich am Rande bemerken will, dass Gärtnern ja nichts anderes ist als angewandte Philosophie. Denn worum geht es hier wie dort? Um die fundamentalen Fragen zum Werden und Vergehen!

Nach zwei Stunden begannen sich in dieser überaus meditativen Beschäftigung die ersten Risse zu zeigen, als ich kurz überschlug, wie viele Pötte inzwischen einer zukünftigen Aufzucht harrten, während sich die Saatkiste scheinbar nur unwesentlich geleert hatte. Es regten sich nun doch Zweifel zum Sinn und Unsinn dieses Tuns und darwinistische Gedanken begannen schließlich, sich meiner zu bemächtigen, will heißen, der ursprüngliche hehre Vorsatz einer Chancengleichheit für die Nachkommenschaft wurde ad acta gelegt und nur noch die dicksten Exemplare pikiert und die sprietigen ungeachtet ihrer möglicherweise im Verborgen schlummernden Vorzüge dem Schicksal überlassen und zu guter Letzt – zu meiner Entlastung sei gesagt: mit heftig schlechtem Gewissen – dem Komposthaufen übereignet.
Immerhin haben magere Jungpflanzen die Vorrunde überstanden und hoffen jetzt auf eine langfristige pflegliche Zuwendung, was bedeutet, dass die Gärtnerin zukünftig irgendwie noch Zeit für sie finden muss.
Kürzlich erhielt ich einen Brief von einem Pflanzenfreund aus Hamburg. Der Inhalt: Samen seiner eigenen, besonderen Agapanthus …
Moral der Geschichte: Man kann wirklich nur bedingt verantwortlich gemacht werden für die eigene Zügellosigkeit!

Soeben komme ich zurück von einer Inspektionsrunde durch den erstmals frühlingshaften Garten: Augenscheinlich haben meine diversen Helleborus tausendfach gejungt! Diese vielverspechenden Keimpflänzchen müsste man jetzt ganz dringend unter den Mutterpflanzen hervorholen, einzeln auftopfen und zu atemberaubenden Schönheiten heranziehen … Fragt sich nur, wann man das machen soll und wohin dann mit dem ganzen Reichtum!
Wer keine Arbeit hat, der macht sich welche. Ach, der Garten – eine beständig sprudelnde Quelle ungeahnter Probleme. Was tun wir uns eigentlich an? Und das auch noch freiwillig.

Wie treffend und beruhigend ist da doch der Satz, den ich kürzlich gelesen habe: “Aber wer jammert, hat noch Reserven”.
In diesem Sinne: frohgemut und jubilierend auf ins neue Gartenjahr, welches uns zweifellos wiederum erbauliches Grün in den verschiedensten Tönen bescheren wird!

Alter Kaffee

Ein Miniatürchen zum Thema „Mythen“

Gerade kürzlich bin ich drüber gestolpert, über so einen Mythos.
In einem Firmengarten versah ich – mangels Komposts und handelsüblichen Düngers – unzählige Edelrosen mit Kaffeesatz. Ich konnte aus dem Vollen schöpfen, weiß man doch dort dem Kaffee zu frönen, und freute mich darüber, die in die Jahre gekommenen Rosendamen zu betüddeln.
Eine Woche später wieder zugegen, gewahrte ich dort zum ersten Mal Ameisen. Apokalyptische Tausende davon. Geschäftig krabbelten sie an jedem runzligen Damenbein hoch und runter. Gewissensgebissen googelte ich nach, ob wohl der Kaffee – und somit ich – schuld daran war. Die gefundene Antwort? Wollen Sie Ameisen vertreiben? Nehmen Sie Kaffeesatz!

 

Memento mori

Burglind hat die Korkenzieherweide gefällt.

Und die stramme Dame hat das richtig gut gemacht. Das zumindest fanden mein Nichtgärtner und ich, während wir nebeneinander am Wohnzimmerfenster standen, schweigend die Bescherung betrachteten und unweigerlich an Joachim erinnert wurden. So nämlich hieß 2011 der Dezembersturm, der die geerbte Chamaecyparis mit atemberaubender Zielsicherheit der Länge nach aufs Beet knallen ließ, obwohl ihm dafür auch ein Holzzaun, die Satellitenschüssel oder unser Hausdach zur Verfügung gestanden hätten. Als gewissenhaftes i-Tüpfelchen setzte er noch einen drauf, indem er beim Fällen weder der damals noch vorhandenen Buchshecke noch den munter im Beet verteilten Buchskugeln auch nur ein Zweiglein krümmte. Seitdem ist allen Joachims dieser Erde ein Sympathievorschuss gewiss. Von meiner Seite. Dem Nichtgärtner ist es wurst, dass Stürme heißen und noch viel mehr, wie – es reicht völlig, wenn sich die hauseigene Stürmer- und Drängerin so was merkt.

Man könnte beinah den Faden verlieren, ginge es nicht just um den. Denn immer und zuverlässig, wenn von irgendeinem fallenden Baum die Rede ist, grinst mindestens einer von uns breit vor sich hin und setzt an mit: „Weißt du noch …?“ Dann grinst der andere, beide verdrehen die Augen und erzählen einander oder jedem, der sich just dann in unserer Nähe befindet, von unserer ersten und wohl auch letzten gemeinsamen Fällung.
Auch da ging es um eine geerbte Chamaecyparis, wenngleich am Teich und gefährlich nahe an Dingen, deren Zerstörung einem viel Ungemach beschert hätten. Dies unter anderem deswegen, weil die meisten davon dem Nachbarn gehörten.
(Zur allgemeinen Entschämung soll kurz angemerkt werden dürfen, dass die folgende Anekdote viele, viele Jahre her ist. Danke.)
Wir, forsttechnisch unbeleckt, waren vom gleichen grenzenlosen Urvertrauen erfüllt, wie es Menschen normalerweise sind, die keine Ahnung haben. Das Leben ist toll, wenn man nicht weiß, was so alles schiefgehen kann. Ja, man könnte beinah in Versuchung geraten, sich jeglichen Wissens zu entledigen, nur um sorglos vor sich hin leben zu können, wüsste man es denn nicht besser.
Vertrauensvoll wollten also mein Nichtgärtner und ich die Chamaecyparis fällen, wofür wir viel Entschlusskraft, ein kleines Beil finnischen Handwerks und ein dünnes Tau nutzten, Letzteres nicht viel mehr als ein etwas dickerer Faden. Diesen band Nichtgärtner so weit oben um den zu fällenden Baumstamm, wie es ging, ohne dabei eine Leiter benutzen zu müssen (die wär schon praktisch gewesen, aber man hätt sie nirgends hinstellen können. Jedenfalls nicht gescheit. So viel immerhin wussten wir schon damals.).
„Ich werde nun also“, erklärte Nichtgärtner dumpf durch die dichten Koniferenäste hindurch, „mit dem Beil so lange reinhauen, bis er Anstalten macht, zu fallen, dann ruf ich ‚Jetzt!’ und dann ziehst du!“
Das „Jetzt!“ kam, ich zog wie blöde, aber … Nun, es wäre – wenn überhaupt – nur dann was geworden, wenn es sich dabei um ein richtig fettes Tau mit einem richtigen, fetten Zugpferd dran gehandelt hätte. Was fällt, das fällt. Und zwar so, wie es will. Ein unschönes Sekundengefühl, wenn man so dasteht, einen Faden in der ziehenden Hand, der zu abernichts nutze ist, während ein mehrjährig verholztes Gewächs runterdonnert, wie es eben will. Im saublödsten Falle auf einen selbst.
Es wollte, wir konnten es kaum fassen, mitten in den Teich. Baff blieben wir stehen, er das Beil, ich den Faden in der geballten Faust, und betrachteten die planschende Konifere. Schweigend.
Das sind Momente, in denen einem klar wird, warum gewisse Berufe einer jahrelangen Ausbildung bedürfen. Wer schon einmal die Ehre hatte, einem richtig guten Profibaumfäller bei der Arbeit zuschauen zu dürfen, geht nie mehr in den Zirkus. Und hält nie mehr einen Faden.

