Von Gras und Gräsern

Es war eine Zeit, die gar nicht mal so lange her ist, als es in meiner Welt die folgenden zwei selbstgestrickten Definitionen von Gras gab:
1.  Es wächst im Rasen und zickt da bisweilen.
2. Es wächst unkrautig in Beeten und da ist es ihm immer labradoodelwohl.

Ich wusste zwar von einer dritten Variante, hielt davon aber so viel wie gar nichts. „Ziergras“. Allein schon dieses Wort war mir widersinnig. Gut, so ein Grasbüschel mag wohl vielleicht den herrlich dicklippigen Mund einer Kuh zieren, in dem es nach und nach mit rhythmischen Zuckungen verschwindet, aber ein Beet? Ich bitte euch.

Standhafte Menschen wanken nicht, wenn sie mit ihrer Meinung allein in der Wiese stehen, auch wenn ihnen noch tausendmal gehirnwaschend unter die Nase gerieben wird, dass sie falsch liegen. Egal, was ich las, in welche Gärtnerei oder Gärten ich ging, oder mit wem ich redete, alles schwärmte von diesem eindimensional einkeimblättrigen Schnarchzeugs.

„Es könnte – meiner Treu! – vielleicht doch was dran sein“, so dachte es schließlich in mir, leicht schlingernd. Und weil Standhaftigkeit eh überbewertet wird, schubste ich einen Teil meiner Prinzipien über Bord und besorgte mir Gräser. Zierende. Für in die Beete.
Den Teilschubser hatte ich mir wohlfeil zurechtgerückt: „Duhuu?“ flötete ich beim Heimkommen meinem Nichtgärtner entgegen, „Guck mal, das da habe ich nur für dich gekauft!“ (Genau. Damals war es dem Nichtgärtner noch so sehr pillepalle, was ich draußen vor der Tür rausriss, umsetzte und einpflanzte, dass der clever angedachte Trick arg fadenscheinig daherkam.) Nichtgärtner sah wohl wissend nicht auf die einkeimblättrigen Töpfe und lächelte mir gequält entgegen.

„Wart’s ab! Das ist dein Ding, sag ich dir!“ trillierte ich und hielt ihm namentlich genannt Bärenfellschwingel („streichel das mal, ist der Hammer, du!“) so nah vor die Augen, dass er ihn einfach toll finden musste, und ohne Atempause gleich noch die Morgensternsegge („guck mal die Fruchtstände an – ist das nicht unglaublich? Fühlt man sich da nicht wie bei der Schlacht am …“ ich wurde jäh unterbrochen:)
„Ja, doch, die haben was. Gefällt.“

Darf ich anmerken, dass dieses nichtgärtnersche Edelprädikat „gefällt“ damals zum ersten Mal gefallen ist?
Verflucht. Es musste was dran sein, an diesem Ziergrasgedöns. Oder vielleicht an den Namen?

„Und“, meinte der fingerkuppenfühlende Nichtgärtner, „was ist das da?“ Leicht bredouilliert hätte ich gerne irgendwas von Stahlbohrerfräse gemurmelt, da Lampenputzergras für mein Trachten nicht wirklich was hermachte – welcher Kerl putzt schon Lampen? (Und überhaupt: welche Frau? Total unsexy, der Name. Ich hätte ihn ja keck in Pfeifenputzergras umbenannt, wäre Nichgärtner Pfeifenraucher gewesen. War und ist er aber nicht. Aber es gab einen Ausweg. In solchen Fällen hilft Latein. Immer.)
„Das“, entgegnete ich entwaffnend, „ist ein Pennisetum. Der Hammer, sag ich dir.“ (Die Erwähnung von Werkzeugen funktioniert bei vielen Menschen, vornehmlich männlichen.)
„Toll!“

