Misthosta

Es gibt Tage im Leben, die bleiben einem in wonniger Erinnerung. Letztes Jahr war so einer, und zwar der zweite Mai. Mein Hund und ich waren auf dem Heimweg, als wir einem älteren Paar begegneten, das mich schon von weitem musterte. Immer amüsierter sahen die beiden Näherkommenden auf meine rechte Hand und grüssten dann breit lächelnd. Gartenverrückte erkennen einander. Auf Anhieb.

Ein ähnliches Lächeln war kurz zuvor auf meinem Gesicht, als ich etwas anderem begegnete. Es befand sich am Ackerrand, offensichtlich zwischendeponiert, um nächstens ausgebracht zu werden – ein riesiger Misthaufen. Das an sich war nichts Aussergewöhnliches, der Anblick von Mist ist mir geläufig und führt in der Regel zu keinen Gefühlsäusserungen meinerseits. Ungewöhnlich war, was sich beim Näherkommen als grünlebendiges Etwas entpuppte. «Was, bitte, wächst da so unverfroren mitten auf Mist?», rätselte ich und zog den freudig überraschten Hund zum Haufen. «Das glaubst du nicht! Eine Hosta!», rief ich aus, zupfte an einem Blatt, um gleich darauf eine propere Pflanze mit intaktem Wurzelstock in die Höhe zu halten. Keine Frage, die musste mitkommen! Aber wie bloss? Froh über den Geistesblitz griff ich in die Jackentasche, zog einen der knallroten Hundekotbeutel unserer Gemeinde heraus, stülpte ihn über das Rhizom und trug das Teil wie eine Topfpflanze auf meiner rechten Hand stehend nach Hause. Wir mussten ein ungewöhnliches Bild abgegeben haben, der Hund, die Hosta und meine selig strahlende Wenigkeit. Hach! Man, sprich irgendjemand Wundervolles, der den Misthaufen auch als Kompost genutzt hatte, hat mir eine Herzblattlilie geschenkt, einfach so! Und nicht irgendeine, nein, der Färbung nach war es eine ‚June‘. Eine Sorte, die mir bislang tatsächlich noch fehlte. Zumindest im früheren Garten, in dem ich mit diesen herrlich unkomplizierten Pflanzen ein ganzes Grüntöne-Beet komponiert hatte. Im jetzigen Garten war ein neues solches bereits geplant, dieses Mal jedoch mit anderen, eindeutigen Absichten. Seit ich mir nämlich angelesen hatte, dass die Austriebe dieser Blattschmuckpflanzen nicht nur essbar, sondern gar eine Feinköstlichkeit sind, schwebte mir ein verwegen neues Konzept vor: eine Hosta-Gemüserabatte. Hätte ich ‚June‘ nicht gerade vom Mist gepflückt, hätte ich sie bereits jetzt mit lüsternen Augen betrachtet. So aber bedachte ich sie mit zärtlichem Blick, während ich sie im Garten zwischenparkierte und ihr zuflüsterte: «Du wirst die Erste im Beet sein!» Sie freute sich offensichtlich auch und wuchs. Bedauerlicherweise sprach sich im Garten bald weitläufig herum, was da gesetzt worden war. Im Gegensatz zu mir gab es nämlich einige, die sich ihr Wissen nicht erst anlesen mussten. Von überallher krochen sie herbei und taten sich an der Delikatesse gütlich. So sehr, dass der Name zu einem schlechten Scherz wurde: Bereits im Juni war von ‚June‘ nicht mehr viel übrig.

Nun. Ich liess es geschehen. Ohne Schneckenkorn, von dem ich geschworen hatte, es nie mehr zu benutzen, kriege ich hier keine Hosta durch. Es sei denn, ich hielte Hühner, Schweine, Indische Laufenten oder australische Schneckenskinke. Tu ich aber nicht. Nur einen Hund, der sich höchstens mal schweineglücklich auf Haufen wälzt. Dann eben keine Hosta. Mist.

Mit unverblümt-schelmischem Vergnügen berichte ich in der Zeitschrift Pflanzenfreund regelmäßig über das, was gemeinhin verschämt unter den sattgrünen Rollrasen gekehrt wird: Misserfolge, Missgeschicke und Misstritte – mit Vorliebe die eigenen. Und nun auch hier.

Zum Beitragsbild: Zu dieser Kolumne gehört auch ein Autorenporträt, das in typischer „Pflanzenfreund“-Manier für jeden Beitrag neu geknipst wird. In und von meinem Umfeld.

5 Kommentare

  1. Hallo Nick,
    danke für das versprochene Thema. Natürlich habe ich mir deine Begegnung mit den Hostas gaaaanz anders vorgestellt 😀😀😀, musste beim Lesen dennoch schmunzeln. Du schreibst so erfrischend und lustig! Eine Sache gehe ich aber völlig anders an als du: Ich habe mir geschworen, im Bezug auf meinen Garten nicht – aber auch gar nichts – zu schwören!

    1. Was die Gartenschwüre betrifft, so fürchte ich, werde ich diese Stufe der Weisheit in diesem meinem Leben wohl nicht mehr erklimmen. Immerhin hat dies den netten Begleitumstand, dass ich auch weiterhin massig Material für Verflixt, Zugesät und die Grüntöne habe.

      1. Hihi, wenn das so ist, dann schwöre bitte was das Zeug hält. Ich und die anderen werden die Folgen ganz bestimmt, Ziele für Zeile, genießen! ☘️☘️☘️☘️☘️
        LG Anke

  2. Ach liebe Nick, die Schnecken und Hostas, dieses leidige Thema. Meine stehen in Kübeln und sind die dankbarsten Kübelpflanzen überhaupt. Ein bisschen Regenschutz im Winter, hin und wieder Wasser im Sommer und dankbar für Kompost an den Wurzeln. Und wenn man eine neue findet, stellt man halt noch einen Kübel zu den anderen.

    1. Das ist, liebe oile von bestechender Einfachheit – Töpfe hülfen tatsächlich über recht viele Verflixtereien hinweg, nicht nur über schneckige … wenn man denn auch ein Ziertopfmensch wäre *zwinker*. Doch die Idee vom Hostagemüsebeet lässt mich noch nicht los. Wenn ich eines Tages an einem Ort lebe, an dem ich wieder freilaufende Hühner halten kann, werde ich das mit Wonne umsetzen. (Es müssen ja nicht unbedingt Schneckenskinke sein.)

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