Baumfalltechnisch scheinen wir vom Glück verfolgt und eigentlich wäre ich der Burglind dankbar, denn auch sie hatte es hingekriegt, nichts Gewolltem auch nur ein Mü zu nahe zu kommen. Der Holzzaun, der Kirschbaum, die Grenzhecke mitsamt dahinter befindlicher nachbarlicher Ungemächer sowie der vor kurzem gepflanzte Backfisch namens Choisya ternata ‚Aztec Pearl’ wurden von den walküregleichen Weidenarmen verschont. Selbst die marmorne Hundewasserschale, die als Grabmal auf des Cerberus’ letztem Ruheplatz thront, hielt ihnen stand. (Die Schale ist nicht wirklich als Mal gedacht, sondern als praktische Vorrichtung, weil sie die Velociraptoren vom Scharren abhält, bis der Grabhügel sich gesenkt und ich erneut Gras angesät habe. Witzigerweise haben die Weiber sie zum neusten schicken In-Place erkoren: Regenwasser in weißem Marmor, davon träumt die moderne Henne! Nun ja, es sei. Was macht man nicht alles für glückliche Eier.)
Also. Sie hat alles richtig gemacht, die Burglind, selbst namenstechnisch. Sagen wir’s, wie’s ist, einer Burglind tät ich alles abkaufen, selbst Chamaecyparis-Sämlinge. Und trotzdem flunschte ich ein bisschen vor mich hin, denn sie hat mir mein Memento Mori genommen.

Lasst mich das von vorn erzählen:
Ich wohne in einem Dorf. In einem kleinen. Und in diesem muss irgendwann irgendeiner eine Salix matsudana ‚Tortuosa’ so toll gefunden haben, dass er sie in seinem Garten pflanzte. Sie ist ja auch toll, keine Frage. Jeder Steckling wurzelt wie der Deibel, schon als Teenie macht er sich mit seinem verdrehten Wuchs richtig hübsch, und als Erwachsener begeistert er mit der schieren Menge seines unnachahmlichen frühlingsfrischgrünen Blattaustriebs und den aberhundert Krakelkringelzweigen, die sich perfekt für Ostergestecke eignen würden. Wenn man denn solche stecken täte. Dekountalentierte können einfach nur ein paar Gipseier an den Baum oder Strauch (so wird der wirklich definiert „Baum oder Strauch“!) binden, mit hübsch farbigen Schleifchen zum Beispiel. Solchen wie mir genügt der bloße Baumstrauch schon alleine deswegen, weil man dadurch im Herbst auch keine vergessenen Gipseier mitsamt verblichener Schleifchen entfernen muss, sondern tiefenentspannt die hellgelbe Blattfärbung genießen kann. Und wenn der Winter kommt, ist er auch noch nackig eine Wucht, scheint er doch in seiner schlafenden Krakelstarre wie ein verzaubertes Etwas aus einer anderen Welt.

In diesem Dorf also hatte mal jemand diese Salix gepflanzt. Zu Recht. Und weil es diesem Jemand und ganz vielen anderen Jemands nach ihm so ging wie meiner Lieblingsnachbarin, steht heute so eine in mindestens jedem zehnten Garten unseres Dorfes:
„Du, Nigg, schau dir das an: Für die Osterdeko geschnitten und in Sand gesteckt. Da hab ich nie gegossen, ich schwör, das war immer furztrocken! Und das hat so gewurzelt. Verrückt, nicht wahr? Willst du die vielleicht?“,
und hielt mir zwei fett bewurzelte metrige Steckhölzer entgegen. Natürlich wollte ich. Die fand ich nämlich schön. Und hatte dabei vergessen, über die zu erwartende Endgröße nachzudenken. Wer denkt schon an Endgrößen, wenn einem ein so allerliebst schnuckliger Welpe angeboten wird! Einen, Verzeihung, eine also setzte ich bei uns im Garten speziell für den Nichtgärtner, er fand die nämlich auch schön, eine zweite topfte ich, um sie außerdörflich weiterzuschenken. (Das, so schlussfolgerte ich, musste erlaubt sein, ansonsten wäre die erstaunliche Tortuosa-Dichte im näheren Umkreis unseres Dorfes nicht zu erklären gewesen.)
Um es jetzt nicht unnötig in die Länge zu ziehen: Das Ding wuchs und wuchs und wuchs und starb. Unerwartet, unerklärbar und mit einer Entschlossenheit, die an Selbstmord denken ließ. Was die genaue Ursache war, spielt keine Rolle, denn ein bisschen war ich froh darüber. Fast ein bisschen sehr sogar. Ja, sie ist wirklich schön, wirklich. Aber die wäre für diesen Standort einfach zu groß geworden, hätte man sie nicht vorzu beschnitten. Ein Umstand, der mich als erklärte Gegnerin des ungerechtfertigten Zurechtstutzens jedes Jahr in ärgere Gewissensnöte brachte. Wer weiss. Vielleicht hat sie das mitbekommen und sich meiner erbarmt. (Ja, toll. Jetzt ist mein Gewissen viel besser. „Nick, die durch ihr blosses Dasein Gehölze zum Absterben bringen lässt“, so wollt ich schon immer mal genannt werden.)
Ich ließ sie stehen. Zuerst, weil ich für meinen bäumigen Bruder Fotos knipsen wollte, damit er die eventuelle Todesursache eventuell näher hätte bestimmen können. Da ich so schrecklich ungerne fotografiere, blieb die Korkenzieherin Woche um Woche stehen. Nach einer weiteren Woche fand ich sie dort eigentlich richtig schön und überlegte, wie man es rechtfertigen könnte, einen toten Baumstrauch im Garten stehen zu haben. Von November bis März geht das noch, aber so mitten im Sommer wirkten der Stamm und die kahlen Äste, von denen sich die Rinde in großen Stücken löste, dann schon etwas seltsam für uneingeweihte Außenstehende.
„Warum eigentlich?“, fragte ich mich in einer meiner stillen Stunden im Garten und blieb fragend vor der toten Weide stehen. Warum eigentlich.
In diesem Moment beschloss ich, die Tote als Mahnmal stehen zu lassen. Als Memento mori. Das ist nicht der Name einer Pflanze (obwohl … so als Sortenname … hm …), sondern zwei lateinische Wörter, die übersetzt so viel heißen wie „Gedenke des Todes“ und schon vor einigen hundert Jahren benutzt wurden, damit man nicht zu übermütig durchs Leben hüpfen möge. Oder deutlich übermütiger als bisher – je nach Interpretation und Jahrhundert.

Im Garten (fernab von irgendwelchen Gärtnern) ist der Tod ein gern gesehener Gast. Kaum hatte die Weide ihr letztes Chlorophyll verbraucht, kamen sie herbei: Gekreuch und Gefleuch, Geflecht und Gespinst, sogar ein Specht (zum ersten Mal in meinem Garten ein Specht!), … es wuselte nur noch vor übermütig lebenslustigem Memento mori. Wen wunderts, meine Korkenzieherweide wurde zu meinem liebsten Ausgangs- und Endpunkt all meiner Gartenrundgänge. Was hat sich als nächstes angesiedelt? Wer wohl hat an diesem Lebensort ein neues Zuhause gefunden? Fühlen sich die Äste morsch an? Wie lange wird sie noch stehenbleiben? Ich hatte keine Ahnung und kam mir vor wie ein staunendes Kind, das noch herrlich viel zu lernen hat und sich darauf freut. Tag für Tag. Im Garten ist der Tod ein gern gesehener Gast. Kein endgültiger Abschied, sondern ein Neuanfang. Eine beginnende Lebensmöglichkeit, die jede Silvesterfeier in den Hintergrund funksprüht.

