Was bin ich?

Es gibt Momente, in denen man zu zweifeln beginnt. An unserer naturwissenschaftlichen Erklärung dieser Welt. Nichts davon gibt auch nur den kleinsten Hinweis darauf, warum um alles in der Welt eine stattliche Staude im Frühling plötzlich nicht mehr dort wächst, wo man sie letzten Herbst gesetzt hatte. Noch übler: Irgendwie wächst sie gar nirgends mehr. Natürlich denkt man zuvörderst immer an Schnecken, aber bevor die raspeln können, muss erst mal schüchtern was rausgucken. Außerdem sind Gärtner nicht aus Hornspänen – die können Nichtwachsendes oder Nichtvorhandenseiendes von Runtergeraspeltem unterscheiden.

Und so verbrachte ich den gesamten Frühling damit, die verschollene Campanula zu suchen. Gefunden hatte ich sie letztlich in einem bauchigen Topf – welch Erleichterung – und sie gleich darauf ins Beet gesetzt (wer es sich antut und hier regelmäßig mitliest, erinnert sich). Dass eine Pflanze einfach mal so eben verschütt gehen kann, hatte mich zutiefst verstört, sogar noch mehr als die Tatsache, dass ich bis zum obigen Moment keine Ahnung hatte, was da im bauchigen Topf vor sich hin wuchs. Der Seelentrost war darum ein steinepurzelnd großer. Die Welt ließ sich wieder erklären, wie es sich gehört, Gott oder so sei Dank!

Tja. Vorgestern beäugte ich zum zigsten Male die vermeintlich Verschüttete und musste meinem Bauchgefühl Recht geben: Sorry. Eine Campanula ist das nicht, da kann man drehen, langziehen und wenden, wie man möchte. Es hirnte wieder, Erinnerungen ans letzte Jahr ploppten auf, und dann hatte ich’s endlich: Genau. Ich hatte einen Sämling gekriegt, nicht gewusst, wohin, und darum im Topf zwischengeparkt. Adenophora heißt die Dame, und so aus dem Ärmel geschüttelt, tät ich auf confusa tippen (wie überaus stimmig). So weit so überhaupt nicht gut. Sagt mir wo, wo ist die Campanula?

Sollte ich sie dereinst wiederfinden, werde ich getreulich berichten. Bis dahin möchte ich mich zum Adenophora-Phänomen äußern. Als Kind liebte ich die Sendung, in der ein gewisser Robert Lembke einem Rateteam eine Person vorstellte, deren Beruf es nur aufgrund seiner typischen Handbewegung rausfinden musste. Die Person handbewegte also typisch, dann mussten die Rater blickdichte Augenmasken überstreifen, es ertönte ein Gong und für uns Zuschauer wurde die Lösung eingeblendet: „Rindvieh-Besamer“ (ich frage mich gerade, ob eingeblendet wurde, oder ob der Lembke ein Schild hinhielt – letzteres würde die Augenversteckerei erklären … egal). Hui, das war lustig. Ganz besonders dann, wenn das beeindruckend schlaue Rateteam bis zum Schluss keinen Plan hatte.

Schadenfreude rächt sich früher oder später. Inzwischen gehöre ich zum Rateteam, die Handbewegung ist ein Blatt, seltener eine Blüte, im schlimmsten Fall ein Sämling. Außerdem bin ich bei weitem nicht so schlau wie die Herrschaften damals. Gut, eine Ausnahme nebst zwei oder drei Glückstreffern gibt es: Nicht ohne Stolz darf ich hier rumposaunen, dass ich dereinst, allein anhand des botanischen Bestimmungsschlüssels (das höllischste Sudoku ist oberpipifaxig dagegen – Blüten mit 4 grünen Kb. Staubb. 4; Gr.1, mit kurzer, kopfiger oder 2-4teiliger N., etc.) eine Kornrade als solche bestimmt hatte, bevor da was von Blüten zu sehen war. Da hatte ich mir echt ein goldenes Schweinderl verdient. Wie ich finde.

Die güldenste Sau ist und bleibt aber Pur vorbehalten, machen wir uns nix vor. Da stellt jemand ein verwackeltes Schummerbild eines halb erwischten Blattes ein, und spätestens fünf Minuten danach kommt: „Ich meine, das müsste Lycopus europaeus subsp. mollis sein“. Zur fast selben Zeit kommt bereits der nächste Post: „Irgendein Wolfstrapp.“ Und kurz darauf wird dieser ändernd ergänzt: „Hihi, xy, da waren wir ja fast gleichzeitig, grins. Wieder mal, sonnenbrillengrins.“ Und ich sitze da, lese mit dämlich stierem Blick nach und wusste bislang nicht mal, dass Wölfe auch pflanzlich rumtrappen können. Was ich bin? Eindeutig: Ein Pflanzenfindungsloser, in jeglicher Hinsicht. (Gemeint hatte ich die englische Variante, aber überraschenderweise hat das Wort auch auf Deutsch eine zutreffende Bedeutung. Ei, wie schön.)

Und Selbstüberzeugungstäter. Das richtige Herausfinden scheitert bei mir sehr oft daran, dass ich fälschlicherweise davon ausgehe, dieses „Was bin ich“ könne nichts anderes sein, als … eben nicht das, was es ist. Als der erste Klatschmohn bei mir auftauchte, dachte ich allen Ernstes, es handle sich dabei um eine seltsam mutierte Akelei. Weil logisch. Einen halben Meter weiter nämlich wuchsen ganz viele davon, die ich seit zwei Jahren rumsamen ließ, wie sie gerade lustig waren. Wenigstens konnte die mutierte Form nicht lange das Rumpelstilzchen machen, die entlarvende Blüte belehrte mich kurz darauf eines beschämenden Besseren. Die erste Überraschungskartoffel war auch so ein Ding – ich taufte sie damals provisorisch „komisches, vermutlich übles Unkraut“. Es kann nicht sein, was nicht sein darf, bis es größer wird oder halt eben blüht, dann kann plötzlich ganz viel.

So richtig lustig wird’s, wenn man Pflanzen und damit auch Erde aus Fremdgärten kriegt. Solange die Überraschungen (oh, schau, ein Winterling, wie nett! – ach, ein Zaunwindelchen, willkommen im Club) gleich neben der geschenkten Pflanze auftauchen, ist alles im grünen Bereich. Wehe, ein Teil der mitgebrachten Erde gerät irgendwo anders hin, im schlimmsten Fall in einen anderen Topf. Das passiert hinwiederum gerne mal und schon blamiert man sich einmal mehr bis auf die Knochen. Weil man den Sämling bei einem Forumstreffen-Pflanzentausch wieder mal logisch deduziert, also selbstüberzeugerisch falsch, angepriesen hatte. Und sich der Betauschte über das Richtige richtig gefreut hätte. Ähm, das Falsche. Mensch. Einfach über das, was es dann eben nicht war.

Manchmal, wenn ich „Was bin ich?“ geguckt hatte, schloss ich beim Gong ebenfalls die Augen, wartete, bis er zum zweiten Male ertönte und riet dann mit dem melierten Herrn Baumann und der ebensolchen Annette sowieso (an mehr erinnere ich mich nicht mehr) fleißig drauflos. Erraten hatte ich die Klarinettenstimmer, Fernsehantennenausrichter und Nacktschneckenpornoregieassistenten nie. Ein Findungsloses schon damals.

Wie dem auch sei. Ich gehe jetzt weiter die Campanula suchen.

Zublühen

zu|blü|hen (ugs.); der Vorgang eines aktiv blühenden Wesens (i.d.R. Pflanze), welches durch dieses Tun ein wahrnehmendes Objekt in einen entfernt paralyse-ähnlichen, meist sprachlosen und leicht psychedelischen Zustand zu versetzen in der Lage ist. Nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls ugs. verwendeten Verb g zu|tex|ten.

Gerade ist es wieder passiert. Nachdem ich fertig gemäht hatte … wenn wir schon bei Wörtern sind: Ich schaffe es mit aller mir zu Gebote stehenden Mühe nicht, die beiden Verben „mähen“ und „staubsaugen“ nicht zu verwechseln, und zwar immer dann, wenn ich sie gedankenlos von mir gebe. „Ich mähe mal eben schnell das Wohnzimmer“ oder „Wie soll ich bei diesem Regen staubsaugen?“ sind Beispiele für gängige Sätze, die man in meiner Gegenwart oft hört, da ich beides regelmäßig zu tun genötigt bin. Anfangs fand ich es ja lustig, darum strengte ich mich auch nicht groß an, da mal geistige Hand anzulegen – immerhin wurde jedes Mal herzhaft dabei gelacht, auch von mir. Inzwischen sind schon einige Jahre vergangen und damit auch das letzte bisschen Amüsement. Noch schlimmer, es ist mir sogar schon peinlich. Hilft alles nichts. Selbst heute, ganz allein, in Gedanken und Selbstgesprächen versunken, hievte ich den Rasenmäher aus dem Gartenhaus, warf ihn an und dachte: „Dieses Staubsaugen soll ja anscheinend entspannend sein. Da puste ich aber so was von auf den Kuchen!“ Ich frage mich echt, wann sich dieser sprachliche Defekt endlich mal einrenkt. Habt ihr das auch? Solch hartnäckige Wortverwechslungen, oder bin ich da allein auf weiter Flur?

