Memento mori

Burglind hat die Korkenzieherweide gefällt.

Und die stramme Dame hat das richtig gut gemacht. Das zumindest fanden mein Nichtgärtner und ich, während wir nebeneinander am Wohnzimmerfenster standen, schweigend die Bescherung betrachteten und unweigerlich an Joachim erinnert wurden. So nämlich hieß 2011 der Dezembersturm, der die geerbte Chamaecyparis mit atemberaubender Zielsicherheit der Länge nach aufs Beet knallen ließ, obwohl ihm dafür auch ein Holzzaun, die Satellitenschüssel oder unser Hausdach zur Verfügung gestanden hätten. Als gewissenhaftes i-Tüpfelchen setzte er noch einen drauf, indem er beim Fällen weder der damals noch vorhandenen Buchshecke noch den munter im Beet verteilten Buchskugeln auch nur ein Zweiglein krümmte. Seitdem ist allen Joachims dieser Erde ein Sympathievorschuss gewiss. Von meiner Seite. Dem Nichtgärtner ist es wurst, dass Stürme heißen und noch viel mehr, wie – es reicht völlig, wenn sich die hauseigene Stürmer- und Drängerin so was merkt.

Man könnte beinah den Faden verlieren, ginge es nicht just um den. Denn immer und zuverlässig, wenn von irgendeinem fallenden Baum die Rede ist, grinst mindestens einer von uns breit vor sich hin und setzt an mit: „Weißt du noch …?“ Dann grinst der andere, beide verdrehen die Augen und erzählen einander oder jedem, der sich just dann in unserer Nähe befindet, von unserer ersten und wohl auch letzten gemeinsamen Fällung.
Auch da ging es um eine geerbte Chamaecyparis, wenngleich am Teich und gefährlich nahe an Dingen, deren Zerstörung einem viel Ungemach beschert hätten. Dies unter anderem deswegen, weil die meisten davon dem Nachbarn gehörten.
(Zur allgemeinen Entschämung soll kurz angemerkt werden dürfen, dass die folgende Anekdote viele, viele Jahre her ist. Danke.)
Wir, forsttechnisch unbeleckt, waren vom gleichen grenzenlosen Urvertrauen erfüllt, wie es Menschen normalerweise sind, die keine Ahnung haben. Das Leben ist toll, wenn man nicht weiß, was so alles schiefgehen kann. Ja, man könnte beinah in Versuchung geraten, sich jeglichen Wissens zu entledigen, nur um sorglos vor sich hin leben zu können, wüsste man es denn nicht besser.
Vertrauensvoll wollten also mein Nichtgärtner und ich die Chamaecyparis fällen, wofür wir viel Entschlusskraft, ein kleines Beil finnischen Handwerks und ein dünnes Tau nutzten, Letzteres nicht viel mehr als ein etwas dickerer Faden. Diesen band Nichtgärtner so weit oben um den zu fällenden Baumstamm, wie es ging, ohne dabei eine Leiter benutzen zu müssen (die wär schon praktisch gewesen, aber man hätt sie nirgends hinstellen können. Jedenfalls nicht gescheit. So viel immerhin wussten wir schon damals.).
„Ich werde nun also“, erklärte Nichtgärtner dumpf durch die dichten Koniferenäste hindurch, „mit dem Beil so lange reinhauen, bis er Anstalten macht, zu fallen, dann ruf ich ‚Jetzt!’ und dann ziehst du!“
Das „Jetzt!“ kam, ich zog wie blöde, aber … Nun, es wäre – wenn überhaupt – nur dann was geworden, wenn es sich dabei um ein richtig fettes Tau mit einem richtigen, fetten Zugpferd dran gehandelt hätte. Was fällt, das fällt. Und zwar so, wie es will. Ein unschönes Sekundengefühl, wenn man so dasteht, einen Faden in der ziehenden Hand, der zu abernichts nutze ist, während ein mehrjährig verholztes Gewächs runterdonnert, wie es eben will. Im saublödsten Falle auf einen selbst.
Es wollte, wir konnten es kaum fassen, mitten in den Teich. Baff blieben wir stehen, er das Beil, ich den Faden in der geballten Faust, und betrachteten die planschende Konifere. Schweigend.
Das sind Momente, in denen einem klar wird, warum gewisse Berufe einer jahrelangen Ausbildung bedürfen. Wer schon einmal die Ehre hatte, einem richtig guten Profibaumfäller bei der Arbeit zuschauen zu dürfen, geht nie mehr in den Zirkus. Und hält nie mehr einen Faden.