Burglind ist eine würdige Fällerin. Natürlich bin ich traurig ob des verpassten wuselnden Lebens und nicht erworbenen Wissens. Und einen weiteren Baumstrauch zu pflanzen in der Hoffnung, er möge bei einer geeigneten Größe gnädig dahinsterben … nein, so was macht man nicht. Schon noch blöd.
Doch das Leben schließt keine Tür, ohne dass eine andere aufgeht. Irgendwo. Und manchmal werden auch Türen geschlossen, weil sie schlicht überflüssig geworden sind. Denn was will man an den Tod gemahnen, wenn da so plötzlich wie unerwartet ein funkensprühender Backfisch auf vier Pfoten durch den Garten hüpft und beim Feiern des Lebens gleich mal einigen wagemutig ausgetriebenen Zwiebelblumen das Genick bricht.

 

 

Anmerkung
Anfangs nahm ich mir vor, meine nichtgärtnernden Besucher auf die Schippe zu nehmen, indem ich auf ihre Frage: „Ui, was ist denn diesem Baum da passiert?“ entgegnete: „Da ist gar nichts passiert. Das ist eine spezielle Sorte, die so aussehen muss.“ Nachdem zwei Besucher nur mit einem überraschten „Ach so“ reagierten, merkte ich nicht wenig verstört, wie viel mir mein Umfeld gartennärrisch gesehen inzwischen zutraut.
Beim dritten Besucher meinte ich nur trocken: „Ach, weißte, das ist mein Memento mori.“ Entgeistert sah er mich an, hielt sich die eine Hand vor den Mund und prustete dann hemmungslos los: „Memento mori! Ich kann nicht mehr! Memento mori!“

Wunsch zum Glück

Wir wünschen von Herzen,
dass euch das Jahr 2018
immer wieder aufs Neue zu überraschen vermag,
positiv, natürlich!

(Nun gut, einverstanden, bleiben wir realistisch:
Eine unerfreuliche Überraschung lassen wir durchgehen. Eine. Dann ist aber gut!)

Nick & die schnarchende Muse auf der Schulter

 

Gartengeschenke

Mit derselben bedächtigen Hingabe, wie ich Geschenke auszupacken pflege, ernte ich auch Pastinaken. Ich weiß zwar, was ich am Ende mit meiner rechten Hand am Schlafittchen halte – etwas anderes als eine Pastinake wäre nicht nur überraschend, sondern äußerst verstörend –, doch wie groß das jeweilige Exemplar ausfallen wird, vermag ich bis heute nicht sicher vorherzusagen.
Man müsste meinen, das Schlafittchen, also der oberirdische grüne Schopf, böte einen gewissen Anhaltspunkt. Tut er aber nicht. Genauso wenig wie das Riesenpaket, in dem sich nicht wie erwartet der ersehnte Schaukelstuhl befindet, sondern – und das stellt sich dann erst nach dreistündiger Durchfummelei des Füllmaterials heraus, wenn überhaupt – eine witzigwinzig mundgeblasene Muranohenne. Damit sind sie übrigens nicht alleine, die Pastinaken. Auch Radieschen und Möhren legen mich jährlich aufs Kreuz. Letztere sind dabei ganz besonders gewieft, machen sie sich doch einen Spaß draus, mit irreführend breiten Schultern zu locken. „Was oben so breit ist, kann nur eine Riesenmöhre sein“, denkt man, hebelt heraus und hält ein feinwurzelbedecktes Nichts von einem Möhrchen vors enttäuschte Gesicht. Umgekehrt wird aber blöderweise auch kein Schuh draus, so dass ich es inzwischen aufgegeben und beim Ernten das Denken gänzlich eingestellt habe. Es bringt ja eh nichts.
Nun komm mir keiner mit „auf die Größe kommt’s nicht an“. Sehr wohl kommt’s drauf an, sonst würden wir ja auch nicht vom Paradies reden, denn ein Paradieschen tät uns vollauf genügen. Und wenn wir schon dabei sind: Zu groß ist auch nix. So ein Riesenpastinakerich macht zwar was her, jetzt so fürs Auge, aber letztlich ist er nichts anderes als eine aufgedunsen schwammige Sinnesenttäuschung.
Weil ich also nicht weiß, ob sich unterirdisch ein Winzling, Anständiger oder Riesenkerl versteckt, bin ich bei der Pastinakenernte stets bedächtig und langsam zugange, steche den Spaten oder die Grabegabel nicht zu nah, aber dafür tief genug für einen Riesen rein, um dann vorsichtig so lange rauszuhebeln, bis das finale Zoing spürbar ist. Ich mag jetzt nicht von zerrissener Nabelschnur reden, aber streng genommen ist das Bild gar nicht mal so verkehrt. Jedenfalls reisst dabei die Hauptwurzel entzwei, wodurch sich das künftige Abendessen einigermaßen mühelos aus der Erde züpfeln lässt, egal wie fett und groß.
Das aber will hochkonzentriert getan werden. Bedächtig. Und möglichst denkfrei.

Es wollte gerade zoingen, als mein Auge über den aufgewühlten Boden streifte und verdutzt innehielt. Ungerührt stand es da. Ein Fünfmillimeterblättchen, gefährlich dicht am beinah entwurzelten Pastinakerich, aber augenscheinlich bester Dinge. Den hölzernen Stiel der Grabegabel umklammernd starrte ich auf das winzige Wesen und ging langsam in die Knie. Tatsächlich. Es war ein Cyclamen-Sämling. Nicht mundgeblasen, aber an diesem Ort und unter diesen Umständen mindestens so überraschend wie ein Muranofigürchen in einem schaukelstuhlgroßen Paket.
Sprachlos ließ ich die Grabegabel los, eilte zu meinem Pflanztisch runter, griff beherzt in die wacklig aufgeschichtete Unordnung, packte das erstbeste dreckige, mir entgegenpurzelnde Plastiktöpfchen mitsamt der angerosteten Handschaufel und hetzte wieder rauf, um erleichtert festzustellen, dass in der Zwischenzeit niemand dem kleinen Sämling hatte zuleide werken können. (Der Gefahren sind da viele, scharrende Velociraptorinnenfüße zum Beispiel, kackende Katzen oder – man darf sie nicht unterschätzen – herunterfallende Meteoriten.) Die bisher untätig rumdösenden Velociraptorinnen hatten mich aufgeregt hopsflatternd verfolgt und drückten sich nun gegenseitig unwirsch weg, um als erste mitzubekommen, warum sich die Menschin ausgerechnet da hinkniete. Man beäugte den Sämling von ganz nahem, verfolgte, wie er ins Töpfchen kam, und schaute dann bass enttäuscht zu Boden.

Welch Geschenk! Alpenveilchensämlinge sind für mich ganz grundsätzlich eine Freude. Das liegt unter anderem daran, dass meine Liebe zu ihnen erst hauchzarte vier Jahre alt ist, sie darum auch erst seit vier Jahren in diesem Garten weilen, und das mit den Sämlingen für mich noch immer Anlass für einen speziell großen Herzenshüpfer ist. Jeder neu entdeckte wird noch eigens gefeiert, auch wenn es jährlich mehr werden. (Dies vermutlich auch deswegen, weil ich jährlich mehr Alpenveilchen setze.) Doch der hier war ganz besonders speziell, denn die dem Gemüsebeet am nächsten kommenden potenziellen Mutterpflanzen sitzen mindestens vier Meter entfernt. Dass so ein Same so viele Laufmeter im Mund einer Ameise hinter sich brachte und das mit all den Hinder- und Fährnissen unterwegs (Steinumrandungen, Holzumrandungen, pickende Velociraptoren, scharrende Katzen und alberne Elstern), und schließlich hier, aus seiner Sicht wohlbehütet, unter Pastinakenpalmbäumen zu keimen begann und in letzter Zufallssekunde dem aufwühlenden Gebahren der Grabegabel entschlüpfte, rührte mich ganz besonders.
Es gibt Wörter, die müsste man erfinden, gäbe es sie noch nicht. „Elaiosom“ ist so eines. Eigentlich hatte ich ja vor, ihm irgendwann mal einen eigenen, richtig tollen Text zu widmen, aber man darf die Rechnung nie ohne dieses eigensinnige Ding namens Muse machen. (Ich hoffe schwer, sie hat ihn mitgekriegt, den doch recht deutlichen Schienbeintreter.)
Ein Elaiosom, um zum Thema zurückzukehren, ist ein lecker kalorienreiches Samenanhängsel, das als Bestechung für Transporteure gedacht ist. Die – in diesem Fall – Ameisen tragen es in ihren Haufen, um es genüsslich zu verzehren und den Samen anschließend in hohem Bogen rauszuwerfen. Oder so. Das Ende des Bogens jedenfalls ist dann zum Beispiel, ganz unerwartet, mein Gemüsebeet.
Es heißt also (gestattet mir die Korrektur): Freude schöner Götterfunken, Tochter des Elaiosoms. Denn gemeint kann der Schiller nur einen Alpenveilchensämling haben. Was sonst.
Er war das unerwartetste Geschenk des Jahres, dieser eine kleine Sämling, und beschert hat ihn mir mein Garten.