Also. Ich hatte fertig gemäht. Uff. Und es war wirklich ein Uff, nicht nur wegen des richtigen Verbs. Unter der – endlich verblühten – Wisteria saß ich im dankbaren Schatten und ließ den Blick schweifen. Zuerst, wie es sich gehört, über das frisch gemähte Grün (hat durchaus was von einem frisch gesaugten Teppich, wenn ich das überflüssigerweise anmerken darf) mit der dazugehörenden wohligstolzen Freude. Eine ebene glattrasierte Fläche tut sich vor einem auf, bei der niemand ahnen würde, wie bucklig sie in Wahrheit untendrunter beschaffen ist, abgesehen von der Maschine und der Person, die sie bedient. Herrlich. (Nicht, dass jetzt jemand achtmalklug daher kommt: Rasenmähen ist genauso entspannend wie jäten, Stauden binden oder pikieren. Im Nachhinein ist alles supi.) Selbstzufrieden und ziellos rutschte der Blick von den silbrig schimmernden Grashalmkanten ab und blieb kleben.

An einer Astrantia. Da dieses Exemplar in einem meiner Hochbeete wächst, war sie beinahe auf Augenhöhe. Die ideale Voraussetzung für ein Zublühen der klassischen Art.

Wie eine Trauermücke vor Gelbtafel starrte ich gebannt auf dieses kleine Blütenwerk. Gedanken schossen durch meinen Kopf, tief philosophische, honigsüß tropfend poetische und beide kulminierten in einem präpubertierenden: „Boah. Menno!“ (Es gibt keine anständige Sprache mehr in solch einem Moment. All die Dichter, die sich metrisch korrekt und höchst kunstvoll der Flora widmeten, taten das im Nachhinein. Hundertpro. So pro wie die Entspannung beim Rasenmähen.) Scheinbar ungerührt stand sie weiterhin da, aber sie lockte, lockte. Halb zog sie mich, halb sank ich hin, bis ich unartgemäß leicht verbogen vor ihr stand, die erweiterte Pupille dicht vor ihrem Bauchnabel. Diese Perfektion!

Danach versagten mir jegliche Worte. Ich bestand nur noch aus Gucken. Nun fragen sich alle, die bisher noch nie zugeblüht worden sind – wovon ich bei keinem menschlichen Exemplar ausgehe, aber egal -, ob Nick eventuell da zum erstem Mal im Leben eine Sterndoldenblüte erspähte. Nö. Das ist es ja eben. Auch ein Löwenzahn kann mich in der übernächsten Sekunde genauso zublühen und mit dem habe ich mich nun wirklich regelmäßig und schon als Kind beschäftigt, ihn minutiös seziert, Kopfschmuck oder liebevoll gerupfte Sträuße für Muttern gebastelt, den Milchsaft kunstvoll an den Hosen verewigt, gejätet, Sirup draus gemacht … Fesselnd faszinieren kann mich alles, selbst ein blütenloser Blattaustrieb (das habe ich aber bewusst ausgespart. Zu|blat|ten hat nicht so den richtigen Sound.).

Dass das Zublühen seinen Weg in meinen imaginären Duden gefunden hatte, liegt auch daran, dass es nicht nur einsinnig ist. Wenn ich durch den Garten gehe, sagen wir mal: Gehetzt. Es ist Morgen, ich habe bloße fünf Minuten, um schnell die Velociraptoren rauszulassen, ihnen was Gutes hinzustellen und Wasser aufzufüllen. Da umweht mich justament ein Duft der anderen Art. Ungeachtet der Tatsache, dass ich gehetzt bin und jetzt wirklich, wirklich muss, treibt mich ein innerer Drang, dem Duftwunder auf den Grund zu gehen. (Nein, es ist nicht das Kotbrett.) Schnuppernd geh ich meinen Weg zurück und lande bei der „Rhapsody in Blue“. Gerade jetzt betört sie gelbtafelartig jeden, der sich in ihrem Dunstkreis befindet. Und da müssen die Pupillen weder geweitet noch sichtbar sein, mit geschlossenen Augen steh ich neben meiner Lieblingsrose und bin nur noch Nase.

Dem nicht genug. Ich kann auch sommergrippig naselaufend daherkommen, mit geschwollenen Augen und einer Lustlosigkeit sondergleichen, das beiläufige Händerüberstreichenlassen bei einem Wollziest oder einem Eibisch versöhnt mich mit jeglichem Ungemach. (Zugegeben. Jetzt sind wir wieder beim zu|blat|ten. Bitte vergesst, dass ihr diesen Abschnitt gelesen habt. Danke.)

Dieses Zublühen bewirkt einiges. Nicht nur zolle ich der einzelnen Pflanze – so klein und unscheinbar sie auch sein und scheinen mag – den Respekt, den sie verdient, für einmal wird auch nicht gewertet. Bei einer Ackerwindenblüte ziehen sich mal nicht unwillkürlich alle Herzkranzgefäße bedrohlich zusammen, nein, es öffnet sich, das Herz, und labt sich an der Freude. Und das ganze ewige Mosern über missglückte Beetgestaltungen ist verflogen, in diesem einen Moment, in dem eine sich zu Tausenden versamte, „gähn“, hundsnormale Nigella mich genauso in den Bann zieht wie ehedem, als ich in Großmutters Garten Schmetterlingen nachgetanzt, über Essigbaumwurzeln stolpernd und am Rosmarienbaum vorbeistreichschnuppernd plötzlich innehielt: „Das ist eine Jungfer im Grünen,“ erklärte mir meine Oma, als ich zu ihr rannte und sie fragedeutend anging. „Jungfer“ verstand ich nicht. Aber die Perfektion.

Bondage

Wenn man da etwas freudsch nachgraben würde, fände man vermutlich die Ursache in einem gewissen Hang zum Sadomasochismus, aber wer ist schon Freud.
Sagt mal, mögt ihr das? Dieses blöde Aufgebindegetue, dieses tüddel, tüddel Schnüre, Fäden, was auch immer um Horste Fummeln, dieses Krückstöcke in die Staudenzehen Rammen? Ich jedenfalls nicht.

Nicht, dass hier keine Pflanzen wüchsen, die das nötig hätten. Och, da gibt es einen ganz netten Haufen und irgendwie wird der stetig größer. Immerhin bei popligen drei wurde mir die Chose zu bunt. Aus Ligusterästen bastelte ich recht hübsche, oktaedrische Pflanzenstützen, dachte sogar daran, sie so anzubringen, dass sie mir nicht innerhalb von zwei Jahren wegrotten, und nun wachsen eine Staudenpäonie, ein Rainfarn und eine Färberkamille gebändigt in gesitteten Bahnen. Abgesehen davon, dass ich bei den letzten beiden die Triebe immer wieder händisch dazu ermahnen muss, bitte sehr nicht durch die großzügigen Löcher in den Stützen zu wachsen, war das eine durchaus probate Idee (man kann nicht an alles denken; das Verrotten war deutlich wichtiger). Je nach Saison sieht man mal nix von ihnen, weil so überwuchert, mal stehen sie als Mahnmal für künftige Glücksverheißung recht dekorativ herum, schön verteilt in dem anständig großen Bereich mit den geometrisch angelegten Wegen.

Überall geht das aber nicht. Nehmen wir die Rittersporne, die in einem ganz anderen Bereich wachsen. Da lauter Holz-Oktaeder? Bitte. Das ist ein Beet, keine Ausstellung des letztjährigen Vorschulkurses „Hui, wir nutzen die Liguster-Hecke mal für was ganz Kreatives!“ Außerdem käme ich ja gar nicht mehr zum Jäten, oder schon, aber dann lägen eines Tages alle Stützen wutentbrannt in Einzelteile gerissen auf dem Rasen. Und das wär dann ästhetisch auch nicht so der Brüller.

Und so läuft es jedes Jahr nach dem selben Schema. Ich erwarte von den Pflanzen, dass sie sich gefälligst zusammenreißen und nicht wegen jedem kleinsten Gewitterchen flunderplatt den Boden beblühen. Dieses Jahr war ich noch viel mehr ganz sicher, dass es klappen würde. Nachdem ich nur zwei Irisstängel im Nachhinein aufzubinden genötigt war und mir die noch nie so fetten Waden der Rittersporne begutachtet hatte, war ich mir meiner Sache und Überzeugung sicher: Man muss die Viecher bloß richtig erziehen, und mit einer netten Prise Vertrauen funzt das dann auch. Die haben doch ein genetisches Programm, die wollen doch nicht auf dem Boden rumliegen, wer, bitte, bestäubt denn was abgeschlafft Rumliegendes?

