Feige Gedanken

Und so denkt man aus wolkenlosem Himmel an Alexander Pope, ganze … wartet… muss eben mal rechnen (und drei sind zwanzig und …) ganze 27 Jahre später. Was ich wohl gedacht hätte, wenn man mir vor diesen vielen Jahren einen Zettel zugesteckt hätte, auf dem eben dieser Satz in meiner eigenen Handschrift gestanden wäre?

Beinahe 27 Jahre später strich ich bei blendender Sommerabendsonne durch meine Stunde, duckte mich an der Feige vorbei und wunderte mich ob der plötzlichen Verdunkelung und nach längerem Nachdenken auch darüber, dass ich mich ducken musste. Böses ahnend blickte ich auf und starrte in das Grauen. Da war nur noch Feige, wohin das Auge blickte. „Wann, bitte“, so dachte ich erstarrt, „ist das denn passiert?“ Ein gefühltes Gestern war es her, als ich ihre unbändig niederliegenden Äste hochgebunden hatte, um wenigstens ein bisschen mit dem Rasenmäher unten durchzukommen. Und nur, damit wir uns hier richtig verstehen: Im Frühling hatte ich alle schneidigen Maßnahmen ergriffen, um diesen Baumstrauch in menschenfreundliche Schranken zu verweisen.
Es gab bisher noch nie einen August, in dem er mir so offenkundig die Zunge und ganz allgemein zeigte, wozu er fähig war. Ein existenzielles Gruseln schlängelte meine Wirbelsäule runter.

Um Trost und Contenance zu finden, begab ich mich raschen Schrittes in meinen geliebten, stirnkühlenden Schattenbereich, nur kurzzeitig aufgehalten durch peitschenhafte Wisterientriebe, die sich in meinen Haaren und Textilien zu verkeilen gedachten. Tief atmete ich durch, um mich meinem dunkellaubigen Holunderfohlen „Black Beauty“ zuzuwenden. Aber weh und ach! Das Kinde war, ich schwör’s, von gestern auf heut zu einem schnaubenden Hengst gediehen. „Den wirst du nicht mehr kleinkriegen, geschweige denn los, Nick, das weißt du doch, oder?“ Ja. Das wusste ich. Verflucht. Und wie ich das wusste! Die letzte Holunderbeseitigung endete in einem verflixt teuren und schmerzenden Schulterproblem, das nicht mechanisch, sondern fluchtechnisch über mich gekommen war. (Ganz im Ernst. Es war Frau Holle, die im Holder wohnt.) Warum hatte ich – hirnlos, wie ich offensichtlich zu oft bin – das Fohlen unbedingt an diese beengte Stelle setzen müssen?
Verzweifelt nach Beruhigung suchend schaute ich zur einen Cimicifuga, um die Blütenstände zu zählen. Auf Augenhöhe waren keine. Ich schaute nach oben. Nichts. Noch etwas weiter rauf. Nichts. Noch etwas weiter und gestand mir dann ein: Das ist Blödsinn. Über der Wisterienpergola befinden sich höchstens Flügeltiere oder Drohnen, ich jedenfalls nicht. Verdammt. Die Blüten waren doch noch letztes Jahr so etwa auf Kopf- oder maximal Heiligenschein-Höhe, oder?

Ihr meint vielleicht, ich würde jetzt übertreiben. Ich wollte, dem wäre so. Beengten Herzens strich ich durch den ganzen Garten, um mich zu beruhigen, sah aber nur noch überkopfgroße Gewächse, die mich, den Garten, das Haus, uns alle, ja, nächstens das gesamte Dorf überwuchern würden, ohne dass wir ein Gegenpieps würden äußern können.
Und das mir! Wo ich doch zum ersten Mal einen bisher ungekannten Lückenmut bewiesen hatte! Es war, als hätte es mich nie gegeben.

Morgen, das nahm ich mir tapfer – wenn auch bar jeder Hoffnung – vor, würde ich mich bis an die Zähne mit Astscheren, Sägen und dem gesamten Felco-Sortiment bewaffnen und der Bedrohung furchtlos entgegentreten. Ich schlief albträumig, wenn ich denn mal schlafen konnte.
Wider Erwarten brauchte es dann gar nicht mal so viel. Ein paar Stunden Arbeit, eine Wagenladung voll zusammengestopften Grünschnitts und ein anschließendes vorläufiges (denn da blieb noch mehr zu tun) Rekognoszieren genügten: Ich hatte die Oberhand gewonnen, gedankt sei … wem auch immer, mir genügte ein sehr groß geschriebenes Uff.

Doch so richtig uffig wollte es mir dann doch nicht werden. Kein Wunder. Seit ich denken kann, war für mich die Natur gut, der Mensch aber schlecht. Nun ist es sehr, sehr schwierig, sich ein solches Denken, das über viele Jahre hinweg gedacht wurde, abzugewöhnen. Ich hatte es beileibe versucht, denn, seien wir ehrlich: Die Natur ist weder gut noch schlecht, der geht es am desinteressierten Hintern vorbei, was für ethisch-moralisches Blabla wir von uns geben. Die ist halt einfach. Und wenn du der im Wege bist, dann wirst du plattgemacht, vom Natur-Lastwagen sozusagen. Klar, sie kann auch anders, durchaus. Sie hofiert dich mit lockenden Früchten, leckeren Energiespendern, deliziösen Gerüchen und „Süüüüüßßß!“-Zeugs (ich sag nur: Pflanzen-, Menschen- und Tierbabys). Aber da ist sie nicht besser oder schlechter als der übernächste Tankstellenshop. Der buhlt genauso um unsre Gunst.

