Mut zur Lücke

„Habe Hoppel gerade gesagt, erst jetzt, wo der Fingerhut zu blühen beginnt, hätt ich das Gefühl, einen richtigen Garten zu haben. Hab mich gleich selber überrascht + mir dann sofort zugestimmt. Wobei ich schon anmerken muss, dass der Fingerhut ohne das ganze Drumrum natürlich auch nicht so erhebend wäre.“
Gartentagebuch-Eintrag vom 19. Mai 2006

Diesen Fingerhut, Digitalis purpurea Alba, hatte ich 2005 ausgesät, also: Samentütchen auf, Augen zu, Samen in eine ungefähre Richtung werfen, Augen auf, warten. Das klappte damals noch. Je weniger man weiß, desto besser gelingt einem … na, nicht alles, aber immerhin überraschend vieles. Ganze drei Exemplare gingen an, wuchsen im nächsten Jahr in schwindelnde Höhen, beflügelten meine Glücksgefühle und verursachten mir bei deren bloßem Anblick Herzrhythmusstörungen.

Übrigens. Erst jetzt einen richtigen Garten zu haben, ist interessanterweise eine Überzeugung, die mir immer wieder neu unterkommt, wenn etwas Ersehntes Einzug gehalten hat. Seien es Kalte Kästen, Velociraptoren oder Farne, eine Pergola, Ypsilandra oder Kettensäge. Eigentlich noch praktisch, dass sich ein so einzigartiges Gefühl so häufig reproduzieren lässt.

Ich hatte ihn also lieb, den Fingerhut, folglich ließ ich ihn in den kommenden Jahren nach Herzenslust durch den Garten wandern. Das ging eine Weile lang ganz gut und geriet in der Regel auch wie gewünscht, bis die Selbstversamer damit begannen, sich an eher ungünstige Stellen hinzuschmeißen und mich damit in Gewissensnöte zu stürzen. Die Erstjahresrosette übersehe ich meistens und wenn nicht, dann denke ich: „Die merke ich mir, im Herbst werde ich sie dann umsetzen.“ Das denke ich bis zum Herbst so fünf- bis zehnmal (weil fünf bis zehn Rosetten empörend ungünstig stehen), und habe es kurz vor Herbsteintritt – wie alles, was ich mir im Garten merken möchte – zuverlässig vergessen.
Im frühen Frühjahr bedenke ich die ungünstigen Rosetten mit beiläufigen Stirnrunzlern, zu mehr reicht die Zeit gerade nicht, und kaum täte sie mal reichen, haben sie auch schon begonnen, ihre Blütenstängel himmelwärts zu schieben und es bliebe nur noch der rausrupfende Todesstoß. „Nein. Wirklich nicht. Die kann ich jetzt nicht … nein, das kann ich nicht. So ein großes, prächtiges Exemplar! Ach was, ich lass die hier blühen, sie hat es sich redlich verdient.“ Und so sind im (Nährstoff-)Schatten dieser Zwei-Meter-Gebilde schon einige zierliche Stauden, Kräuter und Gemüse jämmerlich zugrunde gegangen. Hab ich mir redlich verdient, das.
Man lernt dazu, wird übermütig und meint, man könne austricksen: „Ok. Gehen wir das anders an: Ich lass die blühen, aber sobald es mehr Samenstände als Blüten an den Stängeln gibt, schneide ich die Chose radikal runter, dann ist da wieder Luft und Platz. Taube und Spatz, beide in der Hand. Ha!“
Wisse: Schneidest du der Fingerhüte Blütenstängel zu früh, so remontieren sie trotzig und/oder kommen nächstes Jahr wieder… doppelt so breit wie zuvor, einer Hydra gleich.
Momentan tummeln sich am vorderen Beetrand des einen Beets (ungünstiger geht nun wirklich nicht mehr) fünf Fingerhut-Horste mit je fünf bis sechs Blütenstängeln. Sie werden, kaum beginnen sie damit, unansehnlich zu werden, mit Stumpf und Stiel entfernt.

Diesen barbarisch kaltblütigen Akt trau ich mir mittlerweile zu. Doch, ja, das werde ich hinkriegen, immerhin habe ich mich heuer zu weit drastischeren Taten hinreißen lassen. Am Rand des Gemüsebereichs etwa dezimierte ich Waldmeister, Etagenzwiebel, Campanula persicifolia und Fingerhut-Rosetten bis auf fast gar nichts mehr davon, um die Gemüsebeetreihen wieder auf ihre ursprüngliche Länge zu ziehen und am Rand sogar Petersilie setzen zu können. Was war ich stolz auf mich und meine Tapferkeit.

Ein deutliches bisschen mehr an Tapferkeit verlangten mir meine Lieblingstulpen ab, die Queen of Night im rechten Hauptbeet und ihre gefüllte Variante, die Black Hero im linken. Die Blüten wiesen schon deutliche Anzeichen ihrer Vergänglichkeit auf und wäre es so gewesen wie immer, hätte ich den Abschied hinausgezögert, bis das letzte schwarze Blütenblattfitzelchen gefallen wäre.
Anders als bei den bisher genannten Pflanzen ist es nämlich ein Abschied für gefühlt immer, weil ein ganzes, nicht diskutierbares Jahr. Ist doch wahr. Kaum ist man so richtig in der Gartensaison angekommen, muss man schon mit dem Schnupftuch wedeln, traurig sein und sich ärgern. Letzteres deshalb, weil – seien wir ehrlich – verblühende schwarze Tulpen den Charme zerrissener Müllsäcke haben und damit ein ganzes Beet zu verunschönern vermögen. Aber man ist halt so traurig und mag nicht Tschüss sagen und …
Dieses Jahr packte ich mit stählernem Entschlossenheitsgriff die Felco und schnitt die Stängel weg, ungeachtet der Tatsache, dass noch einige intakte Blütenblätter dran hingen. Die Aktion ähnelte dem Wegreißen eines Pflasters: Es tut kurz weh, vielleicht ganz doll sogar, aber nachher ist nicht nur gut, sondern besser. Viel besser! Ohne in der Luft hängende Müllsackfetzen lenkte nichts mehr ab vom bewegenden Anblick kräftig treibender Stauden und den sich ankündigenden Vergissmeinnicht-Wogen.

Meine allerersten Myosotis erfüllten mich auch mit dem Endlich-richtiger-Garten-Gefühl, mehr noch, sie gehörten zu den wenigen Pflanzen, von denen ich schon als Kind wusste, dass ich sie in meinem künftigen Garten würde haben wollen. Keine schlechte Wahl: Streng genommen sind sie schlichtweg perfekt. Sie sind von einem hinreißenden Himmelblau, kaschieren aufs Allerschönste frühlingsbedingte Lücken und verwelkendes Zwiebelblüherlaub, vermehren sich willig, lassen sich mit zwei Fingerspitzen jäten, sollten sie’s damit übertreiben, und sie werden nach dem Abblühen so potthässlich, dass man froh ist, nächstens von ihnen Abschied nehmen zu dürfen.
Hier also kommt es nur auf den entscheidenden Moment an. Zu lange will man nicht warten, das schwarze, mehltaubefleckte Gestängelzeugs braucht niemand. Man kann aber auch zu früh von rausreißendem Wagemut ergriffen werden, was mir schon mehrmals passiert ist. Ich wollte nur hier und da ein paar wenige rausnehmen, damit die benachbarten Stauden nicht zu ellenbögeln beginnen mussten, zupfte hier, zupfte da und geriet unweigerlich in den Zupfrausch. Am Ende lag auf dem Rasen ein Haufen an entwurzelten Treublauen und im Beet war’s plötzlich so … entsetzlich leer. Ich dachte kurz daran, die schönsten Exemplare wieder zurückzusetzen, fand das aber sogar für meine Verhältnisse zu übertrieben, war betrübt und verfütterte den Haufen an meine hungrigen Kompostjungs.
Dieses Jahr war das alles ganz anders. Gestärkt durch die bisherigen Entfernungs-Erfolge rauschzupfte ich befriedigt, trat danach ein paar Schritte zurück und freute mich ob der temporären Lücken. Vermutlich zum ersten Mal, seit ich einen Garten habe.

Warum? Nun, inzwischen hatten die ersten Stauden in Blau-Violett-Tönen zu blühen begonnen, die sich mit dem Himmelblau nicht so recht vertragen wollten; kaum also waren die Vergissnichts weg, kehrte eine wohltuende Ruhe ein. (Dieses frühe Staudenblühen war bis anhin nie der Fall, Schneckenfraß sei Undank.) Und die Lücken, die sie hinterließen, wurden schnell gefüllt, schneller, als mir lieb war:

Es regnet und regnet und regnet seit Wochen. Mal begleitet von Blitz und Donner, mit überlebensgroßen Tropfen, mal bindfädig, mal sturzbächig, es schüttet und schifft, tröpfelt und pladdert vom Himmel runter, als wär … mir fällt schon gar kein Vergleich mehr ein. Nieselt es, ruft einer von uns aufgeregt: „Hey! Es hat aufgehört zu regnen!“ und schnell hüpfe ich in den Garten, um zu sehen, ob es den Rasen schon weggeschwemmt hat. Natürlich kam, was kommen musste, der eine sehr vieltriebige Rittersporn lag mit seiner voll erblühten Pracht – trotz Bondage! – flunderplatt auf dem Boden.
Dass sich so was wieder von selber aufrichten würde, glaubte ich früher, heute weiß ich es besser. Ich dachte an den altbekannten Pädagogen-Slogan „Mut zur Lücke!“, holte die Felco, schnitt das Ganze eine Handbreit über dem Boden ab, bestückte eine große Vase mit den lüstern rumlümmelnden Blütenrispen und stellte sie auf den Wohnzimmertisch.
Im Juli kriegen wir wieder Gartenbesuch. Von Nicht- und Gärtnern. Wenigstens ein Rittersporn wird dann nett am Remontieren sein. Höhö.

Just diese Besucherei hielt mich davon ab, es zu wagen, eine zweifache Riesenlücke zu erschaffen. Mitten im Taumel des erfolgreichen Schneidens und Rauschzupfens fiel mein Blick zum erneuten Male – düster umwölkt – zur Roseraie de l’Haÿ und zum Cunningham’s White. Die eine wäre eine zwar durchaus dankbare Rose, ist aber mit zwei intolerablen Schwächen ausgestattet: Die Blüten sind nicht wetterfest. Regnet es, was es hier ja hin und wieder zu tun beliebt, sehen sie aus wie nasse Tussi-Taschentücher. Darüber könnte ich hinwegsehen, würde sie nicht krakenmäßig Ausläufer treiben … an meinen Arisaemas, Cyclamen, Heuchera undsoweiter vorbei, unten durch und drüber. Das geht nicht.
Der andere wäre laut Züchterbuch ein ganz unkomplizierter Rhodo und kalktolerant, weil Inkarho-Hybride, ist aber in seinem Wesen komplett gestört. Angefangen hatte es damit, dass er im Herbst die Hauptblüte produzierte, um im Frühling ein bisschen vor sich hinzuweißeln. Damals fand ich das noch apart. Aber dann habitussierte er dermaßen daneben, dass es mir zu grauen begann. Anders als die Roseraie, die nur krakig ausläufert, sieht dieses Weiß vom Cunningham tatsächlich wie eine Krake aus. Der Anblick ist ein trauriger.

Die müssen weg, keine Frage. Hätten schon längst, denn sie stehen ein ganzes langes Weilchen hier. Aber eben. Wer sich nur schwer von verblühten Tulpenstängeln lösen kann …
Nachdem selbst Nichtgärtner auf Anfrage hin sein Verdikt verhängt hatte, versuchte ich, mich mit dem Gedanken anzufreunden. Kein einfaches Unterfangen. Bis es mir nach einem Satz, den Nichtgärtner so nebenbei fallengelassen hatte, dämmerte: „Du kannst ja nur einen Teil davon entfernen. Vielleicht reicht das schon.“
Ganz anders und doch gleich: Ich werde das Unterfangen etappenweise angehen. Da mal ein Trieb weg, dort mal einer ab, so dass die Nachbarpflanzen alle Zeit der Welt haben, den neuen leeren Raum einzunehmen. So dass den Besuchern im Juli nix auffallen wird. Und am allerwichtigsten: So dass ich mich an den neuen Anblick gewöhnen kann. Nach und nach.

Abschied nehmen können, den Mut haben, die sich unweigerlich einstellende Lücke zu ertragen und die Vorteile darin erkennen … ob ich auf dem Weg zum gärtnerischen Erwachsenwerden bin?

„Bin heuer konsequenter mit Entfernen – wo ein Digitalis weichen muss,
rupf ich halt aus usw. Die Erfahrung zeigt, dass zu viel Blackbox
irgendwann sehr zu Lasten der Ästhetik geht.“
Gartentagebuch-Eintrag vom 5. Mai 2016

Vergleichungen

Manchmal habe ich nicht nur eine, sondern gleich zwei Schnirkelschnecken auf den Augen. Und manchmal bleiben die jahrelang drauf, bis mal eine von beiden wegkriecht, begleitet von einem laut ausgestoßenen Aha.

Gärtner sind Menschen und Menschen neigen dazu, sich mit anderen zu vergleichen, die dasselbe oder zumindest etwas sehr Ähnliches machen. So gesehen sind Gemüsegärtner am meisten Menschen.
Als mein einer Vater (ich habe zwei davon) letzten Sommer beim Anblick meiner Tomatenarmee meinte: „Wir haben auch Tomatenstauden, aber nur vier davon. Ich sag dir, wir ernten schüsselweise. Schü-ssel-weise! Wir wissen schon nicht mehr, wohin damit“, sah ich drei tägliche Riesenschüsseln vor mir, jede so voller Tomaten, dass immer mal wieder eine zu Boden kullerte, und fühlte schwindelnde Blässe in mir emporsteigen. „Warum“, so böckelte es in mir, „warum ernten wir trotz der deutlich größeren Pflanzenmenge nur gerade mal so viel, dass uns die eingekochten Tomaten knapp bis Mitte Januar reichen?“ Der faule Odem reinen Neides lüftelte durch mein Hirn.
Überflüssigerweise zeigte mir zwei Wochen darauf mein anderer Vater ein Foto eines griechischen Basilikums, den er als Jungpflanze ausgerechnet von mir gekriegt hatte. Ungläubig betrachtete ich das Foto, sah von diesem Busch beeindruckenden Ausmaßes auf meine eigenen, die nur halb so groß vor sich hindümpelten und tat schlau: „Du erntest wohl nichts davon, hm?“
„Ganz im Gegenteil“, so mein Vater, „ich schneide dauernd was weg. Und zwar Mengen, sag ich dir!“ Ich biss mir auf die Zunge und war schlecht gelaunt.