Das hat man davon, wenn man in die Genetik reinpfuscht, will sagen, das Reingepfuschte im eigenen Garten haben will. Kein Wunder, dass so überblütige Riesenrispen beim kleinsten Windhauch darniederliegen. Mit ein Grund, warum ich mir letztes Jahr die Nepeta kubanica gegönnt hatte. Es wurde aus kundigem Mund in die Vortragsrunde gesagt, dies wäre ein Wildfund und überdies trotz seiner imposanten Höhe standfest. Sozusagen täglich zeigte ich meinem Nichtgärtner die Wachstumsfortschritte der nordkaukasischen Schönheit und wurde nicht müde, dabei dauernd anzumerken: „Und die ist standfest!“ Irgendwann meinte er, sie neige sich inzwischen doch sehr nach links … wenigstens dafür, dass sie standfest sei. Ich blieb eisern. Nein, die Erde ist scheibern standfest. So. Inzwischen bildet sie ein nettes S, und die neben ihr zu wachsen versuchende Salvia nemorosa muss die Blütenköpfe einziehen. (Aber das alles ist zwei deftigen Starkregenfällen geschuldet und aufgemerkt: Sie liegt nicht darnieder, die Kubanica. Jawoll.)

Ach. Aufbinden, Zusammenzurren, Einengen, es geht mir einfach gegen den Strich. Dieses militärische in Reih und Glied hat mir noch in keinem Kontext gepasst, im Garten finde ich es schlicht vergewaltigend. Lieber steige ich über zig wild versamte Königslilien, als mir den Weg freizustäben. Nichts finde ich entzückender als eine Verbascum phoenicum, deren violette Blüten sich zärtlich an die eine quietschegelbgrüne Heuchera schmiegen (die hat mich im Laden dreimal dermaßen zum Lachen gebracht, dass ich sie beim vierten Mal kurzerhand gekauft hatte) oder einen schlangenförmig blühenden Fingerhut, der extra einen Schlenker zur vor sich hin mickernden Schneewittchenrose machte, auf dass man auch ihre Versuche, mal ein bisschen zu blühen, bemerken würde. Die eine Cimicifuga (ich habe gelesen, dass man die problemlos noch so nennen kann, was mich bis heute sehr glücklich macht) ramosa „Atropurpurea“ darf mir auf der einen Gartenautobahn ihre Blüten und später auch Samenstände unzählige Male in Augen, Mundwinkel und sonst wohin ins Gesicht knallen, das alles ist gut so.

Besser jedenfalls als das stirnrunzelnde Zähnezusammenbeißen, wenn die Maus keinen Faden mehr abbeißt und das Zusammenbinden Schlimmstes verhindert, nämlich abgebrochene Triebe, über die ich tagelang jammern kann. Mit einem Auge äugend, wohin der Fuß treten darf, und dann auch noch der blöde andere, unter einem Arm ein stäbendes Element, mit Hilfe dessen man bei der Seiltänzerei gerade eben eine Blütenrispe gekappt hat, beim fluchenden Rückwärtsblick den zitternden Halt verlierend und pflatsch handvorwärts mitten in das vorletzte von ehemals 22 selber aufgezogenen Lobelienhätschelchens rein. Warum 20 das Zeitliche segneten, erzähle ich gerne. Aber nicht jetzt. Jetzt hat man immerhin eine gewisse Standfestigkeit erreicht und rammt das Stäbende in den Boden. Versucht es jedenfalls. Irgendwann zuckt man die Schultern und meint, die paar Zentimeter müssten reichen. Und dann dieses blinde Rumtasten um den dicken Horst, bis das Bindematerialende ergriffen ist (inzwischen: minus zig Blätter und ein dicker Trieb), so, man hat’s, zieht durch (wieder minus) und bindet fest. Man schätzt die mögliche Rückhüpfquote ab, hopst zielsicher, für einmal ohne Minus, und guckt sich das Ganze von der Normalperspektive aus an. Schlimm.

So ist das. Da läuft das Schreiben gerade wie eine Eins und dann kommt: „Könntest du mir noch den Lauch ernten, den du vorgestern beiläufig erwähnt hattest, oder hast du vor, ihn blühen zu lassen?“ Das war keine ironische Frage, gewisse Dinge werden hier bewusst nicht vor der Blüte geerntet. Also auf, ernten, und sich gleich wieder den Laptop auf den Schoss setzen, damit es weitergeht. Aber den Faden habe ich verloren und das Getränk ist ein aufzufüllendes. Ich bitte um eine weitere Pause.

Den Faden wieder aufzunehmen, finde ich gerade sehr schwierig und verfluche den einen Lauch. Hätt ich ihn doch blühen lassen! Genau. Da haben wir’s wieder. Der Natur ihren Lauf lassen und nicht korrigierend eingreifen, schon gar nicht mit roten Fäden. Nun ja. Ich sitze gerade unter der nicht angebundenen Glyzine, die ihre erste Blütenpracht schon beinah abgeworfen hat und gucke zum einen blauweißen Beet. Da sind nur drei gestäbte Bondage-S-Ritter und eine Clematis integrifolia, die das Glück/Pech hatte, beim Ritterbinden in unmittelbarer Augenblicknähe zu sein. Alle anderen – ob Ritter oder nicht – sind ungebunden und erfreuen sich der dürren Trockenheit. Das nächste Gewitter ist laut Meteo in fernster Ferne. Ach ja. Bis dahin sind die meisten verblüht, dann muss ich eh schneiden.

 

Nachtrag: Schreiben ist wirklich was Erstaunliches. Nur auf Grund dieses Getippsels beschloss ich einen Tag später, die Kartoffeln so einzuzäunen, dass sie mir nicht – wie immer bisher – übers benachbarte Gemüse fallen. Außerdem band ich die Zwiebelblüten zum ersten Mal (Tusch!) zünftig zurecht, damit sie kein Haustier vor der Samenreife zu Tode trampeln kann. Und die Nepeta kubanica habe ich zurückgeschnitten. Der Salvia und Ästhetik zuliebe. Es herrschen hier plötzlich Zucht und Ordnung, wer hätte das gedacht!
Die restlichen Ritter stehen aber noch ungepfählt. Trotz heftiger Böen seither. Und die gestäbten wachsen gemeinsam mit dem Stab quer. Das zu dem.

Was du grün in grün besitzt

Der Traum war sehr lebendig und zu allem Überfluss einer der schlimmen Sorte. Eine biblische Trockenheit hatte sich unseres Landes bemächtigt und dauerte nun schon seit Wochen, obwohl ich das – geschuldet der Traumunlogik – erst jetzt mitbekommen hatte. Verzweifelt hetzte ich durch meinen Garten, warf im Schnelldurchlauf meine Blicke überall hin und sah allenthalben dürre Ödnis und vertrockneten Tod. Herz und Magen verkrampften sich, die Schritte wurden langsamer, ich taumelte des Weges, bis … oh Freudenfunke, da lebte noch was! Da waren ungefähr zehn Pflanzen, die dicht nebeneinander noch einen Hauch von grünem Odem zeigten. Und welch glückliche Gnade, da stand doch tatsächlich meine Wasserflasche, die ich sonst immer neben dem Bett stehen habe, das einzig erhältliche Nass weit und breit. Kohlensäure hin oder her, es musste jetzt, sofort, stante pede lebensrettend gegossen werden. Im gerade erwachten Nachhinein war ich bass erstaunt darüber, dass ich im Traum keinen einzigen Gedanken an die Legionen von toten Pflanzen verschwendet hatte, es gab nur noch diese zehn, mich und Jubelhoch. Der Gedanke verflüchtigte sich schnell mal, als ich der tropfnassen Sauerei auf und neben meinem Nachttischchen gewahr wurde. (Ist wirklich so passiert – und es traf nicht nur alles auf dem Tischchen Befindliche, sondern auch noch das Regal daneben. Mit Fotoalben. Oh, ich hatte gründlich mineralgewässert.)

Seitdem hat sich mein Unterbewusstsein erfolgreich dagegen gewehrt, Gießvorgänge in meine Gartenträume einfließen zu lassen, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Stattdessen träume ich meistens von dem Glück, ein Riiiiiiesengrundstück mein neues Eigen nennen zu können (mit Gewächshaus, da ist immer mindestens eines dabei und zwar ein wahnsinnig großes) und inbrünstig die evtl. bestehende Pflanzung zu begutachten, im Geiste abzuändern oder aber die Planung der Neuanlage anzugehen. Von dieser Gattung Traum gibt es manchmal gute, meist mittelprächtige und bisweilen saumiese Arten. Letztere bescheren mir träumenderweise pochendes Kopfzerbrechen, infernalische Erschöpfungszustände und ein reuendes Bedauern. „Hätte ich doch nur meinen Garten wie ehedem und nicht darüber hinaus diese vier Latifundien. Woher nehm ich bloß die Zeit dafür?“

Tja. Vor langen, langen Jahren hätte ich da naseweis gelächelt und mir selber einen Vortrag gehalten. Es gab da nämlich eine Zeit, in der ich gerade mal soviel besaß, dass ich stets wusste, was ich hatte. Vom Radierer über das Nudelsieb bis zum einen Reisekoffer hätte ich in meiner Einzimmerwohnung plus Kellerabteil jederzeit alles aufzählen können und war stolz drauf. So überzeugt man sich das Leben schön. Jedenfalls nahm ich mir damals vor, genau so weiterzuleben, bis ich mich dereinst glücklich und wissend von dieser Welt würde verabschieden können. Heute kommt mir das immer mal wieder in den Sinn, z.B. wenn ich die eine Schublade namens „Ich weiß nicht wohin, also steck ich’s da rein“ updatemäßig angehe. Vom Dachboden, Keller, den zig anderen Räumlichkeiten, die denselben Namen wie die Schublade tragen, dem Gartenhaus und Überhaupt ganz zu schweigen. Kommen wir jetzt endlich zum Garten?