Und dann stehe ich inmitten meines Gartens, in dem ich jäte, schneide, töte, wild um mich rumfuchtle (hätte ich ein Breitschwert, täte ich es heroisch über meinem Kopf schwingen … oder es wenigstens versuchen), blutbesudelt, Minzenkäfer mit einem nicht zu unterdrückend bösartigen Grinsen meuchle, rote Vogelmilben mit dem rechten Daumen und einem lauten, martialischen „Ha!“ zerdrücke, von meinen Velociraptoren verschmähte, weil zu große Schneckentiere einplastiktüte und froste …
und bin dann entsetzt, wenn ein paar Gewächse beschließen, mich zu- und überwachsend unter die Erde zu bringen? Soso.

Und das Umdenken tat einen bislang undenkbar größeren Schritt weiter: Was, wenn ihm vielleicht (ich schluckte, doch die Worte ließen sich nicht aufhalten) doch ein klitzekleines Krümelchen Wahrheit innewohnte? Diesem „Du sollst dir die Welt untertan machen“?
Was, wenn ich das schon die ganze Zeit lang getan habe? Oder wie nennt ihr das, wenn einer bestimmt, was wann, wo und wie zu leben hat? Anders gesagt: Wenn einer gärtnert?
Lassen wir die Tatsache außen vor, dass die wenigsten dies auch wirklich können (vieles weigert sich stur, zu leben, geschweige denn wo und wie), wollen tun sie’s, tun wir’s alle. Die Wahrheit dieses Gedankens erschütterte mich: Ich hatte doch gerade darum einen Garten, damit ich mich wieder vermehrt der Natur nähern konnte – in freundlicher Absicht natürlich. Und das wird einem doch auch überall gesagt und vor die Augen gehalten mit Sätzen wie: „Finde zurück zur Natur in deinem eigenen kleinen Paradies!“ Und auch wenn ich in den letzten Jahren sehr viele Artikel, Zeitschriften und Bücher zum Thema Garten gelesen habe, ist mir dabei nie ein irgendwie geartetes oder ein Hauch von „Mach dir die Natur untertan auf deinem eigenen Fleckchen Grün!“ untergekommen. Aber wir tun’s, Herrgott. Und wie!
Puh! Die Feige hatte es in sich!

Und während ich also die letzten zwei Wochen an diesen Gedanken rumkaute, kam mir aus heiterem Himmel Alexander Pope in den Sinn. Zum ersten Mal nach 27 Jahren, aber passender als je zuvor. Pope, zusammen mit anderen, entwickelte theoretisch und praktisch den englischen Landschaftsgarten im 18. Jahrhundert, der im Gegensatz zum geometrisch untertänigen Barockgarten ein großer Schritt in Richtung „Zurück zur Natur“ war. Ein großer Schritt – ganz offensichtlich – in diese Sehnsucht, von der ich mich auch hatte blenden lassen. Und mit der uns auch alles und jeder 2016 verblenden will.

Was ich wohl gedacht hätte, wenn man mir vor diesen vielen Jahren einen Zettel zugesteckt hätte, auf dem eben dieser Satz in meiner eigenen Handschrift gestanden wäre?
Ich hätte ihn unter dem Pult entfaltet, die Worte gelesen, verstört aufgeblickt und bis zum Ende der Stunde nicht mehr zugehört. Was schade gewesen wäre.

So aber hörte ich zu, studierte dabei Popes wallende Perücke auf dem ausgeteilten Blatt, den Ausblick in die gezähmte Natur unseres Schulhofes, den dauergewellten Spliss an meinen Haaren und war fasziniert von dem, was dort vorne erzählt wurde. „Ein Garten“, so dachte ich, „müsste, wenn ich denn einen hätte, nicht nur nicht barock eingeengt sein, nein, er dürfte wuchern, er müsste wuchern, dornrösig, wild, romantisch.“ Und dann dachte ich an meine Frisur, den Eintrittspreis des kommenden Open-Airs, das letzte Wochenende und stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich mir wie Popes Genossen einen Eremiten als Gartenschmuck zulegen würde oder mich selber als solchen verdingen täte.
(Und überhaupt. Hätte ich die Chance, mir vor 27 Jahren selber einen Zettel zuzustecken, stünde ganz gewiss nicht der erste Satz dieses Textes drauf.)