Im Normalfall würde man sich ja freuen für die Väter, ihnen den Erfolg gönnen, aber ich bin Gemüsegärtnerin und – wichtiger noch – die einzige Gagagärtnerin der Familie. Da freut man sich nicht. Da vergleicht man und ist sauer. Nicht auf sie, sondern auf sich. Ganz offensichtlich musste ich nicht nur etwas, sondern verdammt vieles ganz und gar falsch machen, anders wollte sich das ums Verrecken nicht erklären lassen.
(Nicht, dass dies die ersten zwei Gemüsegartenvergleiche meines Lebens gewesen wären. Die beiden dienen als stellvertretende Beispiele. Die folgenden Erkenntnisse aber sind … beschämenderweise … tatsächlich erst kürzlich eingetreten.)

Die erste Schnirkelschnecke kroch irgendwann im Dezember weg, und hinterließ eine so selbsterklärende wie platte Einsicht: „Schüssel“, „schüsselweise“ und „nicht mehr wissen, wohin damit“ sind – so überraschend es anmutet – keine normierten Maßeinheiten.
Eine Schüssel kann zehn Liter oder einen fassen; wenn man einmal pro Woche eine Schüssel füllt, geht das widerspruchslos als schüsselweise durch, und Menschen, die nicht täglich Tomaten verwerten, geschweige denn welche auf Vorrat einkochen, können auch mit einer bescheidenen Ernte überfordert sein. Aha.
Schwieriger wurde es beim zweiten Fall, denn dessen fotografischer Beweis wollte sich auch mit aller Mühe nicht wegargumentieren lassen. Ich musste bis zu diesem März warten, als ich auf mein erstauntes Feststellen: „Ich kann mir immer noch nicht erklären, warum dein Basilikum so groß war“, die lächerlich lapidare Antwort bekam: „Na, ich hatte da drei Stück reingesetzt.“

Die Vergleichung ergab: Drei Stück sind doppelt so groß wie eines. Uff.

Schnecken pflegen sich nicht nur auf meine Augen, sondern auch mit raspelndem Appetit auf meine Pflanzen zu pflanzen. Vielen klagte ich mein Jammerleid, viele nickten wohlwissend, tätschelten mir verbal auf die Schulter und meinten: „Du musst einfach früh genug mit dem Schneckenkorn-Einsatz beginnen und gleichzeitig fleißig absammeln, dann kriegst du das hin.“ Mein anderer Vater schwärmte von der Schnipp-Methode und schwor, dass er innerhalb dreier Monate die gesamte Population auf niedlich wenige Exemplare dezimiert hätte: „Man muss halt einfach dranbleiben.“ Andere, besonders feinfühlige Zeitgenossen meinten: „Schnecken? Sind bei mir kein Problem. Da bin ich echt froh, du!“ Und schließlich wollte es mir mein Lieblings-Staudengärtner rundweg nicht abnehmen, dass meine Schleimer über Salvia verticillata, Heuchera, Nepeta racemosa „Grog“ und Knoblauch herfielen, geschweige denn diese dem Erdboden gleichmachten. Ich fühlte mich sehr allein, konnte nicht an meiner Wahrnehmung zweifeln und musste deshalb in Betracht ziehen, dass sich genau an dem einen Flecken auf der Erde, dort, wo sich zufälligerweise mein Garten befindet, eine furchtbar mutierte Limax-Spezies etabliert haben musste. Oder, dass ich ungerechterweise den Schnecken die Schuld in die Schuhe geschoben hatte, denn die vergreifen sich ja anscheinend mit Vorliebe an geschwächtem, eh dem Tod geweihten Gewebe.

Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, wie es mir schneckentechnisch in der letzten Zeit, so rein emotional, erging. Denn …
seit Februar gibt es irgendwie so gut wie keine mehr. Ohne dass ich ein einziges blaugefärbtes Körnchen hätte streuen müssen! (Diese zwei Sätze bitte dreimal laut lesen und dabei immer glücklich-lauter werden.)

Alleine dieser Umstand wäre schon Geschenk genug, aber es ging noch weiter: Flach atmend stand ich vor den Clematis, um die von unten her neu gebildeten Triebe nicht zu erschrecken. Neue Triebe von unten! Noch nie gesehen! Wenn es gut ging, hatte der jeweils verbleibende eine Trieb irgendwo in schwindelerregender 75-Zentimeter-Höhe ein Blättchen schieben und darum überleben können. Im häufigeren Fall wollte selbst das nicht klappen. Triebe von unten! Und dann bildeten sich Blüten. Blüten! Im April!!! Wenn ich früher die erste Blüte Mitte Juli hatte begrüßen dürfen, hatte ich mich bereits geadelt gefühlt.
Ungläubig wankte ich die Waschbetontreppe runter und besah mir das rechte Beet. Zoomend klebte sich mein Blick an etwas Wohlbekanntem fest. Konnte es sein? Es konnte. Da, dort und dort drüben … Ritterspornsämlinge.
So was hatte ich bisher nur in Saatschalen gesehen. Auf dem Wohnzimmertisch.

Mein Leben ist urplötzlich ein ganz anderes, weil ungemein einfacher. Musste ich früher warten, bis ein Setzling eine stattliche Größe erreicht hatte, um ihn ins Beet zu setzen oder ihn mittels ästhetisch schmeichelhafter Pet-Flaschen-Überstülpung versehen – was meistens eh für den Schneck war –, konnte ich heuer wagemutig pflanzen und direkt säen. Sehe ich zufälligerweise mal so einen Schleimer (für diesen Satz hätte ich mich noch vor zwei Jahren neidgelb gesteinigt), dann schmeiße ich ihn mit Schmackes über die Hecke. Selbst in diesen sintflutartigen Tagen wurde nur ein bisschen an den Stangenbohnen und den Aster dumosus genagt sowie – mit erfolgreicher Tötungsabsicht – an drei Basilikumbabys.

Zufrieden betrachtete ich die nicht nennenswerten Schäden, ging beschwingt und – ich gebe es zu – beschwipst (so ein Glück muss man feiern) ins Haus und wäre beinahe auf einer Hühnerausscheidung ausgerutscht. Auf Gehweg-Platte. So ärgerlich der Umstand, so erfreulich die Nebenwirkung. Den Velociraptoren und nur ihnen allein hatte ich mein neu erworbenes Glück zu verdanken. Sie verschlingen nicht nur die hinterlistig-verheerenden Nanoschnecklein, sondern auch die Eigelege der Riesenschleimdinger.
Zweite Vergleichung: Raptorenkaka ist nicht überall schön, aber tausendmal besser als Schnecken.

Wir kommen zur vorerst letzten beweglichen Augenklappe.
In meinen gärtnernden Jahren – das sage ich nicht ohne Stolz – habe ich inzwischen stattlich viele Kubikmeter an Erde bewegt. Pflanzlöcher wollten ausgehoben werden (und seien sie noch so klein, in der Summe summieren die sich beachtlich), Wiesen umgestochen, Erdreich von A nach B transportiert, … Ein einziger knorziger Krampf schon alleine das Raushebeln eines überalterten Löwenzahns. Aber nu, das gehörte halt dazu, nicht wahr. Den Boden muss man sich verdienen, den hat man sich mit Au und Fluch urbar zu machen, wir sind hier nicht im Schlaraffenland. Und siehe da, mit der Zeit arrangiert man sich, da und dort wachsen Muskeln, Erfahrung wie auch die Auswahl an geeignetem Werkzeug und man kriegt es dann tatsächlich hin, in einem halben Nachmittag ganze zweieinhalb Rasenquadratmeter in ein neues Pflanzbeet zu verwandeln (inklusive neckischer Auf- und Aneinanderreihung der Rasensoden zu Füßen der oberen Hecke). Zwar kurz darauf hochrot geschwitzt und mit einem fühlbaren Pulsecho in den Ohren, die Gliedmaßen fühlten sich an, als hätten sie aus wabbeligem Pudding bestanden, aber man war glücklich und klopfte sich mit der letzten verbliebenen Kraft andeutungsweise auf die Schulter.

Das wäre alles herrlich und wunderbar gewesen, hätte ich nicht dauernd im Gartenforum, in dem ich regelmäßig lese, gelesen, dass andere dieselbe Arbeit mit einem lässigen Fingerschnippen und dies in einem Bruchteil meiner Zeit erledigten. Nein, die hatten keine schweren Maschinen an ihrer Seite, die kriegten das alleine mit Spaten und Händen hin. Mit aufgerissenen Augen saß ich vor dem Bildschirm und las von Leuten, die eben 1000 Frühlingszwiebeln versenkt hatten – noch vor dem Znüni! – oder von solchen, die … es war zum Wegklicken.

Wäre die fette Schnecke nicht auf dem einen Auge geklebt, hätte ich es schon vor drei Jahren merken müssen. Ich war damals zu Besuch bei einer Gärtnerin, deren Hauptaufgabe darin bestand, ihren sandigen Mutterboden mittels Kompost und Mulch in ein nachhaltig pflanzenverträgliches Substrat zu verwandeln. Mit Fleiß, Verstand und Ausdauer hatte sie es hingekriegt: „Schau mal, Nick, das da war mal reiner Sand!“ Sie zeigte auf den Boden und ich streckte – wie erwartet – meinen Zeigefinger rein. Er glitt durch herrlichen Humus und so sehr ich drin rumstocherte, ich kam nicht zum Sand runter. So beeindruckt von der erfolgreichen Bodenverbesserung stieß mein Zeigefinger nicht zur wesentlichen Erkenntnis. Stattdessen hinkte Gevatter Neid, wenn auch großmütig, aus dem Hinterhalt hervor: „Verflucht! Jetzt arbeite ich doch schon seit Jahren daran, meinen Boden zu verbessern, auf dass die Oberschicht den erwünscht humos-fluffigen Charakter annehmen würde. Probier mal in meinen Boden einen Zeigefinger einfach eben so reinzustecken … kommst du tiefer als zwei Zentimeter, hast du ihn garantiert verstaucht.“

Liebevoll klaubte mir eine sehr liebe Freundin diesen Vorfrühling den großen Schnirkel vom Auge: „Du arbeitest mit fettem Lehm, wir mit reinem Sand. Wir müssen wässern und düngen wie blöde, dir bleibt das erspart, dafür biste zum Malochen verdammt. So einfach ist das“, und fügte an: „Das lässt sich nicht mal ansatzweise vergleichen.“

Es lässt sich überhaupt kein Garten auch nur ansatzweise mit einem anderen vergleichen, so ist das. Nicht mal in meinem eigenen Garten klappt das:
Der vordere Teil, einige wenige Meter tiefer und nicht nur deswegen mikroklimatisch deutlich anders gelegen, ist immer viel schneller, je nachdem üppiger oder mickriger und, besonders bedeutsam, dort gehen meine Raptorinnen nie hin. Außer neulich, als die Zutraulichste einen gemeinsamen Spaziergang wagte. Aber das interessiert hier gerade niemanden.

Gäbe es tatsächlich Paralleluniversen und mein Garten stünde fünfmal an demselben Flecken auf diesem, jenem und anderen Planetenrund, so wären da der Velociraptoren fünfundfünzig an der Zahl, dort hätten vor zwölf Jahren seltsame elektromagnetische Wellen Solanum lycopersicum zu einem üblen Unkraut mutieren lassen, eine Parallelnick hätte nur eine Seele in der Brust, eine andere hätte einen steinernen Nichtgarten, in einem dieser Gärten wüchse kein Fingerhut und in einem anderen gäbe es dressierte Gartenrotschwänze, die mittels keckernder Laute zuvor definierte Unkräuter zum Absterben bringen. (Yepp. Es sind derer sechs. Dass ich nicht zählen kann, hatte ich bereits im letzten Beitrag eindrucksvoll bewiesen.)
Nicht mal paralleluniversalische Gärten lassen sich vergleichen. Und sei es nur, weil in einem dieser Gärten beim Anblick einer Heucherablüte gehustet wurde und in allen anderen nicht. Das reicht schon. Ein einziger Wollschweberflügelschlag entscheidet über Füllhornfülle oder Dahinsiechtum.
So ist das.

Geduldsfäden

Ein Garten, so sagt man, lehre uns Geduld.

Mit Verlaub: Dies ist Blödsinn und ein unerträglich törichter noch dazu. Und wenn man ihn mit Kreuzstich auf ein schönes Tuch gestickt und eingerahmt im Geräteschuppen aufhängt oder in ein hübsch aufgemachtes Büchlein mit Lebensweisheiten packt – am liebsten noch mit Rosenblütenmotiven, denn Geduld bringt ja bekanntlich …
Wahrer wird er deswegen auch nicht.

Faden Nr. 1

Wahr ist, dass wir älter werden. Und in der Regel haben Leute, die urplötzlich einer brodelnden Gartenleidenschaft erliegen, meist nicht nur ihre Pubertät, sondern auch die nachfolgenden zehn, zwanzig Jahre hinter sich gebracht. Was weiter nicht verwundert. Es gibt weiß Gott Wichtigeres im Leben eines heutigen sechzehnjährigen Menschenwesens, als die Frage, warum die Wintersteckzwiebeln nicht angegangen sind.
Ganz abgesehen davon werden Gartenbesitzer mit jedem Gartenbesitzjahr ein Jahr älter.