Die damalige Prinzipienüberzeugung zeitigt heute noch ein paar verwaschene Spuren. Wenn ich einkaufe, dann überlege ich es mir in der Regel viele erschöpfende Male lang, ob ich das wirklich, wirklich brauche. Mit ein Grund, warum mein Nichtgärtner das Einkaufen unserer Lebens- und sonstigen Mittel übernommen und nach den ersten drei Gärtnereitouren mit mir auf weitere solche verzichtet hatte. Jetzt mal Hirn aufs Herz: Gerade bei Pflanzen stellt sich die geizige Gewissensfrage in höchstem Maße. Das Zeugs lässt sich doch vermehren! Gratis und franko, Mensch! Also wird, nach längerem Überlegen, Heimfahren, wieder Zurückkehren, Nachdenken, Heimfahren … dann nur ein Exemplar des Habenwollenmüssens käuflich erworben. Wenn überhaupt. Da kann das Farnweh noch so wehen, man beschränkt sich auf fast nichts, pflanzt es zu Hause sofort ein (da bin ich echt diszipliniert. Blökende Containerpflanzen machen mich unsinnig nervös.) und könnte sich dreimal die Stirn gegen das Schienbein rammen, dass man nicht zugeschlagen hatte, zumal drei von dem einen Ding jetzt echt nicht zu viel gewesen wären und überhaupt, warum bin ich viermal um das andere Ding rumgeschlichen, ohne es gekauft zu haben? Wäre perfekt da. Und zwar mindestens fünfmal. Ganz zu schweigen von jenen, die …

Zugleich befremdet, fasziniert und neidisch lese ich Forumlern nach, die von ihren Monsterbestellungen erzählen. Und die belassen es nicht dabei, nein, dann wird auch noch fotografisch untermauert, wie aus braunem Acker in Nullkommanichts ein Gestaltungsparadies wird. Ich denke dann jeweils missmutig an meine Beete, an denen ich schon Jahre rumpussle, an die Bereiche, die ich bewusst so rumwildern lasse, bis mir eines Tages die zündenden Ideen und reifenden Säm-/Stecklinge entgegen kommen, und könnte die Stirn nochmals, wie gesagt.

Ob ich weiß, was ich jetzt in meinem Garten habe? Von wem oder wann/wo gekauft, weshalb und in welcher Situation? Jein. Blind aufzählen könnte ich es wahrhaft nicht mehr. Und da gibt es so zwei, drei Angelegenheiten, bei denen mir jegliche Erinnerung abhanden gekommen ist. Meinem früheren Asketen-Ich könnte ich jedenfalls schon allein gartentechnisch nicht mehr genügen, dafür sind zu viele Jahre ins nicht dürre Land gegangen, da wurde zu oft gezaudert, um dann doch zuzuschlagen, zu regelmäßig vermehrt und geschenkt gekriegt.

Es gibt jedoch, so behaupte ich, einen nicht von der Hand zu weisenden Vorteil, wenn es um grünen Besitz geht. Rechne ich jetzt mal nach, was ich ja an sich nicht kann, aber ich tu mal so, als ob, dann stelle ich fest: Beim oben nacherzählten Traum verdorrten mir einige hundert Pflanzen und es verblieben gerade mal zehn. Rein proportional hätte ich also mit kargem übersichtlichem Besitz kaum mehr was zu gießen gehabt, wenn überhaupt, oder? „Genau.“, würde mein altes Ich entgegnen, „Und dann hättest du deinen damaligen Morgen auch nicht mit Aufwischen und dem Trocknen deiner lieben viel zu vielen Dinge verbringen müssen.“

Lebensbereiche

Es ist mir, als wär’s gestern gewesen, so gestochen scharf ist die Erinnerung an die Purlerin, die mir gegenüber saß und bei unserem heiteren Hortiplausch beiläufig dieses Wort benutzt hatte. Ich hatte nicht den bleichesten Schimmer, worum es sich dabei hätte handeln können, und versuchte, während ich meinem Gegenüber zuhörte, krampfhaft auf die Schnelle eine sinnige Bedeutung zuzuordnen. Konnte es was mit dem Konzept Der Garten – Ihr erweitertes Wohnzimmer zu tun haben? Damals hatte es gerade begonnen, dass „man“ plötzlich das Gärtnern darauf beschränkte, sich das stylishste Sitz-, Liege- und Tischmobiliar auf den besten Unterlagsmaterialien auszuwählen und diese gewissenhaft zu pflegen. Egal, welche Gartenklatschschrift man öffnete, überall guckten einem irgendwelche Korbhocker, Polypropylensofas, Glastische, Kissen, Teelichtbehälter auf Holzdecks oder Natursteinplatten entgegen und hießen „Lounge“ oder „Wellness-Oase“, Tücher hingen von irgendwo herab und umspielten leise wabernd die Szenerie, eine tiefenentspannte, sehr hübsche Kleinfamilie fläzte adrett da rum, einander glücklich zulächelnd mit selbst gemachtem Gartengrüntee in farbigen Gläsern, und ganz rechts unten, man konnte es gerade noch so erkennen, stand ein Designertopf mit einer zufrieden blühenden Pelargeranie. Lebensbereiche in diesem Sinne konnte ich mir daher durchaus vorstellen: Da werden den Gästen exquisit angerichtete Köstlichkeiten kredenzt; dort – beim Lebensbereich „Naturnähe“ – guckt man den lustig nach Luft schnappenden Kois zu; hier können Jung und Junggeblieben ausgelassen auf dem jährlich neu ausgelegten Rollrasen spielen, toben und tollen; drüben befindet sich der Chefgrillplatz (Lebensbereich „Finde den Mann in dir“); man braucht nicht viel Fantasie.

Oder war es etwa – meiner Treu – ein Feng-Shui-Ding? So was wie der leere, liegende Tontopf, der für mich liebevoll am Gehölzrand platziert worden war, damit Energien flössen? (Sie flossen offensichtlich so gut, dass der Tontopf schon bald darauf zerbarst. Und der zweite, den ich zufälligerweise gefunden hatte, wurde schnöd von mir entfernt, weil ich ihn dafür brauchte, wofür er gedacht war.) Dazu passte der Begriff „Lebensbereich“ wie die schlagende Faust aufs schmerzende Auge: Vitalisierende Energie fließt von Norden oder Beschützende Schwingungen strömen aus dieser Öffnung oder Es mehret sich der Wohlstand, wo ihm Tür und Tor offen stehen. Ich gab’s auf und zu: „Duhu? Sag doch mal, was genau sind denn nu Lebensbereiche?“

Ach so. Aha. Da ging mir aber ein grelles Licht auf, da. „Der Ort, wo Pflanzen am besten wachsen, weil sie die für sie genau richtige Dosis Sonne, Feuchtigkeit und den richtigen Boden inkl. nicht falscher Nachbarn haben“ hatte tatsächlich einen Namen, der mir bislang durch die Lappen gegangen war. Wie praktisch. Immerhin konnte ich nach der Erklärung denken: „Hallo, Wort, schön, dass es dich gibt, du wirst nun offiziell aufgenommen und fortan benutzt.“ Ein paar Jahre zuvor wäre ich immer noch mit treudoofem Blick der Purlerin gegenüber gesessen und hätte weiter gemutmaßt. Das war anno dunnemals nämlich so:

Pflanzen hatte ich nach Blütenfarbe gekauft (man erinnert sich – Blautöne oder halt auch was Weißes), dabei auf das Stecketikett gelinst, ja, schönes Blau, passt, das Plasteteil umgedreht und die Symbole für Analphabeten studiert. Da war eine Sonne drauf (Sonne hat es da hin und wieder. Passt.), die Größenangabe, Blühzeit (Sehr gut. Passt beides.) und ein weiteres Symbol, das sich erst im unten stehenden Fließtext offenbarte (Steingarten. Hm. Beim Jäten in meinem fetten Lehmboden finde ich zig Steine. Passt also auch.) Und dann wunderte ich mich, dass sich diese Veronica prostrata im halbschattigen Nährstoffparadies nach drei Jahren spurlos verabschiedet hatte. Immerhin drei Jahre, ist man da versucht zu sagen. Das arme, misshandelte Ding. Da half es auch nichts, dass ich mir seinen Namen auf Anhieb merken konnte – dank „Veronika, der Lenz ist da“ und gewisser Assoziationen, denen man bloß ein „r“ mehr aufs Auge drücken musste. Es ist leider nur ein Beispiel von vielen, in jeglicher Hinsicht.