Baumfalltechnisch scheinen wir vom Glück verfolgt und eigentlich wäre ich der Burglind dankbar, denn auch sie hatte es hingekriegt, nichts Gewolltem auch nur ein Mü zu nahe zu kommen. Der Holzzaun, der Kirschbaum, die Grenzhecke mitsamt dahinter befindlicher nachbarlicher Ungemächer sowie der vor kurzem gepflanzte Backfisch namens Choisya ternata ‚Aztec Pearl’ wurden von den walküregleichen Weidenarmen verschont. Selbst die marmorne Hundewasserschale, die als Grabmal auf des Cerberus’ letztem Ruheplatz thront, hielt ihnen stand. (Die Schale ist nicht wirklich als Mal gedacht, sondern als praktische Vorrichtung, weil sie die Velociraptoren vom Scharren abhält, bis der Grabhügel sich gesenkt und ich erneut Gras angesät habe. Witzigerweise haben die Weiber sie zum neusten schicken In-Place erkoren: Regenwasser in weißem Marmor, davon träumt die moderne Henne! Nun ja, es sei. Was macht man nicht alles für glückliche Eier.)
Also. Sie hat alles richtig gemacht, die Burglind, selbst namenstechnisch. Sagen wir’s, wie’s ist, einer Burglind tät ich alles abkaufen, selbst Chamaecyparis-Sämlinge. Und trotzdem flunschte ich ein bisschen vor mich hin, denn sie hat mir mein Memento Mori genommen.

Lasst mich das von vorn erzählen:
Ich wohne in einem Dorf. In einem kleinen. Und in diesem muss irgendwann irgendeiner eine Salix matsudana ‚Tortuosa’ so toll gefunden haben, dass er sie in seinem Garten pflanzte. Sie ist ja auch toll, keine Frage. Jeder Steckling wurzelt wie der Deibel, schon als Teenie macht er sich mit seinem verdrehten Wuchs richtig hübsch, und als Erwachsener begeistert er mit der schieren Menge seines unnachahmlichen frühlingsfrischgrünen Blattaustriebs und den aberhundert Krakelkringelzweigen, die sich perfekt für Ostergestecke eignen würden. Wenn man denn solche stecken täte. Dekountalentierte können einfach nur ein paar Gipseier an den Baum oder Strauch (so wird der wirklich definiert „Baum oder Strauch“!) binden, mit hübsch farbigen Schleifchen zum Beispiel. Solchen wie mir genügt der bloße Baumstrauch schon alleine deswegen, weil man dadurch im Herbst auch keine vergessenen Gipseier mitsamt verblichener Schleifchen entfernen muss, sondern tiefenentspannt die hellgelbe Blattfärbung genießen kann. Und wenn der Winter kommt, ist er auch noch nackig eine Wucht, scheint er doch in seiner schlafenden Krakelstarre wie ein verzaubertes Etwas aus einer anderen Welt.