Mein Schulweg war fast ganz genau einen Kilometer lang. Das wusste ich, weil unser Primarlehrer so schlau war, uns Maßeinheiten auf ungewöhnliche, aber sehr einprägsame Weise beizubringen: Mit einem einen Meter langen Karton sollten wir in Kleingruppen unserer Wege gehen und zwar genau einen Kilometer lang, säuberlich vermerkt auf einer Karte. Ich fand das damals wahnsinnig lang: „Einen ganzen Kilometer gehe ich zu Fuß zur Schule!“ Kein Wunder brauchte ich so lange. Immerhin waren da ganz viele Dinge zu entdecken. Der Weg führte an einer Antikschreinerei vorbei, einem Fahrradhändler, einem Haus mit zwei Kläffern, einer Eisenwarenhandlung mit Rehen im Gehege, zwei Bauern und ganz vielen spannenden Einzelheiten auf dem Trottoir.
Ob hin oder zurück, der Schulweg, nun, mein damaliges Leben überhaupt, war so vollgepackt mit Eindrücken und Winzerlebnissen, dass mir eine Stunde vorkam als wären es zehn. Mindestens.
Und nun sagt man so einem Kind: „Jetzt übertreib mal nicht und übe dich in Geduld. Morgen ist ja schon dein Geburtstag. Bis dahin wirst du dich wohl zusammennehmen können und die Päckchen in Ruhe lassen.“ Morgen! Äonen bis morgen!

Heute ist morgen ein Augenzwinkern entfernt. Doch, das Alter hat auch seine Vorteile: Mit jedem Jahr mehr wird eine Stunde zuverlässig kürzer. Man kann also genauso ungeduldig sein wie eh und je, scheint aber doch jährlich geduldiger. Tja.

Auf dem Tisch neben meinem Laptop stehen ein paar Töpfe mit Gauchheil drin. Die habe ich gestern (also Anfang März) innerhäusig gesät und von ihnen erwartet, dass sie tun, was Einjährige zu tun haben: Möglichst schnell wachsen, damit man sie möglichst bald als Lückenfüller in die Beete klatschen kann – gerne auch im Verbund –, und dann möglichst bald mit dem Blühen anfangen. Die sind entrüstenderweise noch nirgends. Wenn die so weitermachen, blühen die vielleicht mal im Oktober. Oder so.
Es ist mein erstes Gauchheil-Mal und ich schon recht alt. Geduldig? Kein Fitzelchen.

Faden Nr. 2

Viel besser als den Gauchheil und dessen eigentypisches Verhalten kenne ich die gemeine Gartenerbse. Und weil ich sie nun schon zum wiederholten Male angebaut hatte, lief ich heuer nicht nagelhautknabbernd an den ausklappbaren Erbsen-Spalieren aus Ligusterzweigen auf und ab, um mich in besorgte Rage zu denken: „Die keimen nicht. Da kommt nichts. Das geht doch nicht. Was, bloß, machen wir ohne Erbsen? Und jetzt noch nachsäen, ist doof. Oder soll ich? … Ach je, wir werden erbsenlos durch dieses Jahr wanken! Die Schmach!“
Nichts dergleichen. Nonchalant, eine Augenbraue wissend und überlegen hochgezogen, begutachtete ich das Nichtkeimen und wusste: Die brauchen ihre Zeit, das wird schon.
Das hat nichts mit Geduld zu tun, sondern nüchtern und platt mit Wissen. Denn ginge es nach mir, Ungeduldige, die ich bin, keimten Erbsen bereits am ersten Tag nach dem Gesetztwerden.

Faden Nr. 3

Bestünde mein Garten ausschließlich aus Erbsen, dann hätte ich ein nachvollziehbares Geduldsproblem. Zuerst täten die scheinbar nie keimen, um es dann doch zu tun und sich innerhalb weniger Wochen wieder zu verabschieden.
Als höchst geduldsproblematisch empfand ich mein erstes Gartenjahr. Gesetzt hatte ich eine Handvoll Pflanzen, die verloren in den beiden ausladenden Beeten vor sich hinwuchsen und hofften, dass niemand sie bemerken würde. Ich tat es. Täglich. Und sah zu, wie sie sich Schildkröten in Zeitlupe ähnlich alle Zeit der Welt nahmen, um vielleicht ein bisschen in eine erkennbare Breite und Höhe zu gehen.
Danebst hatte ich gesät und gesteckt. Auch dies in so überschaubarem Rahmen, dass kein Einzelnes davon ungehört ein neues Blättchen hätte aufploppen lassen können. Darüber hinaus drehte ich täglich jedes Töpfchen, um in den Abzugslöchern die ersehnten weißen Wurzelspitzen zu erspähen.
Duldsam ließen sie diese Peep-Show-Misshandlung über sich ergehen und warteten auf bessere Zeiten, die dann auch kamen.

So, wie ich mir stetig einen Jahresring mehr zulege, nimmt der Garten an Fülle zu. Und siehe da, scheinbar abgeklärt-geduldig kann ich heute in den Garten pilgern und entdecke immer wieder ganz viel Neues. Mehr noch, hin und wieder verpasse ich sogar Einiges, was ich eigentlich kaum erwarten kann.

Die Mispel hat sich klammheimlich hinter meinem Rücken mit Blüten geschmückt, ein übermütiger Pulk von Verbascum phoenicum wogt winkend mit dunkelvioletten Stängeln, wo vorhin nur flunderplatte Rosetten waren, die erste Pfingstrosenblüte ist schon fast ganz offen und urplötzlich weht mir ein schwer-leichter süß-blumiger Duft entgegen – ach so, die Convallarias!
Sag mal, wann ist das denn passiert?

Faden Nr. 5

Viel mehr noch frage ich mich, wann es passiert ist, dass Geduld als Tugend gesehen wird. Langmütig erduldetes Warten – nichts anderes ist Geduld letztendlich – kriege ich nämlich immer dann cremig hin, wenn mir das zu Erwartende herzlich schnurz ist. Das Reifen der fünfzigsten Feige nehme ich mit einer Gelassenheit hin, dass daneben ein Stoiker zappelphilippig wirkt. Die erste glücksverheißende Blüte einer Tomate hingegen versetzt mich in einen Zustand dauernder Erregung, bis der erlösende Ruf an Nichtgärtners Ohr dringt: „Die erste Tomate! Wir haben die erste Tomate! Komm schnell, das musst du dir ansehen!“ Stecknadelgroß und hellgrün offenbart sich das heiß Ersehnte und wird gebührend gefeiert – zumindest von mir.

Kitzelnde Vorfreude soll eine Untugend sein? Vorfreude auf etwas, das man wertschätzt, das man nicht als selbstverständlich hinnimmt und dem man Respekt zollt? Oder Sorge, die einem schwer auf der lädierten Schulter lastet, weil man um ein Leben bangt?

Erstaunlich oft erweist sich gärtnerische Ungeduld nicht nur als tugendhaft, sondern auch als angebracht. Wie viele Pflanzen erlitten einen so jämmerlichen wie ungewollten Tod, weil ich sie nicht früh genug gesichert oder in mein Notaufnahme-Beet verfrachtet hatte. Wie viele lukullische Momente wurden uns versagt, weil ich dachte: „Nu, das ist wie mit den Erbsen. Einfach abwarten, dann keimt das Zeug schon noch.“ Wie viele Flüche hätte ich mir ersparen können, hätte ich mich nicht besänftigt: „Och, nu lass dem Ding doch seine Zeit. Gut, es rhizomt schon unter der Buchshecke durch, aber es ist immerhin Moxakraut. So eine Artemisia douglasiana ist schließlich was Spezielles und vielleicht wirst du es ja wirklich mal zum Räuchern benutzen.“
Geduld kann richtig dämlich sein.

Gestern (also irgendwann im März) hatte ich an zwei verschiedenen Stellen Erbsen gesät. Bei der einen konnte ich kürzlich das Ligusterspalier unverrichteter Dinge wieder rausziehen und zusammenklappen: Das Saatgut war zu alt und für eine erneute Aussaat ist es erfahrungsgemäß zu spät.
q.e.d.

 

 

 

 

 

 

 

 

Strauchdiebe

Sträucher haben mich über erstaunlich lange Zeit weder tang- noch fasziniert. Irgendwie gab es die nicht in meinem Garten und weniger noch in meinem sehnenden Wollen. Mir stand und lag der Sinn nach Staudigem, nach Bückgut, nach Tüddel-Kille-Kille, nicht nach sperrigem Geäst, in dem sich mein Haupthaar heillos verhedderte und das mich mit blutigen Striemen zeichnete. Diesem Gähn-Gedöns, diesem.

Gut, stimmt. Das erste Gewächs, das ich hier gepflanzt hatte, war ein blauvögliger Hibiscus syriacus, der sich dann als halb rotherzig herausgestellt hatte. Insofern hatte mein zweites richtiges Leben also mit einem Strauch begonnen. Schräg, wenn ich’s bedenke, denn ansonsten hatte ich mit denen wirklich nichts am Hut, dafür sagten die mir einfach zu wenig.

Ja, da war die viele, viele Schritte lange Hecke aus Liguster. Aber das waren keine Sträucher, das war eine Hecke. Genauso wie meine Buchseinfassungen Einfassungen waren. Und die langsam einkehrenden Rosen waren genauso wenig Sträucher wie die halben Einen: Lavendel, Thymian, Ysop, Caryopteris oder so. So eigentlich richtige Sträucher wuchsen in meinem Vogel-Gehölzhang, den ich mit Sämlingen bestückt hatte, die die Mutter meines Nichtgärtners im Wald ihres Vertrauens ausgegraben hatte. Aber das waren dann keine Sträucher, sondern halt so naturnah-einheimisches Vogelzeugs.

Wenn ich da anknüpfen dürfte: Das naturnahe Vogelzeugs wurde bis heute von der Vogelwelt schnöde ignoriert. Weder nistet man in der bestachelten Zone, noch macht man sich die Mühe, die vitaminreichen Beeren und nährenden Samen in zeitraubender Kleinfisselei zu knabbern. Stattdessen wird winters zu den rechten, linken, unteren und oberen Nachbarn geflogen, wo jeweils ein bequemes DriveFly-in mit Fastfood lockt.
Bis auf den einen und einzigen Ausnahmestrauch, den ich wider all meine Abneigung gepflanzt hatte. Der (Tusch bitte, aber mit drohendem Moll:) Sanddorn.

Der Sanddorn erwischte mich, als ich in die Primarschule ging. Weil man gerade damals medial herausposaunt herausgefunden hatte, dass es ein unglaublich gesundheitsförderndes Ding ist, wurde mir täglich ein Löffel dieses Bäh-Sirup-Gelees in den Mund geschoben, bis ich revolutionär die Arme überkreuzt und die Lippen zusammengedrückt geäußert hatte: „Meim!“ Ob das gereicht hatte oder ich überzeugendere Argumente ins Feld hatte führen müssen, weiß ich heute nicht mehr. Irgendwann musste ich jedenfalls nicht mehr sanddornen, worüber ich froh war.

Nun also. Man ist nicht nur so blöd, etwas zu pflanzen, wovon man weiß, dass es ein „Meim“ ist, nein, man muss noch einen draufsetzen:
Tatsächlich hatte ich nur ein einziges Exemplar gepflanzt, sprich die weibliche „Leikora“. Niemand befand es für nötig, mir zu verklickern, dass die auch einen Befruchter bräuchte. „Pollmix“ zum Beispiel. Das fand ich (inter)netterweise erst dann raus, als die Leikora bereits mutterseelenallein in meinem Hang eingebuddelt war. „Kotz. Jetzt muss ich auch noch einen Polluxdingens pflanzen. Hab doch gar keinen Platz mehr!“

Ich ließ es bleiben und im ersten Herbst kamen sie trotz alledem, die knallorangen Beeren, die nicht hätten sein dürfenkönnen. Verunsichert gestaltete ich in der Folge die Hunde-Spazottelwege mit detektivischer Absicht. Da musste irgendwo in der Nachbarschaft ein männliches Gegenstück zu finden sein und ich würde es finden.

Ich tat es nicht. Aber man kann ja nicht bei jedem Hinz und zweitem Kunz anklopfen, um mal eben nachzufragen, ob einer eventuell einen männlichen Sanddorn sein Eigen nennt. Und so wichtig war es mir letztlich dann auch nicht, denn ein Wunder wird es nicht gewesen sein.
Wie auch immer, es gab also Beeren. Und kaum waren die reif, sah man nur noch Flatterdiflatterda und leer war der Strauch – mit offenem Mund sah ich zu und war froh, dass man mir das üble Zeug unter der Nase weggeklaut hatte.
Flatterdiwurz machte dieweil die Leikora und eroberte mit unzähligen Wurzelausläufern das Kräutergarten-Terrain oberhalb des Vogelgehölzhangs. Das mag man nicht, dass strauchiges Wurzelausläuferzeugs sich in Staudenbereiche mischt, so weit geht die Vogelliebe dann auch nicht. Mit Nichgärtners Hilfe entfernte ich das beliebte Übel so erfolgreich, dass sich letzten Winter nicht ein einziger Gefiederter in meinem Vogelhang hat einfinden wollen.