Heute habe ich die Lebensbereiche so verinnerlicht, dass es mir in den Zehen kribbelt, wenn dagegen verstoßen wird, außer ich bin diejenige welche. In dem Falle wird die Angelegenheit großmütig unter „Experiment“ eingeschubladet und weiter beobachtet – Pflanzen sind da dankbar; die können in der Regel nicht lesen. Wo wir wieder bei den Analphabeten wären. Ich habe mir, während mir dieser Text in meiner Stunde durch den Kopf schoss, die Sache mit den Stecketiketten etwas genauer überlegt. Wenn man sie zu deuten weiß, sind sie Gold wert. Da reichen einige Symbole, Zahlen und etwas Text, um glücklich zu machen und zu werden. Man ist ja beinah genötigt, sich das bei Menschen vorzustellen. Wie ungemein zweckdienlich fürwahr! Und weil ich Gedanken gerne zu Ende denke, entwarf ich gleich mal eine Etikette für den Menschen, den ich am besten kenne.

Angefangen hat es mit halbschattig, gestockt hat es bei der Blütezeit … wann blüht denn so ein Mensch? Als Blüte, wenn überhaupt, hätte man mich von 19 bis etwa 32 betrachten können. Und als jährlich wiederkehrender Zustand? Mpf. Ok. Nehmen wir den Frühling, da sind alle irgendwie schöner oder denken es wenigstens. Also, mal Pi aus dem Handgelenk geschüttelt: III-V. Die Höhe ist klar, der Pflanzabstand hingegen … grübel … da kommt es schwer auf die Art des Nachbarn an, aber das geht ja numerisch nicht. Gehen wir auf Nummer schlimm-sicher: 350 m. Und das letzte Symbol? „Rabattenstaude“ bietet sich an, das beinhaltet einiges. Und passt mindestens zur Hälfte. Im Winter bin ich meist ein eingezogener Schatten meiner selbst. Der Fließtext ist happig, denn der muss kurz sein – auch alphabetische Käufer wollen sich fix entscheiden und nicht drei Seiten lang lesen. Brechen wir’s über ein wortkarges Knie und sagen: „Einigermaßen gesunde, pflegeleichte, aber bisweilen anstrengende Rabattenstaude, die gerne täglich gedüngt und gewässert wird. Nikotinbrühen beugen Schädlingsbefall vor. Wächst an halbschattigem Ort zufriedenstellend, bildet kompakten Horst. Blüht in nicht vorhersehbaren Farben. Keine Schnittblume. Nicht remontierend. Versamt sich nicht ungebührlich. Bei abgeklärten, ausgewogenen Sträuchern kann der Pflanzabstand verringert werden.“

Ich hätte mich nicht gekauft.

Gartenblut

Gartenblut ist nicht, wie bislang fälschlicherweise angenommen, von vornehmem Sauerstoffrot oder pulsierendem Biogrün, sondern durchsichtig, bisweilen milchig-weiß, mal klebrig, mal wässrig, manchmal riecht es nach was, manchmal nicht (und es wäre beinahe zum Blognamen auserkoren worden – das musste irgendwann mal gesagt werden, auch wenn’s jetzt gar nicht passt.). Auf jeden Fall kommt es raus, wenn man ein Gartengrün verletzt. Und das reichte mir völlig. Schon kurz nach der letzten Teenagerhäutung hatte ich mich gegen jegliches Kaufen, Überreichen oder In-Empfang-Nehmen von Schnittblumen verwahrt. Die armen Blumen! Zu Tode geschnitten, um als Leichenteile die menschliche Selbstsucht zu befriedigen. Wenn man sie denn wenigstens essen würde! Mit dieser Einstellung bewaffnet bestritt ich tatsächlich mehr als ein Jahr im eigenen Garten. Da konnten mir noch so schlaue Bücher und deren schlauere Autoren lange was von „remontierend“ erzählen. Mit mir nicht! Schon allein der Gedanke, dass ich falsch drauflos schneiden würde, zu tief, zu hoch, zu was auch immer. Montieren genügte mir vollauf.

Es kam, wie es kommen musste. Meine Mutter kam zu Besuch. Ihr genügte ein Blick in den Zustand des Gartens und sie meinte, während ihre wachsamen Augen nach einem geeigneten Werkzeug Ausschau hielten: „Diese Sträucher da müssen mal richtig geschnitten werden. Komm, lass mich das gleich machen.“ Rückblickend kann ich dazu erläuternd erwähnen, dass sie vom Gärtnern in etwa so viel Ahnung hatte wie ich damals. Ein bisschen also und nicht viel mehr. Aber sie hatte etwas in ihrem Blut, das irgendwo auf dem Weg meiner zygotischen Teilung abhanden gekommen sein musste: Das Hausfrauen-Gen. Nun machen wir uns ja, zu Recht, gerne mal lustig über den so genannten Hausmeisterschnitt. Der Hausfrauenschnitt dagegen ist von ganz anderer Qualität. Zuerst einmal wird alles entfernt, was einen beim praktischen Ausüben allgemeiner Alltagstätigkeiten (wie Putzen, Scheuern, Fegen, Fugenreinigen, Kärchern, Mähen oder einfach dran Vorbeilaufen) stören könnte. Anschließend tritt man ein paar Schritte zurück, nimmt Maß und schnibbelt dann, dass die Blätter fliegen. „So muss das aussehen.“ Zurück blieben adrette Sträucher und ich.

Nachdem sich das wiederholt hatte, begann ich zögerlich damit, meine Einstellung zu überdenken. Gut, es hat schon Vorteile, wenn man nicht dauernd unter dem einen Feigenast hindurchkriechen muss, um auf der Gartenautobahn von A nach Z zu gelangen. Außerdem hatte sich Mutter bei gewissen Stauden bedient („Ich schneide jetzt mal einen schönen Strauß, der Esszimmertisch ist sonst so trist.“), ohne dass ich ihr hätte Einhalt gebieten können. Und guck da, einige von ihnen remontierten tatsächlich.

Es kam, wie es kommen musste. Ich steckte meine Nase in „So schneidet man richtig“-Bücher, guckte erfahrenen Gärtnern über die Schulter, löcherte sie mit Fragen, schärfte, was es zu schärfen gab (Blick, Werkzeug, Verstand, Beherztheit) und setzte an. Bei den Rosen übte ich. Bei der Wisteria hatte ich die Erleuchtung. Den Blauregen hatte ich geerbt und für einmal echt Glück gehabt. Er blüht, wie jeder Blauregen halt so blüht, aber dann tut er es nochmals und nochmals und nochmals. Eigentlich blüht er die ganze Saison hindurch, wenn auch nicht so verschwenderisch wie im Frühjahr. Weil ich mich schlau fand, wurde gleich daneben ein Sitzplatz errichtet. Mit Pergola. Damit der Blauregen uns über Kopf die Augen und Nasen erfreuen und beschatten würde. (Jetzt könnte ich mich vier Blogeinträge lang über die Unsinnigkeit von ewig blühenden Wisterien oberhalb von Steinplatten, die sich unter einer Sitzgruppe befinden, auslassen, verkneif es mir aber.) Das Schneiden also. Ich schnitt erst mal zögerlich. Da ein bisschen, dort etwas – huch, das war zu viel – da noch ein bisschen und dann war’s um mich geschehen. Hatte ich bislang gedacht, ich käme den Pflanzen beim Jäten am nächsten, wurde mir nun bewusst, wie falsch ich lag. Erst jetzt verstand ich die wachsende Logik dieses Schlingers, guckte ins markigste Allerinnerste, merkte, was tot war, was noch sprießen würde, schnupperte am frischen Schnitt, besah mir die Rinde, wie ich noch nie besehen hatte, dies alles wie im Rausch. Am Ende lag nach meinem Dafürhalten mehr Material auf dem Boden als am Gewächs, etwas mulmig legte ich alles beiseite und hoffte. Vergebens. Ich hatte alles richtig gemacht und durfte welke Blüten wischen wie noch nie.

Und siehe da, heute ist mir das Gehölzschneiden die liebste Tätigkeit, mein brodelndes Gartenblut, weil es letztlich eine Kunst ist. Das genaue Studieren des bisherigen Wuchsverhaltens, der Blick in die Zukunft: „Was passiert, wenn ich da oder dort schneide?“ und vor allem der Kompromiss – bisweilen muss man halt ästhetisch oder wörtlich untendurch gehen, bis das Gewächs tut, was man möchte. Ich stelle mir gerade vor, wie meine Mutter durch den Garten geht und instinktiv nach einem Schneidewerkzeug Ausschau hält. „Nee, lass mal, das muss so. Bevor du’s andenkst, im Haus stehen überall eingevaste Maiglöckchensträuße und von Schnecken angeknabberte Irisblütenstängel rum. Ich mach uns mal Kaffee und dann setzen wir uns unter die Wisteria, ja?“

(Meine Mutter hätte genickt, abgewartet, bis ich in die Küche verschwunden wäre, um dann, nur schnell, nur so nebenbei, den Sitzplatz zu wischen.)