In diesem Dorf also hatte mal jemand diese Salix gepflanzt. Zu Recht. Und weil es diesem Jemand und ganz vielen anderen Jemands nach ihm so ging wie meiner Lieblingsnachbarin, steht heute so eine in mindestens jedem zehnten Garten unseres Dorfes:
„Du, Nigg, schau dir das an: Für die Osterdeko geschnitten und in Sand gesteckt. Da hab ich nie gegossen, ich schwör, das war immer furztrocken! Und das hat so gewurzelt. Verrückt, nicht wahr? Willst du die vielleicht?“,
und hielt mir zwei fett bewurzelte metrige Steckhölzer entgegen. Natürlich wollte ich. Die fand ich nämlich schön. Und hatte dabei vergessen, über die zu erwartende Endgröße nachzudenken. Wer denkt schon an Endgrößen, wenn einem ein so allerliebst schnuckliger Welpe angeboten wird! Einen, Verzeihung, eine also setzte ich bei uns im Garten speziell für den Nichtgärtner, er fand die nämlich auch schön, eine zweite topfte ich, um sie außerdörflich weiterzuschenken. (Das, so schlussfolgerte ich, musste erlaubt sein, ansonsten wäre die erstaunliche Tortuosa-Dichte im näheren Umkreis unseres Dorfes nicht zu erklären gewesen.)
Um es jetzt nicht unnötig in die Länge zu ziehen: Das Ding wuchs und wuchs und wuchs und starb. Unerwartet, unerklärbar und mit einer Entschlossenheit, die an Selbstmord denken ließ. Was die genaue Ursache war, spielt keine Rolle, denn ein bisschen war ich froh darüber. Fast ein bisschen sehr sogar. Ja, sie ist wirklich schön, wirklich. Aber die wäre für diesen Standort einfach zu groß geworden, hätte man sie nicht vorzu beschnitten. Ein Umstand, der mich als erklärte Gegnerin des ungerechtfertigten Zurechtstutzens jedes Jahr in ärgere Gewissensnöte brachte. Wer weiss. Vielleicht hat sie das mitbekommen und sich meiner erbarmt. (Ja, toll. Jetzt ist mein Gewissen viel besser. „Nick, die durch ihr blosses Dasein Gehölze zum Absterben bringen lässt“, so wollt ich schon immer mal genannt werden.)
Ich ließ sie stehen. Zuerst, weil ich für meinen bäumigen Bruder Fotos knipsen wollte, damit er die eventuelle Todesursache eventuell näher hätte bestimmen können. Da ich so schrecklich ungerne fotografiere, blieb die Korkenzieherin Woche um Woche stehen. Nach einer weiteren Woche fand ich sie dort eigentlich richtig schön und überlegte, wie man es rechtfertigen könnte, einen toten Baumstrauch im Garten stehen zu haben. Von November bis März geht das noch, aber so mitten im Sommer wirkten der Stamm und die kahlen Äste, von denen sich die Rinde in großen Stücken löste, dann schon etwas seltsam für uneingeweihte Außenstehende.
„Warum eigentlich?“, fragte ich mich in einer meiner stillen Stunden im Garten und blieb fragend vor der toten Weide stehen. Warum eigentlich.
In diesem Moment beschloss ich, die Tote als Mahnmal stehen zu lassen. Als Memento mori. Das ist nicht der Name einer Pflanze (obwohl … so als Sortenname … hm …), sondern zwei lateinische Wörter, die übersetzt so viel heißen wie „Gedenke des Todes“ und schon vor einigen hundert Jahren benutzt wurden, damit man nicht zu übermütig durchs Leben hüpfen möge. Oder deutlich übermütiger als bisher – je nach Interpretation und Jahrhundert.

Im Garten (fernab von irgendwelchen Gärtnern) ist der Tod ein gern gesehener Gast. Kaum hatte die Weide ihr letztes Chlorophyll verbraucht, kamen sie herbei: Gekreuch und Gefleuch, Geflecht und Gespinst, sogar ein Specht (zum ersten Mal in meinem Garten ein Specht!), … es wuselte nur noch vor übermütig lebenslustigem Memento mori. Wen wunderts, meine Korkenzieherweide wurde zu meinem liebsten Ausgangs- und Endpunkt all meiner Gartenrundgänge. Was hat sich als nächstes angesiedelt? Wer wohl hat an diesem Lebensort ein neues Zuhause gefunden? Fühlen sich die Äste morsch an? Wie lange wird sie noch stehenbleiben? Ich hatte keine Ahnung und kam mir vor wie ein staunendes Kind, das noch herrlich viel zu lernen hat und sich darauf freut. Tag für Tag. Im Garten ist der Tod ein gern gesehener Gast. Kein endgültiger Abschied, sondern ein Neuanfang. Eine beginnende Lebensmöglichkeit, die jede Silvesterfeier in den Hintergrund funksprüht.

Burglind ist eine würdige Fällerin. Natürlich bin ich traurig ob des verpassten wuselnden Lebens und nicht erworbenen Wissens. Und einen weiteren Baumstrauch zu pflanzen in der Hoffnung, er möge bei einer geeigneten Größe gnädig dahinsterben … nein, so was macht man nicht. Schon noch blöd.
Doch das Leben schließt keine Tür, ohne dass eine andere aufgeht. Irgendwo. Und manchmal werden auch Türen geschlossen, weil sie schlicht überflüssig geworden sind. Denn was will man an den Tod gemahnen, wenn da so plötzlich wie unerwartet ein funkensprühender Backfisch auf vier Pfoten durch den Garten hüpft und beim Feiern des Lebens gleich mal einigen wagemutig ausgetriebenen Zwiebelblumen das Genick bricht.

