Symboltracht

Der Abschied fiel mir schwer und bemüht zwinkernd versuchte ich, die aufsteigenden Tränen im Keim zu ersticken, die bei diesem eigentlich freudigen Anlass nichts zu suchen hatten. Mit dem Apéro-Glas in der Hand stand ich inmitten elegant gekleideter Leute und lenkte mich mit erfreulichen Gedanken ab. „Nachher kannst du im schnittigen Cabrio deiner Freundin sitzen, von CCR begleitet durch die sonnige Stadt geflitzt werden und bei ihr zu Hause hemmungslos feiern.“
Verschmitzt freudestrahlend kam die ganze Gruppe auf mich zu (nicht CCR), zwei davon wuchteten ein riesiges Zellophanteil mit Schleifchen dran vor mich hin und meinten mit geschwellter Brust: „Das ist für Sie.“ Von zig erwartungsfrohen Augenpaaren beobachtet, nestelte ich von der knisternden Transparenthülle einen Umschlag herunter und sah dabei durch die Transparenz. Ein Apfelbaumkind schaute mich an, über und über behängt mit farbigen Kartonäpfeln, auf denen jeweils ein Foto der verabschiedenden Menschen klebte. Es zwinkerte sehr heftig.
Wir hörten CCR, aber das Flitzen war gestrichen. Ich war geübt darin, mich in engen Autos mit Baumkindern zu arrangieren, doch ein offenes Dach und Zellophan war eine ganz neue Erfahrung. Lachend zuckelten wir durch die Stadt und erregten grinsendes Aufsehen.

Der Tag danach war ausschließlich dem Kind gewidmet. Nachdem ich entzellophant und alle Kartonäpfelchen weggeknotet hatte, nahm ich mir die alles erklärende, auf einer Seite schräg beschnittene Etikette zur Brust, auf der das Logo eines Baumarktes prangte: „Apfel. Gravensteiner. CHF“

Mit Äpfeln hatte ich es bisher nicht so. Nur, wenn Großmutter sie zu Schnitzen geschnitten und mir auf einem Teller dargereicht hatte. Und sonst nur, wenn es Granny Smith gewesen war. Und später eigentlich gar nicht mehr. Ich guckte den Gravensteiner an – ja, doch, bei dem Namen klingelte was –, sah einen dünnen Stamm, Zweige, daran Zweiglein und ein einziges Apfelbaby.
Wer nur einen Hauch Ahnung von Obstbäumen hat, vermutet richtig. Ich hatte keine. Aber auch wirklich keine. Dank Google durfte ich vermuten, dass es sich vermutlichstens um einen Niederstamm handelte, was ein bisschen bei der Standortwahl half. Ein bisschen. Dreiviertel des Tages verbrachte ich damit, den Topf hier- und dorthin zu stellen, den Kopf zu schütteln, die Schultern hängen zu lassen und den zynischen Gedanken anzudenken: „Na, setz ihn doch dorthin, wo ehemals der kleine Apfelbaum gestanden hatte.“

Als wir den Garten übernommen hatten, wuchs neben dem Kirschbaum ein krüppliges Exemplar von einem verschorft-madige Äpfel tragenden Kleingehölz. Nach zwei Jahren und der Erkenntnis, dass wir echt nicht auf Äpfel stehen, hatten wir es kurzerhand runtergesägt und den übrig gebliebenen Stamm mittels Bohrlöchern in ein Insektenhotel verwandelt. Die männlichen Hunde pinkelten so erfolgreich hin, dass man ihn irgendwann einfach auflüpfen konnte. Das tat ich dann auch und lehnte ihn oststeitig an unser überdachtes Gartenregal. Er steht heute noch da, gebleicht, verwittert und erfreut Holzbienen sowie anderes Gesummse.

Ich setzte den Gravensteiner letztendlich einen Meter weiter links. Ganz professionell – immerhin hatte man gegoogelt – mit einem schräg eingeschlagenen Stützpfahl. Beim Graben des Pflanzlochs stieß ich auf einen herzförmigen Stein. „Du kannst es mit Äpfeln halten, wie du willst, aber das ist ein Zeichen. Ehre fortan und sei dankbar.“
Als uns in jenem Sommer ein apfelbaumhaltender Freund besucht hatte, schlug er beim Anblick des Kindes die Hände über dem Kopf zusammen und rief aus: „Meine Güte! Was für ein Krüppel!“ Man mag es nicht, wenn einem Symbole stippig gemacht werden, ganz besonders, wenn daran ein Apfel hängt.

Ende August saß ich mit Nichtgärtner morgen-lümmelnd auf dem Wisteriensitzplatz, schaute zum Symbol und verkündete pathetisch: „Heute wird er geschlachtet!“ Unser erster, wirklich gewollter Apfel würde uns viel Vergnügen bereiten, so viel stand fest.
Etwas später hörte ich im Garten lautes Fluchen: „Yorrick! Du Sauvieh! Lass ihn los!“ Als ich um die Ecke bog, sah ich das Sauvieh, wie es in seiner Not und mit hervorstehenden Augäpfeln den Rest der Frucht runterschluckte. Einen ganzen verfluchten Sommer lang hätte der verfressene Hund Zeit gehabt, den einen und einzigen Apfel runterzupflücken. Aber nein, man hatte genau diesen einen Tag abwarten müssen. Ich sah ihm zu, wie er etwas würgte, sich schüttelte und dann zur Buchshecke trottete, um sie anzupinkeln.