Eigentlich wollte ich schnell mal eben

die im Topf wartende Campanula ins Beet setzen und hatte auch tatsächlich einen tollen Platz für sie, der nur den einen kleinen Nachteil hatte, dass er bereits belegt war. Von Arabis ferdinandi-coburgii, die mal „Variegata“ war. Das ist eben auch so eine Geschichte. Ich hatte tatsächlich mal Geld ausgegeben dafür und ich sage jetzt nicht, wie viele ich davon gekauft hatte – das übersteigt meine Schamgrenze, Ehrlichkeit hin oder her. Natürlich ist es nicht von vornherein schlecht, wenn sich eine Pflanze dermaßen entschlossen auf kriechendem Wege die Welt untertan machen möchte, das dürften nach meinem Geschmack sogar nicht wenige derjenigen tun, die sich bislang strikt dagegen gesträubt hatten. Aber die Gänsekresse … ach, ich weiß nicht. Seit Jahren schreib ich jeden Frühling in mein Gartentagebuch: „Herrlich, diese Arabis-Myosotis-Kombi. Habe nun doch beschlossen, sie nicht rauszureißen.“ Trotzdem. Die stört. Die wuchert sich in die Belange von Stauden, die mir – hier klappt’s wieder mit der Ehrlichkeit – lieber sind, stängelt nach dem Blühen ärgerlich vor sich hin und ist bis zum nächsten Frühling einfach da. (Allzu böse will ich nicht sein, ich hab noch welche zu Füßen von Rosen. Da find ich die klasse.) Kehren wir zum Anfang zurück: Der obige Nachteil war darum gar nicht ein so unerfreulicher. „Höhö, Arabis dezimieren, yessap!“ Also ins Gartenhaus, Füße ringend versuchen, sich einen Weg zu bahnen, damit man an den Gartensack gelangt, den man nach letztem Gebrauch mit erstaunlichem Schwung reingeschmissen hatte, über eine lotterhaft in den Weg ragende Pflanzenstütze stolpern, dabei mitten auf einen vergessenen Tontopf donnern, der dann … wie auch immer. Man schiebt seine Überreste halbherzig mit einem Fuß zur Seite, besinnt sich eines Besseren und geht auf die Suche nach Schaufel und Besen. Ich mach jetzt mal einen neuen Absatz.

Das Zeug ist inzwischen zusammengekehrt und nachdem ich rausgefunden hatte, wohin ich es am besten kippe (Tonscherben kann man immer brauchen – vielleicht), konnte ich mir endlich meinen Lieblingsgartensack greifen. Da bin ich etwas eigen. Bei der Arbeit hantiere ich am liebsten mit den Lieblings-, egal ob Gartensack, Felco, Handschaufel, … Letztlich spielt es keine Rolle, alle Alternativen wären ebenso zweckmäßig, wobei, doch, es spielt eine ausgesprochene Rolle, denn die Alternativen hätten keine Löcher, wackelnde Griffe und Dergestaltiges. So viel zur Zweckmäßigkeit. Also. Frohgemut zurück zum Tatort. Ich mag das, dieses Arabis-Ausreißen. Die geben sich willig her und überdies steigt einem dabei ein eigentümlich angenehmer Duft in die Nase. Der neue Pflanzplatz wäre inzwischen bereit, aber dann erblickt man weitere Arabistentakel zwischen der angrenzenden anderen Campanula. Nu ja, man ist ja eh schon dran, also säubert man noch weiter. Das dauert, immerhin will man die zarten Triebe der „Wedding Bells“ nicht erzürnen. Nachdem die nun endlich befreit ist, steht der Gang zum Kompostplatz an. Gut gelaunt geht man rauf, sieht im Vorbeigehen kopulierende Minzenkäfer im Pfefferminzenhorst, lässt von seinem Vorhaben kurz ab und tötet sie beherzt, wenn auch mit schlechtem Gewissen. (Ich kann es drehen, wenden und abwarten, wie ich will, ihr einziger natürlicher Feind bin bislang immer noch ich. Da bleibt keine Wahl.) Neuer Absatz? Es sei.

Nachdem man noch eine Viertelstunde der Suche nach weiteren Käfern geopfert und anschließend den Inhalt des Gartensacks vooorsichtig auf dem mittleren, bereits überquellenden Komposthaufen verteilt hat, kann endlich die Campanula freigelassen werden. Auf dem Weg dorthin sehe ich mit zürnendem Schrecken, dass die brandneue Corydalis den Sch…schnecken offensichtlich deliziös mundet. Naseschnaubend mache ich mir klar, dass die indirekte Tötung sofort zu geschehen hat, denn morgen würden da bloß noch Blattgerippe rumhängen. Das Schneckenkorn ist unten, also runter, an den Staudenbeeten vorbei und kurz innehalten. Mensch, was ist die Nepeta kubanica ein Riesenteil! Und guck, da sind ja Blütenknospen, freu! Ob ich Stecklinge nehmen soll? Gute Frage. Wäre vielleicht mal eine gute Idee, mir eine To-do-Liste für Stecklinge anzulegen, sonst denk ich erst wieder im Herbst dran. Könnte ich ja nachher gleich machen, wobei … ach, das drängt ja jetzt nicht so.

Inzwischen habe ich vergessen, warum ich so zielgerichtet rechts abbiegen wollte, bin so was aber gewohnt und wende mich – wie immer in solchen Fällen – schulterzuckend nach links. Zur Campanula. Irgendwie ist die nicht so begeistert von der lockenden Freiheit und stemmt sich mit allen Wurzeln dagegen, aus dem bauchigen Topf zu plumpsen. Wer, bitte, kam auf die Idee, solche barocken Pflanztöpfe zu kreieren? Ich brauche keine pummelige Putte, ich brauche einen Topf, Kreuznagelundblei, aus dem man Pflanzen auch wieder rauskriegt. Dämdödel, wer die kauft und mit obendreiniger Einfältigkeit auch noch benutzt. Ich ignoriere das Eigentor großzügig, heble, klopfe und tu sonst Vergebliches. Der Unkrautstecher, genau, mit dem könnte es klappen. Allein, wo mag er sein? Ich geh mal eben zum Pflanztisch, dort befindet sich fastnormalerweise alles, was man mindestens einmal wöchentlich braucht, es sei denn, es handle sich um Gartensäcke. Freudig überrascht finde ich ihn nach einigem Wühlen tatsächlich und erspähe beiläufig das Schneckenkorn. Stimmt, da war ja was. Auf dem Weg zum Puttentopf stell ich die Tatwaffe neben die Gießkannentruppe und bin richtig stolz auf diesen Knoten im Taschentuch. Nachher werde ich mindestens zweimal dorthin müssen, die Rettung des Corydalis’ ist somit sichergestellt.

Wir kommen zum Ende. Zumindest, was diesen Text betrifft. Die Campanula fand unter beiderseitigem Zwingen, Zwängeln und Ächzen an ihren neuen Platz, sie wurde auch angegossen, genauso wie die Steck- und Sämlinge in den Kalten Kästen (wer am lautesten welkt, trinkt zuerst) sowie die leiser Welkenden an anderen Orten. Der leere Bauchige wurde gleich wieder neu bepflanzt. So ein leerer Topf inmitten der Topfgruppe … nee.
Am nächsten Tag suchte ich das Schneckenkorn auf dem Pflanztisch, weil die Myrtenastern sonst nie länger als einen Tag aus der Erde gucken würden und fand es schließlich. Ihr wisst.

Es ist alles eitel

ch war gerade dabei, einen weiteren Teil meiner sehr breiten und langen Lavendelhecke zu roden, als ein heranrollendes Auto neben mir anhielt, das Fenster runtergekurbelt wurde und ein mir entfernt bekannter, sehr netter Mann rausguckte.
„Na? Am Lavendelroden? Tja, es geht halt allen gleich. Diese Lavendel verkahlen nach kurzer Zeit und dann muss man sie rausnehmen.“
„Nein, nein, wenn man richtig schneidet, passiert das nicht, diese Hecke hier sah immerhin zehn Jahre lang perfekt aus. Der Grund …“
„Ich sag’s ja, es geht allen gleich. Wir hatten auch den ganzen Hang mit Lavendel bepflanzt, die mussten wir nach kurzer Zeit alle wieder rausreißen.“
„Nein, der Grund hier war ein anderer, nämlich jener böse Winter. Die Hecke erholte sich von den Folgeschäden nicht mehr und darum …“
„Eben, die verkahlen, da kann man nix machen.“
Die ist nicht verkahlt, der starben einzelne Äste mittendrin ab, außerdem …“
Der Mann lächelte liebevoll, fuhr an und rief zum Schluss noch aus dem Fenster:
„Ja, ja, es geht halt allen gleich!“
Da stand ich dann verdutzt mit der Astschere in der einen Hand, wischte mir mit der verdreckten anderen den Schweiß von der Stirn, guckte dem Auto nach, murmelte Dinge, widmete mich wieder den Lavendeln, geriet ins Grübeln und blieb dabei an einem Satz hängen, der mir seit den letzten Jahren ein treuer Begleiter ist und vermutlich sehr vielen anderen, denn es geht ja allen gleich:

„Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein.“ Wie wahr. Wie befremdlich wahr, wenn dieser Dieser und jener Jener ein und dieselbe Person sind. Was habe ich im Garten schon alles für die Ewigkeit angelegt, eingepflanzt, hingehämmert, festgebunden und einbetoniert, um es nach einigen Jahren oder … Monaten … schon wieder ein-/auszureißen. Es war mir wie gestern, als ich behutsam die kleinen Lavendelpflanzen gesetzt hatte und es kaum erwarten konnte, dass sie dereinst einen dichten Rahmen bilden würden, jahrzehntelang, bitteschön. Wie stolz war ich, als mein Wunsch viel früher als erwartet in Erfüllung ging, aus den Kleinen stattliche Riesendinger geworden waren, die Schulter an Schulter jedem Passanten ein schnupperndes Lächeln entlockt hatten. Wehmütig dachte ich an das sommerliche röhrende Gesummse und lüsterne Gewühl in den verschwenderisch blühenden Rispen. Nein, ich riss nicht gerne ein. Wohlan, es musste sein. Mit dem tröstenden Gedanken, künftig nicht mehr im Herbst und Frühling stundenlang daran rumschneiden zu müssen, machte ich also weiter. Vorgestern wurde ich schließlich fertig und – was soll ich sagen – sogar wenn die Büsche noch gesund gewesen wären, es ist jetzt erstaunlicherweise viel schöner. Alles hat offenbar seine Zeit.