Sträucher hatte ich also eigentlich keine, abgesehen von denen, die ich hatte. Der zuverlässig betörende Ceanothus delilianus „Gloire de Versaille“, die wasserfallige Buddleja alternifolia und noch einige wenige andere waren in der Zwischenzeit eingezogen, aber seltsamerweise vermochten sie alle mein Herz nur für kurze Momente zu stehlen. „Ich bin halt“, so sagte ich achselzuckend zu mir selber, „kein Strauchmensch. Sollen sich andere strauchomanisch vergnügen, ich bleib bei meinen Stauden.“

Dieses Jahr steht im Zeichen der strauchigen Wende.
Wiederum waren es Geflügelte, die mich leiteten, und wiederum deren Mägen. Für meine Velociraptoren und ein bisschen auch für uns Menschen hatte ich vor- und letztes Jahr je eine Maul-, Josta- und Stachelbeere gepflanzt. Ich wurde reich beschenkt: Die Maulbeeren waren die gesamte Saison über der Renner für uns alle, die Josta hatte nur eine Frucht, die ich Nichtgärtner vermachte, der sie gesichtverziehend runterschluckte. Die Stachelbeere, von der Nichtgärtner ebenfalls die erste Frucht kriegte und sie „echt lecker“ fand, wurde am selben Tag hinterrücks innerhalb einer halben Stunde leergeräumt. „Wenn ich“, so dachte ich, „mehr Fruchtgesträuchs pflanzen würde, würden für Nichtgärtner vielleicht auch mal drei, vier Stachelbeeren mehr abfallen. Aber wo pflanzen?“

Als ich in meiner winterbluesigen Not eines neuen Projekts bedurfte, kam es über mich: Freiwachsende Sträucher statt dreimeterhoher Ligusterhecke. Nach langem Auslesen und Hin- wie Herüberlegen erwarb ich Anfang März sechs neue Sträucher. Drei für das Geflügel:
Amelanchier canadensis „Prince William“,
Physocarpus opulifolius „Diabolo“ und
Aronia x prunifolia „Nero“
und drei für mich:
Calycanthus floridus
Lonicera purpusii „Winter Beauty“ und an des toten Kilmarnocks Stelle
Exochorda macrantha „The Bride“.

Es fühlte sich an wie Weihnachten, als ich die sechs vorbestellten und unverhofft großen Sträucher in mein Auto hievte und vorsichtig die Kofferraumtüre zudrückte. Auf der Heimfahrt fuhr ich mit Bedacht und schnitt jede Kurve, um die Neuerworbenen nicht unnötig zu verletzen, berauscht am Zitronenduft der Lonicera. Bis heute habe ich die Fußabdrücke der wurzelnackt Ballenverpackten nicht von der Kofferraumtür entfernt und jedesmal, wenn ich sie öffne, überkommt mich ein Zitronenlächeln. (Um ehrlich zu sein, war ich einfach zu faul dafür. Das tut dem Zitronenlächeln aber keinen Abbruch, ganz im Gegenteil.) Und so wurde jedes eingepflanzt, mit viel Liebe, Kompost und Velociraptoren-Gegucker.

(Während ich schreibe, hier in der blauen Stunde unter der Wisteria, knallt jede Viertelstunde ein Samenstand auf. Gerade eben war wieder einer dran. Wüsste man nicht, worum es sich handelt, hüpfte das Herz in mindestens einen Schuh, so sehr knallt es einem ins Ohr. Als ob sie akustisch daran erinnern müsste, dass ihre Blüten gerade am Aufgehen sind. Himmelnocheins. … Ist eine Wisteria ein Strauch?)

Von da an begann und endete mein täglicher Gartenrundgang bei den sechs neuen Schützlingen. Kaum erwarten konnte ich den magischen Moment, wenn Knospen sich öffnen und Blätter sich langsam entfalten würden. Jeder Strauch mit anderen, die eingehend bezoomt werden wollten. Natürlich hatte ich die meisten schon gesehen, sowohl in anderen Gärten als auch auf Bildern, aber so richtig kennenlernen konnten wir uns da nicht.
Er zögerte sich hinaus, dieser magische Moment, was mir – gar nicht unwillkommen – Zeit zum Denken gab: „Und wie die Blüten wohl aussehen werden und riechen? Und die Fruchtstände? Ob die Raptoren wie gewünscht darüber herfallen? Und die Herbstfärbung? Oh, die Herbstfärbung! Und wie sie sich im Lauf der Jahre wohl entwickeln?“
Die Sechs hatten es noch im Winterschlaf geschafft, mich rettungslos um den kleinen Zweig zu wickeln.

Mit unerwartet erwachter Strauchliebe feierte ich die sich regenden Blattriebe und daraufhin die Felsenbirnenblumensterne und werde gerade nicht müde, seit Tagen vom Exochorda-Brautschleier zu schwärmen. Als nächstes werden der Calycanthus (rostrot zittern die Knospen) und die Aronia (stoisch-gelassen spannen sich langsame Schirmchen auf) aufwarten. Und … die hellfrisch belaubte Lonicera müsste nun langsam Fruchtstände …

Ich bin dann eben mal weg.

 

 

 

Ja!

Trägt man sich mit dem Gedanken oder wird von ihm getragen, sich ein länger lebendes Haustier anzuschaffen, sagen wir mal einen Hund, dann wird einem früher oder später die folgende, durchaus berechtigte Frage über den Weg laufen:
Sind Sie sicher, dass Sie das wollen und sich leisten können? So ein Wauwau kann gerne mal älter als 15 werden. Multipliziert man die Tierarztbesuche mit den Futterkosten, den täglichen Zeitaufwand fürs Gassigehen mit etwaigen Nervenverlusten bei der Erziehung und dem Verzicht auf unbekümmertes Reisen (sowie helle Teppiche) mit der Verantwortung, die man für so ein Tier übernimmt, könnte unter dem Strich ein dickes rotes Nicht-Smiley stehen. Wollen Sie das?

Egal, welches Käseblatt man aufschlägt, welchen auch mal parlierenden Radiosender man hört und in welchen Sender man zappt, es wird ins selbe Horn geblasen. Aus gutem Grund. Würde stattdessen in der aktuellen Ausgabe von Ursula, dem Hinterächzdorfer Anzeiger oder dem Drogerieneckguck so was stehen:
Sie möchten sich einen Hund anschaffen? Eine gute Idee! Er wird Ihnen Freude bereiten und Ihr Leben bereichern! Mit den nachfolgenden zehn Tipps und Tricks für Anfänger sind Sie bestens gerüstet, um den ersten Schritt zu Ihrem eigenen Paradies zu tätigen!
würde man vermutlich aufmerken.

Und nun ersetze man
„sich einen Hund anschaffen“ mit „einen Garten anlegen“.

Egal, wohin man guckt und hört, Garten ist immer „juhuu“ und „mach mal!“, dabei wird so ein Garten locker und deutlich älter als fünfzehn. In der Regel. Und das ist erst der Anfang.
Ein Garten kostet und dies nicht zu knapp. Oh nein, ich werde nicht das Lehrgeld zusammenrechnen, das ich in all den Jahren aus dem Fenster geschmissen habe; schon allein der Gedanke daran lässt mich vor monetärer Scham zusammenzucken. Ein Trugschluss wäre die Annahme, dass mit steigendem Wissen die Geldausgaben sinken würden. Das tun sie nicht. Wenn etwas sinkt, dann ist es höchstens der Fensterschmeiße-Anteil; angesichts der rauschhaft getätigten Neuanschaffungen, von denen man noch vor einem halben Jahr nicht mal wusste, dass sie anzuschaffen sind, geschweige denn existieren, verschwindet dieser Vorteil mit einem lautlosen Blubb im Nirgendwo.
Nicht nur junge Hunde, auch ebensolche Obstbäume wollen erzogen werden. Überhaupt braucht ein Garten eine gestrenge jätend-schneidend-ordnende Hand, es sei denn, dessen Besitzer hänge der antiautoritären Garten-Laisser-Faire-Bewegung an. Tu ich nicht. Käme mir nicht mal im Traum in den Sinn. Würde mich ja jeder Freude berauben, verlorene Nerven hin oder her.
Und dann wäre da die Ferienproblematik. Wenn uns jemand frühlings oder sommers für ein Wochenende eingeladen hatte und wir mit Verweis auf die drei Hunde ohne Sitter absagten, verstand man auf Anhieb und nickte telefonisch mitwissend. So was wie: „Äh … nee. Geht nicht. Garten, weißt du. Ich habe da ganz viele vorgezogene Sämlinge stehen, muss Etliches gießen, es ist gerade Haupterntezeit, muss Stecklinge am Laufband stecken, nächstens blüht das XY zum ersten Mal, kann ich nicht verpassen, ich erwarte eine Pflanzenbestellung, unmöglich … “, zeitigte in der Regel betretenes Schweigen mit einem Anflug von Beleidigtsein.

Da ist die Anschaffung eines Hundes doch Pipifax. Und wenn der methusalemisch unglaubliche 25 Jahre alt würde. Mit einem verächtlichen Schnauben blätterte ich um, als ich im Wartezimmer mit einem der unausweichlichen Es ist Frühling! … Garten! …. Hach!-Artikel bestraft wurde, stöhnte leise vor mich hin, legte die linke Hand auf die pochend schmerzende Schulter und erinnerte mich.

Es war Sommer.
Ich sah aus dem Fenster auf Hausdächer, Baumkronen und eine malerische Gebirgskette dahinter, wenn ich den Infusionsständer und das belegte Bett vor mir ignorierguckte. Aber auch das half nicht wirklich. An Hausdächern bin ich bis heute nur marginal interessiert, Bäume waren damals für mich einfach nur Bäume; ich befand es nicht für nötig, mich wegen eines speziellen Spitzahorns ins Koma zu freuen. Und Gebirgsketten … nun ja. So malerisch sie auch sein mögen, als Gebirgsflüchtlingin bevorzuge ich ebene Ebenen und kriege ein unangenehmes Kribbeln im rechten großen Zeh, sobald ich eines grauen großen Dinges gewahr werde, das mein Blickfeld beeinträchtigt. Wie erwartet kribbelte er, der Zeh. Ich seufzte, starrte an die Decke mit den Löchern in den quadratischen Platten und versetzte mich gedanklich in meinen Garten.

Es war übel. Richtig übel. Nicht mal wegen der Frühsommer-Meningoenzephalitis, die mich zu einem stotternden, dahinvegetierenden Schatten meiner selbst gemacht hatte – verflucht seien all die Zecken auf dieser Welt bis in ihr hundertstes Glied.
„Frau Nick? Wie geht es uns denn heute?“
„Mpf. Will nach … nach … will Hause. Will. Garten. Mein. Garten.“
„Schauen Sie, Frau Nick, Sie können ja nicht mal richtig sprechen, geschweige denn fünf Minuten lang aufrecht sitzen. Wir dürfen Sie nicht nach Hause lassen.“
„Mo?“
„Nein, Frau Nick. Wir dürfen Ihnen auch kein Morphin mehr verabreichen. Die Gefahr, dass sie süchtig werden, ist zu groß.“
Dabei war ich’s doch schon längst, wenn auch nicht nach dem weichbettenden Schmerzmittel. Aber woher konnte das die Ärztin wissen.

Wissen taten es nur meine Liebsten, die mir ein kunstvolles Gesteck mitbrachten, „Schau, alles aus deinem Garten!“, das wochenlang halten sollte, und die jedes Besuchermal Fotos zeigten. Von dicken Broccoliköpfen, anmutigen Hemerocallis-Blüten, von den drei Hunden, die sich auf dem Rasen wälzten, während meine Mutter Wäsche aufhing, von Grün und Bunt und überhaupt. Es zerrte und zehrte in mir wie an einer behangenen Wäscheleine im Sturm. Die Fotos – dessen war ich sicher – waren aus geschönten Blickwinkeln heraus geknipst. Es war nun mehr als einen Monat her, seit ich zum letzten Mal darin tätig war … das Unkraut! Die Schnecken! Die Sonne! Mein Garten!

Nein, mein Garten, wie sich später herausstellen sollte, kümmerte mein Wegbleiben nicht die Bohne. Nicht mal ein Böhnchen. Er sah herrlich aus, Unkraut war nur wenig zu erkennen, das Erwünschte wucherte fröhlich vor sich hin, das Gemüse gedieh, als hätte man es unter Laborbedingungen aufgezogen. Und dies trotz schmatzender Schnecken und sengender Sonne. Und trotz ohne mich.
Tja, mein Garten konnte problemlos ohne. Meine Hunde offensichtlich auch. Als ich, gestützt von zwei Lieben, in den häuslichen Flur wankte, wurde ich sachte wedelnd begrüßt, und dann stob es nach draußen, um dem Nachbarkläffer Paroli zu bieten. Untreues Gesocks, allesamt.

Das einzig abhängige Wesen in dieser Geschichte war und bin ich. Was mir damals durchaus zum Vorteil geriet. Als ich – inzwischen konnte ich tatsächlich zehn Minuten lang stehen, ohne mich gleich übergeben zu müssen – die Ärztin darum bat, mich zu entlassen, sagte sie kühl, weil wissend: „Wenn Sie so darauf drängen … wir haben da einen Test. Wenn Sie den bestehen, können Sie nach Hause.“ Der Test war ein körperlicher. So musste ich mich mit überkreuzten Armen an ihr festhalten, während sie mich hochzog, und andere Leibesertüchtigungen absolvieren. Ich dachte an meinen Garten, biss die Zähne zusammen und wuchs über meine damaligen kläglichen Kräfte hinaus. Die Ärztin biss ihre wissenden Zähne zusammen und unterschrieb die Entlassungspapiere: „Aber nur auf Ihre Verantwortung!“ Sucht hat ihre Vorteile.

Und so durfte ich endlich zu Hause genesen. Im Garten. Auf dem unsagbar hässlichen, aber bequemen Liegestuhl. Im Laufe der Wochen verflüchtigte sich das Stottern, entwickelte sich wieder das Gehvermögen und verfestigte sich die Erkenntnis: Der Garten kann ohne dich. Aber du nicht mehr ohne ihn. Es sei.