Die folgenden Jahre trug das Bäumchen immer mehr Früchte. Inzwischen hatte ich vom bärtigen Baumschneider erfahren, dass es ein sogenannter Spindelbusch sei (Ha! Nix Krüppel! Spindelbusch!), und sah zu, wie er mit drei kleinen Schnittchen erzogen wurde. Yorrick erzog sich derweilen selber: Jedes Jahr erntete er ein kleines bisschen früher, nicht, dass wir auf falsche Ideen hätten kommen können.

Der Abschied fiel mir schwer und ich heulte hemmungslos vor mich hin. Mit verschwollenen Augen blickte ich zu Nichtgärtner und lenkte mit schluchzend-erfreulichen Gedanken ab: „Aber hey! Jetzt, wo Yorrick nicht mehr da ist, können wir dieses Jahr zum ersten Mal Äpfel ernten!“ Wir glucksten beide leise und heulten grinsend weiter.

Der Busch trug nicht. Nicht eine einzige geschlagene Frucht. Ob er so sehr trauerte, dass er sich partout nicht befruchten lassen wollte? Oder trug er es mir nach, dass ich inzwischen die Meinung meines apfelbaumhaltenden Freundes teilte und seit drei Jahren ernsthaft mit Apfelgehölz-Fällung Nr. 2 liebäugelte?

Wie dem auch sei, dieses Jahr trägt er. Es sind nur acht Früchte, aber sie konnten gedeihen und wachsen, langsam die Rotstrich-Färbung annehmen und mit ihrem bisher nie erreichten Gewicht den Busch in ernste Schwierigkeiten bringen. „Du“, meinte Nichtgärtner beim abendlich trauten Waschbetonsitzen, „muss das so sein?“ Ich folgte seinem Zeigefinger und betrachtete den Busch, der sich nächstens westseitig auf den Boden zu legen drohte. „Nö. Falscher Stützpfahl. Der müsste eigentlich senkrecht eingeschlagen und so hoch wie das Bäumchen sein.“ Nichtgärtner schwieg fragend. „Jaaa, hast ja Recht“, seufzend erhob ich mich, holte Bindematerial, zurrte das Ding ungelenk in eine etwas senkrechtere Position und setzte mich wieder hin. „Das muss reichen. Der ist eh auf der Abschussliste.“

Vorvorgestern saß ich auf der Feigenholz-Hühnerbank, ließ Blicke und Gedanken schweifen und wartete auf eine Idee für den nächsten Grüntöne-Text. Trotz der späten Stunde lag immer noch schwüle Hitze über den Grashalmen, die Velociraptoren standen gemeinsam im Schatten, gackgickerten zufrieden und taten etwas. Träge beobachtete ich eine Wespe, die am Hühnernapf ihren Durst stillte, zählte die Moospolster auf unserem Hausdach, blickte nach Wolken suchend weiter hinauf und zündete mir desillusioniert eine Zigarette an. Neben der zitternden Feuerzeugflamme hüpfte etwas Schwarz-Weißes im Augenwinkel. Ich schaute suchend in die Richtung, sah aber nur die Velociraptoren, die etwas taten, dachte nichts weiter und ließ den Blick an ihnen hängen. Da! Wieder ein Hüpfer. Wobei, bei allen Regengöttern, war der Raptorenmann da zugange? Ich beugte mich vor und passte den nächsten Hüpfer ab.

Es hing der reifste Apfel tief genug. Porthos brauchte nur einen halben Meter hoch zu hopsen, um zielsicher reinzuhacken, damit seinen Mädels mundgerechte Stücke vor die Klauen fielen. Ich konnte mein Grinsen nicht verbergen, als ich mich strammen Schrittes dem Bäumchen näherte. Porthos und seine Truppe sahen mich beglückt an und rannten mir entgegen. Der missbrauchte Apfel hatte nur wenige Einhacker, alle auf derselben Seite. Ich pflückte ihn und auf dem Weg zum Nichtgärtner biss ich auf der intakten Seite ab. „Jetzt aber. Dein erster Biss! Ein historischer Moment!“ Ich hielt ihm die genehme Apfelseite hin und der Mann biss zu. Erwartungsvoll beobachtete ich ihn beim Kauen und konnte das Schlucken nicht abwarten: „Unglaublich. Nicht wahr? Der ist so was von lecker! Nicht wahr? Ich hätte das nie für möglich gehalten!“ Mein Nichtapfelesser schluckte, zog die Augenbrauen hoch und meinte: „Der Hammer!“

Pathetisch nickte ich beim Weggehen rückwärts und reichte der mir nacheilenden Velociraptorenschar den ersten Apfel dar. Es bleibt, das Apfelbäumchen. Vorläufig.