Wie im obigen Beispiel ersichtlich, sind Gärten nicht nur könnerhaft freigebig, nein, sie verfügen auch über einen ganz eigenen Humor.
Vor zwei Sommern schenkte mir meine Schwiegermutter einige Pflanzen, an denen ich unversehens den Narren gefressen hatte. Ganz besonders närrisch war ich nach dem Plantago major. Auf Botanisch tönt dieses Gewächs exquisit exotisch, obgleich sich dahinter nur ein stinkfurznormaler Breitwegerich verbirgt. Genau. Das gähnlangweilige Zeug, dem man das Unkraut schon zehn Meter gegen den Wind ansieht. Warum ich trotzdem das Töpfchen ameisenhaft sanft befingernd vor meine Nase hielt und es mit glänzenden Augen studierte, als wäre es ein archäologischer Sensationsfund? Tja. Weil es ein ‚Rosularis’ war.
Lasst mich das erläutern.

Der Rosularis ist eine wunderliche Laune der Natur, eine Mutation, die sich seit Jahrhunderten unverändert hält. Warum dem so ist, kann man dem grüngetönten Teil entnehmen, ansonsten hüpft man drüber und liest weiter unten weiter.
Auch eine Art Elaiosom, aber ein rein Visuelles nur für uns Menschen: Man nehme ein ganz übles Unkraut, stauche den langgezogenen Blütenspross so sehr, dass er zu einer fast runden Kugel wird, nehme dann jedes Winzblättchen, das unter jedem Winzblütchen wächst (dieses Blättchen nennt man auf Schlau Braktee), und verlängere es so, dass es aussieht wie ein langes Löffelchen. Das Resultat ist eine Blüte, die ein bisschen wie eine grüne Rose ausschaut. Da stehen wir Leute drauf. Weil aber die Löffelchen den Wind und alles, was er mit sich trägt, perfekt abschirmen, gibt es keine Fremdbestäubung; die Rosularisse bestäuben sich also ausschließlich selbst. Seit mindestens 1597 übrigens, denn da hat sie John Gerard in seinem „Herball or General Historie of Plants“ beschrieben.
Dieser Mutation liege ich nur deshalb zu Füßen, weil sie speziell und als solche seit dem 16. Jahrhundert bekannt ist. Und das auch noch in England. Mit ein bisschen Fantasie ausgestattet fällt es einem nicht schwer, sich den Hofstaat Elisabeths der Ersten auszumalen, wie er schwerfällig mit zahlreichen schnaubenden Pferden und etwas weniger Wagen zu einem Picknickplatz rollte und unter einem dieser Räder ein Rosularis rüd und schnöd zerdrückt wurde. Etwas kecker ist das Bild Shakespeares, der in Stratford-on-Avon auf seines Onkels Anwesen lustwandelte und dabei gedankenverloren den verkürzten Blütenkopf eines Rosularis mit dem beschuhten Fuß wegkickte. Wer weiß, welch unsterblich gewordene Zeile ihm dabei durch den Kopf ging, oder ob überhaupt. Vermutlich und viel eher ist da die Küchenzofe, die mal musste, kurz hinter dem Backhaus verschwand und den ersten Rosularis der Geschichte befeuerte. 2016 kniete ich neben dem historisch aufgeladenen Ding, handschäufelte ihm ein kleines Pflanzloch und musste auch fast, aber vor Freude.

Irgendwann nach dem Winter ging sie dahin, die elisabethanische Kostbarkeit, verblich und schied. Nachdem ich zum achtzehnten Male vor ihr stehengeblieben war, um vielleicht doch noch was Lebendiges feststellen zu können, sah ich es schließlich ein: Ich hatte es nicht geschafft, einen Breitwegerich am Leben zu halten. Wohlgemerkt: Ein Unkraut, das alles überlebt, man kann drauf rumtrampeln, solange man will – vermutlich widerstünde es gar einem Meteoriten – so etwas geht bei mir ein. Während sich vermutlich, aber ganz sicher unmerklich mein Garten die Schmunzeltränen aus den Augenwinkeln wischte, schmollte ich bockig und tat so, als wär nie ein Rosularis in mein Leben und somit auch nie in mein eines Beet getreten.
Und dann kam der April. Oder der Juni. Ist ja auch egal. Es kam der Moment, in dem ich eine Waschbetontreppenstufe nehmen wollte und dabei nach links unten blickte. War das dort ein wirklicher Wegerich? Ich hielt inne, ging zwei Stufen zurück, dann in die Knie und beäugte mit tätiger Mithilfe meiner Hände von nahem. Es war ein Breitwegerich, daran war nichts zu rütteln. Und zwar einer der stinkfurznormalen. … Leise hörte ich ein nur halbherzig unterdrücktes, aber freundschaftlich augenzwinkerndes Glucksen.
Möglich aber war das irgendwie nicht so richtig. Ich hatte noch nie einen Breitwegerich in meinem Garten, weder hier oben noch unten, wo sonst aller Gattung Unerwünschtes gedieh. Nirgends auch nur einen Hauch davon. Nicht mal ansatzweise. Und hätte sich der Rosularis vermehrt, dann wäre definitivstens kein normaler Wegekerl draus entstanden. Rätselnd stand ich da und versuchte angestrengt, mich vom ellenbogenanstupsenden Gartenwiehern nicht anstecken zu lassen. Vergeblich.

Ich ließ ihn stehen. Des Gartenhumors wegen. Und irgendwann begann er sogar mir zu gefallen. Der machte sich richtig gut da in diesem Bereich, wo interessanterweise eh eine Lücke klaffte, die ich bislang noch nicht gescheit zu füllen wusste. Doch, der war eigentlich ganz adrett. Mehr noch, sogar verblüht verführte der noch. Aber kurz nach dem endgültigen Verblühen und vor allem Versamen hatte ich dann genug vom Nervenkitzel und setzte der Geschichte ein entschlossenes Ende.
Mit dem Unkrautstecher.
Im einen Fremdgarten begegnete meinem Unkrautstecher kurz darauf ebenfalls ein genau so großer Breitwegerich. Ebenfalls zum ersten Mal, seit ich dort tätig bin. Hm. Es liegen zwanzig Kilometer zwischen meinem und diesem Fremdgarten. Und die unzähligen Umrandungen, Velociraptoren, Katzen und Elstern mag ich gar nicht erst erwähnen.
Gärten haben einen ganz eigenen Humor. Ich bin beinah versucht, ihn elaiosomisch zu nennen.

