Rücken, die entzücken

Unverbindlich blätterte ich vor wenigen Jahren in einem Zwiebelpflanzen-Katalog, als ich jäh inne- und ihn näher an meine Augen hielt. Bescheiden nickte mir ein Grüppchen weissblühender Schönlinge zu, die nur darauf gewartet hatten, von mir entdeckt zu werden. Nebst dem Namen Narcissus moschatus und dem atemraubenden Standort «sonnig bis vollschattig» (vollschattig!!) stand im Text, dass diese Narzisse auf eine pyrenäische Wildart zurückgehe und seit rund 300 Jahren in Kultur sei. Eine wild historische Kostbarkeit also. Als hätte das nicht längst gereicht, wurde zu allem Überfluss ihr Duft gepriesen, dem sie immerhin den Beinamen moschatus zu verdanken hat. Sie duftete also auch noch. Im Vollschatten! Ich kriegte weiche Knie.

Eine gewisse Knieweichheit, so stellte sich im Nachhinein heraus, wäre später deutlich von Vorteil gewesen. Denn als die Hübschen im Frühjahr darauf blühten, war die Blüte zwar üppig, aber kaum zu sehen, geschweige denn zu riechen. Man zog es nämlich vor, nicht nur dem Gehweg den Rücken zu kehren, nein, unverhohlen schaute man den abschüssigen Hang hinunter, direkt an die Kellerwand des Hauses. Eine Wand wohlgemerkt, die nicht mal ansatzweise schön genug war, um eine derartige Anhimmelei zu rechtfertigen. Um es zu verdeutlichen: Die zeigten mir nicht nur die kalte Schulter, nein, mir wurde da ganz ostentativ der Popo entgegengestreckt. «Es muss am Standort liegen», dachte ich tapfer, erwog die Himmelsrichtung, mikroklimatische Bedingungen, mögliche Schwerkräfte und war zufrieden mit der Erklärung. Tja. Hätte ich statt in holländischen Katalogen besser in der griechischen Mythologie geblättert!

Stattdessen zog ich um.

Als ich vor anderthalb Jahren meinem geliebten Garten den Rücken kehrte und nur die mir wichtigsten Pflanzen mitzügeln konnte, bedachte ich auch die Wilden mit dem Füdli. Immerhin zeigten sie sich vermehrungsfreudig und wer wüsste? Vielleicht würden sie am neuen Ort in die richtige Richtung, sprich die meinige schauen. Die Vorzeichen standen günstig: Die Himmelsrichtung war eine komplett andere, das ebene Beet schien mir keiner nachteiligen Schwerkraft unterworfen und dieses Mal – man stelle sich die hier Schreibende durchtrieben grinsend vor – befand sich die anhimmelbare Hauswand auf der anderen Seite des Gehwegs. Doch wer vermag zu ahnen, was in so einer Moschusnarzisse vorgeht. Die meinen beschlossen, sich ihrem Namensgeber verpflichtet zu fühlen, einen auf Narziss zu machen und wie dieser seinerzeit niemanden zu erhören. Aus Prinzip. Ganz besonders jene nicht, die auch nur einen Hauch zärtlicher Gefühle für sie zu hegen gedachte. Stur blickten sie ins Nicht-zu-mir und schielten höchstens verstohlen zueinander rüber.

Man hätte nun konsequent und folgerichtig die Handschaufel holen, zustechen und das selbstverliebte Gesocks samt und sonders kompostieren können. Doch als sich die letzte abweisende Blüte geöffnet hatte und ich, die erwähnten Hinterteile betrachtend, am Beetrand stand, brachte mich das zu einem so unerwartet erheiterten Schmunzeln, dass ich den Jungs vom Fleck weg das ewige Bleiberecht versprach. Gut möglich, dass sie sich irgendwann vor lauter ignorierender Langeweile auf ihren Zweitnamen besinnen und, wenn schon keinen Charme, dann wenigstens endlich mal den sagenumwobenen Duft versprühen.

Mit unverblümt-schelmischem Vergnügen berichte ich in der Zeitschrift Pflanzenfreund regelmäßig über das, was gemeinhin verschämt unter den sattgrünen Rollrasen gekehrt wird: Misserfolge, Missgeschicke und Misstritte – mit Vorliebe die eigenen. Und nun auch hier.

Zum Beitragsbild: Zu dieser Kolumne gehört auch ein Autorenporträt, das in typischer „Pflanzenfreund“-Manier für jeden Beitrag neu geknipst wird. In und von meinem Umfeld.