 

 

Anmerkung
Anfangs nahm ich mir vor, meine nichtgärtnernden Besucher auf die Schippe zu nehmen, indem ich auf ihre Frage: „Ui, was ist denn diesem Baum da passiert?“ entgegnete: „Da ist gar nichts passiert. Das ist eine spezielle Sorte, die so aussehen muss.“ Nachdem zwei Besucher nur mit einem überraschten „Ach so“ reagierten, merkte ich nicht wenig verstört, wie viel mir mein Umfeld gartennärrisch gesehen inzwischen zutraut.
Beim dritten Besucher meinte ich nur trocken: „Ach, weißte, das ist mein Memento mori.“ Entgeistert sah er mich an, hielt sich die eine Hand vor den Mund und prustete dann hemmungslos los: „Memento mori! Ich kann nicht mehr! Memento mori!“

15 Antworten

  1. Schön geschrieben. Und vielleicht kann ja ein Teil der Weide als Totholzhaufen im Garten sein innewohnendes Leben weiter kultivieren und verändern.
    Und auf den Backfisch bin ich natürlich auch gespannt

    • Hrrrmpf. Da hält man sich an die Anleitung und postet dann einen Kommentar, der sich fast erübrigt, wenn man den Newsletter fertig liest 😀
      Schöner Backfisch!

      • Liebe linzige Eva!
        Ja, Totholzhaufen, die sind klasse, keine Frage, aber da ich schon welche habe, wird die Tortuosa gänzlich anders verwertet, wie eben beschlossen. Dank meinem Überübernachbarn, dem Recyclingkünstler, wird sie nächstens unseren Briefkasten zieren und halten. Insofern erübrigt sich gar nix. 🙂

  2. „Nick, die durch ihr blosses Dasein Gehölze zum Absterben bringen lässt“
    Gut, dass ich nicht abergläubisch bin! Sonst würde ich dafür plädieren, dass du dich dem hiesigen Garten nicht mal auf Sichtweite nähern dürftest!

  3. Liebe Nick,
    pass mal auf, dass es bei Deiner Weide kein „Auferstehen von den Toten“ gibt. So was soll es ja geben und dann musst Du Dein Mörder-Potential doch noch beweisen .
    Der liebe Mo sitzt ein wenig verklemmt neben der Weide, als ob er der Urheber des Umfalls gewesen wäre (wahrscheinlich hast Du ihn gerade wegen der blöden Zwiebeln geschimpft, die eh noch nicht auszutreiben haben).
    Merke eins: Ein Leben ohne Tiere im Allgemeinen und Hunde im Besonderen ist kein Leben. Da verzichte mal lieber auf ein paar Blumenzwiebelchen.
    Merke zwei: Morbidität kann wunderschön sein, vor allem bei Tulpenblüten (so meine eigene ganz persönliche Meinung).

    • Wunderbar wahre zwei Merkereien, danke dir dafür, Verena! 🙂
      Aber: Wiederauferstehung aus einer zweijährigen Totenstarre? Echt jetzt? Mach mir keine Angst!!!

      (Klammer-PS.: Wegen eines Blumenzwiebelgenickbruchs würde ich Mo niemals nie ernsthaft ausschimpfen. Jedenfalls nicht, solange ich ihm noch nicht habe beibringen können, was ein Beet und was keines ist.
      Nein, nein, an seiner Fotoungenität ist er ganz alleine schuld, ich schwörs! ;-D)

  4. Wie schön, dieses Thema! Und wie schlimm, dass die Grüntönenewsletter seit ein paar Wochen plötzlich im Spamordner gelandet sind… ich hatte gar nix mehr mitgekriegt vom angeschwollenen Output.

    • Angeschwollener Output … mpf
      *wendet sich beleidigt ab – nicht, ohne diesem unerhörten Spamordner einen hinterhältigen Tritt zu verpassen und verstohlen zu grinsen*

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