Mein Garten beschenkt mich unentwegt so freigebig, ausgelassen und überraschrumpelnd, wie nur Gärten schenken können. Doch hin und wieder kann man sich, wie ich meine, auch mal an der eigenen Nase fassen und etwas zurückgeben. Das jedenfalls sagte ich mir, als ich neben einem Gartencenterbaumschulisten vor einer Mahonia bealei stand, die atemberaubend war. In dieser Hinsichtsreihenfolge: Reich blühend, von anmutigstem Habitus, ausladend groß, ungeheuer stachblättrig und ferkelig teuer.
„Gott, was ist die schön!“
„Ja, ist sie. Und trotzdem geht die nicht weg.“
„Wie jetzt.“
„Isso. Die steht schon seit zwei Jahren hier, weil niemand sie wollte.“

Glückselig fuhr ich nach Hause und sah hin und wieder in den Rückspiegel. Der Baumgeschulte hatte die Mahonie so eingepackt, dass sie beim Transport nicht gleich alle Blüten verlieren und ich weder beim Ausladen noch beim Einpflanzen zu Tode gepiekst würde. Es fühlte sich an wie damals, als wir unsere mittlere Hündin aus dem Tierheim geholt hatten, außer dass Fuchur damals noch – anders als die Mahonie – über einen nervösen Magen verfügte.
Zugegeben. Eine Mahonie wollte ich schon lange. Und dass ich heute in dieses Gartencenter fuhr, lag einzig daran, dass ich aus dem Wollen ein Haben machen wollte. Aber dass sie jetzt in meinem Garten steht, wo vorhin drei dreißigjährige Heckenliguster gestanden haben, ist ein Geschenk. Ein Geschenk an die bislang ungewollte Mahonie und eines an meinen Garten, der erst jetzt weiß, wie sehr er sich all die Jahre nach einer Mahonie verzehrt hatte.

Das – sagen wir, wie es ist – habe ich richtig gut gemacht.

Buchsgefühl

Es stehen hier noch einige wenige Laufmeter und zwei Kugeln, aber viel Zeit ist ihnen nicht mehr beschieden. Dann wird er dahingehen, der letzte Buchs meines Gartens. In einem schnöden Kofferraum. Der vor geschätzten zwei Jahren zum letzten Mal gesaugt worden ist. Oder vor drei, wer zählt das schon. Fanfaren werden keine erklingen, ein großes Tamtam habe ich nicht geplant, die Leichen werden in den Grüngut-Container unseres Dorfes gekippt und die Trauer darob gänzlich vergessen, weil mir just dann wieder in den Sinn kommen wird, dass es diesen mit unseren Steuergeldern finanzierten Container in Kürze nicht mehr gibt und jedes einzelne Grüngutkilo gebührenpflichtig wird entsorgt werden müssen. Getreu dem Motto:
Kehr vor deiner eignen Tür
und zahle bittschön auch dafür.
Die haben ja recht, faire Ordnung muss sein. Aber man hat sich schon so an diesen Container gewöhnt, da fällt der Abschied halt schwer. Fast schwerer als der vom Buchs.

Es gibt gewisse Gefühle, die sich mit der Zeit abnutzen. Man hüpft nicht drei Jahre lang glückselig durch das Leben, weil die zwei „winterharten“ Agapanthen tatsächlich winterhart sind (und zwar winterknallhart, wie sich diesen April nach der brutalen Spätfrostnacht herausgestellt hatte). Irgendwann regt sich vielleicht noch die Ahnung eines Freudenhüpferchens im Herzen, bis auch dieses verblasst und der erwarteten Selbstverständlichkeit weicht. Dann ist so ein Agapanthus nicht nur winterhart, sondern hat es gefälligst auch zu sein. Oder, um ein vielleicht eher allgemeines Beispiel zu nennen: Nicht nur im Buchs flattern Schmetterlinge umher, auch im Bauch finden sich hin und wieder welche ein. Doch egal in wen oder worin man sich verliebt, die für diese höchst alberne Phase benötigten Hormone gehen einem irgendwann aus; zum beruhigenden Glück für uns und unser Umfeld, seien wir ehrlich. Und, um auf den Punkt zu kommen, es zittert beim fünfhundertvierzigsten Schnitt kein anschwellendes Tränchen mehr im Auge, weil man den Buchs, dem man von dessen Kindesbeinen an ungeduldig beim Wachsen zugesehen und ihn angefeuert hatte und der verflucht nochmal just jetzt so zusammengewachsen war, dass man ihn auch tatsächlich als „Hecke“ bezeichnen durfte, weil man den jetzt – ja, so zynisch ist die Grinsekatze namens Natur – auch noch selber, mit eigenen Händen und Werkzeugen wieder rausreißen muss, und dies einzig und alleine aus zwei Gründen, an denen man noch nicht mal schuld war, Herrgott und Sackerment, dem Pilz und Zünsler nämlich. Oh, es ist vielschichtig, das Buchsabschiedsgefühl, es steckt voller Selbstmitleid, ohnmächtig-heiligem Zorn und Trauer. Nichtsdestotrotz mag es sich bei mir nur mehr selten zu melden und wenn, dann dumpf.

Oder es konzentriert sich auf die Begleitumstände. Auf den labyrinthischen Kräutergarten zum Beispiel, der nach vier abtransportierten Wagenladungen einfach nur erbärmlich aussah. Nicht nur buchsnackt, sondern schlichtweg schlimm. Dass nämlich in den buchswurzelverseuchten Beeten immer weniger richtig wachsen wollte, war nur deswegen kaum aufgefallen, weil man es vor lauter Buchshecken gar nicht erst hatte sehen können. Kaum war der Großteil davon weg, hinterließ er nebst der hässlichen Umrandungsschneise ein darbendes Himmelherrje an jämmerlichem Wachstumsversuch. Und damit das auch so richtig auffiel, hatten die hölzernen Wegplatten irgendwann Anfang dieses Jahres einstimmig beschlossen, sich ab sofort unaufhaltsame Rotte-Symptome zuzulegen. Das wohlgemerkt, obwohl sie nicht gleichzeitig verlegt worden waren. Man machte es mir nicht leicht.
Inzwischen ist übrigens Juli, die Beete haben sich dank Kompost, Rasenschnittmulch und – selbstverständlich – ungeheuer viel Liebe erstaunlich gut erholt und nun wächst es dort unten gar so ungestüm, dass man sich auf den Wegplatten kaum fortbewegen kann, ohne immer mal wieder über Rumhänglümmelndes steigen zu müssen. Das lenkt ab. Von der Wegplatten Verrottung beispielsweise, was ja eigentlich ein Vorteil wäre und mich theoretisch unbedingt versöhnlich stimmen müsste. Tut’s aber nicht. Ganz und gar nicht tut es das. Mit der Buchshecke hätte das nämlich nie passieren können. Dieses In-den-Weg-Reinhängen, dieses disziplinlose, dieses. Nein, Versöhnung ist momentan schlicht nicht drin.

Genau. Stinkesauer bin ich. Stin-ke-sauer. Hat sich doch dieser Zünsler einfach hinterrücks davongeschlichen. Ich mein, da ist man jahrelang froh, dass er nicht auftaucht, und wenn er dann doch kommt und man die geistige Größe besitzt, sich damit abzufinden, mehr noch, man rechnet fortan sogar mit ihm, da haut dieses zuchtlose Zeug von heut auf morgen einfach ab.
… Vielleicht müsste ich mich an dieser Stelle erklären …
Nebst dem Buchsentfernen habe ich ja nun auch noch ein Leben. Dieser Umstand brachte mich auf die Idee, mir dieses Entfernen so einfach und leicht zu machen wie nur irgend möglich. „Wozu mir die Mühe machen“, so dachte ich listig, „jeden einzelnen Buchs auszugraben? Ich kapp die nur knapp überm Boden, und sobald sie wieder austreiben, fallen die Buchssauger drüber her und befördern sie ins wurzeltote Jenseits. Anschließend brauch ich die nur noch rauszuzüpfeln. Wie clever!“ Damit mein Plan auch ganz sicher klappte, ließ ich einen anständigen Rest an Pflanzen ungeschnitten stehen. Schließlich wollte ich den Zünsler nicht aus Versehen vergrämen, ganz im Gegenteil. Von nun an sollte er mein dickster Verbündeter sein, weswegen mit Bedacht für sein leibliches Wohl gesorgt sein wollte.
So wurde aus der ängstlich-ärgerlichen Überprüfung, ob da Blattgerippe und Gespinste zu sehen sind oder es penetranter als gewöhnlich nach Buchspipi riecht, auf einen Schlag eine hocherfreut-befriedigte. „Ja, meine Wonnewürmchen, fresst, schlagt euch den Buchsbauch voll und hört nicht auf damit“, wisperte ich zwischen die Blattrippen hindurch. Auch wenn der Schachzug clever gewesen sein mochte, so hurtig die Fronten gewechselt zu haben, fühlte sich noch zu anrüchig an, als dass ich es lautstark der Welt verkünden mochte. Lange aber brauchte ich nicht leise sein, denn kurz darauf verschwanden sie, die unverhofft liebgewonnenen Wonneproppen. Waren einfach weg. Als hätt es sie nie gegeben. Sogleich ihre Chance witternd begannen die ersten Buchse in kräftigem Frischgrün neu auszutreiben, erst die angefressenen, dann die über dem Boden gekappten. Ich sag’s jetzt platt, aber dafür so, wie’s war: Verarscht fühlte ich mich. Und zwar gründlich.