Ich legte die linke Hand auf die pochend schmerzende Schulter und blätterte den Dödelartikel um, als mich die nette MRT-Frau ansprach.
Der Befund war ernüchternd. Kurz bevor ich angedacht hatte, den Spinat und anderes auszusäen, meinte die rechte Supraspinatus-Sehne, sie müsse sich entzünden. So sehr, dass ich leise an Mo dachte, weil kein gängiges Schmerzmittel helfen wollte. Gerade jetzt!
Gerade jetzt, verflixt und nochmals! Mitten in der Hochsä-Gemüsesaison, in der Beet-Urbarmachezeit, im Jetzt-haben-wir-das-Unkraut-zum-ersten-Mal-fast-im-Griff-Moment. Es graute mir vor weiteren Gedanken: „Und nun wirst du über Wochen hinweg schulterlahm vor dich hinhinken, zusehen, wie deine Kartoffeln vorgekeimt vertrocknen und wie Ackerwinden sich über deinen Garten und schließlich dich selber hermachen. Wenn es böse kommt, wirst du bis zum nächsten Winter in Schockstarre verweilen. Oh Pein!“

Der Garten kicherte belustigt-sprießend vor sich hin, der letzte verbleibende Hund genoss es, mit mir das Sofa zu teilen, und im Brutapparat piepste es immer lauter vor sich hin. Dreizehn schlüpfende Velociraptoren feuerte ich an und hieß sie willkommen auf diesem unseren Erdenrund bis auf die drei, die sich die Nacht zum Tag gemacht hatten. In Ermangelung einer Glucke sprang ich beherzt ein, bot ihnen im Wohnzimmer einen kleinen Küken-Erlebnispark und tat konrad-lorenzsch. Wohl wissend, dass sie einem höheren, weil züchterischen Zweck dienen würden und mir nächstens entrissen würden.
Und so verhalf mir die böse Schulter zu vielen lieben Momenten, die mir ansonsten entgangen wären. Immer mal wieder darf eines der Aasgeierchen an meinen dahinschmelzenden Hals geschmiegt selig schlummern und sich streicheln lassen. Immer wieder beobachte ich, studiere, betrachte, sehe Federn aus dem Kükenflaum da und dort sprießen, mache Charaktere aus, verliebe mich zum fünften Male in Dieses und Jenes, bin einfach nur verzaubert ob des Wunders dieser Natur.

Die Kartoffeln sind in der Erde, Nichtgärtner sei Dank. Meine Velociraptörchen werden nächstens abgeholt. Nach einer Stunde werden sie sich nicht mehr an mich erinnern. Graugänse täten es vermutlich. Wie auch immer. Sie werden ohne mich auskommen. Genau so gut wie mein Garten.

Sind Sie sicher, dass Sie einen Garten anlegen wollen und sich leisten können? So ein Garten kann locker mehrere Jahrhunderte alt werden. Multipliziert man die Staudengärtnerbesuche mit den Düngerkosten, den täglichen Jät-Schneid-Durchgang mit etwaigen Nervenverlusten bei Nichterfolgen und dem Verzicht auf unbekümmertes Reisen (sowie helle Teppiche) mit der Verantwortung, die man sich einbildet, könnte unter dem Strich ein dickes rotes Nicht-Smiley stehen. Wollen Sie das?

Ja.

 

 

Fussnotiz:
Die Aasgeierchen sind inzwischen weg. Wie unerträglich piepsstill doch so ein Wohnzimmer sein kann …

„Immer düsse Probleemplanten“ oder Erinnerungen eines alternden Dendromanen

Gastautor: Der grosse Bruder

Als Nick mich bat, zum zweijährigen Grüntönegeburtstag einen Gastbeitrag zu schreiben, sagte ich geschmeichelt, aber mit einem leichten nervösen Kribbeln im Bauch zu. Ich wusste, was kommen würde, und es kam: Kaum war die Zusage raus, war mein Hirn leer. Nicht das Fitzelchen einer Idee, was ich denn Interessantes, Amüsantes, Kurzweiliges beitragen könnte. Nur gähnende Leere, ein reinweißes virtuelles Blatt Papier – Horror vacui. Nick war frohen Mutes: „Mach Dir nicht so viele Gedanken! Du könntest doch ’ne tolle Geschichte schreiben über Spinneneier in Staubsaugern, oder über Glücksphosphat, Regenwurmmonster und Monsternacktschnecken – sowas haste doch echt drauf!“ Danke Schwesterherz, dass du mir sowas zutraust, da muss ich mir ja garantiert keine Sorgen mehr machen.

Bleib ruhig – geh‘ erstmal ’ne Runde laufen – wenn du im Flow bist, kommen dir immer die besten Ideen. Also blieb ich ruhig, zog die Laufklamotten an und trabte erwartungsvoll und frohen Mutes Richtung Frühlingswald. Die Buschwindröschen blühten, die Vögel sangen, die Sonne schien, meine Schritte wurden leicht, die Gedanken begannen zu schweben, und die Ideen kamen wie von selbst. Alles wird gut! Zuhause geschwind unter die Dusche und dann ab an den Schreibtisch – gähnende Leere, ein reinweißes virtuelles Blatt Papier – Horror vacui.

Ich kann doch nicht mit einem Diktiergerät durch den Wald rennen! Neuer Versuch: Statt mit Laufklamotten in den Wald mit einem heißen Milchkaffee in den Garten. Ich setzte mich auf die Bank und ließ den Blick über die Grünfläche schweifen, die als Rasen zu bezeichnen niemand in den Sinn kommen würde. Der „Rasen“ ist mir ziemlich egal, mein Herz hängt an den Gehölzen, die hier stehen: die hundertjährige Schwarzkiefer, die das Haus überragt, die großen Eiben, die Krimlinde, die Waldkiefer – die wenigen, aber imposanten Überlebenden des einstigen Parks. Und all die Neupflanzungen, die ich die letzten Jahre hier verbuddelt habe und die nun allmählich heranwachsen.

Ich überlegte: Wann hatte das eigentlich angefangen mit diesem Gehölzwahn? In frühester Jugend, so die Familiensaga, nahm mein Großvater mich mit in den winterlichen Märchenwald. Dort waren zwischen den weiß verschneiten Tannenbäumen verschiedene Märchenmotive dargestellt: Hänsel und Gretel mit dem Hexenhaus, Rotkäppchen und der böse Wolf und die sieben Geißlein usw. usf. Dort angekommen, soll ich nach zuverlässigen Zeugenberichten staunend ausgerufen haben: „Oh, wie schöööön! Soooo viele Bäume!“ Folge einer frühkindlichen Prägung auf Bäume, in einem Alter, das den eigenen bewussten Erinnerungen nicht zugänglich ist? Hatte man mich womöglich in einer kritischen Prägephase im Kinderwagen unter Bäumen abgestellt? Diesbezüglich ist leider nichts überliefert, nur, dass mein großer Bruder den Kinderwagen eines Tages wutentbrannt ins Kornfeld geschoben hatte. Da muss die Prägung aber schon erfolgt sein, sonst wäre ich wohl Landwirt geworden.

Meine weitere Kindheit und Jugend verlief unter dendrologischen Gesichtspunkten ziemlich unauffällig. Am Haus meiner Eltern standen mehrere große Birken, deren Samen und Laub zu beseitigen eine Aufgabe war, die nicht zuletzt mir aufgetragen wurde. Das war eben so und löste weder Begeisterungsstürme noch Wutanfälle auf diese Bäume aus, die so viel „Dreck“ produzierten. Im hinteren Teil des Grundstücks standen noch viele weitere Birken, ausgewachsene Eschen und diverse hundsgewöhnliche Fichten. Letztere fällten mein Vater und ich und rodeten die Wurzelstubben, alles von Hand, was selbst mitten im Winter eine reichlich schweißtreibende Angelegenheit ist.

Einen irgendwie gearteten Blick oder gar Tick für Bäume hatte ich nicht. Ich ging lieber angeln, fing Flusskrebse mit der Hand und Schlammpeizger in Aalreusen, stakte mit dem alten Kahn durch den Altarm des Flusses hinterm Haus, beobachtete Eisvögel und Kiebitze, lauschte dem Platschen der laichenden Hechte und dem lauten Gemecker der Himmelsziegen, die sich von hoch oben herabstürzten. Auf den Kuhkoppeln der Bauern gab es zahlreiche Teiche: Mergelgruben und wohl auch der eine oder andere Bombentrichter. Das Wasser in den Teichen war kristallklar, mit Wasserpest und Wasserfeder, Karauschen, Fröschen und Molchen. Später hielt die Moderne Einzug: Erst schütteten die Bauern Dünger und Pestizide in die Teiche, dann Erde – so musste man nicht mehr mit dem Traktor mitten auf dem Feld Kurven fahren. Der Fluss wurde reguliert, sein Ufer in Bongassiholz gezwängt, der Altarm verkam zum Rinnsal. Damit selbiges nicht gnädig, still und leise unter Pestwurz, Kletten und anderem „Unkraut“ verschwand, kamen allsommers in Anzüge Gehüllte mit „U46 Spezial“ – einer Mischung aus 2,4-D und 2,4,5-T, auch bekannt als „Agent Orange“. Proteste der Anwohner wurden abschlägig beschieden, denn „die Reduzierung unerwünschten Aufwuchses folgt den Vorgaben der ordnungsgemäßen Bewirtschaftung von Gewässerrandstreifen“, so die amtsdeutsch unmissverständliche Belehrung der zuständigen Wasserschutzbehörde.

Ähm, ich schweife ab. Entschuldigung, das ist bei alten Leuten so, die kommen immer vom Hölzchen aufs Stöckchen. Womit wir aber immerhin schon mal wieder näher beim Thema wären.

Die unbeschwerte Schulzeit ging zu Ende, was kam, war das Studium. Natürlich Biologie (die Chemie, die lassen wir hier mal beiseite). Zum Studium gehörten Exkursionen: „Bestimmungsübungen heimischer Vögel“, im Sommer, Treffzeit stets Sonnabendmorgen 4:00 früh. Ich absolvierte das unumgängliche Teilnahmeminimum und verabschiedete mich – der frühe Vogel kann mich mal — in die Botanik. Pflanzen fliegen nicht weg und lassen sich auch zu angenehmeren Tageszeiten bestimmen. Wir schlichen also mit Buch und Lupe durch Wiesen, Felder und Wälder, über Moore und an die Meeresküste und mühten uns ab. Mir schien: Je kleiner die Pflanze, desto größer die Begeisterung der Dozenten – unvergesslich, wie einer im strömenden Regen erst die lehmige Steilküste hochkraxelte und dann auf dem Hosenboden wieder runterrutschte, in der lehmverschmierten Hand ein paar grüne Fitzelchen: „Hier! Aloina aloides! Eine mediterrane Moosart! Und das hier an der Ostsee! Eine Sen-sa-tion!“ Zweifelsohne. Auf dem Rückweg dann: „Hier stehen ein paar Esskastanien im Park – wer die wohl gepflanzt haben mag. Mediterrane Gewächse – wären das Tiere, spräche man zu Recht von Tierquälerei!“ „Ähm, aber das Moos? Und was für ein Nadelbaum steht da vorn?“ „Das ist etwas Anderes, und mit nicht autochthoner Vegetation beschäftigen wir uns hier nicht!“ Ah ja. Zuhause dann die Fragen der Verwandtschaft: „Sag mal, du studierst doch Bio – wir haben da so einen Strauch im Garten, du weißt doch bestimmt, was das ist!“ Ähm, Entschuldigung, aber möchtet ihr nicht viel lieber wissen, welche Moose da auf der Gartenmauer wachsen?

Schließlich der Blick ins Vorlesungsverzeichnis fürs kommende Wintersemester: „Bestimmung, Anatomie und Physiologie von Holzgewächsen“ – das sollte mein Kurs werden. Wir rätselten über heimische Gehölze im Winterzustand, schauten uns die Gehölze im Alten Botanischen Garten an und versuchten uns mittels des Fitschen an Nadelbäumen, von denen ich bis dato allenfalls flüchtig gehört hatte: Bei Pinus ponderosa hätte ich an Bonanza gedacht, aber nicht an mächtige Kiefern mit wundervollen langen Nadeln und imponierenden Zapfen. Metasequoia glyptostroboides – das hätte ich weder schreiben noch aussprechen können – jetzt hörte ich fasziniert von der Entdeckungsgeschichte dieses lebenden Fossils. Dazu Sequoia und Sequoiadendron – wer war bloß dieser Sequoia, und wieso wurden Bäume nach dem benannt? Und all diese Bäume wuchsen hier, in Gärten und Parks direkt vor unserer Nase und in Augenhöhe zu bewundern! Ganz bequem und ohne Frühaufstehen oder auf Knien im Morast herumzurutschen.

Unser Kursleiter erzählte enthusiastisch von seinen Reisen in die kalifornischen Nationalparks, und wir sahen Bilder von Bäumen, bei denen einem erst auf den zweiten Blick aufging, dass das „Unterholz“ aus ausgewachsenen Kiefern, Eichen und Tannen bestand. Wir erfuhren, was „Dendrochronologie“ ist, und staunten über zählebige Bäume, die an unwirtlichen Berghängen dem Tode trotzen, seit unvorstellbaren 5000 Jahren und immer noch lebendig – die Ancient Bristlecone Pines, die einmal mit eigenen Augen zu sehen ich mir damals fest vornahm.

Von da ab wars um mich geschehen. Ich verbrachte Stunden in der Bibliothek, stöberte dort in Krüssmanns „Laub-“ und „Nadelgehölzen“ und anschließend tagelang durch Botanische Gärten und Parks, immer auf der Suche nach exotischen Gehölzen. Ich entdeckte, dass nicht wenige davon in Baumschulen zu haben waren, und ich entdeckte eine Zeitschrift, in der es immer wieder spannende Berichte zu lesen gab, über asiatische Ahornarten, exotische Nadelgehölze, Gehölze der Südhalbkugel und und und (richtig – die „Gartenpraxis“). Ich schleppte Gehölze herbei oder zog die selbst aus Saat heran – zum Leidwesen meines Vaters, der mich zunehmend mit der Frage konfrontierte: „Jung, wo schall ick denn blooß noch hin mit all düsse Probleemplanten, de du hier anschleppen deist. Düsse Araukarien, Südbuchen, Spanische Tannen, Nikko-Tannen, Arizona-Korktannen, Mandschurische Walnussbäume, Ponderosakiefern, Maiglöckchenbäume, Sumpfzypressen (Ut Florida? Wenn dat man wat wart!) und wie de sünst noch all heeten mögt! Wie hebb doch bald keen Platz mehr för all dat Tüch!“ Doch, hatten wir, irgendwo fand sich immer noch ein Eckchen. Glücklicherweise gab es damals noch kein Internet, sonst hätte meine Leidenschaft wohl den Garten gesprengt. Aber heimlich war mein Vater natürlich doch stolz darauf, was sein inzwischen völlig dendromanisierter Sohn da so alles anschleppte.