Und alles ist vergänglich. Eine bittere Lektion, an der man insbesondere im Garten nicht vorbeikommt. Da wird ja – auch wenn man von der Fauna absieht – ständig dahingestorben oder vergangen und dies mit einer lüsternen Wonne, dass einem angst und bange wird. Doch nicht nur, dass gewisse Pflanzen sich gemäß ihrer beschränkten Lebenserwartung oder der Unbill der Natur geschuldet viel zu früh verabschieden (gut, manchmal bin ich ja froh drüber, doch meistens eben nicht), und nicht nur, dass gewisse Exemplare von uns – ich zähl mich da ganz unbescheiden dazu – ein herrliches Talent dafür haben, stumpfsinnige Fehler zu machen, die wiederum die unangenehme Eigenschaft haben, behoben werden zu wollen, … das bereits ist mehr als nur ein Nasenstüber für mein Bedürfnis nach „So. Dieser Bereich ist nun perfekt. Damit hast du künftig nix mehr zu tun.“ … aber es geht ja noch weiter.

Nicht nur s. oben und nicht nur wie gesagt, nein, wir wankelmütigen Menschenwesen ändern auch in unvorhersehbarer Regelmäßigkeit unseren Geschmack. Wie konnte ich bitte ahnen, dass mir profaner, inzwischen bis in den Nife-Kern eingewurzelter Efeu unwillkürlich keine spitzen Jauchzer mehr entlocken würde oder dass ich plötzlich einem bisher nie gekannten Farnweh erliege, ohne den Platz oder die Pinke dafür zu haben? Es steigen unweigerlich selbstzweiflerische Gedanken in einem hoch, wenn man eine gerade eingewachsene Buchshecke entfernte, stattdessen eine Lavendelhecke setzte (weil angrenzend an die oben erwähnte, darum schöööön), nach zwei Jahren rausfand, dass das dort echt nicht aussieht, und darum stattdessen wieder neue Buchsstecklinge pflanzte (um die nächstens rauszunehmen, weil der Pilz bald übergreifen wird). Zig weitere Beispiele hätte ich für diese verflixt und zugenähte Tatsache, dass ich heute missbilligend benaserümpfe, was ich gestern noch lodernd herbeisehnte und umgekehrt. Es ist zum Heulen.

Immerhin sind auch Heulattacken vergänglich. Zudem werden sie mit reifendem Alter deutlich weniger. Ebenso wie die Fehler (wenigsten die dämlichsten). Sogar der geschmackliche Sinneswandel ist nicht mehr arg so quecksilbrig-oszillierend drauf wie auch schon. Und wenn mich die Vergänglichkeit doch mal wieder auf dem falschen Fuß erwischt und mir den Boden unter selbigem wegzieht, dann hilft mir mein Nichtgärtner. Wie damals, als er mich dunkelschwarz niedergeschlagen zwischen den zwei pestbeulenverseuchten Riesenbuchskugeln vorgefunden hatte. „Hör mal, das gehört dazu. Auch wenn’s weh tut, jetzt ist da Platz für Neues. Betrachte es doch als Chance.“ Wie wahr. Wie beruhigend wahr. Ich hievte die letzten Lavendeläste in den Kofferraum, drehte den Zündschlüssel um und dachte beim Losfahren an meine Lieblingszeile von Hesse: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

 

  • Die Überschrift Es ist alles eitel habe ich von Andreas Gryphius geklaut, der 1637 ein Gedicht mit demselben Titel geschrieben hatte. Eitel bedeutete damals noch „vergänglich“. Und weil das Klauen solchen Spass macht, stibitzte ich gleich noch die Zeile Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein. (1637. Eben. Es geht halt allen gleich.)
  • Farnweh ist ein Neologismus eines bekannten Pur-Users, der mit Pauken und Trompeten in meinen privaten Duden aufgenommen wurde. Das Wort, nicht der User. Wobei …
  • Saumäßig literarisch dieser Text.

Meine Stunde

Ich weiß nicht, wie’s kam, aber irgendwann stellte ich fest, dass sich da unmerklich ein Ritual eingeschlichen hatte. Als ich sagte: „Ich mach noch kurz meine Runde“, wurde wissend genickt und das Abendbrot stillschweigend um eine Stunde verschoben. Aha.
Und nun ist es so. Wenn nicht höhere oder andere Mächte dazwischenfunken, begebe ich mich jeden Abend auf die Runde. Das Tageswerk ist (vielleicht nicht) vollbracht, (aber) es genügt nun für heute, man schließt ab und i(s)st die restliche Zeit nur noch, um dann friedlich einzuschlummern. In dieser Stimmung bewaffne ich mich mit Getränk und Zigarette und ziehe von dannen.

Zum Beispiel zu meinem Lieblingsplatz. Das ist die immer noch bestehende scheußliche Waschbetontreppe (in Gedanken ist es eine urige Natursteintreppe, überwuchert mit diversen Sonnenkindern) und zwar ihr oberster Treppenabsatz, über dem sich ein inzwischen stabiles Rosenrankgerüst tapfer der beiden immer noch Ilse Krohn Superiors erwehrt. Da setz ich mich dann hin und bin einfach mal. Rieche den frisch-zitronigen Rosenduft der Ilses, spüre die noch warme Strukturstufe unter dem Popo (da drunter stört Hässlichkeit deutlich weniger), streichle ein kleines Moospolster und höre dem Helikopterflüstern der letzten Hummeln, Bienen und anderen Summsumms zu. Zu meiner Rechten und Linken befinden sich die einigermaßen blau-weißen Beete, mir gegenüber die geliebte Feige und und so weiter. Die Kinder der Nachbarn und dieselbigen sind vermutlich am Essen; es ist für einmal herrlich still, nur Schafglöckchen erklingen in der Ferne, unterbrochen von einem ungeduldig krächzenden Eselsessensruf, je nach Wochentag erschallt langes Glockengeläut, Teenie-Spatzen hauen einander motzend auf die Rübe … und da sitz ich und würde am liebsten nur noch da sitzen.

Und gucken. Denn dafür ist die Stunde gedacht. Liegt es an diesem besonderen Licht der blauen Stunde? Oder einfach daran, dass man kurz vorher entschieden hat, die Hände in den Schoß zu legen? Was auch immer die Gründe dafür sein mögen: In diesem Moment kann ich einfach nur gucken. Und wenn ich dabei ein Unkraut erspähe, egal … ich gucke ungerührt, ohne den Impuls, zum todbringenden Werkzeug zu greifen und zwischen die Stauden zu zehenspitzeln, um dem Übeltäter jäh den Garaus zu machen. Ich zupfe höchstens entspannt pflanzlichen Unrat aus den Thymianpolstern, die gerade mal eine halbe Armlänge neben mir rumwursteln. Überhaupt ist das ganze Gucken anders. Tagsüber gehe ich, wann immer es mir möglich ist, durch den Garten, um zu sehen, was sich da (nicht) tut, und gegebenenfalls Lösungen dafür zu finden. Abends sind mir Probleme fern. Da guck ich einfach. Voller Dankbarkeit.

Dankbarkeit darüber, dass ich überhaupt einen Garten habe und mich in ihm breit machen darf. Es ist gut, wenn man nicht alles vergisst. Zum Beispiel, dass es mal eine Zeit gab, in der man aus den Fenstern im fünften Stock entweder auf die dröhnend dicht befahrene Straße oder die düstere Wand des nächsten Blocks geschaut hatte. Niemals werde und will ich vergessen, was ich empfand, als ich in dieses Haus diesen Garten gezogen war: Vergleichbar ist höchstens der Moment, als ich untrüglich gewusst hatte, mich fortan nie mehr mit Mathe rumschlagen zu müssen (was sich später wider Erwarten als trauriger Trugschluss entpuppt hatte, aber das wusste ich damals Glückselige noch nicht). Dankbarkeit auch darüber, dass es hier überhaupt wächst und dazu noch so schön (es ist Abend, da ist alles schön). Und das tut es einfach, obwohl ich dauernd – sehr oft irrend – reinfummle. So zerplatzen all die tagsüberlichen gärtnerischen Sorgen, Nöte, Ängste, Irritationen mit einem deutlich hörbaren „Plopp“.