Nun ja. Das Lampengeputze wich als erstes, nachdem es sich drei Jahre lang standhaft geweigert hatte, auch nur eine Ähre zu produzieren. Die Morgensternsegge sah enttäuschend aus an jenem einen Ort, also pflanzte ich sie an einen anderen, der dummerweise einen Weg kreuzte. Den kläffhündischen Kreuzzugsweg nämlich. Gegen den neuen Nachbarskläffer. Und so wurde das Symbol der schweizerischen Befreiung drei hoch vierfach in Grund und Boden gestampft.
Der Bärenfellschlingel hätte überlebt, hätte ich ihn denn brav teilend verjüngt und nicht von Gänsekresse überwuchern lassen. Er verschwand sang- und klanglos, da konnte auch der Name nicht mehr helfen.

„Ziergras“. Ich bitte euch.

Die Jahre gingen ins Land, ich blieb standhaft. Sogar damals, als ich dem Staudengärtner meines Vertrauens die gewohnte Nick-Frage stellte:
„Na? Hast du was Neues für mich, was ich unbedingt haben muss?“ und er meinte: „Ja, hab ich! Komm mit ins Gräserquartier, da …“
„Du, nö. Mit Gräsern hab ich’s nicht so.“
Er schaute mich mit entsetzt rollenden Augen an, schnappte nach Luft und brachte nur ein gejapstes „Ä?!?“ hervor.
Nee, nee. Gräser hatte ich gesehen.

2014 wallte herbei. Ich war gerade am Jäten und rupfte munter büschelweise Gräserunkraut raus. Meine unbehandschuhten Finger hielten inne, als sie etwas Breiteres, Festeres erspürten.
Nun ist mein großpupilliger Jätblick nicht geschaffen dafür, Gartenwürdiges auf Anhieb zu erkennen, sondern auf die eine simple Unterscheidung programmiert, die da lautet: Freund oder Feind. Dummerweise erkenne ich in der jätenden Trance Freunde nicht immer rechtzeitig, geschweige denn die potenziellen. Ihr wisst, wovon ich da andeutend ein Klagelied summe.
Aber dafür habe ich Hände.

Ich wich einen halben Meter zurück, die Pupillen wurden kleiner und ich sah. „Ach. Da sind ja drei Stück davon. Mit einem richtig netten Pflanzabstand. Die kenn ich doch. Die wollte ich einmal schön finden. Woher bloß kenn ich die?“
Tja. So schnell lässt sich ein Befreiungs-Symbol nicht unterkriegen. Die Carex grayi war gerade im Begriff zögerlich an dem Ort aufzuerstehen, an den ich sie ursprünglich gesetzt hatte, um pünktlich im Jahre 2015 ihre Morgensterne zu zeigen. Da wurde es sogar mir ein bisschen national ums Herz.

Die Schlacht am Morgarten, in der die Eidgenossen einmal mehr die pösen Habsburger besiegt hatten, fand tatsächliche 700 Jahre früher statt. Gewonnen hatten sie zwar mit der Hellebarde, nicht dem Morgenstern, und die andere Schlacht um ’15, bei Marignano und vor 500 Jahren, endete mit einer Niederlage. Aber wir wollen hier nicht pingelig sein.
Historisch bewanderte Pflanzen waren mir neu. Bisher hatte sich Zweikeimblättriges diesbezüglich als gänzlich desinteressiert erwiesen.
So etwas wie Ehrfurcht machte sich in mir breit.

Vielleicht war es auch einfach nur ein gewitzter Beobachter gewesen und hatte mitgekriegt, dass ich in jenem letzten Jahr gar nicht mal weit entfernt außerbeetisch zwei dicke Hörstlein Stipa tenuissima gesetzt hatte. Für die Velociraptoren. Nicht, weil sie Federgras heißen – Namen sind diesen Tieren Schall und Rauch – nein, aus dem einzigen prosaisch opportunistischen Grund, weil sich die Federtiere anscheinend wonniglich auf die Samenstände zu stürzen pflegen. Kein Ziergras also, sondern ein Hühnernutzding. Darum durfte ich es auch ungehemmt schööön finden, was ich täglich tat, mitunter so laut, dass es die Grayi-Samen auch ganz tief im Mutterboden hatten hören können.
Meine Ehrfurcht wurde breiter.