Der elterliche Garten ist längst Geschichte – das Grundstück verkauft, die Bäume? Keine Ahnung, ich will’s auch nicht genauer wissen. Viel wichtiger ist, dass ich später das große Glück hatte, an ein Grundstück zu kommen, auf dem ich weiter meiner Leidenschaft frönen kann – und ich hatte das Glück, auf ein paar Reisen einige der bewunderten Bäume mit eigenen Augen am Naturstandort sehen zu dürfen. Ja, auch die Ancient Bristlecone Pines zählen dazu.

Der Kaffee ist alle, die Sonne weg, allmählich wird es kühl. Die Gedanken kehren in die Gegenwart zurück. Jemand hupt: Die Paketpost, wie immer spät dran. Ein Paket für mich – das ging aber schnell, erst letzte Woche bestellt und jetzt schon da – zwei neue Zaubernüsse: ‚Twilight‘ und ‚Duftzauber‘. Ein Eckchen ist schließlich immer noch frei.

Kreislauf

Uns ist eine mitunter äußerst praktische Angewohnheit inne: Wir sehen, was wir sehen möchten, und sehen möchten wir in der Regel Einfaches. Das nennt man dann menschliche Wahrnehmung.
Wenn ich also hier und jetzt auf dieses eine leere Blatt, das auf der groben Granitsteinplatte unseres Sitzplatztisches liegt, mit einem Kugelschreiber ein großes 0 hinkrakle, mir dabei sogar Mühe gebe, den Anfang nicht mit dem Ende zu verbinden, das Resultat in die Höhe halte und frage: „Was ist das?“, dann wird jeder wahrnehmende Mensch unwillkürlich „ein Kreis“ sagen. Behaupte ich jetzt einfach mal so.

Es könnte ja nun sein, dass ihr mir das nicht einfach so glauben wollt, ich tat es nämlich gerade selber nicht wirklich. Was also liegt näher als das: Blatt auf Holpergranit und mit Kugelschreiber bewusst nachlässig hingekrakelt, um es meinem Probanden unter die Nase zu halten. Auf dem Weg zu ihm betrachtete ich das Resultat – mit bemühter Interpretation hätte man es ein Ei nennen können, mit mehr Liebe zur Wahrheit glich es eher einem unterirdisch wachsenden Gemüse mit typischer Delle. Mist, velociraptorischer! Warum musste ich gerade heute dem Nichtgärtner von den neuen Kartoffel-Sorten erzählen, die ich zu pflanzen gedenke? Natürlich würde er spontan erinnernd „Kartoffel“ sagen und ich dürfte dann einen neuen Anfang für diesen Text finden. Mutlos suchte ich den Mann meiner Begehr, fand ihn, hielt das Blatt in die Höhe und fragte: „Was siehst du?“ Er sah das Blatt an, danach – leicht verstört – mich und antwortete: „Na. Einen Kreis. Warum?“

* * * * *

Als ich den Garten übernommen hatte, übernahm ich auch, was allgemeine Großvadders und Muttern noch wussten: „Kipp da mal ordentlich was von der schwarzen Flasche drüber, dann ist Ruhe im Blattlaus- oder Sonstwas-Karton! Und dann gibste Dünger aus, satt und viel, sonst kommt das Zeug nicht in die Puschen, sag ich dir. Dafür nimmste am besten den Gartensegen.“ (Nicht erfunden. Einen mineralischen Volldünger dieses Namens gibt es hierzulande tatsächlich.)
Nach zwei Jahren diversen Schwarzflaschengebrauchs und Nichtdüngens – da war ich, ich gebe es zu, einfach zu faul für – musste ich zum Zahnarzt.

Man wies mich ins Wartezimmer und folgsam setzte ich mich auf einen der neun transparenten Stühle. Vor mir lagen etliche Zeitschriften, die ich in meinem Leben nie lesen, geschweige denn kaufen würde, in den vier Ecken standen Kübel mit gepflegten Grünpflanzen, die nur deshalb so gut gediehen, weil sie stinklangweilig waren. Nach fünf Minuten tat mir der Popo weh. Nach sechs griff ich leise seufzend zu einer magersüchtigen Frauenzeitschrift, ließ die neusten Must-haves und Trends über mich ergehen und blätterte dann um.
Kaum hatte ich die Wörter „Buch“, „gärtnern“, „genial“ erhascht, sah ich das Bild eines Buchdeckels mit einem unverschämt sympathischen Menschen drauf und war auf Anhieb platonisch verliebt. Hastig verschlang ich die lobeshymnische Rezension und sah drohend-augenbräuig zur Praxisgehilfin auf, die kurz vor dem letzten Satz meinen Namen ins Zimmer zu rufen gewagt hatte.

Ohne Löcher, mit leichtem Parodontose-Befund und glücklicher Ahnung im Herzen düste ich nach Hause und hielt eine Woche später erwähntes Buch in ehrfurchtsvollen Händen.
Einer Zahnarztpraxis habe ich den Wendepunkt in meinem Gartendenken und -trachten zu verdanken. Unsexy, aber nachträglich nicht zu ändern.

* * * * *

Der unverschämt Sympathische hieß Monty Don und tut das immer noch (sympathisch daherkommen und heißen). Und selbst heute, mehr als ein Jahrzehnt später, hat dieses eine seiner Bücher einen speziellen, raumgreifenden Liegeplatz in meiner Gartenbibliothek inne und wird immer mal wieder hervorgeholt, liebevoll gestreichelt und andächtig durchgeblättert.

Nachdem ich das erste Drittel zum ersten Mal gelesen hatte, packte ich kurzerhand alle Schwarzflaschen und sowieso unnötigen mineralischen Dünger zusammen und schenkte sie einem Bekannten, der sich so sehr darüber freute, dass ich peinlich berührt anmerkte: „Du, ich hätt das Zeug sonst einfach weggeworfen. Keine große Sache also.“ Er sah mich – leicht verstört – an und umarmte mich dann aufs Herzlichste.
Tja. Biologisch zu gärtnern macht glücklich.

Da stand ich also, rührte selbstvergessen in meiner ersten Brennnesseljauchenpampe und hatte eine leise Ahnung von dem, wonach ich künftig sehnsüchtig zu trachten gedächte: Dem Kreislauf. Dem perfekten, weil natürlichen. Dem einen ultimativen Perpetuum-mobile.
So stetigmobil jedoch war meine Jauche nicht, da konnte ich noch so gleichmäßig drin rühren: Die Brennnesseln kamen zwar aus meinem Garten, aber das Wasser, mit dem ich die Jauche ansetzte, plätscherte aus dem häuslichen Wasserhahn und nicht aus der Regentonne. Die erste zarte Delle im Kreislaufkreis.

Um mich abzulenken, konzentrierte ich mich auf das Wild. (Vielleicht wird sich an dieser Stelle jemand fragen, warum ich anstelle der Ablenkung nicht einfach ein paar Regentonnen aufgestellt hatte. Die Frage ist gut.) Das kleine und ganz kleine Wild meine ich, Blattläuse, Virbakterien und so. Und es war, wie mir meine beste Schwiegermutter aller Zeiten prophezeit hatte: „Nach dem Umstieg auf Bio wird es etwa drei Jahre dauern, bis sich der Garten eingependelt hat, aber das Warten lohnt sich.“ Es dauerte exakt drei Jahre, in denen ich mich mitten in Johannes’ Offenbarung wähnte. Es regnete so viel Blattlauspipi vom Wisterienhimmel, dass man nach einer Stunde Sitzplatzaufenthaltes karamellisiert von dannen ging. Unzählige Bösewichtel – von Dickmaulrüsslern bis zu dicken Maulwurfsgrillen – flogen von weither und krochen aus tiefsten Erdschichten herbei, um sich auf die wehrlosen Opfer zu stürzen, und der jämmerliche Pflanzenrest pilztaurostete in allen Formen und Farben. (Der Bequemlichkeit halber habe ich die Pilze zur Fauna gepackt. Das ist der Vorteil an Literatur: Da darf man so was.)

Im vierten Jahr war der Spuk vorbei, als hätte jemand auf einen Schalter gedrückt. Und es begann sich der zweite Teil der schwiegermütterlichen Prophezeiung zu erfüllen: „Und von da an wirst du jedes Jahr neue, willkommene Tierchen in deinem Garten sehen.“ Und dem ist bis heute so. Kein neues Jahr ohne neue Schmetterlinge, kein neues Jahr ohne ein neues Schädling-fressendes Krabbeltier, dem ich auf allen Vieren so staunend wie hocherfreut begegne. Ein kugelrunder Kreislauf, wären da die Schnecken nicht gewesen.

Es hätten sich diesbezügliche Nützlinge eingefunden, bloß wurden sie von meinen konventionellen Hunden dermaßen angekläfft, dass sie so panisch wie taub geworden die Flucht ergriffen.
Hunde sind nicht gartenförderlich.
(Außer für den Rasen. Keiner in der Nachbarschaft hatte stickstoffwechselbedingt so einen dunkelsattgrünen strotzenden Rasenteppich wie ich. Wenn auch mit Flecken. Aber der unbefleckte Rest war Hammer.)
Die zweite, sehr große Delle in meinem Kreis: Das Schneckenkorn.

Und spätestens dann denkt man an die Erde. Und das Düngen, wobei wir wieder beim ersten Punkt wären – selbst hier im Text läuft es im Kreis.
Der einfachste aller Kreisläufe ist der Kompost. Man gibt der Erde zurück, was man ihr genommen hat, eine kugelstrunde Sache also. Denkt man, löffelt selbstvergessen eine Avocado aus und wirft die Schale in den Komposteimer, der mit einer kompostierbaren Tüte aus Maisstärke versehen ist. Ups. Nicht von hier. Beides nicht von hier. Der Kreislauf hat inzwischen sehr große Dellen und sieht aus wie eine Kartoffel.

Als beste Dellenglätter überhaupt dienen mir meine über alles geliebten Velociraptoren. Nebst Gras, Vergissmeinnicht, Fingerhüten, Campanula poscharskyana sowie Waldmeister vertilgen sie auch Schnecken. So erfolgreich, dass dieses Jahr die Rittersporne ungetrübt ihre Triebe treiben, ohne dass ich auch nur einen Krümel Schneckenkorn in die Hand genommen hatte. Außerdem verdanke ich ihnen einen „Gartensegen“ der hausgemacht ist und einfach so, an nötiger Stelle aus ihrem Popo fällt, während sie gerade eine Wanze oder ein Rosenblütenblatt vertilgen.
Nur … dieser Kreis läuft auch nicht so geschmeidig rund, denn vieles, was hinten raus kommt, stammt nicht aus diesem Garten. Aus der Kartoffel ist inzwischen eine Spirale geworden.

Bliebe noch der eine letzte, wirklich perfekte Kreis: Aus dem Federpopo kommt ein anderer Segen und aus dem wiederum irgendwann ein Raptorenbaby. Bis zum „Irgendwann“ braucht es aber mindestens eine Glucke, die drei satte Wochen lang nichts anderes tut, als die Eier zu wärmen und regelmäßig zu drehen. Ihr ahnt es. Keine meiner Mädels meldete ein Interesse an, nicht mal zu Ostern.
Und so brütet mit leisem Brummen ein elektrischer Apparat links neben meinem Schreibtisch vor sich hin. Immerhin ist er rund wie ein Ei.

* * * * *

„Hallo? Waru-hum!“ rief mir Nichtgärtner hinterher.
„Das wirst du bald sehen!“ rief ich zurück, setzte mich wieder an den Granittisch, legte das Blatt neben den Laptop, betrachtete die selbst gezeichnete spiralige Kartoffel und gluckste zufrieden.

Seifenoper

Eine leere Fläche neu zu gestalten ist wie Schreiben. Eine eigentümliche Mischung aus sorgsam durchdachtem Planen, Bauchgefühl, Zweifel, Zufall und Zufall.

Stehe ich vor einem leeren Beet(bereich), so passiert sehr oft Ähnliches. Nachdem ich Tage, wenn nicht Wochen am Plan gefeilt, schließlich die dafür benötigten Pflanzen gekauft habe und nun, in dem einen großen Moment mit Handschaufel, zig Töpfen und ohne den Pflanzplan (der ist gerade im Haus, meine Schuhe dreckig und ich zu faul) loslegen will, kommen die Zweifel.
Frischgeschlüpften klitzekleinen Spinnen gleich landen sie an hauchdünnen Fäden segelnd mitten in meinem Denken. Ich wische wirsch weg, lege die Töpfe aus, senke den Blick und trete einige Schritte zurück. Erst jetzt erlaube ich es mir, richtig hinzusehen und zu richten. Zögerlich hebe ich den Blick und sehe … als erstes zwei Töpfe, die umgekippt und runtergerollt sind. Ja, ich bin Fast-Hanggärtnerin; nahezu alle meine Beete haben eine gewisse Schlag- bzw. Rollseite. Ungeduldig gehe ich zurück, mosere über die Doppeldeutigkeit des Wortes „richten“, haue die Rolling Pots in den Boden und wiederhole die Prozedur. Die Spinnen des Zweifels – inzwischen dick und fett – schütteln unisono den achtäugigen Kopf.