Das funktioniert auch lustwandelnd. Dafür habe ich mir u.a. sinnigerweise einen Kräutergarten ausgedacht, den man nur meditativ labyrinthig begehen kann (fragt mich nicht, wie oft ich werktagsüber diese ach so tolle Idee vermaledeit hatte). Und meinen einen Gemüsegarten habe ich so mutterbodengeizig angebracht, dass man auf den Haarnadelplatten bloß den „Walk like an Egyptian“ machen kann – solche Yoga-Übungen sind beim Bestellen … eben. In meiner Stunde ist das perfekt. Ich will eh nicht eilig durchhuschen und stör mich drum auch nicht weiter dran. Genauso wenig wie an der einen selbstgemachten Treppe, bei der die durchschnittliche Schrittlänge eines Durchschnittseuropäers doppelt veranlagt wurde. In Slowmotion (und wenn das Getränk schon fast weggetrunken) ist das richtig schön.

Wo war ich gerade? Ja, das gehört auch dazu. Selbstvergessen kann ich durchaus zehn Minuten bloß eine profane, sich von irgendwoher hingesäte Klatschmohnblüte bewundern oder aber das Käfertier, das sich gerade darin verlustiert. Irgendwann wird man sich dessen bewusst, dass man vermutlich einen reichlich seltsamen Eindruck auf die eventuell vorbeigehenden Mitmenschen hinterlässt, weil man dabei unter anderem vergessen hatte, den Mund zu schließen, irgendwann merkt man, – vielleicht – dass die Stunde vermutlich schon seit zwanzig Minuten um ist oder man wird daraufhin gemerkt (hier ist etwas anzuführen – wobei, ich mache das wohl besser erst am Ende dieses Satzes) und beendet dann betört die Runde, um den Abend wirklich ausklingen zu lassen. (Der Satz ist fertig, also: Ich schreibe hier von „meiner Stunde“. Das ist metaphorisch gemeint. Die kann nämlich von einer Viertel- bis zu zwei Stunden dauern. Oder noch länger, kommt halt sehr auf die Stimmung an. Die nickende Person vom ersten Abschnitt ist also mitunter eine leidende.)

Zum Wichtigsten, was ich hier eigentlich sagen wollte, kam ich gar nicht erst. Kein Wunder bei diesem Thema, ich schreibe auch lustwandelnd selbstvergessend. Da ich meine Stunde heute vorgeschoben hatte, bin ich in diesem Moment in der „Huch, aufgemerkt, die Zeit ist vermutlich um“-Situation, denn das Abendessen ruft drängelnd. Deshalb huschrasch: Der – wie eine deutlich jüngere Anverwandte von mir so gerne sagt – Oberburner ist: In dieser vor Dankbarkeit triefenden Entspannungsphase kommen mir mitunter Lösungen in den Sinn zu Problemen, die ich im nüchternen Tageslicht nie als solche erkannt hätte.

Manchmal. Andere manche Male bin ich einfach und auch das ist gut so.

Jenseits von Eden

Der erste bekannte Garten war ja anscheinend der, in dem Eva und Adam mit dem Feigenblatt lustwandelten. (Man kommt mit aller Mühe nicht umhin, sich den vorstellen zu wollen. Aber hallo! Von Gott kreiert. Muss ein Wahnsinnsgarten gewesen sein! Mensch!) Also, Adam und Eva und dann werden sie rausgeschmissen, weil anscheinend die Eva von der Schlange verführt wurde, den Adam dazu zu verführen, vom Apfel des Baums der Erkenntnis zu naschen. Ich bin da eher skeptisch.
Wahrscheinlicher scheint mir, dass die beiden einfach den ersten Krach der Menschheitsgeschichte hatten. Der Grund? Wegen der verbotenen Ernte? Nun, ich bin ja kein Theologe, aber seien wir mal ehrlich: Ist das ein Paradies, wenn man da einen Apfelbaum stehen hat, dessen Früchte man vergammeln lassen muss, auf dass sie faulend zu Boden fallen und Wespen, Schnecken, etc. berauschen? Und dann tritt man auch noch rein, wohlgemerkt barfuß? Na ja. Ich neige da zu einer anderen Theorie. Der Apfelbaum war ja – logischerweise – noch recht jung. Ergo bedurfte er des Erziehungsschnitts und das weiß ja nun heute jeder: Der Obstbaumschnitt ist weiß Gott eine Wissenschaft, will sagen, eine Erkenntnis für sich. Machen wir’s kurz: Die beiden stritten sich, und dass der Streit unauflösbar war, liegt auf der Hand. Da gab’s kein Google, keine Fachleute und lesen konnten die sowieso noch nicht.

Ich bin ehrlich (unnötig anzuführen, das bin ich ja immer, aber jetzt ganz besonders): Meine Erlebnisse mit gärtnernden Paaren sind nicht sehr verblümt, auch dann nicht, wenn es sich dabei um Eva & Evas und Adam & Adams handelt. Da setzt die Frau liebevoll einen Kürbissämling auf den Kompost und „der Hornochse kippt einfach eine Riesenladung Rasenschnitt drauf. Mensch! Und dann meint der noch, wo da bitte ein Kürbis gewachsen sei, er habe nix gesehen.“ (Ich lachte nur ein bisschen, immerhin hatte sie den Sämling von mir.) Ein arboretisch passionierter und versierter Mann stieß zwischen den Zähnen hervor – seine Frau gleich neben ihm: „Ich sag dir! Da schnippelt die doch an den Sträuchern, ohne auch nur den blassesten Dunst zu haben, und ich kann jetzt mehrere Jahre damit zubringen, diesen Frevel wieder auszubügeln. Ich hätte sie …“ Die deftige Erwiderung seiner Frau habe ich leider im Detail vergessen, aber es ging um irgendwelche ihrer Stauden, an denen er sich fälschlicherweise falsch vergriffen hatte. Und dann gab es noch das Paar, das sich die Gartenarbeit exakt aufgeteilt hatte. Oder so. Die Wortwahl erinnerte stark an ein altbekanntes Streitthema: „Du machst bloß das Angenehme und ich hab die ganze, verfluchte Arbeit am Hals. Wer, bitte, von uns beiden jätet eigentlich?“ „Ach, das bisschen Jäten, hör doch auf!“

Der Beispiele hätte ich noch so viele, dass ich keck zu behaupten wage: Wer den heimischen Frieden bewahren möchte, gärtnert nicht gemeinsam. Oder wenn, dann ist der eine Teil der entscheidungstragende Gärtner und der andere der ausführende Hiwi, der so unmissverständliche Anleitungen kriegt, dass nichts schief gehen kann. Tönt – zugegebenerweise – nicht sehr romantisch, verhindert aber viele Romantik verhindernde Situationen.

Kehren wir zu den beiden Feigenblattträgern zurück bzw. zu einer Frage, zu der sich schon einige Leute mehr oder weniger sinnige Gedanken gemacht hatten: Was ist typisch weiblich/männlich beim Gärtnern? Eine mir näher bekannte Person meinte: „Männer säen gerne. Aber die anschließende Arbeit überlassen sie dann uns.“ Den Gedankengang konnte ich ja ansatzweise nachvollziehen, aber … bei aller Liebe … nä. Wahrscheinlicher ist da eine andere Aussage, nach der Männer gerne mit schwerem, am besten stinkauspuffendem und laut röhrendem Gerät arbeiten, wohingegen Frauen eher zur leisen Handarbeit neigen. Dass da ein Körnchen Wahrheit drin stecken kann, ließ die Bemerkung einer lieben Freundin von mir vermuten, die ihren Sohn bewusst genderneutral erzieht: „Mir völlig schleierhaft, aber der ist total versessen auf Lastwagen, Traktoren und Bagger. Ich kenne kein Mädchen in seinem Alter, das diese Begeisterung teilt, und meine Schuld ist es nun wirklich nicht.“ Nicht, dass sie daran verzweifeln würde, aber in solchen Situationen fragt man sich halt schon nach der Ursache. Gene? Hormone oder so Zeugs? Man könnte es meinen.
Allein, ich habe genügend weibliche Augen glitzernd aufleuchten sehen, wenn ihnen ein Brrrummm-Bruuummm-Gerät vorgeführt wurde, während der Mann Fliesenfarben studierte. Danebst Männer, die lieber stundenlang von Hand eine fünf Meter hohe Chamaecyparis sägend dem Erdboden gleichmachten, als bloß ansatzweise den Gebrauch einer Kettensäge in Betracht zu ziehen, mit der übrigens die unten stehende Frau seit einer halben Stunde winkte.
Könnten etwa die Vorlieben andere sein? Jeder purende Mensch weiß es besser: Gestandene Mannsbilder fallen in Ohnmacht ob schwelgerischer Rüscheblüten, elfengleichen Grazien können bei deren Anblick die Spitzhacken nicht schwer und martialisch genug sein.
So gerne man schubladisieren möchte, hier versagt es offensichtlich.

Gott sei Dank. Das hat er echt gut gemacht. (Irgendwie hab ich das Gefühl, dass unsere beiden Feigenbeblätterten einen wirklich trotteligen Gedankenfehler gemacht hatten. Denselben wie ich nämlich. Himmelpopoundfaden, im Paradies müssen doch keine Obstbäume geschnitten werden!)