Ich hätt’s wissen müssen. Die Tierwelt ist nur dann mit Feuereifer dabei, solange es verboten ist (womit sie anderen Geschöpfen auf dieser Erde verblüffend ähnlich sieht, besonders wenn diese noch nicht ganz ausgewachsen). Wehe, es wird urplötzlich erlaubt oder – meiner Treu – gar erbeten! So geschehen, als ich mich ungeheuer clever dünkte (ja, ich dünke so des Öfteren), die Schaufel zur Seite legte, meine drei Hunde herbeipfiff und strahlelächelnd zum angebuddelten Loch im Rasen nickte. Heftig und mehrfach. Die zwei Großen standen vor mir und sahen rätselnd hinauf in mein nickendes Gesicht, der Kleine drehte sich gelangweilt um und schlurfte davon. Kurz: Niemand wollte seine helfende Pfote darbieten, man latschte davon oder legte sich laut seufzend auf die Seite, um kurz darauf leise zu schnarchen, während ich, allein gelassen, am Schaufeln und Schwitzen war. Wie viele verbotenerweise gebuddelte Löcher ich während meines hundebegleiteten Lebens auffüllen durfte, weiß ich nicht genau, aber es waren viele und verleihen auch noch im Nachhinein dem Wort „hundsgemein“ eine ganz eigene Tiefe.

Dass auch Zünsler hundsgemein sind, wäre ein Erklärungsansatz gewesen, ein anderer die Spatzentheorie. Als die Raupen nämlich diesen Frühfrühling mümmelnd dahergekrochen waren und sich schon recht fett gefuttert hatten, taten die Spatzen verheißungsvoll. Wie von Sinnen stürzten sie sich in die Buchshecke, erhaschten, landeten damit auf dem Parkplatz (nicht, dass die den extra anvisiert hätten, der liegt gleich daneben), ließen los, pickten wieder auf und flogen davon. Ganz viele Spatzen. Und ganz oft. Die Vermutung, dass es sich bei den Opfern um den Falter handelte, lag so nahe wie der Parkplatz beim Kräutergarten. Die Gewissheit aber blieb aus, weil ich nichts Genaues sehen konnte und weil man Spatzen nicht ansprechen, geschweige denn ausfragen kann. Da aber Experten dauernd herausfinden, dass der Zünsler immer noch keinen einheimischen Fressfeind kennt, hatten die sich den Kropf vermutlich mit was Harmlosem vollgeschlagen. Dem Buchsbaumfloh wohl. (Meiner Buchs-Lebensgeschichte kann ein gewisser shakespearehafter Sinn für Dramatik nicht abgesprochen werden. Der Buchsbaumpilz allein reichte nicht, es musste auch der Zünsler her. Und weil dem Drama offensichtlich noch nicht Genüge getan war, ließ man auch noch den Floh drin rumhüpfen. Der tut dem Buchs zwar nichts, aber wen kümmert das schon. Shakespeare garantiert nicht.)
Weitere Erklärungsansätze hatte ich nicht, weil mir die Zeit dafür fehlte.

Viel zu viel hatte ich damit zu tun, mich zu freuen. Darüber, dass nicht nur die Agapanthen die aprilige Frostnacht überstanden hatten, sondern auch die Maulbeere, der Szechuanpfeffer, der Ginkgo und die Glyzine. Drei nicht europäische Haselwurze fielen ihr zwar zum Opfer, aber damit war zu rechnen, damit rechnete ich schon bei deren Kauf im Herbst. Es tut zwar nichts zur Sache, aber ich erwähne es jetzt trotzdem: Ein mir ungewohnt frivoler Wagemut hatte mich an jenem Kauftag ereilt, so unterdrückte ich auch bei der hinreißenden Begonie mit dem ebenso hinreißenden Namen ‚Garden Angel Silver’ mein mahnendes Bauchgefühl, dass die keinen einzigen Winter überstehen würde, egal wie mild der daherkäme (womit ich im Übrigen recht hatte – die war schon im Januar hinüber). Die Frostnacht bescherte mir also eine Freude, die dergestalt nie aufgekommen wäre. Wer hätte die mit Zünslergrübeleien trüben wollen.

Ich nicht.
Inzwischen ist übrigens August und ich um zwei Erkenntnisse reicher: Zünsler sind kooperativer als Hunde und weniger winterhart als Agapanthen. Tja. Es war der unerwartet späte Frost, der mir in einer einzigen Nacht all meine neuen Helfer weggeputzt hatte. Doch was ein rechter Zünsler ist, lässt sich nicht ins Buchshorn jagen. Irgendwann im Juli tauchte er unverhofft wieder auf und seitdem gibt er sich alle Mühe, mir das Leben zu erleichtern.
Gestern Abend ging ich durch den Kräutergarten, ergötzte mich an den rubinroten Adonisblüten, am gerade erschienenen dritten Blatt des neu zugezogenen Akanthus, am, nun ja, etwas gar verschroben-horizontalen Wuchs der Aster lateriflorus ‚Lady in Black’ und blieb irgendwann bei der bereits beige gewordenen Buchshecke stehen. Als ich genauer hinsah, starrte mir nur Unbelebtes entgegen. Sorge machte sich breit, zu Recht, denn in der Nachbarschaft wird schon seit letztem Jahr gespritzt und zwar großzügig. Doch dann sah ich vergnügtes Zünslergrün durch das Zweiggewirr purzeln auf der Suche nach restlichen Blättchen. Dankbar und wehmütig zugleich blieb ich noch ein Weilchen stehen. Bald wird er verschwunden sein. Zusammen mit dem Buchs.