Sie hatten es geschafft – das federnde, pazifistische Engelshaar in Kooperation mit drei kriegerischen Morgensternen:
3.  Und dann gibt’s noch Ziergräser, die man richtig schön finden kann.
So schön, dass sie Lust auf mehr machen.

Dieses Frühjahr rückte ich einem kleinen Rasenstück zu Leibe und verwandelte es in einen Amsonia-Geranium-Chaenorhinum- Bereich mit Ziergräsern. Auserkoren wurden Zittergras und Waldschmiele in Sorten.
Und wohin zog es mich wie an Marionettenfäden? Zu den austreibenden Blaublühern? Denkste. Zu jedem wachsenden Millimeter der Gräser, dieses scheinbaren Schnarchgedönses. Mit glänzend-funkelnden Augen beobachtete ich, wie die Briza medias runde Blütenstängel in die Höhe schoben, sich Embryo-Blüten wie klitzekleine Erbsen herausschälten – sie erinnerten mich vage an Küken, die sich aus ihrem Ei zwängen –, größer wurden, sich entgrünten und eine leicht errötende Färbung annahmen … Weshalb eigentlich erzittert es, dieses Gras? Schämt es sich bescheiden ob der eigenen kleinen Schönheit? Oder ist es ein züchtig-moralisches Zittern, weil die Nichtgras-Nachbarn unzüchtige Dinge mit Insekten treiben? In aller Öffentlichkeit?

Ich war hingerissen. Sogar von der Waldschmiele, die offenbar beschlossen hatte, sich nicht zu rühren. Wochenlang saß sie stachlig-horstig da, mit trotzig vorgeschobener Unterlippe. Es war ihr nicht zu verdenken. Immer wieder landete ein schuppiger Ignorantenfuß auf ihnen, knickte dabei Halme ab und schämte sich nicht mal deswegen. Die Hoffnung darauf, dass sie sich doch noch in diesem Jahr dazu hinreißen lassen würde, mir ihre Blüten zu zeigen, hatte ich aufgegeben, aber ich hätte es besser wissen müssen. Ziergräser müssen sich zieren. In vielerlei Hinsicht.
Seit einer Woche schälen sich zu meiner wuschigen Freude Deschampsia-Blütenstände heraus und siehe da: Da trampelt kein Velociraptorending mehr drüber. Weiß der Habicht warum.

Ziergräser. Eine erstaunliche Welt für sich.

Meine kleine simple Welt hat sich verändert. Schlagartig, innerhalb eines einzigen kurzen Jahres. Sah ich auf Spaziergängen zuvor Blumen mit grünem Begleitgedöns, blaue, gelbe, rote, braune, riesengroße, klitzekleine, bremste ich diesen April abrupt, ging ein paar Schritte zurück und verkündete Nichtgärtner inklusive Hund: „Jetzt schaut euch das an! Ein einzelner Briza-media-Stängel mitten in dieser Wiese! Hinreißend!“ (Nichtgärtner war tatsächlich angetan, der Hund kümmerte sich lieber um die uns unsichtbare Duftmarke rechts daneben.)

Und der Wald. Der Wald! Neue Schätze tun sich da vor mir auf, rechts und links der Wege, die ich auswendig kenne, von denen ich weiß, dass da gleich drei Holunder kommen, links eine Impatiens-Plantage sich eröffnet, dort drüben Knoblauchsrauken eine ausgebüchste Lorbeerkirsche umrunden … da sehe ich zum ersten Mal vier kleine breitblättrige Horste. Richtig schöne mit braunen Blütenknospen. Und da ein größeres Gras, das sich ein Moosbett ausgesucht hatte und dort noch ein anderes …

Aus Gras sind Gräser geworden. Aus verächtlich hingeschnaubtem „Ziergras“ ehrfurchtsvoll geflüsterte Ziergräser. Aus verschwommen-grün wahrgenommenem Brei verschiedene Individuen, Geschichten, Schönheiten.