 

7 Kommentare

  1. _In deine Vergangenheit spähend, schreitest du in die Zeit vor deiner Gartenlaufbahn_

    Nostalgisch angehaucht und vergangene Überlegungen kritisch spiegelnd taumelst du im Garten von Schock zu Schock und tauchst tief in deine Gedanken ein ( … bisweilen blitzt der blutige Kreuzzug vergangener Tage auf – schadenfrohe Scharmützel gegen Schädlinge … ). Du spielst selbst-ironisch an frühere Grüntöne an. Eine Melodie entspringt diesen, gedeiht kunterbunt, wuchert und welkt schließlich, damit daraus neue Erkenntnisse entspringen können.

    Ein böses Erwachen folgt wie ein Bumerang.

    – Nicht zurück zur Natur sondern sich die Welt untertan machen –

    Aber wenn die Natur dem menschlichen Ideal vom Paradies angenähert wird, nähert sich der Besitzer dann nicht auch gleichzeitig seinem Garten und somit einer Art gekünstelter Natur an?

    1. Du hast mir aber was zu denken gegeben, du!
      Nach einigen Gesprächen mit der Muse habe ich mich auf folgende Antwort geeinigt:
      Je länger du in deinem Garten werkelst, desto mehr näherst du dich seiner Natur an, bis am Ende von deinem Ideal höchstens noch ein Fitzelchen eines vertrockneten Feigenblatts übrig ist. Denn du bist nicht schlechter noch besser, sondern einfach nur Teil davon: Natur eben.

  2. nicht soo einfach, auf den vorhergehenden kommentar einen eigenen folgen zu lassen.

    und nicht soo einfach mit dem satz – dem satz! ich gestehe, ich verstehe es nicht, wo er ist und ob er ist.

    aaber: gekostet und genossen. eine wundervolle sprache.

  3. Die Feige hat es tatsächlich in sich, Nick. Ich wusste das, denn beim Nachbarn meiner Mutter steht ein Exemplar in räumlichen Ausmassen, dass man nur Staunen kann (und natürlich wird auch sie jedes Jahr beschnitten.)
    Meine Feige ist nicht mehr, leider hat sie mir nie reife Früchte geschenkt (und über kurz oder lang hätte sie wohl den kleinen Garten zu sehr eingenommen…)
    Ich finde es ja immer etwas paradox etwas zu pflanzen und dann wieder zu entfernen, und es fällt mir eher schwer. Aber manchmal bin auch ich vernünftig.
    Erziehung durch Schnitt finde ich eigentlich völlig in Ordnung (ausser dass es anstrengend sein kann wenn man sehr viel Schneiden und Entsorgen muss.) Ein guter Gärtner schneidet doch mit Respekt und Rücksicht? Sozusagen im schnittigen Dialog? 😉
    (Schnecken kann ich übrigens nicht zerschnippeln, da gruselt`s mir. Sie fliegen höchstens über die Mauer…und bleiben natürlich nicht drunten. Nein, untertan sind die mir nicht…)

  4. Hallo Nick, das ist wieder ein wunderbarer Text, so schön beschrieben – und genauso wie im wirklichen (GärtnerInnen-)Leben.

    Seit Tagen – oder sind es vielleicht schon Wochen – schneide-jäte-rausreisse-säge-hacke-buddle ich in meiner alljährlichen August-Wildnis. Dieses Jahr scheint mir wirklich ungleich schlimmer als in vorherigen Jahren. Sooo viel Regen an einem Stück und passende Temperaturen und schon kannste den Brombeerranken zuschauen, wie sie vom Nachbarsgarten und wieder von mir zum Nachbarsgarten wuchern. . . . und die Winden sind wahre Sprinter, sie spannen ihre „Seile“ über alles drüber und drumherum. Sie heissen nicht vergebens „Regenblumen“

    Für mich sind diese Rodungsaktionen eher mit Glück behaftet. Ich mache das richtig gerne, auch wenn ich am Abend elend müde bin. Das Gefühl, was geschafft zu haben, ist doch wirklich wunderbar !?
    Vielen Dank Nick für Deine Gartengedanken, die gehen mir während dem Schnippeln immer wieder durch den Kopf.
    Liebe Grüsse
    Saattermin

    PS: Auch meine 8 Tomatenstauden haben sich der momentanen wilden Zeit angeschlossen: habe eben 6 Kilogramm herrliche, wunderbare Tomaten geerntet.

  5. Ich möchte noch anfügen, dass ich eine leidenschaftliche Verfechterin von wilden Gärten bin. Nur eben, wie Du schon sagtest: Die Balance finden zwischen totaler Wildnis und „gezähmter“ Wildnis ist manchmal schon recht schwierig.
    L.G. Saattermin

    1. @ Renate
      Auf dem Zettel stünde, in meiner Handschrift, das da:
      „Und so denkt man aus wolkenlosem Himmel an Alexander Pope, ganze … wartet… muss eben mal rechnen (und drei sind zwanzig und …) ganze 27 Jahre später.“ 😉

      @ neo
      Oh ja, den schnittige Dialog, den gibt’s, keine Frage! Hier zum Beispiel: Gartenblut.

      @ Saattermin
      Gute Idee, das Roden als glücksbringende Tätigkeit zu sehen. Ich werde es beim nächsten Mal versuchen. 😉 (Sechs Kilo Tomaten! Sechs!)

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