Pflanzen. Ein Pamphlet

Gastautorin: Die Unmögliche

In diesem Gartenblog schreiben? Einen Gastbeitrag? Iiich? Nebst der Dankbarkeit für die grosse Ehre freue ich mich sehr über die Chance, der Welt die Augen zu öffnen.
Fluffige Häschen, Katzenvideos oder treue Hundeseelen sind nur die Spitze des Eisbergs aus Hundekütteln, Leberegeln, Schaben, Schleichkatzen, Schmeiss- und anderen Fliegen, Stink- und Trumpeltieren, Aasgeiern, Stachel-, Warzen- und anderen Schweinen sowie der gemeinen Blattlaus. Auch wenn einige Tiere durchaus wohlschmeckend oder wirklich prima (Raptoren!) sind: Die Fauna ist grösstenteils unschön, von Bazillen oder – behüte! – Viren ganz zu schweigen.
Ganz anders dagegen Pflanzen. Alle mögen Pflanzen, Gärtnern ist der neue Megatrend. Cottage Garden und Urban Gardening! Rosenbögen und der Scholle abgerungene Peterli verzücken selbst Menschen, denen ein Froschlöffel bis vor kurzem noch ein französisches Besteckteil war. COwird tonnenweise ausgestossen, weil die ultimative Lenzrose oder Asimina excelsior ‚Halleluja‘ nur in entlegenen Gegenden in ganz bestimmten Gärtnereien, die grundsätzlich nicht versenden, erhältlich sind. An guten Tagen jedenfalls. Manchmal. Pflanzen fressen – von unbedeutenden Ausnahmen abgesehen – keine anderen Lebewesen. Sie rennen nicht davon, beissen nicht, machen nicht auf den Teppich und sind ja sooo dankbar. Das schlägt sich auch in der Benamsung nieder: Tausendschön, Ehrenpreis, Brennende Liebe, Massliebchen, Fleissiges Lieschen, Jelängerjelieber: Pflanzen sind toll. Die paar Giftpflanzen können ja nichts dafür. Nahrung! Farben, Arzneien (pflanzlich ist immer gut), Parfüm! Pflanzen können nicht nur kein Wässerchen trüben, sondern sogar Abwässerchen klären. Das pflanzliche Image ist untadelig und wahrscheinlich mehr wert als die Marken Apple, Coca Cola und das Matterhorn zusammen.
Und es ist falsch. Flora ist perfide, durchtrieben, bösartig und skrupellos. Nicht nur die Fleischfresser – die sind eigentlich das allerklitzekleinste Übel. Doch da gibt es Würgefeigen. Und Kudzu, der ganze Landschaften überrennt. Ambrosia, die allergene Pollenschleuder trotz des lieblichen Namens (Image, ich sag’s ja) oder der Giftsumach, King of Rash, mit seiner fiesen Strategie, die erste Berührung harmlos scheinen zu lassen. Trampelkletten sind auch nicht das, was man als Huftier im Fuss finden möchte, wenn man noch ein paar Tagesmärsche vor sich hat.
Oder Durian. “Das breitet sich aus! Im ganzen Körper!“ ist eine typische Reaktion, wenn man aus Versehen ein Stück inkorporiert hat. Entsetzliche Szenen spielen sich dabei ab. Wer je in eine Mischung aus Titanwurz, Camembert und Fischkleister gebissen hat, weiss Bescheid. Pflanzen können ganze Gärten unterwandern und die Arbeit von Jahrzehnten in zwei unbeaufsichtigten Sommern in Gestrüpp verwandeln. Sie zwingen Gartenpersonen (neutral genug?) in die Knie und an die Grabgabel, um den Myriaden von Ausläufern, Stolonen, Rhizomen und Wurzelsprossen nachzuspüren in ungeahnte Bodentiefen. Natürlich vergebens. Ein kleiner Teil, gespickt mit spriessfreudigen Nodien, wartet nur darauf, wieder loszulegen. Die üblichen Verdächtigen heissen Giersch, Quecke, Zaunwinde, Schachtelhalm und sind immerhin schon immer dagewesen und kaum vermeidbar.
Man kann sich den Feind aber auch selber in den Garten holen, liebevoll einpflanzen und sich anfangs über jedes neue Blättchen freuen. Nach dem ersten Winter ist die Freude gross: Der blaue Beinwell hat ein paar Ablegerchen gemacht, die Lampionblume auch, und der Baummohn scheint noch zu leben. Ein paar Jahre später ist es zu spät. Die Lampionblume tummelt sich in allen Beeten, wird dort aber vom Gelbweiderich, der irgendwie mal als Geschenk, aber Genaues weiss man nicht …, überrannt, und der Beinwell (Symphytum caucasicum, andere Arten sind manierlicher) ist überall. Der Baummohn hingegen, eine gehätschelte Spezialität, findet sich plötzlich im Haus wieder – ist wahr, ich schwöre! Coronilla varia, diese hübsche rosaweisse Kronwicke, ist in leichtem Boden noch schlimmer. Es gibt Gerüchte, dass diese Probleme mit schwerem Gerät, Herbiziden und  anschliessendem Umzug in den Griff zu bekommen sind – wenn nicht ein sentimentaler Mitbewohner ein paar Erinnerungsableger … Dramen. Dieses Verhalten wird von Gärtnereien, die mit dieser Guerilla gemeinsame Sache machen, gerne als „frohwüchsig“ umschrieben. Soll nachher niemand kommen und sagen, man sei nicht gewarnt worden.
Neben diesen Gewächsen, die eigentlich nichts für ihr artspezifisches Verhalten können, gibt es noch die andern, die bösartigen Individualpflanzen miesen Charakters. Ich kannte mal einen Phlox, der geradezu strotzte von Perfidie und Lebenssaft. Wenn sein Pflegepersonal vorbeilief, war alles in bester Ordnung, aber wehe, der Chef liess sich blicken: Augenblicklich schrumpelte sein (des Phloxes) Laub zu teebrösligem Elend zusammen, woraufhin besagter Chef uns arme Gärtnerinnen zusammenfaltete, was wiederum besagten Phlox noch mehr aufblühen liess. Bösartige Azaleen sind in der Lage, Kontaktlinsen zielsicher zwei Meter weit in Farngestrüpp zu spicken (wiedergefunden, worauf ich noch heute stolz bin) und dabei vernehmlich zu kichern. Tannen an Bergwegen wetteifern darum, wer am meisten Wanderer durch ihre Wurzeln zu Fall bringt. Die meisten von uns kennen solche Beispiele, doch erst jetzt dämmern uns die Abgründe pflanzlicher Bosheit.
Und überhaupt: Was ist schon von Lebensformen zu halten, die ihre abstrus geformten Geschlechtsteile in die Luft strecken und hoffen, dass sich Insekten darauf tummeln? Eben. Dann doch lieber Schleimpilze!

Kreuch, der Schelm

Manche Leute wünschen sich einen Igel in den Garten, sähen gerne eine Erdkröte neben dem Gemüsebeet, Eidechsen auf der Steintreppe, würden sich freuen über Eichhörnchen, den Gesang von Nachtigallen und die rauhe Schönheit von Fledermäusen. Die alle möchte ich auch, aber viel sehnlicher noch wünsch ich mir einen Schleimpilz.
Er wäre, mehr als alle Igel bis und mit Fledermäuse zusammen, ein Geschenk der ungezähmten Natur, ein netter Händeschüttler und zugleich Schultertätschler von oben.

Ganz so hatte ich nicht gedacht, als ich in einem Fremdgarten auf den frischen Mulch zwischen Rosen und Eibenkugeln starrte, Seite an Seite mit einem Landschaftsgärtner. In Deutschland nennt man die übrigens Galabauer. Eine Bezeichnung, die durchaus verwirren kann, vor allem Langsam-Merker wie mich. Erstaunlich lange war ich der festen Überzeugung, dass „Gala“ für mondäne Soirées stünde, und „Galabauer“ halt bauliche Massnahmen für solche exklusiven Abende erschaffen täten – temporäre Pavillons auf einem Schlossrasen zum Beispiel. Selbst die ein bisschen erhellende Schreibweise GaLa-Bauer hielt mich nicht davon ab, mir dabei weiterhin exquisite Pavillons vorzustellen – durch das ungewohnt grosse L wurden sie in meiner Vorstellung nur einen weiteren Hauch auserlesener. Und weil der ganze Kontext eh schon so glitzerte, stellte ich mir auch die Galaleute gerne adrett gekleidet vor. Mit Fliege zum Beispiel.
Ein solcher Garten- & Landschaftsbauer stand nun also links von mir – wenn auch nur in Jeans und ohne Fliege –, denn es handelte sich um einen eingewanderten Deutschen. Um einen ungeheuer sympathischen zudem, nicht nur, weil er so herrlich schwäbelte.
„Hast du eine Ahnung, was das sein könnte?“, fragte ich ihn mit einem leichten Rückenfröstler, ohne die Ursache dafür aus den Augen zu lassen.
„Keinen blassen Schimmer.“
„Kann es vielleicht an diesem kleingehäckselten Rindenmulch liegen?“
„Nee. Dann hätte mir das schon andernorts auffallen müssen.“
„Also, gesund schaut das nicht aus.“
„Mh-mh!“
Argwöhnisch betrachteten wir die amorphe, leuchtend gelbe Masse, die offensichtlich vorhatte, den Mulch langsam, aber unerbittlich unter sich zu begraben, um ihn sich vielleicht einzuverleiben, irgendwie. Oder so.