Dass es ausgerechnet Ziergräser sein mussten, die mir diese unfassbare Wahrheit vor Augen führten: Du siehst, was du denkst.

10 Kommentare

  1. Nickchen, ich bin immer noch auf dem umshimmelswillenkeinegräser Tripp.
    Hab einmal ein panaschiertes vomVater geerbt das sich selbst unter der Terrasse durchwucherte und die aufgenommen werden musste um es los zu werden. Dazu hatte ich einen mir buchstäblich über den Kopf gewachsenen Bambuswald (sind ja auch Gräser) und da kam dann der Bagger!!!?Nein,wie du schon am Anfang beschriebst, ja keine Gräser!! Ich fürchte da bin ich bekehrungsresistent, wie bei roros Rose ,( grins).Ausserdem verwöhnt mich der Deich mit allen Sorten Gräsern überschwenglich die nicht in einen Garten gehören und das ist eine tägliche Kampfansage.? ( Gestern wurde der Deich dann endlich gemäht, aber das Gras ist längst in meinem Garten durch Süd- und Westwind eingebracht.?Nun noch Ziergras…. Never ever!! (lach) Trotzdem finde ich es in anderen Gärten wunderschön. Und dann sage ich mir standhaft, man muss nicht alles haben. Aber du hast herrlich beschrieben , wie sich Prinzipien ändern können. Ganz toll! LG Irisfool

  2. Nein, tust du nicht

    Gräser….undenkbar 😀

    Ich hab mal eins geschenkt bekommen. Ich meine, es wäre Honiggras, was da dran stand. Es war ein winziges Büschelchen.
    Dann war es gepflanzt von der Mama und das mitten auf den Wall. Dort dümpelte es vor sich hin und störte nicht weiter. Aber dieses Jahr….ja dieses Jahr meinte es explodieren zu müssen.
    Das Zeug ist überall. Wirklich….es wächst und wuchert und macht micht fertig. 😛

    Ich kann sagen, ich mag es nicht mehr.

    Und dann bekam ich wieder was geschenkt. Man sagte mir, es würde sich nicht ausbreiten sondern lieb in Horsten wachsten.

    Ich hoffe, er behält recht 😀

    Aber Nick, ich laß mich gerne belehren. Vielleicht kommt ja noch der Tag, an dem ich Gräser auch mag

    1. Ich meine, wir Gärtner haben durchaus das Recht etwas nicht zu mögen. Ich mag nach wie vor weder Epimedium noch Bergenien (um nur zwei Beispiele zu nennen), die kommen mir nicht über die Gartenschwelle, auch nicht geschenkt, nein, nein!
      Was lässt du dir das Zeug auch aufs Auge drücken, tsts! 😉

  3. Das war, bevor ich wußte, das ich Gräser nicht mag….hihi

    Aber wenn sie sich nicht wild verbreiten, dann dürfen sie gern auch bleiben. Muss irgendwie schon passen.

    aber dieses unkontrollierte überall hinwachsen, das macht mich einfach kirre

    reicht schon, das diverse Minzen das machen

  4. Irrungen – Wirrungen. Wunderbar – muß ich gleich nochmal lesen. Das erste Mal immer ganz schnell, weil ich unbedingt wissen muß, was drinsteht. Das zweite Mal zum Genuß. Ich dachte früher auch mal, ich mag keinen Garten 😉

    1. Schnell gelesen und breit gegrinst.
      Zum zweiten Mal gelesen und mich gefreut wie ein Honigkuchenhuhn.
      (Und jetzt les ich’s gleich noch dreimal ;-D)

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