12 Kommentare

  1. Hallo Nick,
    wie bin ich froh, dass ich deinen Blog entdeckt habe! Ich bewundere deine Entscheidung, den kleinen Widerspenstigen doch eine Chance zu geben. In meinem Garten hätten sie nicht überlebt. Soll nicht heißen, dass hier nur die kopfgroßen und braven Dekolieferanten willkommen sind. Aber die Plätze sind rar. Auch im Schatten. Ich freue mich auf deine weiteren Kolumnen. Viele Grüße aus dem schönen Niedersachsen
    Anke

    1. Liebe Anke, zu bewundern gibt es da nicht viel, ist es doch einfach eine Mischung aus Faul-, Stur- und Vernarrtheit, die den Selbstverliebten ihren Platz im Garten sicherte. Und ganz unter uns: Ich habe eine Schwäche für ungefällige Widerspenstige, nicht nur für pflanzliche.
      Dass dir die grünen Töne gefallen, freut mich, und ich schicke dir ein liebes Hallo aus der Schweiz (die heute auch echt schön ist).
      PS: Wofür hast du denn eine Schwäche, wenn ich so direkt fragen darf?

  2. Danke für die liebe Begrüßung!
    Als Antwort auf deine Frage: Bei Rosen, solange sie sich nicht von der widerspenstigen Seite zeigen, werde ich sehr oft schwach. Und ich mag Hostas.

  3. Liebe Nik – so schön, dass es bei dir wieder grünt und tönt. In meinem Paradiesgarten steht wie alljährlich der grüne Mai an. Diesmal wird er ein Spürchen bunter dank deiner Anregungen und der relativen Zurückhaltung der Mäuse beim Tulpenzwiebel- Verzehr. Einige späte Knospen und erste Hasenglöckchen und das weiss blühende Sträuchlein versprechen Farbkontraste – bis dann die Sommerfülle anbricht. Auch andere Pflänzchen gedeihen einigermassen… und werkeln ihrer Reifeprüfung entgegen, obschon sie fahrlässiger- und bedauerlicherweise auf den angebotenen Dünger verzichten. Herzlich Antonia

    1. Welch Freude, Antonia, auch von dir zu lesen! Und wie wundervoll dieses Wort im Garten: Reifeprüfung! Bloss der Düngerverzicht ist mir schleierhaft. Narzistische Kandidaten kenne ich ja neben den hier angesprochenen Wilden einige. Aber bewusst asketische sind mir bislang noch nicht untergekommen. Sag, was für exotisch welche sind denn das?

      1. Nun eben, deine andere junge Kundin meinte ich, die wahrhaftig der Reifeprüfung entgegenwächst – und der Dünger, nun, das wäre deine Unterstützung gewesen… wäre. Aber es wird schon gut werden wie so vieles… im Garten und anderswo.
        Herzlich – Antonia

        1. Ach so (*an die Stirn klatsch*)! Bei so wortspielenden Metapher-Jonglierinnen wie dir kann man nie wissen.
          Dank dir für die Erhellung. :-*

  4. Ich kann mir diese kleinen selbstverliebten „Stinker“ sehr gut vorstellen. Wie sie da im Beet stehen und die Wand anstarren und einfach nur denken „Nö, die schau ich nicht an“. Hach, zu herrlich!!

    1. „Stinker“! Tina, der ist richtig gut! Künftig werde ich sie so ansprechen – wer weiss, vielleicht schauen sie dann ganz empört zu mir.
      Dieses Jahr haben sie’s übrigens wieder geschafft – buchstäblich in alle Richtungen haben sie gestiert, bloss nicht in meine. Hätte ich keine Augenzeugen, würde ich langsam an meinem Verstand zweifeln. ;-D

      1. Ich hätte schon längst eine Kiste mit den Kleinen bepflanzt, die Kiste auf einem Tisch und den Tisch mittig im Freien gestellt!
        … und das Ganze auf gar keinen Fall an eine Wand schieben, sonst ist vorprogrammiert, wohin die Blüten schauen 🙂

        1. Wie schlau! Franzi, du bist der Oberhammer! In meinem Fall scheitert es daran, dass ich eine Topfpflanzen- und Dekonulpe (nicht -tulpe) bin, ingeniös ist die Idee trotz alledem. Danke dir dafür. Und für den Lacher mit der Wand!

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