Nach einer halben Stunde des Töpfchen-Hin- und Töpfchen-Hersetzens gehe ich ins Haus (trotz der dreckigen Schuhe), hole mir je nach Tageszeit einen Kaffee oder Wein, komme wieder raus, stelle mich vor die unschuldig dastehenden Töpfe und trinke mir Mut an: „So. Punktum. Jetzt sammelst du die Pötte zusammen und pflanzt aus dem Bauch raus. Wenn’s schief geht, kannst du immer noch umsetzen. Hopp!“

Und während dieses blind vertrauenden Pflanzens rollt mal wieder so ein Pott runter und man findet:„Och, hast eigentlich recht. Hier stündest du viel besser!“ Es trifft die Schaufelspitze beim Graben auf einen Kiesel, der sich nach mehreren Grabversuchen als Eisbergspitze eines Findlings entpuppt, also muss das andere Staudenkind mehr links hin als gedacht. Und weil man beim Einpflanzen die Velociraptoren mit fünf Händen wegschieben muss: „Würmer! Würmer! Würmer! Und anderes Kleinzeugs! Würmer!“ und sie mit Vorliebe in jedes geschaufelte Loch hüpfen, lässt man sie marodieren und gräbt heimlich ein Loch an anderer Stelle. Schwupps, drin ist der dritte Topf. So und ähnlich geht es weiter, bis man mit dem letzten Teil dasteht, die Augen schließt und den Arm glücksradmäßig kreist, sie öffnet, weil gerade eine Elster keckernd über den Kopf schießt, und dem stehen gebliebenen Zeigefinger folgt: „Passt. Da ist noch nix.“

Es ist schon vorgekommen, dass solche bäuchigen Zufallspflanzungen letztlich dem vergessenen Plan (im Haus und Kopf) erstaunlich ähnlich sahen.

Vielleicht hat es zwischen den Zeilen hervorgelugt: Jungfräulich nackerte Beete sind nicht wirklich meins. Auch wenn ich mich jetzt auf sehr dünnes Eis begebe: Würde mir eine gute Fee einige Hektaren an Brachland vorschlagen, die Arme verschränken, die Augen zudrücken und …, würde ich sie im letzten Moment davon abhalten, den finalen Kopfnicker zu tätigen. „Halt ein, Jeannie! Könnten wir evtl. darüber verhandeln?“

Es sind gewachsene Beete, die mein Herz höher schlagen lassen. Es sind dies keine Beete, sondern dicke Wälzer voller gesammelter Erinnerungen: Die eine unmögliche Ausläufer treibende Wucher-Rose „Orpheline de juillet“ kam dereinst als kleines Stecklings-Waisenmädchen daher, das alle Herzen schmelzen ließ. Das andere große Mädchen, den Ginkgo „Mariken“ verdiente ich mir, weil ein welscher Freund Schweizerdeutsch lernen wollte. Das weiße Tränende Herz kaufte ich, ohne etwas davon zu ahnen, in derselben Stunde, in der eine liebe Freundin starb. Den Wiener-Krachmandel-Baum schickte mir ein Wiener in einem kleinen, krakelig beschrifteten Couvert in Form einer … na, eben Mandel vor sechs Jahren. Kurz, nachdem ich meine ersten Astern dumosus gesetzt hatte, setzte ich mich selber hin und las Kurzgeschichten von Stefan Zweig, um im Nachwort auf den Namen zu stoßen, den ich eben gesetzt hatte: Professor Doktor Anton Kippenberg. Beim Pflanzen der linken Ilse Krohn hätte ich beinahe ein Stromkabel gekappt und so weiter.

Es sind dies keine Beete, sondern Lebensort voller mehr oder weniger glücklich erzwungener und gewählter Nachbarschaften. Letzten Endes sind sie nicht viel anders als das Quartier, in dem ich wohne. Die einen arrangieren sich, andere knüpfen enge Freundschaften und wieder andere machen sich das Leben schwer. Während das Leben die Seifenopfern in meinem Quartier schreibt, tue ich dasselbe in meinen Beeten. Da ich mindestens einmal täglich nahsehe, kriege ich alle Romanzen, Intrigen und Dramen mit.
Wenn jetzt wer denkt, ich fühlte mich gut dabei, Gott zu spielen, Streitereien zu schlichten, amouröse Avancen zu fördern, Intriganten zu bestrafen und der ästhetischen Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen, dann hat mich wer erwischt:
Ich liebe es.

Wer sich in der Seifenopern-Szene auskennt, weiß von der allgemeingültig herrschenden Maxime: Solange die Einschaltquoten stimmen, soll es kein Ende finden. Tja, wenn der Autor zugleich für diese Quoten sorgt, rückt ein Ende in fernste Nähe.

Der unerwartete Tod der königlichen Salix caprea „Kilmarnock“ vermochte sowohl die Zuschauerin als auch die Autorin zu schockieren. Über mehrere Staffeln hinweg war sie fester Bestandteil, wenn auch nicht immer sehr sympathisch. Was sollte mit ihrem Halbschatten-Fußvolk geschehen, das wegen ihres Dahinfallens nun plötzlich der sengenden Sonne ausgesetzt war?

Es ist keine zwei Wochen her, als ich beglückt hüpfend durch die Quartiere strich, um mir einen Überblick über die Besetzungslisten zu machen. Meinen zwei Liriope muscari gebührte eine Hauptrolle in meiner Schattensoap, weil immergrün und immerlieb. Das gebeutelte Mauerblümchen Phlox divaricata, dessen Schwester vor zwei Jahren schneckig und hinterrücks gemeuchelt worden war, wurde in Green’s Anatomy übersiedelt, dem Hochbeet für Gefährdete. Zum Trost setzte ich ihm das Veronicastrum villosulum zur Seite – die beiden mögen sich seit der letzten Staffel ungemein. Bei den drei zwergigen Waldgeißbärten war ich mir lange Zeit unsicher, bis sie die Initiative ergriffen hatten und sich einen Platz im Farnwehbeet erbettelten. Es sei. Korrekter: Es sei sein gewesen. Jedenfalls ist es jetzt so. Sollen sie sich mit dem Frauenhaarfarn rumstreiten – mal gucken, wer renitenter ist.

Und während ich noch anderes aus Kilmarnocks Reich umsetzte und damit neue Geschichten schrieb, ritt mich der Umsetzteufel ein paar unerwartete Tage lang länger.
Es waren gute Tage.
Ein leeres Blatt mit Wörtern zu füllen ist wie die Neugestaltung einer leeren Fläche. Eine eigentümliche Mischung aus sorgsam durchdachtem Planen, Bauchgefühl, Zweifel, Zufall und Zufall. Doch anders als beim Gärtnern gibt es für mich beim Schreiben nichts Schöneres als das:
das leere Blatt.

 

 

Zoom

„Komm! Schnell! Das musst du dir anschauen!“
Nichtgärtner blinzelte ungemach. Wohlahnend.

Hätte es sich um einen spektakulären Sonnenuntergang gehandelt oder darum, dass es der Velociraptorengockel nach einjährigem Üben endlich aufs Hausdach geschafft hatte, wäre ein frisch gefangener Hecht vor der Türschwelle gelegen oder hätte gerade ein Flashmob vor unserem Haus stattgefunden, wäre drängelnd nachgeschoben worden: „Kein Gartenzeug diesmal. Ich schwör! Komm jetzt!!“
Seufzend, denn es wurde nicht nachgeschoben, streifte er sich eine Jacke über und trottete mit nach draußen. Er wusste, was nun kommen würde und konnte nur mit großer Anstrengung seine unbändige Vorfreude zügeln. Nick hatte mal wieder einen halben Millimeter-Austrieb von irgendwas erspäht und musste nun ums Verrecken die Freude darob mit jemandem geteilt wissen.

Es nieselschneite und ein beißender Wind pfiff ihm über und um den Kopf. Die Frau vor ihm wedelte verkehrspolizistenartig mit den Armen, um ihn an den richtigen Stehplatz zu dirigieren. „Und jetzt … schau!“ Gespannt sah sie in sein Gesicht.
„Hab ich schon gesehen.“
„Was jetzt.“
„Na, diesen ersten orange blühenden Krokus und das andere Ding in Violett.“

Ich war tief beeindruckt. Die beiden saßen nebeneinander, in ihrer Winzigkeit gänzlich verloren, geradezu verschluckt vom riesigen Beet mit seinen trockenen Staudenstängeleien. Von der Gartenautobahn aus sah man sie nur, wenn man von ihrer Existenz wusste. Und von dieser konnte man nur wissen, wenn man bewusst abgebogen war, sich vors Beet gestellt und die Augen aufgerissen hatte.
Und als ob das nicht gereicht hätte, schob er andächtig nach: „Die sind wirklich sehr hübsch, hab ich schon beim ersten Mal gedacht.“
Dies von einem Mann, dem es nicht auffallen würde, wenn ich ihn eines Abends mit blondierten Haaren begrüßen täte. (Was er vehement bestreitet und meint, ich würde da doch etwas gar übertreiben. Tu ich nicht, hatte bislang aber auch kein großes Bedürfnis, es mit einem Gang zum Friseur zu beweisen.)

Dieser orange-violette Vorfall brachte mich dazu, eingehender nachzudenken. Über den Blick. Wie oben schon angedeutet, konnte man von besagter Gartenautobahn aus die bunte Winzigkeit nur dann erkennen, wenn man vom Zufall erschlagen worden oder mit dem einen speziellen Blick ausgestattet war, den ich nur – doch, so elitär kann ich durchaus sein – Gärtnern zuerkenne: Dem Zoom-Blick.

Dass ich zoome, ganz besonders zwischen Dezember und März, wurde mir erst so richtig bewusst, als ich mir mal vorstellte, was wohl ein etwaig beobachtender Nachbar denken mochte. Darüber, dass die seltsame Frau heute wie schon jeden geschlagenen Tag zuvor vor denselben Quadratmetern Braungrau steht, in leicht gebeugter Haltung, abwechselnd stirnrunzelnd, lächelnd oder den Kopf schüttelnd … mi-nu-ten-lang. Und dann geht die ein paar Schritte weiter und wiederholt dieselbe Prozedur.

Nun, jeder Gärtner weiß genau, was in diesen Minuten geschieht. Der Blick ist zuerst einmal ein schweifender. Man streift über noch nicht geschnittene Stängel, nackte Erde, Laub auf der Erde, etwaige Immer- oder Wintergrüne und bleibt an etwas Neuem kleben. Könnte es? Ist es? Es ist. Der dunkelhalmige Gruppenaustrieb, gerade mal mit der Nase über dem Erdreich, verkündet künftig süße Kroküsschen. Es ist, als hätte jemand an den Augen gedreht, denn plötzlich erhaschen sie unzählige weitere solcher, bisher geschickt camouflierter Gruppen. Wohlgemerkt: Wo man vorhin nur Graubraun gesehen hat. Dunkel steigt die Erinnerung empor … Leucojum aestivum, Narcissus triandrus „Thalia“ … die hatte ich doch irgendwo da gesetzt. Oder so. Der Blick wird schärfer und schärfer, Scheinwerfern gleich gleitet er über die Tonhumuskomplexe und wird fündig: Ha! Fünfzehn Iris „Katherine Hodgkin“, unverkennbar fett und von nobler Blässe stoßen sie ihre abgerundeten Spitzen aus dem Boden. Aber wo sind denn nun die anderen (Leucojum, Narcissus und restlichen Iris)?

Andere Menschen sehen einfach eine dämliche dumm und zweckfrei Dastehende,
übersehen aber auch an scheinbar totem Holz die ersten Knospen, weil meistens dunkel gefärbt. Und sähen sie sie, würden sie achselzuckend dran vorbeigehen, denn sie sehen nicht, wie etwas graubraun Dunkles in zwei Wochen, einem Monat, einer halben Saison daherkommen wird. Hatte ich früher a.h. (= ante hortum) auch nicht. Wie auch.

Zoomende Gärtner stehen einfach nur da und erfreuen sich am üppigen Bild, das sich vor ihrem Geist eröffnet. Die Kusshälmchen werden sich nächstens in bunte Farbklekse verwandeln, die verrunzelten Blättchen des Aconitum carmichaelii, zusammengezogenen, violett gefärbten Velociraptorenfüßen gleich, werden mit dunkelgrün glänzendem Prachtlaub und viel später mit anbetungswürdigen Helmblüten aufwarten, das Nichts dort drüben wird irgendwann im Juni austreiben, aber dafür Klobrillen-große Blätter produzieren.
Und so kann man vor Braungrau stehen und selig vor sich hinlächeln.

Vor einer Woche durfte ich einen Fremdgarten kennen lernen, der eine Klimazone tiefer und ein paar Kilometer nördlicher liegt als meiner. Anders als in meinem einen orange-violetten Einzelfarbenrausch passierte da noch nicht viel, wenn nicht gar gar wenig. Wir beide, die Besitzerin und ich, hatten für den Gartenrundgang eine großzügig bemessene halbe Stunde veranschlagt. Denkste. Zwei Zoomerinnen Schulter an Schulter trotzen jedem noch so eisigem Nordwind und scheinbarem Nichts. Hätte uns da jemand beobachtet, hätte dieser wohl nur noch den Scheibenwischer gemacht.
Verzaubert zentimeterte ich hinter der Fremdgärtnerin her, hörte ihren Ausführungen begierig zu und löcherte sie mit Fragen.
Stille herrschte beiderseits, als wir beim winterlichen Prunkgemälde angekommen waren: In zwei schmalen Parallelbeeten tanzten panaschierte Carex „Ice Dance“ anmutig-halmig mit dem Wind, begleitet von dunkelgrünlaubig gelbblühenden Helleboren. Ein Anblick, der mir den Atem raubte.

Insbesondere diese Gelblüher. Anbetungswürdig. Wobei Helleboren an und für sich immer anbetungswürdig sind. So sehr, dass ich meinen nicht nur schamlos unters Röckchen gucke, sondern sie kurzerhand köpfe. Wer mindestens eine Helleborus-Blüte genau (und ich meine das „genau“ sehr genau) studiert hat, weiß, dass das Leben einen Sinn hat. Aus diesem Grund habe ich in dieser Zeit immer eine Wasserschale, bestückt mit bunten Ebensolchen, auf Augenhöhe. Auf dem Klo.