Dieses urgelb unwägbare Wesen hielt mich anfangs der Heimfahrt noch gefangen, danach lenkte mich Alltägliches ab, vermutlich der Wetterbericht am Radio, den ich gedankenwandernd wieder mal um Sekundenbreite verpasst oder ein Lied, das ich schon ewig nicht mehr mitgedudelt hatte. Erst abends kam es mir wieder in den Sinn, und es wollte die geneigte Gunst, dass just zu dieser Zeit der richtige Mensch an Ort und Stelle war. Als ich nämlich erzählte von jenem heutigen Vorfall, kam wie aus der Pistole geschossen das da – jedenfalls sinngemäss, ist ja schon eine Weile her: „Du, das ist ein Schleimpilz!“, und bevor ich darauf hinweisen konnte, dass da nichts an Schleim erinnerte, kamen die ebenso aus der Erinnerung zitierten Nachsätze: „Und wer genau hinsieht, kriegt mit, wie er kreucht, der Schelm! Hach, ich liebe Schleimpilze!“
Nun ist es so, dass ich diese antwortende Person schon vorher kannte und darum auch wusste, wie ihre Antwort einzuordnen war. Es handelte sich dabei um Eine, die zwar über ein beeindruckendes Allgemein- und Spezialwissen verfügt, gleichzeitig aber auch mit schwarzhumoriger Fantasie, spielerischer Wortgewalt und einem unvergleichlich respektlosen Schalk im Nacken ausgestattet ist. Unmöglich also, diese Frau, in jeglicher Hinsicht. Abwedelnd antwortete ich daher mit einem schalen „Ja, is klar“, und wollte auf anderes zu sprechen kommen, bevor ihre Fantasie davongaloppierte und sie immer wilder werdende Geschichten über den bösen Schleimpilz – vermutlich täte sie ihn auch noch „Kreuch, der Schelm“ nennen – erzählen würde. Die Erwiderung war unerwartet, weil faktentrocken: „Im Ernst, das ist ganz sicher ein Schleimpilz. Fuligo septica vermutlich.“ Ich ging auf Bildersuche, verglich und kam zum überraschenden Schluss, dass mich die Unmögliche wahrhaftig nicht verulkt hatte. Weiterklickend fand ich heraus, dass die zu den Schleimpilzen gehörende Gelbe Lohblüte, so der deutsche Name, weder gefährlich noch schädlich ist, sondern sich einfach nur gerne über Totholz und sonstwie Verrottendes hermacht. „Sachen gibt’s!“, dachte ich, war fasziniert, schickte dem Galamann eine beruhigende Mail inklusive Link und widmete mich wieder anderen Themen meines Lebens. Schätzungsweise zwei Jahre lang.

Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Ideal, um mal kurz abzuschweifen. Lasst mich das Kind beim Namen nennen: „Schleimpilz“ war rein marketingstrategisch gesehen ein recht unglücklicher Griff. Schleimig kommt er zwar – da hatte ich anfangs geirrt – durchaus daher, aber nicht im herkömmlichen Sinne von bäh-igitt-wäh. Und diesem Wort den Zusatz „-pilz“ hinzuzufügen, ist weder berechtigt (denn er ist keiner) noch fair. Ich bitte euch! „Schleimpilz“! Da denkt man doch unweigerlich an eine kontaminierte Küche oder wenigstens Geschlechtskrankheit.
„Gelbe Lohblüte“ mag dagegen adrett wirken. Nur … wer mit dem geistigen Bild einer gelben Lohblüte (was auch immer man sich unter „loh“ vorstellen mag) vor einer wirklich solchigen zu stehen kommt, kann nicht anders, als an einen ganz üblen Chemieunfall zu denken. Es sei denn …
Es sei denn, man rätsle immer noch an der Bedeutung von „loh“ rum. Was ich lange tat, um schliesslich einfach nachzuschauen und herauszufinden, dass das Wort (Gerber-)Lohe nichts anderes als zerkleinerte Blätter, Holzteile und Rinde bezeichnet, mit denen halt eben gegerbt wurde. Anscheinend auch in England, denn dort lautet einer der Namen „Blume der Lohe“, Flower of Tan. Ach so. Wäre das mit der Blüte nicht, und wären einem Wörter aus der Gerberszene geläufig, wäre der Name sogar ganz anschaulich; immerhin hatte sich die Blüte bei meinem ersten Mal auf dem Rindenmulch befunden, dem kleingehäckselten.
(Die anderen zwei angelsächsischen Namen lassen den „Schleimpilz“ in einem schmeichelnden Pink mit Glitzer drauf erscheinen. Es sind dies: Rührei-Schleim und Hundekotzeschleimschimmel. Auf so was muss man erst einmal kommen, geschweige denn das haben wollen. Wüsste ich es nicht besser, würde ich Stein, Bein und Schleim schwören, dass diese Wortgebilde von niemandem anderen stammen können als von ihr, der Unmöglichen.)
So. Und damit wären dann auch die zwei Jahre vergangen.

Warum ich zu den Kompostjungs gegangen war, welche Jahreszeit wir hatten und überhaupt, ich erinnere mich nur noch daran, wie mein Blick den fast fertig gefüllten Krümel (den Erstgeborenen) streifte, als meinem einen Auge etwas undefinierbar Gelbes entgegenleuchtete. Mitten auf Küchenresten und Gartenabfällen sass ein fulminantes Exemplar von Lohengelb und rülpste mir zufrieden entgegen.
Eine Minute lang starrte ich gedankenleer, um dann aufzuschrecken, zum Nichtgärtner zu rennen, ihn erst nicht zu finden, aber dann doch und ihn daraufhin ohne Vorwarnung bei den Schultern zu ergreifen, leicht zu schütteln und:
„Nichtgärtner! Wir. Haben. Einen. Schleimpilz!“
An seine Reaktion kann ich mich auch nicht mehr erinnern, verständlicherweise war ich viel zu beschäftigt damit, meiner Begeisterung mit gepresster und einer einen Ticken zu lauter Stimme Ausdruck zu verleihen. Ausserdem rannte ich kurz nach diesem Satz wieder zum Krümel, um den gelben Nichtpilz eingehender zu betrachten und ihm eindringlich – auch wenn man sich nicht sicher war, ob es wirklich hülfe – zu verstehen zu geben, dass er hier willkommen sei und der Krümel, obwohl noch nicht ganz gefüllt, fortan unberührt bliebe, bis man sich sporig vermehrt hätte. Daran hielt ich mich dann auch.
Am selben Abend tauchte ich in die Weiten des Internets und verschlang lesenderweise alles, was zumindest in deutscher Sprache zu Schleimpilzen zu finden war. Tief beeindruckt. Es genügte nicht, dass die keine Pilze oder Tiere waren, sondern von beidem ein bisschen, nein, es gab sogar Menschen, die sich Schleimpilze hielten. Als Haustiere. Und sie mit ihrer Leibspeise – Haferflocken nämlich – fütterten. Enthusiasmiert las ich davon, dass Schleimpilze sich fortbewegen können, in Richtung Leibspeise, und dies auf kürzestem Wege. Die waren also auch noch intelligent! Ganz kurz streifte mich der verlockende Gedanke, mir ganz viele Schleimpilze zuzulegen und sie im Gästezimmer zu halten, doch siegte letztlich die Vernunft. Haferflocken hätte ich zwar genügend vorrätig gehabt, aber nicht die Zeit, mich ausgiebig um solche Wesen und deren intelligenten Spieltrieb zu kümmern. Ausserdem hatte ich ja schon eines, wenn auch ein Ungezähmtes.
Um es nicht zu verstören, streute ich ganz bewusst keine Haferflocken, schaute täglich bei ihm vorbei und freute mich, als es braun und brauner wurde. Nächstens würden die Sporen in die Luft verpufft und ganz viele davon ihr neues Zuhause in meinem Garten finden (der lateinische Name „Fuligo“ bezieht sich übrigens auf die Farbe dieser Sporen, heisst er doch soviel wie „Russ“). Geduldig wartete ich die Verpufferei ab und füllte schliesslich den Krümel bis zum Rand.
Ich bin seither nie mehr einem Schleimpilz begegnet.

Manche Leute wünschen sich einen Igel in den Garten, einen Sechser im Lotto, die Liebe ihres Lebens und ewiges Glück. Andere täten dem noch einen Schleimpilz hinzufügen.