 

14 Kommentare

  1. 🙂
    Ich freu mich für das Bäumchen, für euch und die Velociraptorenschar !
    Just heute überkam mich die unbändige Lust den ersten Apfel des Jahres direkt vom Baum zu essen. Es war ein wurmstichiges, daher notreifes Exemplar der Französischen Goldrenette und gab nur die Vorahnung des eigentlichen Geschmackes. Aber trotz allem lecker!

  2. Ich bin sooo froh, das der Apfelbaum bleiben darf.

    Ich hab wirklich überlegt, wie ich dir das ausreden könnte. Aber GsD bist du selbst drauf gekommen 😀

    An unserem Apfelbaum hing letztes Jahr nur ein einziger Apfel und der war oberköstlich. Obs daran gelegen hat, das es der einzige war….nun ja….dieses Jahr hat er 12. Wir werden sehen.

    Wirklich eine sehr schöne Geschichte Nick :-*

  3. Ist ja gut, Wühlmaus und Bienchen, ich werde ihm nächstens einen richtigen Stützpfahl gönnen.
    Nur, dass wir uns richtig verstehen: Er ist dazu verdammt, ein Quasimodo zu bleiben – Gravensteiner lassen sich nicht gerne spindeln.

    Aber ok. Weil ihr es seid. 😉
    (Wenn der wüsste, dass sein Überleben von so unerwarteter Seite Fürsprache eingeheimst hat!)

      1. Gut gebrüllt, Löwin! Aber ich täte dann schon sehr bitten: Quasimodospindeln kommen vor irgendwie gearteten Bonsais. Letztere sind gewollt, was ihnen den Hauch des Urtümlichen nimmt.

  4. Grade die Quasimodos unter den Bäumen päppelt man doch umso mehr 😉

    Und Porthos hat doch nun entdeckt, dass er seine Frauen damit beeindrucken kann, wenn er ihnen Leckerbissen organisiert.

    Noch ein weiterer Grund, das Quasimodobäumchen stehen zu lassen 🙂

  5. Bei Dir steht jetzt so ein toller Apfelbaum. Ich bin echt neidisch.

    Warum nur wurden vor 70 Jahren hier so blöde Apfelsorten gepflanzt, Winteräpfel, Klaräpfel, miserabel schmeckende späte Sorten. Allesamt nur Gammel.

    LG von Henriette

  6. Frau, was bist Du produktiv ! Ein Text nach dem andern und einer besser als der andere. Dieser ist ja wieder total lustig und so richtig aus dem Leben gegriffen. Habe mich köstlich amüsiert und laut vor mich hin gelacht.
    Bei uns wartet auch ein einziger Apfel auf die erste Verkostung. Vor 2 Jahren hatte ich in unseren Wiesenhang 3 neue Apfelbäumchen gepflanzt, spezielle Sorten. So speziell, dass ich die Namen immer wieder vergesse. Einer ist ein Winterrambur – der Name ist mir geblieben. Ich weiss nur nicht mehr welcher das war. Item. Gestern war ich da am Hang am roden, weil der Kleinste der drei Bäume fast im Wasserdost verschwand. Und was staunte ich – da prangte doch wahrhaftig ein kleiner Apfel. Nun hoffe ich sehr, dass er ausreifen wird und wir diesen ersten Apfel versuchen können. Apfelfressende Hunde und auch Hühner haben wir nicht – zum Glück kann man da nur sagen. Aber wer weiss, was diesem Einen noch alles passieren kann bis zur Reife ! ! !
    Liebe Grüsse

  7. Henriette, mach es doch so wie Saattermin: Neue pflanzen! 🙂

    Saattermin: Oh Gott! All die Gefahren, die auf diesen einen Apfel lauern! *grins* Ich werde seiner und deiner daumendrückend gedenken.

    1. Danke dass Du mir und ihm alle Daumen drückst. Ich werde Dir dann berichten ob er roh verspeist worden ist oder ob er als Apfelmus enden wird . . . .

      Ich habe übrigens den Namen nachgespürt: Was wir da mal eventuell essen werden ist ein Finkenwerder Herbstprinz (Buschbaum). Die zwei anderen sind Winterrambur (Halbstamm) und noch ein Adeliger: Prinz Albrecht von Preussen (Buschbaum).
      Sie wurden sogar vor 3 Jahren gesetzt – Gut Ding will also Weile haben !

  8. ein alter apfelbaum, ein gravensteiner, was sonst? in allen kindheitssommern läuft mir der saft übe’rs kinn und der geschmack ist großartig. ich habe ihn geliebt. doch dann musste er einem haus weichen und ich habe zum ersten mal um einen baum getrauert. mein vater hat dann wieder einen gravensteiner gepflanzt, für mich. es hat jahre gebraucht, bis der erste apfel reif wurde. und nein, er war nicht wirklich saftig. und nein, geschmeckt hat er auch nicht so gut. ich vermisse ihn immer noch, den alten gravensteiner.

    1. An deinem Gedicht (denn das ist es, kein Kommentar, nein) kann ich mich nicht sattlesen.

      Zerknirscht schau ich zu meinem Krüppelchen: „Heute kriegst du einen richtigen Stützpfahl!“

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