Nun gibt es Leute, die verschämt kichern, wenn man das so nonchalant erwähnt, was mir in all meinen vergangenen Lebensjahren ein Rätsel war und bis heute geblieben ist. Das Klo gehört zum Leben dazu. So. Und während ich zu diesem Sitzen genötigt bin, habe ich das dringende Bedürfnis, entweder zu lesen, zu lernen oder etwas Interessantes anzuschauen. Das eingehende Studium von wasserschalig dargebotenen Helleborenblüten gehört in alle drei Kategorien gleichzeitig. (Später im Jahr sind es gewohnheitsgemäß Pfingst- und andere Rosenblüten. Und Zeitschriften. Und Shampoo- oder andere Flaschen.)
Sie, die Hellis, sind schon überragend schön, wenn man sie nur mal eben so nebenbei mit geübtem Handgriff hochhebt und reinschaut. Hat man aber die sitzende Muße, richtig hinzuschauen, hüpft das Herz bis in den Hals, um kurz darauf ehrfürchtig in Richtung Waden zu rutschen. Die Kelchblätter, die sich geschickt als Blütenblätter tarnen, liegen da wie eine Schale, in deren Mitte sich die unter dem betrachtenden Atemhauch erzitternden Frucht- und Staubblätter von mehr oder weniger gerüschten Nektarien umringt sehen. Wunderwerke, mal getüpfelt, aquarellig farbverlaufend oder präzise umrandet … jedes Mal entdecke ich beim Pinkeln was Neues.

Nicht auf dem Klo, sondern auf dem Romantischen Sitzplatz (so unglücklich hatte ich den einen unter der Glyzine benannt) vermochte mir meine Schwester letzten Sommer ein Zoom-Erlebnis der ganz besonderen Art zu eröffnen. Das eine sensationelle Geranium himalayense trug die erste Blüte in meinem Garten. Weil meine Schwester es wert war, guillotinierte ich sie kurzerhand und übergab sie ihr zum anbetenden Studium. Sie nahm sie behutsam in ihre Hand, studierte sie minutenlang, hielt sie zitternd in die Sonne und rief: „Nick, das musst du dir anschauen! Komm! … Schnell!“
Ich drückte die Zigarette aus, eilte um den Tisch und ignorierte das empörte Gegacker von Gloria, die eben zwischen meinen Füßen eine Siesta einzunehmen gedacht hatte.
Die dunkelvioletten Adern leuchteten in glitzerndem Barbie-Bling-Bling, unterlegt von einem Meer aus Weiß-Rosa. Verzaubert schauten wir Kopf an Kopf in dieses Kaleidoskop und konnten uns nicht satt sehen.

Man kann alleine zoomen. Keine Frage. Zu zweit ist es aber ungemein schöner:
„Hammer! Sag ich dir! Gerade ist die Iris reticulata „Halkis“ aufgeblüht! Ich hau mich weg! Musst du gesehen haben!
Nichtgärtner blinzelt ungemach. Wohlahnend.

 

Bemerkung in eigener Sache:
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Purgatorium

Jetzt mal angenommen, ich stürbe und gewisse Kirchenväter hätten tatsächlich Recht, dann wäre es relativ unwahrscheinlich, dass ich in die Hölle käme. Schätze ich jetzt mal. Weil ich aber nicht frei von Sünde bin – da brauch ich gar nicht erst lange zu schätzen –, käme ich an einen Zwischenaufenthaltsort, und zwar ins Purgatorium.
Ich möchte mich nicht im Ton vergreifen, aber mir kommt dabei immer eine Waschküche mit überdimensionaler Waschmaschine mitten drin in den Sinn, denn schließlich ist die wörtliche Übersetzung von Purgatorium Reinigungsort.

Die Waschküche passt für mich persönlich auch aus anderem Grund besser als die geläufige, aber meines Erachtens irreführende Übersetzung Fegefeuer. Nicht nur, dass ich mich ungern in meiner aufhalte, weil sie winters zu kalt und sommers zu dunkel ist, ich befinde mich währenddessen auch in einem ständigen Zustand der Reue. Oder vielleicht eher des evolutionären Vorwurfs, der ja auch eine Art Reue ist: Hätten wir unser Fell behalten dürfen, bräuchten wir auch keine zu waschenden Teile. Aber nein, uns blieben nur klägliche Rudimente, die sich die meisten auch noch regelmäßig vom Leib reißen. Und während des Reißens? Genau. Die Reue.

Um nichts weniger als Reue geht es im Purgatorium: Aus tiefstem Herzen haben wir unsere Verfehlungen zu bereuen. Und es zu bereuen, dass wir die Gegenwart des Himmels zwar schon erahnen, aber noch nicht in denselbigen eintreten dürfen.
Das Fegefeuer ist ein gutes Sinnbild für diesen Zustand, eine Waschmaschine im Schleudergang tut es aber, wie ich meine, eben so.

Oder meine Gartenhütte.
Sie ist aus Holz und groß, hat einen Zementboden, elektrisches Licht und drei funktionierende Steckdosen, ein Giebeldach, ein fahles Außenlicht und eine schwarzlasierte Fassade mit Querleisten, die südwestseitig im Begriff sind, sich unaufhaltsam aufzulösen. An den dünnen Wänden sind intelligente Vorrichtungen, in die man Gartenwerkzeuge mit Stiel klemmt oder drückt, und große Nägel, auf die man Stangen legen und anderes hängen kann. Unten wie oben ist ein kleiner Spalt frei, so dass sich Vögel oberseitig und Pfefferminzen-, Efeu- und andere Ranken unterseitig hineinverirren können. Rechterhand der Türe befindet sich ein plastikerner Schrauben- und Nagelschubladensetzkasten mit Inhalten, den ich bis heute habe hängen lassen. Die Idee fand ich bestechend, bisher benutzt hatten ihn jedoch nur diverse Gliedertiere.

Hätte ich die Gartenhütte leer angetreten, wäre sie vielleicht nicht zu meinem Purgatorium geworden. (Der Satz ist so jenseits falsch, dass er mich gerade zu schallendem Gelächter veranlasst hatte. Nur deshalb lasse ich ihn stehen. Und weil er ein guter Übergang zum nächsten ist.)
Aber nein, mit dem Haus- und Gartenhüttenkauf erbten wir auch einen Wust an beeindruckenden, mehr oder weniger verrosteten Gerätschaften, deren Zweck sich mir bis heute nur fast zur Gänze erschlossen hat. Und danebst einfach nur Müll, doch der musste erst als solcher erkannt werden. „So viel Platz!“ rief ich aus, als wir die verwitterte Türe zum ersten Mal öffneten und hineinsahen, „Und so viele Werkzeuge, die ich nicht mehr kaufen muss – das ist ja himmlisch!“

Zwei Jahre später war von diesem Himmel nur noch ein hustendes Wölkchen übrig. Das Gartenhäuschen war bis obenhin vollgestopft, mit Mühe konnte ich den Rasenmäher rauspfriemeln und das Verlängerungs-Kabel finden, das in die verdreckte Steckdose gehörte. Auf der To-do-Liste stand es zuoberst: „Gartenhütte räumen“ Es verblieb da oben. Lange.
Erstaunlich, wie lange man mit Widrigkeiten umzugehen weiß. Dass man tatsächlich noch was findet in einem zusammengewürfelten Sammelsurium aus Chaos. Wie ruhig man bleiben kann, wenn man mal wieder etwas umstößt, in etwas reintritt, umfällt und beim Festhalten runterreißt.
Eines Winters wurde es mir zu bunt.
Auf blütenweißem Papier zeichnete ich maßstabsgetreu den Grundriss hin und ging die Sache strategisch an.

Nach zwei Wochen war das Gartenhäuschen außen mittel- und innen hui. Das Hui lag unter anderem daran, dass ich zur selben Zeit zwei Möbel zu viel hatte, die im Herrenhaus nicht mehr erwünscht waren: Ein sehr langer, wackliger Schreibtisch und eine hässliche kleine Kommode. Luxusgüter für das Gartenkabuff. In die Kommode steckte ich Fressbares wie Hornspäne, Dünger, Rasensamen, nicht Stapelbares wie Vliese und Sackleinen und den Tüddelrest. Unter den Tisch kamen große Töpfe (die kleineren saßen gestapelt auf den bereits vorhandenen Regalbrettern) und sonstiger Rest; die Tischplatte blieb jungfräulich leer, damit ich dort vielleicht mal topfen würde oder so.

Und so blieb es. Drei Wochen? Vier? Egal: In kürzester Zeit sah es dort drinnen wieder aus wie bei Hempels unter fünf Sofas.
Die Kommodentürchen ließen sich nicht mehr richtig schließen, die Tischplatte war übersät mit geschichteten Dingen auf drei Wackeletagen, öffnete man die Tür, musste man erst mit dem Fuß beiseite schieben und dreimal fluchen.
Natürlich habe ich mich und mein Verhalten hinterfragt: „Wie kann es sein, dass ein mit Hirn ausgestatteter Mensch keine Ordnung aufrecht zu halten vermag?“ Ich meine, jetzt mal im Ernst, da ackert man wie blöde, räumt auf, um und ein. Das möchte man sich doch erhalten, da ist man doch nicht Sinnens, dieses Werk in Nullkommazwinker zu zerstören.
Ich bin es offenbar.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich aus rein dramaturgischen Gründen die vier furchtlosen Aufräumearbeiten vor der großen Umgestaltung unterschlagen habe. Dasselbe gedenke ich mit den dreien fruchtlosen danach zu tun. Erwähnung finden müssen sie trotz alledem.
Was hiermit geschehen ist.

Vielleicht kennt, wer hier liest, den Film Und täglich grüßt das Murmeltier. Es ist dies ein Schenkelklopfer, eigentlich nichts anderes als eine weitere 0815-Hollywood-Produktion, aber doch fegefeuerig wahr. Der mürrische Protagonist Phil durchlebt denselben skurrilen Tag wieder, wieder und wieder. Ich habe nicht nachgezählt, aber es sind etliche Wieders, an denen ihn jeden Morgen der Radiowecker mit demselben Lied (I got you babe von Sonny und Cher) weckt, nach dem der Sprecher zuverlässig dasselbe übers kommende stürmische Schneewetter sagt.

An diesen Film hatte ich gedacht nach dem so und so vielsten Mal Aufräumen. Ohne „I got you babe“, aber mit dem Öffnen der Tür und Ausrufen: „Mein Gott, du Babe!“ (Babe ist Schweizerdeutsch für weiblicher Dussel.) und es ging mir dabei ähnlich wie Phil: Nach diversen fruchtlosen Selbstmordversuchen … morgens war ja wieder alles wie gestern … resignierte er stillschweigend.
Zur Klarstellung: Nein, ich wollte mich wegen des Kabuffs nie wirklich entleiben. Aber auf den Zeiger ging mir die Situation. Und zwar gehörigst. Es folgte also Resignation.

Es gibt Momente, in denen man im Herrenhaus urplötzlich einen Kleiderschrank zu viel hat. Es sind seltene Momente, fürwahr, aber sie kommen vor. Mein Moment kam Anfang Januar vor. Nun stand ich also im Schlafzimmer, war am Aufschrauben und Auseinandernehmen und suchte verkrampft nach einem Verwendungszweck. Er musste schnell gefunden werden, ansonsten würden die Schrankteile wohl oder übel auf dem Dachboden landen. Dort wollte ich das sperrige Zeug aber nicht, weil ich im Dezember zwei hart erkämpfte Wochen damit verbracht hatte, eben diesen Dachboden piekefein aufzuräumen (mein drittes Purgatorium).

Kniend, das Gesicht knapp über dem Boden, linsten meine Augen nach einer runtergefallenen Schraube. Als ich sie gefunden hatte, war mir klar, was zu tun war.
Und so war ich kurz nach dem Zerlegen mitten im eindritteligen Ausräumen des Kabuffs, damit der Schrank vor Ort zusammengebaut werden konnte.

Ich fuhr die Schubkarre voller angerotteter kleiner Zaunpfähle zum Kompostplatz, etliche Töpfe und unzählig viel Zeug, dessen Namen ich nicht kenne. Bei der zehnten Ladung begannen dicke Flocken vom Himmel zu schweben. Das muss man sich mal vorstellen. Flocken! Den ganzen geschlagenen Winter kam nix runter außer Regen, nicht mal die Ahnung von Schnee. Aber nein, an diesem milden Sonnenstrahlscheinemorgen musste er kommen. Gewartet hatte er hinterlistig, bis ich so viel rausbugsiert hatte, dass es sich nicht mehr lohnte, es wieder reinzuschubsen. Fegefeuer passt da wirklich nicht.

Diese Woche kam Gartenbesuch. Als erstes steuerte der Mensch meine Kompostjungs an, um sie anzustechen und an ihnen rumzuschnüffeln. An jedem anderen Tag hätte mich das dahinschmelzen lassen, wäre ich stolz wie eine Mutter dagestanden und ganz still gewesen, um den zauberhaften Moment nicht zu zerstören.
Ungeduldig zupfte ich ihn am Ärmel und wies ihn an, mir zu folgen: „Das musst du gesehen haben!“ Zeremoniell öffnete ich die knarzend-ächzende Tür, rannte nach hinten zum Kleiderschrank, öffnete die rechte Tür und meinte: „Na?“
Der Besuch sah sorgsam aufgestapelte Töpfchen, strikte nach Größe geordnet, jeder Quadratzentimeter aufs Äußerste ausgeschöpft, nickte anerkennend, als mir dämmerte, dass gerade er einer war, der stets (stets!) ein aufgeräumtes Kabuff sein eigen nennt.

Er hatte den Zollstock auf der Schreibtischplatte übersehen.

Den brauchte ich vor einer Woche, um die Gehwegplatten im Gemüsequartier zu verlegen, die ich bis auf drei wenige erledigt hatte. Die anderen drei … nu …. hatte halt keine Zeit. Werde halt in nächster Zeit keine Zeit dafür haben. Aber er liegt schon mal bereit. Das ist gut.

Genau. So fängt’s an.
I … got you, babe.